Für uns Praktizierende in Europa ist es schwierig, an einem 90 tägigen Ango teilzunehmen. Es braucht eine lange Vorbereitung, um 90 Tage Sonderurlaub zu bekommen, oder man muss sogar eine lange Zeit Urlaub sparen oder gar den Job kündigen. Doch wenn man die offensichtliche Wichtigkeit und grosse Chance dieser Übungsperiode begreift, die heutzutage übrigens zweimal, Sommer- und Winterango, stattfindet, ist es jedem möglich. Unsere Meister

der Tradition, die alle den Weg des Angos gegangen sind, empfehlen uns dies zu tun. Auch ich kann es nur jedem empfehlen.
Hier in Sanko-ji ist ein Ango nicht möglich, da eher eine Einsiedelei, aber beispielsweise ist es möglich in Sanshin-ji und in Ryumon-ji beide in den USA, an einem Ango teilzunehmen. Ich und jeder, der ein Ango gemacht hat, kann dies nur empfehlen. Aber es braucht Mut und Vertrauen in den überlieferten Weg. Unsere Vorurteile und Vorbehalte beiseite schiebend, einfach der Zenprämisse folgen – Just do it. Wer ganz mutig ist, nimmt gleich an einem Ango in Japan in einem der Sermon Sodos teil, beispielsweise in Kotai-ji, wo ich war. Hier in Kotai-ji wird Wert darauf gelegt, dass Ango so durchzuführen, wie Meister Dogen es einst in Japan eingeführt hat und zwar so, wie er es in China gelernt hatte.Wie gesagt, das Ango Ritual geht auf Buddha zurück und ist bis heute überliefert. Es ist auch in meinem Alter möglich, dort teilzunehmen, doch empfehle ich allen, nicht so lange zu warten, wie ich es tat. Meine Ignoranz ließ mich viel Zeit vergeuden, da ich glaubte, ein solches Ango sei überholt und in der heutigen Zeit nicht mehr nötig bzw. nicht möglich. Eine Illusion, die ich noch rechtzeitig überwinden konnte.

Der Weg des Zen ist sowieso ein einziges Abenteuer, wer ihn ernsthaft geht, ohne das Zazen für seine Lebenskonzepte einzuspannen, führt ein immer wieder frisches, sich neu manifestierendes Leben, ganz so wie das Leben eigentlich ist. Doch neigen wir Menschen dazu, unser Leben kontrollieren zu wollen. Wir wollen Wohlstand, Glück, Anerkennung, das Beste für die Familie, etc.. erlangen, Konzepte, die das Leben für uns nicht immer vorgesehen hat und die uns vom Weg fernhalten. Nonne oder Mönch werden heisst in den Strom des Lebens einzutauchen und lebendig und frisch eins zu werden mit ihm – dem Flow des Zazen folgen. Oder wie Uchiyama im obigen Beitrag schreibt: Der buddhistische Samādhi, also Zazen, ist die Grundlage für die Manifestation dieses Lebens.

Immer noch ist in Europa die Meinung verbreitet, wie ich sie auch lange hatte, dass ein traditionelles Ango, so wie es von Dogen überliefert wurde und bis heute in den Sermon Sodos durchgeführt wird, nicht wichtig sei.
Das hat verschiedene Gründe, ich möchte hier nicht alle darlegen, aber eine Auswahl:

Von Buddha an, bis heute werden unterschiedliche Dharmas für Nonnen/Mönche auf der einen Seite und für Laien auf der anderen Seite gelehrt. Erstere sind bereit wirklich, zumindest zeitweise während eines Angos, aus der normalen Welt herauszutreten und ein vollkommen anderes Leben zu führen und es ist ein vollkommen anderes Leben, wie ich in meinem Artikel “180 Tage Kotaiji versucht habe” im letzten Sanko-ji Brief, darzulegen. Es ist anstrengend und erwartet von jedem bedingungslose Hingabe von Körper und Geist. Das, was wir dort lernen, ist ein Schatz, den wir als Lehrende weitergeben.
Laien können dies normalerweise nicht, sie haben nicht die Zeit und die Hingabe dafür. Sie konzentrieren sich mehr auf das Leben in unserer Gesellschaft, sie praktizieren Zazen, wenn es für sie möglich ist, sorgen für Familie und Kinder und unterstützen im besten Fall Nonnen und Mönche dabei, dass sie die Buddhapraxis auf sich nehmen. Beide sind unbestrittene Buddhas und Bodhisattvas, doch der Fokus ist ein anderer. Beide leben in Sansara, doch Mönche haben die Möglichkeit mehr Zeit in Nirvana zu verbringen, was nicht anders heißt als in Zazen oder in der Praxis von Körper und Geist.

