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Hachi Dainin Gaku 6 – Shoyoku IV

1. Shoyoku – Wenige Wünsche haben Kommentar zum 2. Abschnitt:

Der Buddha erläutert: Mönche und Nonnen, hier ist etwas, auf das ihr aufmerksam sein solltet. Eine Person mit vielen Sehnsüchten und Begierden leidet proportional stärker und zwar deswegen, weil er oder sie stärker persönlichen Zielen folgt oder andere Vorteile sucht.

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Die kühle, trockene Luft erfrischt und verhindert ein Wegdösen beim Zazen im Dojo. Dafür ist es sehr still, das sonst rauschende Wasser der Pauja ist auf den ersten Blick erstarrt. Doch drunter fließt es unsichtbar weiter, geht man näher heran, sind ab und zu sehr seltsame, interessante Geräusche aus dem Eis zu hören. Manchmal sehr unheimlich, manchmal zum Lachen lustig. Ein neue spannende Welt, die sich auftut.

Die Konturen der Landschaft sind rein und klar, nur weiss, schwarz und blau, und manchmal alles verschwommen und in Grautönen gehalten, und manchmal auch ein unheimliches oder freudiges Glitzern von Sonnenstrahlen an Orten, die überraschen.

Vieles, was im Sommer durch die üppige, grüne Pflanzenwelt überdeckt ist, zeigt sich jetzt und zeigt seine tiefe eigene Schönheit. Es lohnt sich, hinauszugehen. Manchmal bin ich in Gedanken, dann merke ich plötzlich, dass ich an einer Hecke stehe und in die Ferne schaue. Häufig, wenn auch nur kurz, gehe ich hinaus. einfach weil es hilft die Gedanken loszulassen und manchmal gehe ich länger hinaus, um Brennholz zu machen oder lange Spaziergänge zu machen.

Jeden Morgen und Abend gehe ich draussen pinkeln und lausche, schaue, spüre und halte Inne, jedes Mal anders, mal Regen, mal Schnee, mal eiskalt, Schneeflocken tanzen vor den Augen, während mein Pipi Formen in den Schnee zeichnet und dampft. Die Kälte vertreibt Müdigkeit und Träumereien. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und man sieht nach und nach erstaunliches. Eine Taschenlampe brauche ich nicht, es reicht zum Gehen. Scheint der Mond auf dem Schnee, herrscht eine wunderschöne Art von Helle eines Lichts, das selbst schon reflektiert wurde, es ist besonders und nur auf Schnee so einzigartig. Der Blick zu den Sternen am Firmament macht einen mal ganz gross, mal winzig klein im Angesicht der gewaltigen Unendlichkeit und Ewigkeit. Ehrfurcht und Freude begleiten einen beim Betrachten.

Das Entleeren der Blase brachte die ersehnte Erleichterung, freudig stapfe ich vorsichtig zum Dojo, bloß nicht ausrutschen, um in aller Ruhe Zazen zu beginnen. Welches Glück ich habe.

Letztens las ich in einem Zeitungsartikel darüber, warum die Menschen in früheren Zeiten, in unseren Breiten und in Nordeuropa sogar heute noch, nicht unter der Kälte, der Dunkelheit oder dem Winter litten und auch weniger krank wurden als wir.

Als erstes ist die Einstellung zur Kälte zu nennen, als zweites der Umgang mit ihr und als drittes eine Art Kältetraining.

Heute, wo wir es uns leisten können, heißt eine auftretende Kälte draußen für viele von uns, wir drehen automatisch die Heizung hoch, ziehen uns wärmer an und bleiben drinnen in der Wärme. Bloß nicht raus gehen. Die Kälte und die kalte Jahreszeit sind oft zu einer Art Unzeit oder gar Gegner geworden, die man überstehen muss.

In Skandinavien und hier in den Alpen dagegen erfreuen sich die Menschen am Winter. Auch in Japan hat man eine eigene Art mit der Kälte und dem Winter umzugehen, bis heute gibt es in japanischen Häuser kaum Zentralheizungen, sondern nur einzelne Orte die geheizt werden, beispielsweise die Klobrille oder der Esstisch, wo die Familie zusammen kommt.

Auch hier in der Zenklause ist nur die kleine Stube gut geheizt, sonst nichts. Ich erfreue mich an der intensiven, punktuellen Wärme des Kaminofens, der Dämrigkeit, weil die Kerzen flackern und alles in schönes Licht tauchen, der Ruhe, des mehr Schlafens.

Neben der besseren Einstellung zur Kälte und Dunkelheit hilft dir sicher auch das Zurückziehen ins Haus, wenn es dunkel wird, die Gemütlichkeit im Inneren und das Verlangsamen des Lebensrhythmus. Wenn du so weitermachst wie im Sommer, gehst du gegen das Natürliche. Du kannst von der Natur lernen, alles zieht sich zurück, v.a. die Pflanzen und die Tiere verlangsamen ihren Stoffwechsel. Sie fahren runter. Die Lebenskraft fährt einen Gang herunter, die indigenen Völker meditieren viel in dieser Zeit; meine Eltern berichteten, dass die Nachbarschaft in der Nachkriegszeit abends auf dem Lande in der guten, warmen Stube zusammen kam und alte Geschichten/Märchen erzählte.

Es ist erwiesen, wenn wir die Nacht durch künstliches Licht zum Tag machen oder in das Licht unserer Endgeräte schauen, um zu konsumieren, dass wir oft nur schlecht schlafen können.
In alter Zeit wusste man um die heilende Kraft der Kälte, wie zum Beispiel um die positive Wirkung des Eisbadens, dass man immer noch in Ost- und Nordeuropa pflegt und mehr und mehr auch bei uns wieder populär wird. Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kälte heilt und gesund macht und zwar psychisch und physisch. Natürlich macht man wieder einen Hype darüber und ein Geschäft, aber es hilft dir, aus deinem Gedankengefängnis herauszukommen, dich zu beleben, deine Lebenskraft zu aktivieren.

