Bei der Saisonnierung von Zazenpraxis orientiere ich mich v.a. am Beispiel des Buddhas. Er initiierte das Ango, den Zeitpunkt an dem seine Sangha zum Praktizieren zusammenkam, während der indischen Regenzeit. In der anderen Zeit wanderte er und seine Schüler in beeindruckender Weise durch Nordindien umher. Auch in Japan findet das Sommerango während der Hitze und des Regens statt und das Winterango während der Kälte. Dazwischen wanderten die Zenmönche zu Dogens Zeiten umher, um das Zazen zu lehren oder Seelsorge zu betreiben.

Nun wandere ich leider nur wenig umher, um das Zazen zu lehren, sondern bin sehr mit Samu beschäftigt. Dass Samu heute in vielen Tempeln einen wichtigen Teil der Praxis ausmacht, liegt daran, dass sich im 8. Jhdt. das Gesicht des Zen in China wandelte. China war und ist sehr durch den Konfuzianismus geprägt. Konfuzius propagierte aber die Anstrengung des Einzelnen für das Wohl des Volkes und geißelte das Betteln und den Müssiggang. In dieser Zeit wurden sogar ganze Säuberungswellen (je nach Kaiser und Herrscher Clique) gegen den Buddhismus durchgeführt, denen Tausende von Nonnen und Mönchen zum Opfer wurden. Ihnen wurde Müssiggang, Nichtsnutzigkeit und Ausnutzen des Volkes vorgeworfen. Das wandlungsfähige Zen, in China „Chan“, entkam diesen, weil die Klöster rechtzeitig auf harte Arbeit als Praxis und Selbstversorgung setzten. So

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erlebte das Chan in China einen regelrechten Boom und wurde zur bestimmenden buddhistischen Richtung in China.

Ähnliches könnte man von Japan sagen, auch hier erleben Bettelmönche aus ähnlichen Gründen, habe ich selber erlebt, nicht immer Wohlwollen. Gleiches gilt auch für Europa, das Betteln ist sehr negativ konnotiert, die Arbeit dagegen als etwas sehr Positives. Einmal praktizierte ich übrigens mit dem Zen Mönch Christoph Martin auf ganz traditionelle Art Takuhatsu (Betteln) in der Basler Innenstadt, wir erlebten viel Positives und hatten wunderbare Begegnungen mit Menschen, aber wurden auch offen angefeindet und lächerlich gemacht. Das erbettelte Geld hätte gut für einen Tag Essen und Trinken gereicht. Nach drei Stunden waren wir sehr müde. Ein unvergessliches Erlebnis, das ich sicher wiederholen möchte.

Es war Meister Hyakujo, der auch im 8 Jhdt. die ersten Klosterregeln des Zen formulierte, der den Spruch prägte: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen.“ In neuerer Zeit wurde der Tempel Antai-ji, nach dem Wegzug aus Kyoto, als Zazen- und Samu-Tempel bekannt, aber auch Sanko-ji versucht sich daran. Es sollte an die alte Tradition der chinesischen Tempel anschließen. Ein autonomer Tempel bietet nämlich sehr viele Vorteile:

• Allen voran die Unabhängigkeit von Spendern, wir wissen aus allen Teilen der Gesellschaft wie verführerisch es ist, wenn eine Institution grosse Mengen Spendengelder erhält. Oft entfernen sich die Institutionen seht schnell von ihren Prinzipien, um Spendengelder zu generieren. Weitgehende Autonomie mindert diese Verführung und Falle gewaltig. Ich habe schon oft darüber geschrieben, wen dieses Thema interessiert, den kann ich nur einmal mehr Lewis A. Coser’s Klassiker „Gierige Institutionen“ empfehlen, er wird staunen, wie gerade religiöse Institutionen funktionieren.

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• Die Body-Mind Praxis ist bei körperlichen Arbeiten wesentlich einfacher herzustellen als bei geistigen Arbeiten. Seit alters her wird sich deshalb in den Tempel und Klöstern auf das Samu konzentriert. Putzen, Zeremonien üben, Küchenarbeiten, etc…sind neben dem Zazen die wichtigste Praxisform. Ein Tempel, der noch Gärten oder Wald hat, die er bewirtschaftet, bietet wesentlich mehr Übungsfelder der Körper und Geist Praxis als andere Tempel. Über die gesundheitlichen Vorteile von körperlicher Bewegung möchte ich jetzt gar nicht reden. Seit alters her empfehlen die Zenlehrer die 100% Konzentration auf das, was es gerade tun gibt. Das aus vollem Herzen den Gang kehren, zu 100% seine Schale waschen, werden in den Vordergrund der Zenpraxis gestellt, um die Schülerinnen davon abzuhalten, sich intellektuell in ihren Meinungen und Konzepten zu verstricken und zu verlieren. Joshus berühmter Dialog mit einem Schüler, zeigt dies exemplarisch auf:

Kannst du mir den Weg weisen?
Hast du schon gefrühstückt?
Ja!
Dann geh und wasche deine Schale ab!

• In der heutigen Gesellschaft ist es wichtig, ein Gegenmodell zur vorherrschenden Konsumgesellschaft zu leben, das ja, wie wir wissen, allzu oft zu Unzufriedenheit, Ausbeutung der Ressourcen und Ungerechtigkeit führt. Ein mit und von der Natur leben, sprich ein ganzheitliches Leben führt zwangsläufig dazu, dass wir Menschen mit viel weniger zufrieden sind. Statt „Macht euch die Erde untertan!“ steht Buddhas Prämisse “ Ich bin erwacht zusammen mit allen Lebewesen!“ Neben der eigenen Zufriedenheit, tun wir so mehr Gutes für andere Lebewesen, einfach dadurch, dass wir sie respektieren und mit ihnen zusammen leben wollen, anstatt sie zu nutzen und wenn sie unnütz sind, auszurotten. Die Praxis der Permakultur geht sogar noch weiter, indem ein Permakultursystem erschaffen wird, initiieren wir ein ganzheitliches System das sich selbstständig erhält, begünstigt und entwickelt. Die Pflanzen- und Tiervielfalt nimmt bei sich steigender Produktivität zu, wie wir in Sanko-ji erleben können.

Wie sollen v.a. junge Menschen sonst von einem ganzheitlichen Lebensstil überzeugt werden, wenn sie sehr selten die Möglichkeit haben, ihn auszuprobieren?

Kabat-Zinn der weltweit bekannte Entwickler des MBSR schreibt: „Deshalb brauchen wir jetzt eine planetarische Achtsamkeit, um unser eigenes Wohlergehen zu sichern und das aller zukünftigen Generationen. Achtsamkeit in Bezug auf unsere Beziehung zur Erde und ein kameradschaftlicher Umgang mit ihr, all ihren Bewohnern und ihren Geo- und Bio-Kreisläufen sind absolut notwendig für das künftige Wohlergehen des Planeten. Es ist ein

Moment, des“alle Mann an Deck auf dem Raumschiff Erde“ wie Buckminster Fuller zu sagen pflegte.“

In Tempeln alter Zentradition wie Antai-ji oder Sanko-ji sind wir Vorreiter dessen, doch bist du an Deck? Warum nehmen wir unser Einssein zu allen Lebewesen nicht ernst? Warum drücken wir uns vor unserer Verantwortung als Mensch? Jeder muss hier selbst in den Spiegel schauen.