Viele von meinen ehemaligen Sportfreunden treiben noch heute Leistungssport, einige wenige, die Meditation kennen, stellen die These auf, dass die Zazenerfahrung das Gleiche sei, was sie im Sport erleben. Leider muss ich da immer verneinen, und erklären warum:

1. Ende der 80er Jahre, auf dem Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit, 10 Platz bei einem Ironman, las ich ein Buch über einen von mir verehrten amerikanischen Triathleten, namens Mark Allen. Er erhielt den Beinamen, the Zenrunner, weil er es schaffte, auch den abschließenden Marathon gleichmäßig und konstant schnell in

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Rekordzeiten zu laufen. Es hiess, er habe sich dieses durch die Zenpraxis angeeignet. Ich muss kurz einschieben, dass Triathlon damals eine sehr neue Sportart war und Triathleten besonders offen für neue Methoden waren. So revolutionierten sie die Zeitfahrmaschinen mit neuartigen Lenkern und Helmen, sie beschäftigten sich mit Ernährung, und sie beschäftigten sich mit psychologischen Strategien. Als Studierender der Sportpsychologie war ich besonders offen für Letzteres, suchte ich doch auch einen Lebensheil/-sinn im Sport. Ich kaufte mir also das einzig erhältliche Buch über Zen und erfuhr so, dass Zazen wichtig sei. Ich holte mir, wie beschrieben, ein paar Telefonbücher und setzte mich, so wie beschrieben, auf mein improvisiertes Zafu und begann mit Zazen. Nach unendlich langer Zeit schaute ich auf die Uhr und traute meinen Augen nicht. Gerade eine Minute hatte ich ausgehalten. Was ist dieses Zazen!? Etwas ganz anderes offensichtlich, meine Neugier war geweckt, sollte dort die Antwort auf meine Suche liegen?! Ich brauchte Monate, um 20 Minuten am Stück zu sitzen. Für den Sport nutzen konnte ich es nie, denn es ist auf diese Zazenhaltung beschränkt (s. auch Punkt 7).