Ich habe dreißig Jahre lang damit kokettiert, dass ich “bekennender Warmduscher” bin und habe kaltes Wasser ausgelassen. Erst in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass Kneippbäder meinen müden Beinen und Füßen gut tun. Diesen Winter habe ich sogar angefangen, mich für 10-20 Sekunden in die eiskalte Pauja zu setzen. Tief und langsam ein- und ausatmend zähle ich langsam bis 10 oder 20, je nach Tagesform. Danach bin

ich erfrischt und aufgeheizt und sitze noch, in eine Decke gehüllt, viele Minuten draußen und genieße die Abendstimmung und das wohlige Körpergefühl. Ich weiss von Freunden, die täglich kalt duschen und darauf schwören.

Die Art und Weise des Lebens hier in den Bergen zwingt mich immer raus zu gehen, schon nur um das Brennholz rein zu holen oder Schnee zu schippen. Aber auch sonst gehe ich jeden Wintertag länger hinaus, sei es, um langsam zu joggen, durch den Schnee zu stapfen oder eine Schneeschuhwanderung zu machen. Im Winter reichen 30-60 Minuten täglich draußen sein, völlig aus. In Bern fahre ich 30 Minuten bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule und zurück. Das Draußen sein und die Bewegung, auch das ist alles wissenschaftlich längst erwiesen, halten dich gesund, weil du an deine Bestimmung und Lebenskraft anknüpft.

Das Bewegen ist in unserem DNS angelegt. Wir sind auf dieser Welt, um uns zu bewegen und v.a. zu laufen und zu gehen. Wir wurden durch den aufrechten Gang zur überlegenen Spezies dieses Planeten. Denn wir konnten laufen oder stehen und hatten die Hände frei, um andere Dinge zu tun. (Unser vermeintlich überlegenes Denkvermögen dagegen führt wahrscheinlich zu unserem Aussterben).

In ihrem Bestseller “Bewegung liegt in deiner DNA” beschreibt die Biomechanikerin Katy Bowmann wie man lernt, sich wieder natürlich zu bewegen und dadurch gesund zu werden.
Mehr noch als Ernährung zeigen alle wissenschaftlichen Studien, dass der Schlüssel zu einem vitalen Leben die Bewegung ist, in meinem Fall zu weniger Schmerzen und mehr Lebenskraft.

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Diese Lebenskraft macht, dass sich unsere Wunden (psychische und auch physische) meist von selbst heilen, dass Tiere teilweise weite Strecken zurücklegen, um an wichtige Mineralien zu kommen, dass sich das Gras wieder aufrichtet, wenn ich darüber gelaufen bin. Diese Lebenskraft macht, dass wir Menschen uns viel natürlich Bewegen wollen oder uns mit Kälte heilen wollen, dass es uns hinauszieht in die Berge oder Wildnis, das wir empathisch sind und soziale Wesen, dass wir kreativ sein möchten und nach einem spirituellen Sinn suchen.

Diese Lebenskraft macht, dass gerade eine dicke Hummel bei knapp über Null Grad an mir vorbei brummt, diese Primel blüht und am von der Sonne beschienenen Felsen hinter mir eine Grille leise zirpt.

Im Unterschied dazu ist Begierde, wenn wir auf ein Ziel ausgerichtet sind, das uns von unserem gegenwärtigen Ich weg bringt, hin zu einem außerhalb von uns und in der Zukunft liegenden Ziel bringt.
Die meisten Menschen beginnen Zazen oder sonst irgendeine spirituelle Praxis, um sich selbst voranzubringen. K. Uchiyma sagt: “Und weil die Begierde bei der Verfolgung dieses Zieles zu unserem Lebenszweck wird, entfernen wir uns beträchtlich von der Lebenswirklichkeit unseres wahren Selbst. Dies sagt auch Dogen Zenji im Shobogenzo Genjo-Koan: Die Leute, die sich um das Dharma bemühen, entfernen sich unweigerlich vom Umfeld des Dharmas.”

Meiner Ansicht nach, das größte Hindernis auf dem Weg, denn ich beobachte dieses große Missverständnis bei vielen Wegsuchenden und auch ich selbst war lange in dieser Falle. Ich dachte, wenn ich mich sehr um das Dharma bemühe, noch mehr mache als andere, noch aktiver praktizieren, Gutes tue, mich bemühe Bodhisattva zu sein, mich noch mehr engagiere, dann….Erst S. Okumura öffnete mir die Augen, als er mir in einer unserer ersten Begegnungen, wo ich beschrieb wie wenig Zeit ich hätte, weil ich ja noch dies und jenes Dharmische tuen müsste, dass dem nicht so sei, wörtlich: “Du hast alle Zeit der Welt, nicht nötig dich zu bemühen und zu hetzen.”

Uchiyama fährt fort: Demgegenüber kann man es nicht Begierde nennen, wenn man weiss, dass eine Erhöhung des wirklichen Selbst nicht auf eine ausserhalb oder in der Zukunft liegende s Ziel aus ist, sondern nur bedeutet, hier und jetzt die Realität des Seins des Selbst zu verwirklichen

Denn eine solche Haltung richtet sich nicht auf ein außen stehendes Ziel, sondern ist eine Seins-Verwirklichung des Nur-Selbst.
Die Lebenskraft, mit der wir dagegen Zazen praktizieren, ist eine Kraft, die sich keinen Zielen verschreibt, sondern die Realität des Seins des Selbst zur Entfaltung und Verwirklichung bringt.

