Hachi Dainin Gaku 9 – Chisoko so III

Von Gyoriki Herskamp, August 26

(Kommentar zu Zenmeister Dogens Lehren über die ‚Acht Qualitäten einer grossen Person‘ von Gyoriki auf der Basis des Textes ‚The Roots of Goodness’ – Kommentar Kosho Uchiyama Roshi, übersetzt von Daitsu Tom Wright)

„2. Wissen, dass man genug hat – Chisoku so

Die zweite Erkenntnis eines großen Menschen ist zu wissen, wann man genug hat. Die Akzeptanz der bereits erhaltenen Dharmas (Dinge) zu begrenzen, bedeutet zu wissen, dass man genug hat.

Der Buddha sagte: „Mönche, wenn ihr euch von Schmerzen und Leiden befreien wollt, müsst ihr euch klar darüber sein, dass ihr genug habt.“ Genau dieses Dharma, zu wissen, wann man genug hat, führt zu größtem Reichtum, Glück und innerem Frieden.
Auch wenn man auf dem Boden schlafen muss, findet jemand, der weiß, wann er zufrieden sein muss, Trost und Geborgenheit. Im Gegenteil: Wer nicht weiß, was genug ist, wird nie ein Scherzkeks sein und immer unzufrieden bleiben, selbst wenn er in einer prächtigen Villa lebt. Wer trotz seines großen Reichtums nicht weiß, wann er zufrieden sein muss, ist in Wirklichkeit verarmt. Andererseits ist jemand, auch wenn er materiell arm ist, wirklich reich, wenn er weiß, was es bedeutet, genug zu haben. Wer nicht weiß, was es bedeutet, genug zu haben, wird immer von seinen fünf Sinnen hin und her getrieben und von denen bemitleidet, die die Bedeutung von „genug haben“ verstehen.

Das nennt man „wissen, dass man genug hat“.

Gerade beim Schreiben auf der Terrasse kommt das Eichhörnchen vorbei, es springt geschickt von Ast zu Ast, um zu den vielen verschiedenen Haselnussbüschen zu gelangen. Es ist eine Augenweide, wie geschickt und voller Energie; er springt unablässig umher, um an die Nüsse zu kommen. Wie wir ja wissen, sammelt und sammelt das Eichhörnchen und vergräbt seine Schätze an vielen Orten als Winterlager. Es findet sie aber oft nicht wieder, und aus diesen vergessenen Nußlagern entstehen neue junge Bäume. Eine Gier also, die zu Gutem führt.

Dies ist bei Menschen leider meist anders. Meine Enkelkinder wissen manchmal nicht, wann genug ist; wer kennt das nicht von Kindern? Meist wollen sie ein Eis, oder ein Getränk, neben all dem vielen anderen, was sie gerade bekommen und können sehr unzufrieden sein, wenn das Eis ihnen verweigert wird. Doch ist man klar und sagt: “Nein, heute nicht” und bietet stattdessen Zuwendung an, ist die Lage schnell beruhigt.