  1. Zazen ist keine Meditation.
  2. Leistungssport Treiben ist nicht Mushotoku, es hat mit Ziel erreichenzu tun. Mushotoku heißt, ich kann die gleiche Konzentration und Arbeit in jede Handlung stecken, beim Zähneputzen, Scheißen und Putzen, wie auch bei meinem Sport – 100% Herz, Körper und Geist Aktion ohne Zweck und Sinn zu verfolgen.
  3. Viele Sporttreibende, dissoziieren beim Sport, träumen so dahin, betrachten beim Radfahren die Landschaft, hören Musik, lassen den Tag vorüber ziehen. Sie wollen sich entspannen, abschalten…Es soll auch Zazen Praktizierende geben, die dies zwischenzeitlich tun;-). Auch das ist nicht Heart Body Mind Praxis.
  4. Sehr gute Profisportler dagegen sind während der Bewegung voll im Hier und Jetzt. In meiner Diplomarbeit „Körper, Körperwahrnehmung und Flow Erlebnis im extremen Ausdauersport“ konnte ich dies 1993 anhand einer Studie mit 100 männlichen Teilnehmern verifizieren. Die Kadersportler berichteten von voll im Hier und Jetzt sein, nahmen während des Wettkampfs ständig ihren ganzen Körper wahr, Atmung, Herzschlag, Signale aus dem Energiebereitstellungstrakt und mit dieser 100% Aufmerksamkeit konnten sie ihre Bewegungen feinjustieren, die Belastung anpassen, antizipieren, etc…, so kamen sie auch häufiger ins Flow. Sie schweiften seltener ab, beachteten nicht, was der Gegner tut oder die Zuschauer, sie tagträumen nicht, sie waren bei einem ganzen langen Ironman immer voll da. Sie denken nicht ans Ziel, sondern fokussieren sich ganz auf ihren Körper. Dies machte offensichtlich den Unterschied, denn die Hobbysportler waren in der Bewegung hochsignifikant häufiger am Dissoziieren.
  5. Gehen wir einen Schritt weiter, dann können wir sehen, wie wichtig diese Fähigkeit der Aufmerksamkeit für unser Leben sein kann. Es ist diese Aufmerksamkeit, die Buddha meinte, als er auf die Frage zur Essenz der buddhistischen Praxis antwortete: Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit!!! Goethe sagt: „Aufmerksamkeit ist Leben.” Viele Menschen beginnen mit der Zazenpraxis aufgrund von Leiden, sei es körperlich oder psychisch oder seelisch, sie leiden oder anders ausgedrückt, sie haben in irgendeiner Form Schmerzen. Und suchen einen Weg aus diesem Schmerz heraus. Doch gerade, wenn man intensiv den Zenweg geht, begegnet man sehr häufig Situationen, die zu Schmerzen führen, führen sollen? Während Sesshins oder auch beim längeren Samu oder langen Zeremonien im Seza treten mit 100% Sicherheit bei fast jedem Schmerzen auf. Nehmen wir einmal an, diese Schmerzen könnten man mit Schwierigkeiten, Widrigkeiten und Herausforderungen, die ein jeder hat oder noch auf uns zukommen werden, gleichstellen. In meiner Studie damals, die inzwischen hundertfach und tiefgreifender bestätigt wurde, konnte gezeigt werden, dass mit zunehmender Intensität der Schmerzempfindung durch Sport die Wirksamkeit von Aufmerksamkeitsstrategien zunehmen, während die Wirksamkeit von Ablenkungsstrategien zur Schmerzbewältigung abnehmen. Sich auf den Schmerz einlassen, ihn nicht emotional werden lassen, stattdessen sich auf die Körperwahrnehmungen fokussieren, ist demnach wirksamer als versuchen, ihn auszublenden oder zu bekämpfen. Im Hochleistungssport und auch im Sesshin oder Samu können wir das Lernen, das sind die Vorteile von Praxis von Herz und Körper und Geist, sozusagen die Benefits.
  6. Ausdauersport und Zazenpraxis tragen zum Wohlbefinden bei. Es gibt sehr viele Studien, die das belegen. Die positiven Auswirkungen von körperlicher Bewegung und der Zazenpraxis auf Körper und Geist sind mannigfaltig und unmittelbar spürbar.
  7. Im Unterschied zum Sport, während dem wir in Bewegung handeln, nehmen wir im Zazen eine unbewegliche Haltung ein. Und gehen wir noch einen Schritt weiter, nehmen wir ein Sesshin. In einem Sesshin nehmen wir für 3-8 Tage ausschließlich die Zazenhaltung ein, im Sanshinji Stil sind es 14 Stunden. In so einem Sesshin beobachten wir in jedem einzelnen Moment welche Wahrnehmungen sich in unserem Körper einstellen, ohne sie abzulehnen noch zu fördern. Wir sitzen einfach aufmerksam und unbeweglich und folgen nicht irgendwelchen Impulsen, die aus Emotionen entstehen. Und wir stellen fest, dass Schmerzen ihre Wichtigkeit verlieren bzw. sich sogar auflösen, ohne dass sich die Ursache die Zazenhaltung geändert hat. Wer einmal solche Erfahrungen gemacht hat, der wird die Angst vor Herausforderungen, Schwierigkeiten und Widrigkeiten verlieren können. Er hat die Erfahrung gemacht, dass auch das Schlimmste vorbeigehen kann. Wie mein Lehrer, der oft die folgende Geschichte erzählte, die sich zu Meister Deshimarus Zeiten während eines Sesshins abspielte. Auf einem Sesshin verließ einst Deshimaru während einem Zazen das Zendo. Das war nicht ungewöhnlich, so dachte sich niemand etwas dabei, aber er kam nicht zurück, 1h, 2 Stunden….Da alle höchsten Respekt vor Deshimaru hatten, wagte keiner der Assistenten die Glocke zu schlagen. Erst Recht nicht Missen Bovay, der Sekretär war. Es war der letzte Sesshin Tag und alle hatten starke Schmerzen vom langen Sitzen. Mein Lehrer dachte bei sich: „Noch eine Minute länger, dann sterbe ich“, wenigspäter beschloss er“ Ok, dann sterbe ich halt!”“ und schmiss seine ganze Energie in die Haltung, um zu sterben. Er bewegte nicht und plötzlich war er auf eine  Art und Weise gestorben, es wurde friedlich und ruhig, die Schmerzen nicht mehr dominant. Nach 2h und 30 Minuten traute sich der Shusso und schlug die Glocke zum Ende des Zazen. In Sanshin-ji Sesshins, v.a. beim 8 tägigen Rohatsu ist ein solches Erlebnis fast garantiert. Es wird so viel und lang gesessen, dass jeder durch allerhand Zustände hindurch geht, wo sein „kleines Selbst“ glaubt, das geht nicht oder ich sterbe. Wir werden im Sesshin ständig eines Besseren belehrt. Nur der Vollständigkeit halber. Zazen ist nicht vollständig unbeweglich, Mikro Korrekturen im Körper zur Herstellung der richtigen Zazenhaltung und des Geistes (Loslassen) sind unbedingt notwendig. Ich habe Leute gesehen, die vor Anstrengung zitterten, weil sie unbedingt unbeweglich sein wollten.
  8. Im Shikantaza sitzt man nicht selber in Zazen, sondern man übergibt, nachdem man die richtige Haltung eingenommen hat, das Zazen an das Dharma. Das Selbst oder ich übergibt dem universellen Selbst. Es ist nicht mehr ich der Zazen mache, sondern der Kosmos oder wie man auch sagt, es ist der Körper der sitzt. Wahrscheinlich der wichtigste Unterschied zum Sport. Man praktiziert nicht für sich, sondern für die Anderen.