Viel Zeit geht heute bei vielen Menschen verloren mit allen möglichen Handlungen zur Selbstoptimierung. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch warum machen wir das? Ist es nicht so, weil wir denken, wir dürften keine Schwächen haben, sondern auf all diesen unendlich vielen Gebieten Leistungsstärke zeigen, um Anerkennung zu finden.

Super Food Essen, fitter, leistungsfähiger Körper, ansehnlicher Körper, effizientes Arbeiten, Brain-Gym, Kommunikationstraining, Weiterbildungen, um unser Portfolio zu erweitern, Anti-Stress -Training, um nur einige der populären Möglichkeiten der Selbstoptimierung zu nennen.

Das klingt gut und ist vielleicht auch sinnvoll. Aber ist es sinnvoll, wenn wir das nur aus Pflicht- und Leistungsbewusstsein tun? Dürfen wir keine Schwächen haben, müssen wir in allem gut sein?
Wäre es nicht besser, deine Schwächen als das zu akzeptieren, was sie sind: Schwächen. So sehr du dich auch anstrengst, du wirst nie gut sein in diesem Bereich.

Was wäre, wenn du dich auf deine Stärken konzentrierst. Hier sind immer 100% Leistung möglich. Deine Stärken sind Sachen und Fertigkeiten, die du gerne ausführst, die dir vielleicht sogar Spass machen. Du bist motiviert, Aufgaben in diesem Bereich zu übernehmen, lernst rasch, hast Spass, Verbesserungen zu entwickeln und auszuprobieren. Wenn ich mit Menschen arbeite, beginne ich immer damit, die Stärken herauszuarbeiten oder, wie man es auch nennt, Ressourcen festzustellen..

Denn das macht Freude, die Schwächen kann man getrost loslassen, denn diese Aufgaben machen keinen Spass, man schiebt sie vor sich her, weil man sich nicht motivieren kann und Fortschritte zu erreichen, muss man krampfen. Wenn du dich auf deine Stärken konzentrierst, hast du plötzlich viel mehr Zeit und kannst öfter mal rausgehen, dein Leben verlangsamen, deine Umgebung wahrnehmen. Du wirst deswegen zufriedener, auch weil du mehr Erfolgserlebnisse hast und weil, dass, was du tust, mehr Sinn macht und du hast wahrscheinlich mit der Zeit weniger Wünsche.

Letztlich agierst du dann auch ganz Nahe aus deiner ureigenen Lebenskraft heraus, deshalb heißt es ja auch immer im Zen: Just do! aus deiner Lebenskraft heraus.

 

Fressen oder Moral

 

“…zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.” Berthold Brecht.

Viktor Frankl sagte schon in den 70er Jahren dazu: ”Wir machen uns diesbezüglich auch gar nichts mehr vor. Aber wir wissen in einem, wie sinnlos Fressen ohne alle Moral ist und wie katastrophal diese Sinnlosigkeit dem nur aufs Fressen Bedachten zu Bewusstsein kommen kann; und wir wissen nicht zuletzt, wie sehr nur eine “Moral”- will heissen der unerschütterliche Glaube an einen unbedingten Lebenssinn, so oder so das Leben erträglich macht. Denn wir haben es erlebt, dass der Mensch auch ehrlich bereit ist zu hungern, wenn das Hungern nur einen Sinn hat.”

Wenn der überwiegende Teil der Menschen sich nicht an einem Lebenssinn orientiert, wenn sie sich nicht an ethische und moralische Leitplanken orientieren, sondern nur an der Gier des “Fressens”, dann werden wir an den atemberaubenden Herausforderungen des 21 Jhdt. scheitern.

“Wird hingegen ein großer Teil der Menschen trotz verringerter “Fress Ressourcen” an der “Moral” festhalten, wird die Würde siegen!” Elisabeth Lukas


Dogen Zenjis Gelübde

Dogen Zenjis Gelübde

Eihei Hotsuganmon

Ich gelobe mit allen Wesen, von diesem Leben an und durch unzählige Leben hindurch, das Wahre Dharma zu hören; und wenn wir es hören, soll in uns kein Zweifel aufkommen, noch soll es uns an Glauben mangeln; und wenn wir ihm begegnen, sollen wir weltlichen Angelegenheiten entsagen und das Buddha-Dharma bewahren; und indem wir dies tun, sollen die große Erde und alle Lebewesen gemeinsam den Buddha-Weg erreichen.

Obwohl sich unser vergangenes böses Karma angesammelt hat und tatsächlich die Ursache und Bedingung für Hindernisse bei der Ausübung des Weges ist, mögen alle Buddhas und Vorfahren, die den Buddha-Weg erreicht haben, mit uns mitfühlend sein und uns von karmischen Auswirkungen befreien, sodass wir den Weg ohne Hindernisse praktizieren können.

Mögen sie ihr Mitgefühl mit uns teilen, das das grenzenlose Universum mit der Tugend ihrer Erleuchtung und Lehren erfüllt. Buddhas und Vorfahren von einst waren wie wir; wir werden in Zukunft Buddhas und Vorfahren sein. Wenn wir Buddhas und Vorfahren verehren, sind wir ein Buddha und ein Vorfahre; wenn wir den Bodhi-Geist erwecken, sind wir ein Bodhi-Geist. Wenn wir ihr Mitgefühl frei und unbegrenzt auf uns ausdehnen, können wir Buddhaschaft erlangen und die Errungenschaft loslassen. Deshalb sagte der Chan-Meister Lung-ya:

Diejenigen, die in früheren Leben nicht erleuchtet waren, werden jetzt erleuchtet.

Rette in diesem Leben den Körper, der die Frucht vieler Leben ist. Bevor Buddhas erleuchtet wurden, waren sie genauso wie wir. Erleuchtete Menschen von heute sind genau wie die von früher.