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Viel mehr Erwachsene, als man denkt, haben das gleiche Problem.
Ich bin einer von diesen, der manchmal nicht genug bekommen kann. Schon als Kind hatte ich Mühe, mich zu bremsen und aufzuhören, wenn ich sollte. Ich war nicht in der Lage, mein persönliches “Genug” zu definieren.
Das bezog sich nicht nur auf Dinge wie Schokolade essen, ich aß sie so lange, bis mich jemand stoppte oder mir leicht übel wurde, sondern auch auf Aktivitäten, die mir Freude machten. Spielen zum Beispiel: Ich konnte nicht aufhören mit meinen Freunden zu spielen. Als wir draußen im Wald spielten, dämmerte es langsam und ich hatte strikte Anweisung, bei Dämmerung nach Hause zu kommen. ‘Dämmern’ ist Gott sei dank ein nicht sehr klarer Begriff, so spielten wir weiter und weiter, aber mit der Zeit verließ einer nach dem anderen unseren Spielplatz, bis ich alleine im Dunkeln war. Erst dann ging ich nach Hause. Manchmal, wenn das Wetter, wie im Winter, kalt und schneeig war, war ich gar alleine am Spielen. Ich kam erst heim, bis ich kaum laufen konnte, weil meine Füße eingefroren waren. Die obligatorischen Gummistiefel meiner Zeit bekam ich dann selber nicht aus, und jeder kennt die unglaublich schmerzhaften Nadelstiche, wenn die Durchblutung wieder einsetzt. Doch diese Schmerzen hielten mich nicht unbedingt ab, das Gleiche am nächsten Tag wieder zu machen. In der 4. Klasse schickte man mich zum Psychiater, dort machte man mit mir viele klassische “Idiotentests”. Ich hatte nun die Diagnose und blieb unbelehrbar, wie viele Kinder, die als Zappelphilipp bezeichnet wurden. Ich war anders und in der Schule funktionierte es überhaupt nicht, ich war nicht richtig und aus der falschen Schicht und wollte nicht lernen und ein Beruf und Karriere war für mich auch nicht erstrebenswert, da hatte ich die falschen Vorbilder. Aus heutiger Sicht: Vollkommen richtig Gyoriki!!! Wer ist also krank, Kinder mit ihren aufgestempelten Diagnosen, die Ihnen vermitteln, dass sie nicht normal sind? (Und deswegen darf man sie mit Medikamenten funktionsfähig machen, damit die Wirtschafts Maschine bloß nicht stockt, denn dann…, dann…) Oder die menschliche Gesellschaft mit ihren Werten, die die Erde ausbeutet und Lebewesen, wo man auch hinschaut, leiden lässt.

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Auch heute noch kann ich auf diese erlernten Muster zurückfallen. Meist ist das nicht gefährlich, aber es war es auch schon.
Als Jugendlicher entdeckte ich den Ausdauersport – Danke Kosmos – ich fing einfach an zu laufen und es tat mir einfach gut.

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Wie Forest Gump im gleichnamigen Film bin ich einfach losgelaufen und jeden Tag wurden es mehr Kilometer, die natürliche Leistungsgrenze war meine neue Grenze. Ich lief so lange, bis ich nicht mehr konnte. Später kam Schwimmen und Radfahren dazu und ich wurde eine der besten Triathleten auf der Langdistanz in Deutschland und zeitweise weltweit. Ich konnte dieses “nicht genug” zum Beruf machen und nebenbei so viel Essen und Trinken wie ich wollte… Auf der anderen Seite entkam ich den Drogen- und Liebesgeschichten meines Umfelds – der ein oder andere ging sehr früh von dieser Welt. Durch Zufall fand ich das Einfach-Laufen und nicht die Drogen, wie einige meiner Schulfreunde. Da hatte ich Glück, denn hätte ich sie in dieser Zeit genommen, wäre die Wahrscheinlichkeit wegen meiner Veranlagung groß, richtig süchtig geworden zu sein.

Ich dagegen bekam große Anerkennung und definierte mich über diese Leistung, blieb mir aber selber treu, da ich es wirklich einfach gerne machte und nicht wegen der Leistung. Da hatte ich einen Schutzschalter in mir aufgebaut – nicht etwas machen, was etwas ökonomisches, effektives, nützliches bringt.

Mit dem Erfolg und dem mehr sollen, begann mir gleich etwas zu fehlen – was ich spirituell oder sinnhaft nennen würde. Die bloße Erfahrung im hier und jetzt in jedwedem Gelände mit Leichtigkeit bei jedem Wetter, am liebsten noch mit Gleichgesinnten, laufen zu können, war genug. Nun sollte ich dies zum Beruf machen, das ging nicht zusammen. Der Wechsel war schwer, die Sportlerkarriere aufgeben, das gewohnte Umfeld verlassen, umorientieren, neu beginnen….

Ich zog in das von mir geliebte “Hohe Venn”. Um Geld zu verdienen, machte ich eine Lehrerausbildung, obwohl die neue Berufung nach langer Suche endlich “Zazen” geworden war.
Doch all dies wurde problematisch: Schlagartig nahm ich zw. 15-20 kg zu, obwohl ich immer noch trainierte. Was aber viel schlimmer war, ich entdeckte den Alkohol als Genussmittel und alternative Stresslöser. Er wurde in dem Zenverein AZI, in dem ich damals praktizierte, als zum Zen dazugehörend, im Alltag gepflegt. Wie dumm!!! Ich habe darüber schon oft geschrieben. Gerne nahm ich diese “Zenweisheit” als Buddhadharma an, wie frei und revolutionär wir doch waren.

