Vor etwa einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle über die tief verwurzelte Angst in unserer Gesellschaft in Zusammenhang mit der Covid19 Pandemie. Noch immer dauern die Massnahmen an und immer noch ist oft das einzige Mittel vieler Medien und Politiker gegen Covid 19 uns Angst zu machen, um uns zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Schon letztes Jahr schrieb ich, dass Angst schüren langfristig sicher nicht das richtige Mittel gegen eine Naturgewalt wie ein Virus ist. Angst wirkt sich negativ auf unsere Stimmung aus und nachweislich negativ auf unsere Körperfunktionen. In einer Pandemie sollte man den Patienten aber stärken und heilen, nicht schwächen.
In diesem Newsletter möchte ich aber nicht nochmals über die Angst philosophieren, sondern über das Gegenmittel – den Mut, der ein wichtiges Kennzeichen jedes Buddhisten und spirituellen Menschen ist.
Lassen wir uns also nicht von der von vielen Seiten auf uns einströmenden Angst packen. Denn aufgepasst – nach dem Filmtitel von Reiner Fassbinder «Angst essen Seele auf»
Letztens stiess ich in «Der Zeit» passend, so schien es mir, zum Thema auf ein Kunstprojekt.
«Die Künstlerin Anne Imhof schuf eine Video Installation mit dem Titel Untitelt (wave) in dem eine junge Frau auf das Meer einpeitscht. Doch gegen das Meer hilft absolut nichts, dem Meer ist es egal, wen oder was es umspült, besegelt, durchschwimmt oder auch einmal auspeitscht. Es war lange vor uns da und wird lange nach uns da sein. Und ob man das Meer als Metapher für eine Krankheit begreift, die die Menschheit bislang nicht in den Griff bekommt; oder als reale Wassermasse, die mit dem Klimawandel immer noch größer werden wird; oder als ein Symbol für die Vergeblichkeit des menschlichen Lebens, dessen Endlichkeit erst im Kontrast zur Überzeitlichkeit des Meeres überdeutlich wird: Das ist der Betrachterin, dem Betrachter überlassen.» (Die Zeit, März 2021)
Doch nun zum Mut …
– Agieren bevor sich die Wirklichkeit manifestiert – Verdienst der Praxis –
In der Zeitschrift «Systhema» (35Jg./2021) stiess ich auf einen Artikel mit dem Titel «Auf die eigene Mitte zu – Mut als philosophische Kompetenz» von Thomas Stölzel. Dieser Text hat mich zu den folgenden Gedanken inspiriert.
Unter Mut (aus dem Germanischen stammend) verstand man die Seelenkraft, aber auch Sinn und Gesinnung. Meister Eckart repräsentierte das Gemüt als die Wesensmitte eines Menschen, sein vitales und spirituelles Zentrum, ähnlich wie im Begriff Hara in der östlichen Philosophie.
In der Antike wurde Mut immer auch mit Herz gleichgesetzt und von den alten griechischen Philosophen wurde der Mut als Grundvoraussetzung angenommen, sich den grossen Fragen des Universums, der Menschheit überhaupt stellen zu können. (Herrscher machten oft kurzen Prozess bei nicht systemkonformen Gedanken)
In der Wissenschaft braucht es Mut sich den grossen Fragen/Problemen der Zeit zu stellen. Kaufleute brauche Mut eine Firma zu gründen. Politiker den Mut weise, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Soldaten den Mut für ihre Ideale in den Krieg zu ziehen. Es braucht Mut zur Veränderung, Mut eine Familie zu gründen. Mut ist Lebenskraft.
Letztendlich braucht es natürlich das Gemüt, um überhaupt einen spirituellen Weg zu gehen, denn er führt uns weg von unserem ängstlichen, egoistischen auf Befriedigung unserer Begierden ausgerichtetes Leben, hin zu einem Leben in «offener Weite» (Bodhidharma).
Einem Leben, in dem es an nichts mangelt, in dem alles gut ist wie es ist, in dem die Blume einfach mit voller Kraft blüht, wenn es Zeit ist und ohne Bedauern verblüht, wenn der Frost kommt wie jetzt.
In Zeiten der Angst braucht es den Mut sich nicht von der Angst infizieren zu lassen, es braucht das Gemüt, das Hara und das will gepflegt sein.
Im Weg des Zens ist es die Praxis des Zazens, die Mut gibt, aber auch Mut einfordert. Denn die Praxis ist für uns die Verwirklichung der wirklichen Wirklichkeit und die mag «man» manchmal nicht, deshalb wird das Sitzen häufig als unangenehm, unnötig empfunden. Und es bringt ja auch nichts, wie wir ja alle wissen;-).
Wunderschöne deutsche Wörter, in denen Mut steckt, sind auch für unserer Zen-Praxis sehr inspirierend und nötig. Hier eine kleine Auswahl.
Anmut – verbinde ich mit Würde, Schönheit, Erhabenheit unserer aufrechten Zazenhaltung, die vom Mut zeugt sie über längere Zeit einzunehmen. Denn diese Haltung, öfter und über einer längeren Zeit eingenommen nicht nur positiv konnotiert wird, sondern anstrengend an sich ist. Zu dem müssen wir uns mutig Zeit dafür nehmen und dies heisst oft auf anderes zu verzichten – Familie, Kariere, Befriedigung unseres Egos, etc.. Eine anmutige Haltung führt aber auch zu mehr Gesundheit, da wir unsere «natürliche Körperhaltung» einnehmen und in dieser Haltung unsere Körperfunktionen, allen voran das Atmen durch die Nase natürlich passieren kann. Anmut sollte allerdings nicht zu Hochmut führen, denn der führt zu Missmut.
Zumuten – Aus wissenschaftlichen Studien und natürlich aus langer Erfahrung weiss man, dass man sich immer etwas mehr zumuten sollte, als man selbst für machbar hält. Verhalten wir uns so entwickeln wir uns immer weiter und erhalten Vertrauen und Zufriedenheit. Man nennt das auch Wagemut. Für den Menschen des Weges übersetze ich das als länger, mehr zu sitzen, als man sich zutraut. Aber auch sich anderen Zumuten. Ein Mensch des Weges lernt zu agieren, bevor die Wirklichkeit Form annimmt. Intuitives Handeln. Da passieren sicher manchmal Fehler;-). Doch wie wunderbar ist diese Fähigkeit, wenn man den Mut dazu hat, sie anzuwenden?
Demut – es braucht Mut Gassho zu machen vor allen anderen Menschen, Wesen und der Natur. Dankbarkeit auszudrücken für all das, was man bekommen hat, bekommt und bekommen wird. Denn wir sind nur ein kleiner Teil vom grossen Ganzen.
Langmut – ein Leben in Einklang mit allen Wesen braucht unendliche Geduld und führt auch noch zu Gleichmut.
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