Erforsche in aller Stille die entferntesten Bereiche dieser Ursachen und Bedingungen, denn dies ist die genaue Übermittlung eines verifizierten Buddha. Wenn man auf diese Weise Buße tut, erhält man immer tiefe Hilfe von allen Buddhas und Vorfahren. Wenn man seinen Mangel an Glauben und Praxis vor dem Buddha offenbart und offenlegt, schmilzt die Kraft dieser Offenbarung die Wurzel der Übertretungen weg. Dies ist die reine und einfache Farbe der wahren Praxis, des wahren Glaubensgeistes, des wahren Glaubenskörpers.


Das Sammeln von Gräsern

Dōgen’s Chinesische Gedichte (78)

Das Sammeln von Gräsern

übersetzt und kommentiert von Shohaku Okumura aus dem Japanischen und von mir ins Deutsche.

Jetzt sammeln sich Hunderte von Gräsern tatsächlich für den Sommer. Von der ganzen Erde gepflückt, [wären] es zehn Millionen Halme.
Eine Blume mit fünf Blütenblättern öffnet sich am Himmel und im Schlamm. Ohne Zweifel wird sie auf natürliche Weise Früchte tragen.

In der Interpretation von Dōgen sind eine Blume und die fünf Blütenblätter dasselbe. Eine Pflaumenblüte öffnet sich als fünf Blütenblätter. Das ist dasselbe wie eine Hand und fünf Finger. Er verwendet eine Blume und die fünf Blütenblätter als Symbol für das voneinander abhängige Entstehen. Aus einer Perspektive ist es einfach eine Blume, aber aus einer anderen Perspektive sind es fünf Blütenblätter. Das gesamte Netzwerk der gegenseitigen Abhängigkeit ist ein einziges Netz von Indra, aber es hat unzählige Wesen als seine Teile.

Alle Pflaumenblüten sind Teile eines Zweiges, und unzählige Zweige sind Teile des alten Pflaumenbaums. Wenn dieser eine Pflaumenbaum blüht, wird die ganze Welt zum Frühling. Alle Wesen in der ganzen Welt, einschließlich einer Blume mit fünf Blütenblättern, sind Teil des Frühlings der ganzen Welt als Einheit. Sie sind nicht “stolz”, das heißt, sie sind nicht egozentrisch.

Dōgen betrachtet eine Sangha als ein Miniaturmodell des gesamten Netzwerks des voneinander abhängigen Entstehens. Die Mitglieder dieser Sangha, die zusammen praktizieren, sind wie die fünf Blütenblätter einer Blume. Die Praktizierenden und ihre Praxis und Funktionen sind alle voneinander abhängig und unterstützen sich gegenseitig. Das Praktizieren in Frieden und Harmonie ist die Dharma-Blüte und die natürliche Frucht der Sangha, die das spirituelle Wachstum jedes einzelnen Mitglieds und der Gemeinschaft als Ganzes fördert. In diesem Vers drückt Dōgen die

letztendliche Bedeutung der gemeinschaftlichen Praxis als Ausdruck des interdependenten Entstehens aus, in dem jedes Mitglied als Bodhisattva wächst. Die gemeinschaftliche Praxis drückt sich seit alters her im Zusammenkommen aller Nonnen und Mönche zum Ango aus. Buddha Shakyamuni lud alle Ordinierten während der indischen Regenzeit zur 90 tägigen Praxisperiode ein. Diese essentielle Praxis wird bis heute von den Lehrern des Zen .weitergegeben

So schrieb Dogen im Jahr 1245, während der ersten Sommerübungsperiode in Daibutsuji (大仏寺, später umbenannt in Eiheiji), das Shōbōgenzō Die Klausur (安居, Ango), in der er die Bedeutung der Sommerübungsperiode mit den Worten hervorhebt:

“In allen drei Ländern gibt es keinen einzigen Menschen unter den Nachkommen der Buddhas und der Vorfahren, der diese jemals nicht ausgeführt hat; die anderen Pfade haben sie nie gelernt. Da sie die ursprüngliche Absicht der “einen großen Sache” der Buddhas und Vorfahren sind, ist das, was sie verkünden, vom Morgen ihrer Erlangung des Weges bis zum Abend ihres nirvāṇa, nichts anderes als der wesentliche Punkt des Retreats…. Diejenigen, die niemals in ihrem Leben die neunzigtägige Sommerklausur praktizieren, sollten nicht Schüler des Buddha oder Mitglieder des Bhiksu-Samgha genannt werden.”

In diesem langen Faszikel beschreibt Dōgen die Zeremonien und Rituale zu Beginn und am Ende der Sommerübungszeit. Ich nehme an, er schreibt so detailliert, weil es in Kōshōji nicht möglich war, eine so formale Praxis durchzuführen, wie sie in den chinesischen Klosterregeln (清規, Shingi) beschrieben wird, aber er möchte die traditionelle Praxis im neuen Kloster dennoch etablieren. Später in diesem Faszikel ermutigt Dōgen die Menschen:

Menschen, Devas und Drachen sollen, wenn auch nur für einen Zeitraum von neunzig Tagen, Bhiksu oder Bhiksuni werden und die Klausur einhalten; dies wäre an sich schon ein Sehen des Buddha. Einer Versammlung der Buddhas und Ahnen beizutreten und die neunzigtägige Klausur zu halten, ist, den Buddha gesehen zu haben.