Über Jahre stieg nun mein täglicher Alkoholkonsum an, daneben gab es schöne Feste mit exzessivem Konsum. Ich konnte nicht genug bekommen und nicht stoppen.
Erst 2008 konnte ich nach vielen Versuchen und harter innerer Arbeit, u.a. mit Naikan, nüchtern werden, bin aber das, was man einen trockenen Alkoholiker nennt.

In meiner Grundstruktur bin ich also einer von denen, die nicht wissen, wann genug ist. Ich weiss nun, dass Buddha recht hat, dass ein jeder hier und jetzt erfahren sollte: “Ich habe gerade jetzt genug!” Dahin zu kommen ist jedoch eine harte, innere ehrliche Arbeit und benötigt das Studium der alten Patriarchen, die genau über dieses Grundproblem des Lebens schreiben. Man muss aber auch wieder an das Anknüpfen, was man als Kind zugunsten der sozialen Kompatibilität, gesellschaftlicher Anerkennung aufgegeben hat. Hätte ich den Mut gehabt, dem zu folgen, wäre mein Leben einfacher geworden.

Wie können wir jedoch dazukommen, dass wir tief in uns wissen, dass wir genug haben? Einer der Wege, der in Religions-Wegen propagiert wird, ist,

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sich die Endlichkeit des Lebens klar zu machen. Jeder von uns wird sterben und keiner von uns weiss wann!
Im Soto Zen sprechen wir oft davon, die Hoffnung auf Leben aufzugeben. K. Uchiyama schreibt: “Wenn wir sterben, schmeißen wir alles, was wir besitzen, auf diese Welt weg, einschließlich unserer Gedanken und Emotionen. Das ist die Art von Tod, den wir uns als Praktizierender klar machen müssen. Wenn wir das tun können, leben wir unser Leben – dieses Leben – total. Das Leben nach dem man sich den Tod klargemacht hat, meint, sich in seinem jetzigen Leben nicht mehr darauf auszurichten, dem Glück und Ruhm nachzujagen, damit die persönlichen Wünsche befriedigt sind und dieses schnöde Nachjagen nicht mehr zum Sinn unserer Existenz auserkoren wird.”

Egal was wir für Ansichten, Meinungen, Konzepte und Ideen haben – die Tatsachen, dass wir sterben, ist ein absoluter Fakt. Gründen wir unser Leben auf diese Tatsache, können wir es Wahrheit nennen.
Es ist schwer, aber unerlässlich, dass wir es schaffen, unser Leben als Praktizierender auf diese “absolute Wahrheit” zu gründen. Und wir müssen diese Sache tief in uns klären, erst dann verstehen wir, was Buddhas “wissen”, das ich jetzt gerade hier genug habe, egal wo und unter welchen Umständen ich mich gerade befindet.
Doch in unserem relativen Leben, blenden wir diesen Fakt – alle Lebewesen sterben – aus. K. Uchiyama ergänzt, dass es ebenfalls ein absoluter Fakt ist, dass jede Person ein Leben auslebt, das einzigartig nur ihrem ganzen Selbst entspricht. Diese Tatsachen bezeichnen wir auch als JIKO – das Selbst, das ausschließlich selbstet.
Heutzutage wollen viele Menschen, weil sie unzufrieden sind oder psychische Probleme oder Verstimmungen haben, ein anderer Mensch werden. Doch dies ist nicht möglich, es ist eine absolute Tatsache, dass es unmöglich ist, ein anderer Mensch zu werden. Einige wollen auch ein anderes Geschlecht sein, ok, aber ein anderer Mensch können sie dadurch nicht werden. Vielleicht sollte man dies Ihnen sagen, dann könnten Sie sich viel Zeit und Geld sparen.