Grundsätzlich kann man nach Uchiyama Roshis Definition sagen, es gibt zwei Arten von Zenpraxis. Auf der einen Seite das bonpu Zen, dies ist, wenn

ich das Zazen für ein Vorwärtskommen oder Verbessern der Befindlichkeit und Lebensumstände benutze. Auf der anderen Seite steht das bedingungslose Zazen mit der Haltung, Alle! Gedanken loszulassen, insbesondere diejenigen, wie mir Zazen nützen könnte. Er kritisierte, so mein Lehrer Okumura Roshi, nie, wenn ein Mensch in Not Zen als Hilfe betrieb, er wies aber darauf hin, dass dieses Zen nicht gleichgesetzt werden sollte mit dem Sitzen in Zazen ohne Vorbedingungen oder Ziele. Ich mache auch manchmal bewusst Bonpu Zen, wenn ich in Schwierigkeiten bin. Ich denke, viele Zenpraktizierende, machen das. Es ist aber wichtig, mehr Shikantaza zu praktizieren und dafür setzen wir in Sanko-ji auf langes Zazen und intensive Sesshins, denn so die Erfahrung der Alten. Das Ego wird müde, Zazen benutzen zu wollen und gibt, wie oben beschrieben, irgendwann auf.

“Es ist wichtig, sich darüber klar zu sein, diesen Weg des Selbst selbstlos und ohne jeden Wunsch nach Gewinn zu verfolgen. Weil wir ganz konkret das universale Selbst sind, hat es keinen besonderen Wert, darüber zu sprechen. Aber wenn wir nicht alles daran setzen, es zu manifestieren, ist es völlig nutzlos, davon zu wissen. Es ist unsere Aufgabe, das Ewige konkret zu machen. Auch wenn wir eine Tasse mit kühlem, klarem Wasser vor uns haben, stillt es unseren Durst nicht, wenn wir es nicht wirklich trinken. Das universelle Selbst zum Ausdruck zu bringen, ist eine Praxis, die ewig ist, aber das wird nur in dem Ausmaß unser Weg sein, in dem wir ihn wirklich gehen.

Möge dies – die Aktualisierung unseres universalen Selbst – unser aller Lebenswerk sein.” K. Uchiyama