Dōgen ermutigte auch Laien, sich an der Praxisperiode zu beteiligen. So weit übersetzt und kommentiert mein Lehrer Shohaku Okumura


Eine Weide ist grün, eine Rose ist rot

von Kosho Uchiyama von mir ins Deutsche übesetzt

Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet, wie eine von ihnen”MT 6, 28-29

Uchiyama schreibt: Hier erscheint einfach die Pracht des Lebens. Auf dieselbe Weise blüht das Veilchen als Veilchen, und die Rose drückt ihr Leben als Rose aus. Die Blumen, die auf dem Feld blühen, sind nicht der Meinung, dass sie in einem Schönheitswettbewerb den ersten Preis gewinnen sollten; sie fühlen sich auch nicht in Konkurrenz mit den anderen Blumen. Das Veilchen entwickelt keinen Minderwertigkeitskomplex und denkt:«Die Rosen sind groß und prächtig, aber ein kleines Veilchen wie ich ist nutzlos.”

Es sagt nicht gierig und ungeduldig: «Ich muss effektiver werden.”Es manifestiert einfach seine Lebenskraft mit all seinem Vermögen.

Wenn natürlich eine Veilchen Pflanze kein kleines Veilchen hervorbringen kann, dann kann sie keine Samen bilden und sich fortpflanzen. Aber wenn sie blüht, dann tut sie das nicht zu persönlichen Zwecken. Ihr Leben besteht darin, Blüten hervorzubringen. Eine Passage im Lotos Sutra lautet: “Alle Dinge sind in sich selbst wahr.»

Im Zen gibt es einen Ausdruck: ” Eine Weide ist grün, eine Blume ist rot.”

Kurz gesagt steht der Buddhismus als religiöse Lehre dafür, die Welt des Lebens zu manifestieren, in der ein Veilchen als Veilchen blüht und eine Rose als Rose.

Im Amitayus Sutra wird das Paradies folgendermaßen beschrieben:”Blaue Dinge sind blau, rote Dinge sind rot.” Dieser Punkt verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit. Ohne intensiv darüber nachzudenken,stellen wir uns möglicherweise vor, wie wundervoll es wäre, wenn blaue Dinge rot werden könnten oder arme Leute glücklich wären, wenn sie nur reich wären.

Natürlich möchte ich damit nicht sagen, dass es für arme Leute schlecht wäre, reich zu werden. Aber das Glück kommt nicht unbedingt mit Reichtum oder Unglück mit Armut. Wenn sich bei dir im Kopf festsetzt, dass die mit materiellen Gütern Ausgestatteten glücklich und arme Menschen unglücklich seien, dann wirst du garantiert unglücklich sein, wenn du arm bist. Sich an solch eine Perspektive zu halten, ist falsch. Für Menschen, die so denken, wird die Zeit kommen, in der das Geld nutzlos ist, ganz gleich, wieviel sie davon haben. Bei ihrem Tod fallen diese Menschen ins tiefste Elend. Wir können auf gar keinen Fall eine Linie ziehen und sagen, die Menschen oberhalb dieser Linie seien reich und darunter jeder Arm. Reich und Arm sind lediglich relative Vergleiche, und wenn wir den Vergleich sein lassen, können wir uns immer in unserem universellen Selbst einrichten.

Auch wenn mich manche Menschen arm nennen und andere reich, vergleichen sie mich bloß mit jemandem anders und versuchen, mir ein Etikett anzuhängen. Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die ich bin. Die Bedeutung des Satzes, dass blaue Dinge blau sind und rote Dinge rot, bedeutet, dass ich zu der Wirklichkeit meines Lebens, als ich selbst zurückkehre und einfach nur dieses Leben manifestiere. Das ist das Paradies.

Mit anderen Worten; Wenn ich mich nicht von meinen persönlichen Gefühlen und Ideen herumschleudern lasse und zum Leben meines wahren Selbst zurückkehre – ohne Neid oder Arroganz, ohne Selbstverachtung oder Konkurrenz gegenüber den anderen, aber auch nicht in die Fallen von Trägheit, Nachlässigkeit oder Unachtsamkeit tappe und einfach nur das Leben meines Selbst mit all meiner Kraft manifestiere – dann erwachsen daraus die Herrlichkeit des Lebens und der Schein von Buddhas Licht. Das religiöse Licht erstrahlt, wenn wir unser ureigenes Leben manifestieren.

Im Buddhismus ist die Welt, die sich durch das Niederlassen des Selbst im wahren Selbst entfaltet, keine Welt, in der die Starken die Schwachen verschlingen oder wo die Menschen ums bloße Überleben kämpfen. Es ist auch nicht eine Welt des Eskapismus oder der Absonderung, in der man vergessen hat, die Blume seines Lebens hervorzubringen. Diese Welt öffnet einzig den gegenwärtigen Augenblick. Der buddhistische Samādhi, also Zazen, ist die Grundlage für die Manifestation dieses Lebens.

Im Buddhismus werden oft Bilder von Pflanzenmanifestationen benutzt, hier ein Beispiel von Dogen, der etwas sehr Grundlegendes für das Zen in einem Gedicht ausdrückt.


Handeln als der Andere

Der Schnee der Nacht überdeckt all die Blumen und Knospen des Frühlings. Ausser den hungrigen Vögeln an der Futterstation ist alles für kurze Zeit im Frost erstarrt. Auch ich unterbreche das geschäftige Frühlingswerkeln rund um die Klause und in der Permakultur und schreibe am warmen Ofen lieber den April Brief.

Eigentlich habe ich seit dem letzten Brief nichts Neues zur aktuellen gesellschaftlichen Situation zu sagen, ich probiere es aber anders aus zu drücken und bediene mich dabei ungeniert an den unzähligen Zitaten unserer Vorgänger. Heute bediene ich mich v.a. beim Buch «Ryokan interpreted» von Shohaku Okumura.

Auf dem Weg des Zen, des Naikan, des Buddhismus und vieler anderen spirituellen Weges richtet man seinen Focus auf sich selber und nicht danach was die anderen machen und tun.