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Trotz der absoluten Tatsache von Jiko leben aus buddhistischer Sicht die meisten Menschen nicht ihr eigenes Leben, sondern aufgrund sozialer Normen, die bestimmen, was respektabel und lebenswert ist.
“In der Tat mag das Selbst vielleicht ein Kollege im Verhältnis zu einem anderen sein oder eine Ehefrau im Verhältnis zu ihrem Ehemann oder ein Kind im Verhältnis zu seinen Eltern oder vielleicht ein Untergebener im Gegensatz zum Vorgesetzten, aber all das sind nichts weiter als Bezeichnungen, die das eine dem anderen gegenüberstellen oder mit diesem abgleichen; tatsächlich ist das eine wahre Selbst die eigentliche Realität. Deshalb kann ich nichts anderes tun, als dieses Leben voll und ganz wie mein Leben zu leben.

Wenn du dich nun entscheidest, dies nicht zu tun, und stattdessen nur als soziales Wesen lebst, wird das dazu führen, dass du das Gefühl hast, nicht aus eigenem Antrieb zu dem geworden zu sein, was du bist, sondern weil die Gesellschaft dich so gemacht hat. Dann gibst du der Gesellschaft die Schuld. Es sei ganz und gar die Schuld der Gesellschaft, dass du so geworden bist, wie du bist, und so weiter mit solchem Unsinn – was soll ich dazu sagen, außer dass solche Vorstellungen absurd sind und der Wahrheit völlig zuwiderlaufen. Wenn wir nun aber unseren Blick umkehren und erkennen, dass die lebendige Kraft, die durch mich wirkt, dieselbe Kraft ist, die allen anderen Leben schenkt, dann ist das eine absolute Tatsache.”

Diese Lebenskraft ist nicht nur auf Menschen bezogen, es ist die gleiche Lebenskraft, die Insekten im Frühling leben lässt, ein Flugzeug fliegen, ein Motor laufen. Du wirst vielleicht einwerfen, dass Menschen dies alles entwickelt haben, doch Benzin, Elektrizität, Magnetismus, etc. sind Naturkräfte, die Menschen nutzen sie nur. Alles, was durch diese Naturkräfte bewegt wird, ist eine absolute Tatsache.

Deshalb ist es für mich einfach eine Frage des gesunden Menschenverstands zu sagen, dass es völlig im Widerspruch zu dieser absoluten Tatsache steht, diese aus den Augen zu verlieren und zu glauben, dass alles in Ordnung ist, wenn dieses “ich”zufrieden ist; daher müssen wir uns dieser absoluten Tatsachen vergewissern, sie bestätigen, sie klären, uns an ihnen orientieren und uns auf sie festlegen, ohne herumzutaumeln – das ist was Wahrheit ist. Das Festhalten an diesen absoluten Tatsachen muss unser höchster Wert sein, das ist es, was der höchste Wert oder maßstab eines Zenpraktizierenden.

Neben den absoluten Werten gibt es die relativen und individuellen Werte und dann die sozial akzeptablen Werte.
Letztere sind für ein gutes Leben vernachlässigbar, auch wenn sie für viele Menschen die Leitlinie bilden. Wenn ich zu einem Konzert gehe, weil der Musiker berühmt ist, wenn ich zum WM-Public-Viewing gehe, weil das alle gerade machen, die Haare so trage, weil es “In” ist, etc. .

Ganz oben auf der Liste dieser sozialen Werte steht heutzutage Geld, dann Ruhm und Position. Absolut gesehen, haben sie keinen Wert und als individuellen Wert bringen sie nur Leid.
Für Kunstwerke, Bauten von Weltruhm, religiöser Denkmäler gilt aus Sicht buddhistischer Praxis dasselbe. irgendjemand macht diese Dinge groß und

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es werden Millionen für deren Erhalt ausgegeben, wenn sie abbrennen, bleibt nichts als Asche und vielleicht ein Mythos, eine Geschichte, die sich jemand ausgedacht hat. Wollen wir auf diesen Mythen unser Leben aufbauen. Ich höre, es gibt Menschen, die Leben ihr Leben im Manga/Anime Kosmos, in der ‘Harry Potter’ oder ‘Herr der Ringe’ Welten leben. Nicht als blinder Glauben, Phantasie und Mythos.

Wir leben in einem Zeitalter der Mythen und blinden Glaubens. Wie können wir diese unmögliche Situation managen?