Durch den frühen Tod von Taisen Deshimaru Anfang der 80er Jahre ist die Angopraxis nur in Ansätzen weitergegeben worden. Außerdem hatte er im Gegensatz zu seinem Lehrer Kodo Sawaki gar nicht die Möglichkeit, ein traditionelles Ango zu machen. Um Missverständnissen vorzubeugen, was Deshimaru und seine Schüler erschufen, ist ein wunderbares Geschenk. Er brachte Zazen nach Europa und setzte viele Prinzipien der Praxis um. Doch neben der wenigen Zeit, die er leider hatte, dürfen wir nicht vergessen, dass er unglaublich erfolgreich war, er schuf über 100 Zenzentren, einen der größten Tempel der Welt, etc….Er konzentrierte sich auf das Wichtigste – die Verbreitung von Zazen. Seine Schülerinnen waren oft aus der Hippieszene und Deshimaru wurde schnell zu einer Art Guru. Er brachte das Nähen des Kesas nach Europa und kreierte die Bodhisattva Ordination. Doch zwischen der Praxis eines Mönches und Laiens war fast kein Unterschied. Dies alles erzählte mir mein Ordinationslehrer Michel Bovay, langjähriger Assistent von Deshimaru, der mich auch in dieser Tradition 1997 als Mönch ordinierte. Auf meine Frage, wann ich denn so weit sei, Mönch zu werden, antwortete er damals: “Sobald du darüber nachdenkst, bist du schon soweit”. Dem folgte ich damals, als Voraussetzung musste man nur diesen Wunsch haben, das war es. Diese Ordination war auch nicht offiziell anerkannt, weil die Schüler Deshimarus den Kontakt zur Sotoshu Japans abgebrochen hatten. Der Fokus lag, wie schon gesagt, auf der Verbreitung der Praxis von Zazen und nicht auf der Schulung und Erziehung der Mönch zu Lehrern in der Tradition Buddhas, dazu wurden Kompromisse eingegangen und Fehler gemacht. Erst 2000 beschloss man wieder in die Tradition einzutreten, Michel Bovay als Präsident der AZI war der erste, der nach Japan ging, um Gespräche zu führen und als Lehrer bestätigt wurde. Aber auch er musste keinen traditionellen Weg gehen, lediglich seine Schüler. Seine bisherigen Erfahrungen, Einsatz und Praxis, ob ausreichend oder nicht, wurden anerkannt. Viele der damals von Deshimaru und seinen Schülern ordinierten, haben deshalb oft den Eindruck, dass dieser traditionelle Weg überholt sei und lehnen Ango und traditionelle Praxis ab.

Dahinter steckt aber aus meiner Sicht, und ich darf das sagen, weil ich selber so dachte: Ignoranz und Sorge, Stellung und Privilegien zu verlieren. Ungemein viel verpassen sie.
Trotzdem haben Kritiker auch recht, es gibt wie immer ganz viele verschiedene Seiten. Die traditionelle Zenausbildung ist weit weg von einer modernen Ausbildung. Ähnlich wie beispielsweise in katholischen Kirche läuft vieles schief, ich möchte hier nicht näher eingehen, nur Stichworte: Drill, Erniedrigung, Gewalt, Hierarchien stehen dem Dharma entgegen. Außerdem ist oft eine Geschäftsidee dahinter. Man sollte sich sehr genau den Angotempel aussuchen.

Vieles habe ich ja schon in meinem Artikel 180 Tage Kotai-ji geschrieben. Zusammengefasst, könnte es für das Soto Zen in Europa hilfreich sein, dass wir:

  1. Einen definierten, genauen Unterschied zwischen Laien und Nonnen/Mönche machen.
  2. Ein Sermon Sodo aufbauen unter einem Lehrer, der die Prinzipien der traditionellen Lehre und mit wichtigen Prinzipien moderner Erziehungsmethoden vereint, ohne dass die Essenz der Lehre Buddhas verloren geht.
  3. Dies wird die Schwierigkeit sein, da sich die Lehre und Praxis Buddhas und moderne westliche Erziehungsprämissen oft

ausschließen. Denn letztere führen nicht zu Stärke und Verantwortungsbewusstsein, den ein Bodhisattva haben sollte, sondern ist meist auf Bedürfnisbefriedigung des Auszubildenden orientiert, was aber zu Abhängigkeit und Schwäche und nicht zu Selbstlosigkeit eines Bodhisattvas führt.

  1. Lehrer und Schüler begegnen sich auf Augenhöhe. Vertrauensvoll kann der Schüler den überlieferten Buddha Weg gehen. Das heißt nicht, dass der Lehrer für den Schüler den unendlichen und schwierigen Weg geht. Jeder geht grundsätzlich den Weg allein, der Meister kann Empfehlungen geben oder erklären, wie er mit einer ähnlichen Situation umging. Sanshin-ji Style wäre für mich hier ein Modell. Okumura Roshi ein großes Vorbild.
  2. Starke und richtige Zazenpraxis als Voraussetzung. Wir sollten uns hier an der Praxis des Buddha und Patriarchen ordinieren und nicht an marktorientierten Angeboten, die darauf ausgerichtet sind möglichst viele Menschen anzuziehen.