Beispielsweise empfahl der Herr Shakyamuni die Praxis der vier Wege zum Aufbau einer unterstützenden und tragenden Beziehung. (Von Dogen auch Shishobo genannt. Kapitel «Bodaisatta Shishobo» im Shobogenzo)

Anderen Geben, wohlwollende Rede (Worte der Liebe für Andere), Vorteils- Taten (für Andere) und Gleichheits-Taten ( Handeln als wäre man der Andere)

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Alle oben genannten Praktiken helfen uns, unseren kriegerischen, gierigen, nach unserem Vorteil zielenden Geist zu verändern. Heute möchte ich gerne über die Praxis „Handeln als der Andere“ schreiben.

In einem der frühsten buddhistischen Schriften dem Dhammapada schreibt Shakyamuni Buddha:

Alle zittern vor der Rute der Strafe, alle fürchten den Tod, vergleicht man andere mit sich selbst, sollte man weder töten noch töten lassen.

Alle zittern vor der Rute der Strafe, denn alles Leben ist teuer, vergleicht man andere mit sich selbst, sollte man weder töten noch töten lassen.

Im späteren Samyutta Nikaya dichtet Shakyamuni:

Nachdem man mit dem Geist alle vier Ecken durchquert hat, findet man nirgends etwas Lieberes als sich selbst.

Ebenso liebt sich jeder am meisten; daher sollte jemand, der sich selbst liebt, anderen nicht schaden.

Shakyamuni sagt, dass wir uns alle selbst lieben und wir verstehen müssen, dass wir uns nicht von anderen unterscheiden. Deswegen sollte wir anderen nicht schaden. Dieses Erwachen zur Wirklichkeit, dass wir und andere gleich sind, ist der Ursprung des Gleichheits-Tun.

Wie wir alle wissen, sagte Jesus, man solle den anderen so Lieben wie sich selbst. Das ist exakt der gleiche Geist.
Um das zu können, muss man zunächst seine Selbstliebe verifizieren und dann sich in den anderen hineinversetzen bis hin zur Selbstaufgabe.

Shakyamuni setzte die Selbstliebe voraus, in meiner Arbeit mit Menschen merke ich, dass es einige Menschen gibt, die diese Selbstliebe erst entdecken müssen. Viele immer durch äussere Bewertung funktionierende Menschen, konnten diese bisher nicht entdecken und müssen diese erst Lernen, indem sie ihren Fokus nach Innen richten, z.B. durch Zazen oder Naikan.

Durch die drei Fragen des Naikan können wir Menschen Selbstliebe entdecken, erfahren dass wir geliebt wurden und werden und uns in andere reinversetzen lernen. Denn die drei
Fragen erzwingen einen

Perspektivwechsel. Wir schauen mit Hilfe der Augen eines Anderen auf uns selbst.

 

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Das Feld des Glücks bestellen

Hierzu ein kurzer Auszug aus dem Buch von Shohaku Okumura Roshis „Durch Gelübde leben“, Kap. 4. “Das Feld des Glücks bestellen: Der Kesa Vers“:

Als Dogen Zenji (Begründer des Soto-Zen) nach China reiste und im Jahr 1223 im Tiantong-Kloster zu praktizieren begann, konnte er sehen wie die Mönche in der Mönchshalle ihr gefaltetes o-kesa (das ist die formelle Bezeichnung für das Kesa bzw. für das Mönchsgewand) ehrfurchtsvoll auf den Kopf legten und diese Verse jeden Tag nach dem Morgenzazen rezitierten. Er hatte von dieser Praxis im Agama-Sutra gelesen, aber es noch nie selbst gesehen. Als er das traditionelle Rezitieren dieses Verses erlebte und sah, wie die Mönche ihr o-kesa anlegten, war er tief beeindruckt. Er schrieb über diese Erfahrung im Kapitel Kesa Sudoku des Shobogenzo (Verdienste des Kesa): „Damals fühlte ich, dass ich nie zuvor etwas Würdevolles gesehen hatte. Mein Körper war voller Entzücken und Tränen der Freude fielen still herab und tränkten das Revers meiner Robe.“ Der junge Dogen gelobte, diese Praxis nach Japan zu bringen.

Das Ergebnis ist, dass wir nun 800Jahre später jeden Morgen nach dem Zazen, das Kesa-Sutra rezitieren, wenn wir das Kesa anlegen.

Als ich 1995 infolge meiner Zufluchtnahme zum erstmal im Tempel „La Gendronniere“ praktizierte, erlebte ich Ähnliches, denn nach dem Morgenzazen begannen plötzlich 350 Nonnen/Mönche/Laien das Kesa Sutra dreimal in uralter Sprache zu rezitieren.

Dai sai geda puku (Wie grossartig das prachtvolle Gewand der Befreiung)
Muso fukuden e (Feld des Glücks weit jenseits von Leere und Form)
Hi bu nyorai Kyo (des Vollendeten Lehre tragend)
Kodo Shoshu jo (befreie ich, alle Wesen)

Diese tiefe, uralte, kräftige Gelöbnis ging tief in meinen Körper ein und verursachte mir, dem völlig Überraschten, eine Gänsehaut und einzelne Tränen flossen meine Wange hinunter. So ging es nicht nur mir, sondern in solcher Weise berichteten mir später viele Dharmafreunde von ihrem ersten Erlebnis des Rituals….

Am gleichen Tag entschied ich mich mit dem Nähen eines Rakusus zu beginnen, – eigentlich wollte ich mir eins zur Bodhisattva-Ordination (Jukai) schenken lassen, da ich nicht Nähen konnte/wollte („Wichtigeres zur tun!“). Trotz meiner absoluten Nichtbegabung für dieses Handwerk wusste ich intuitiv: „Das muss ich tun, da muss ich durch!“ und das Rakusu wurde infolge zweier Nachtschichten rechtzeitig fertig. Trotz meiner Wurstfinger und „unglaublicher“:-) Leiden kaufte ich mir anschliessend Stoff für ein o-kesa und begann das vermeintlich „Unmögliche“ . Es wurde tatsächlich 1997 zu meiner Mönchsordination fertig. Und obwohl ich wirklich anderes zu Tun hatte, kaufte ich wieder Stoff und nähte weiter und weiter… und jeden Morgen über mehr als 20 Jahre rezitierte ich das Kesa-Sutra im Dojo Basel….
Ausserdem trage ich fast immer eine Rakusu bei mir,…………Warum?…………..

 


Praktizieren sie sich selbst?

“Praktizieren sie sich selbst? von  Shohaku Okumura
 
Dogen Zenji schreibt, dass unsere Praxis nicht vom Zustand der Welt abhängig ist, sondern dass wir in unserer Praxis unseren ureigenen Familienschatz verwenden und unsere Praxis die Welt beeinflussen kann. Der Schatz kommt nicht von außen; Die Schatzkammer befindet sich in unserem eigenen Haus. Es ist unser Familienschatz. Es ist kein Schatz, den wir finden müssen. Wir erhalten und nutzen unseren eigenen Familienschatz, er hängt nicht von den Bedingungen der Gesellschaft ab. Wir üben mit unserer eigenen Lebenskraft, es liegt also nicht an den Bedingungen der Welt oder den Bedingungen des Zeitalters, in dem wir leben.
 
Es ist nicht so, dass wir nicht praktizieren oder Erleuchtung erlangen können, weil dies eine entartete, böse Welt ist, sondern dass wir die Welt verändern können, wenn wir wirklich in diesen fünf Skandhas praktizieren. Hier ist Dogen sehr optimistisch oder positiv.
 
In Genjokoan sagt Dogen, den Buddha zu studieren, heißt, das Selbst zu studieren, und das Selbst zu studieren, heißt, das Selbst zu vergessen, und das Selbst zu vergessen, heißt, von allen unzähligen Dharmas verifiziert zu werden. Der wichtige Punkt ist, dass in all diesen unzähligen Dharmas (bunpo) das Selbst oder diese Person enthalten ist. Das bedeutet, dass alle unzähligen Dharmas alle unzähligen Dharmas verifizieren. Also verschwindet dieses Selbst; in unserer Praxis sollte dieses Selbst vergessen werden. Das ist es, was Dogen mit Zenki meinte, in der Übersetzung von Katagiri Roshi bedeutet der Ausdruck Zenki, “totale Funktion” oder “totale dynamische Arbeit” . Das heißt, ki ist ein Teil dieses Netzwerks der voneinander abhängigen Entstehung, ein Knoten dieses Netzwerks der Vernetzung, nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Alles ist mit allem in der dreifachen Welt und der Zehn-Richtungen-Welt verbunden
 

Vögel füttern

Sitzend vor dem Haus, die Sonne wärmt mein Gesicht

Eine Haubenmeise, eine Tannenmeise kommen und gehen

Schneegipfel am Horizont

Frieden in mir – weit gefehlt

Brodelnder Vulkan von Gedanken und Gefühlen

Ich sollte jetzt noch

Ich bleibe sitzen

Mails anschauen wäre sinnvoll

Ich bleibe sitzen und schaue in die Ferne

Wenn du jetzt keine Nachrichten schreibst, verlierst du noch mehr Freunde

Eine Blaumeise landet

Wie schön das kleine Wesen ist!

Dieser ignoranten Kollegin schreibe ich jetzt das passende Mail

Das Licht im Winter, so strahlend, diese Farben und Konturen

Langeweile – sie will nicht das bloße Sein

Wohlige Wärme auf dem entspannten Körper

Wer hat Angst vorm bloßen Sein? – Viele!

Ich gerade nicht. 

Ein paar Minuten Bloßes-Sein.

 

(Gyoriki)

 


Der Weg des Brennholzes

Achtung – Praxis kann zum Wahn werden….

Ich liebe diese körperliche Arbeit draußen, ich liebe es, im Winter am heißen Ofen zu sitzen! Brennholz ist ein ökologischer Brennstoff, man kann es gut anfassen, es ist schwer und es ist etwas Fundamentales, denn jeder Mensch hat das Grundbedürfnis, warm zu haben und etwas zu kochen. Jeder Mensch benötigt also ein gewisses Maß an Energie und die Natur gibt das gerne, der Wald schenkt es her, das Wasser, die Sonne, der Wind, … wäre da nicht wieder der Mensch, der meint, mehr zu brauchen und für schlechte Zeiten vorzusorgen.

Einen wie ich – mich treibt das ganze Jahr die Gier um, wie komme ich an Brennholz, wo finde ich es, wo ist ein Baum umgestürzt, ein Ast abgebrochen. Dabei überschreite ich durchaus auch die Grenzen des Legalen, da ist ein Baum z.T auf ein anderes Grundstück gefallen und ich nehme ihn ganz oder der armdicke Ast, den ich gesetzlich erlaubt sammeln darf, hat die Armdicke eines Bodybuilders. Jeder kennt diese Form der moralischen Anpassung und sie ist nicht das Grundproblem. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es ist sogar eine wichtige Fähigkeit, die jedes Kind lernen sollte. Die heilige Pflicht zu Lügen, nennt es der Schriftsteller A. Muschg. Denn im wirklich Heiligen ist die Inkonsequenz enthalten. Wir sollten nicht nach starren Regeln handeln, wie auch das alltägliche Zenleben im Kloster zeigt. Alles ist streng geregelt und im nächsten Moment wird alles anders (.-)

Nun hatte ich damals in Sanko-ji die Aufgabe, für große Mengen Brennholz zu sorgen, brauchten wir doch 10-20 Ster Holz pro Jahr.( 1 Ster ist ein Raummeter und ist das Maß für ein Tagwerk, die Menge, die eine Arbeitskraft am Tag schaffen kann). Unser Wald gab zu wenig her, also waren sogenannte Schlagräume die Lösung, die man für wenig Geld ersteigern konnte. Kurz gesagt, man nimmt das, was die Forstunternehmen im Wald liegen lassen. So ersteigerte ich erstmal 1-2 Schlagräume, dann kam plötzlich das Angebot von unglaublich günstigen Schlagräumen in der Nähe und ich schlug zu und kaufte sie sehr günstig, dies geschah wieder und wieder. Holzmengen ungeahnten Ausmaßes mussten nun plötzlich von Hand aus dem Wald gezogen werden, gesägt, aufgeladen, transportiert, abgeladen, gespalten, kleingesägt, gestapelt, etc… 

Da aber Buchenholz, das beste der Brennhölzer, nicht lange liegen darf, weil es sonst stockt, verpilzt, war zudem noch Eile geboten. Man schlägt das Holz im Herbst/Winter und wenn es warm wird kommen die Pilze, da sollte das Holz also in Sicherheit sein. So hieß es über Jahre, jede Minute Freizeit in den Wald zu gehen und zu raffen und zu retten, was möglich war.

Dies hatte Auswirkungen auf meinen Körper, er litt und tat oft nur noch weh, einschließlich irreparabler Schäden, und die Zazenpraxis litt auch. Jeder, der auf dem Land lebt, Land und Wald hat und bewirtschaftet, kennt diese Zeiten der Überarbeitung. Manchmal ist es nötig, doch was ist normales Mass? Aus der Praxis des Holzsamu war ich auf dem Weg des unsinnigen Holzraffens gelandet.

Diese harte Arbeit hatte natürlich auch Vorteile, denn ich konnte abends viel Essen, was ich sehr gerne tue und hatte so das Recht nach Feierabend auf „Foodkoma“, einen Begriff den mir meine Dharmaschwester Kido aus USA beibrachte, das wohlige Gefühl mit vollem Bauch auf einem Sofa zu liegen und nichts mehr machen zu können und müssen. Das liebte ich, und ich kannte es aus meiner Zeit als Leistungssportler.

Außerdem war die Arbeit draußen im Wald für mich etwas Wunderbares, denn es gab einen Grund im Wald zu sein, ich durfte Feuer zu machen, grillieren, mich ausbelasten und die Technik des Holz Machens von Hand zu perfektionieren, ohne sich zu verletzen. Den Weg des Holzes gehen ist und war eine grosse Freude:

  •  das Sägen, so Sägen, ohne dass sich die Kettensäge verkeilt, gleichmäßige Stücke sägen, ökonomische Sägen, ohne sich in Gefahr zu bringen, eingeklemmt zu werden.
  •  Spalten mit dem Spalthammer, mit wenigen Schlägen, am besten nur mit einem. ein Rundholz spalten, dafür muss man das Holz lesen lernen: Wo genau hinschlagen?! Außerdem den Hammer technisch geschickt und mit wenig Kraft schwingen.
  •  Stämme rücken und Holz aufbiegen, ohne viel Kraftaufwand und mit guter Technik

Für mich ist das Brennholzmachen ein wirklicher Weg, der wohl hauptsächlich Männern vorbehalten ist. Doch bloße Stärke ist nicht das Kriterium. Ab und zu boten sich mir junge, starke Männer als Hilfe an. Gerade das Spalten großer Rundhölzer ist von Hand die größte Kunst. Ohne zu fragen, wie man es macht, schlugen sie oft auf das Holz ein und es geschah – richtig nichts. Nur wenige kamen auf die Idee, dass sie etwas falsch machten und fragten nach. Wenn ich merkte, dass die anderen müde wurden oder frustriert waren, frug ich sie, ob ich Ihnen einen Tipp geben solle. Oft willigen sie ein und einige wenige fanden Freude daran und begannen die Faszination zu verstehen und begaben sich auf den Weg. Meist aber hörten sie frustriert und erschöpft nach 1-2 Stunden auf und kamen nie wieder.

Man wird, wenn man das Brennholz selbst erwerbt, sehr dankbar für das, was die Natur gibt und es war ein wunderbarer Ausgleich zu dem stressigen Job der Begleitung von Systemsprengern, der einen psychisch an die Grenzen bringt.

Zu Beginn saß ich abends noch lange am Feuer, bereitete mir ein Essen darauf vor und genoss nur noch die Natur und war dankbar für mein Tagwerk. Doch irgendwann hatte ich keine Zeit mehr dafür, ich war im Wahn angekommen. Eines Tages hatte ich zusätzlich noch 40 Festmeter Eschenholz im Wald sehr günstig gekauft, was mindestens 80 Stere bedeutet.

Erst da wachte ich langsam aus meiner Gier auf und begann einmal zu zählen, wieviel Holz ich überhaupt schon hatte. Ich kam auf über 300 Ster Brennholz, die ich auf Vorrat angelegt hatte! Ohne die zukünftigen 80 Ster Esche! Eine unglaubliche Menge, die keinen Sinn macht. 

Das Gute war, der Holzpreis war gerade sehr hoch und ich konnte das meiste Holz gut verkaufen. Doch wer von Hand Holz macht, weiss dass er nie den Gegenwert zu seiner Arbeit bekommt. 1 Ster – ein Tagwerk – 100€:-) Es gehört viel Leidenschaft und Freude dazu, dann wir das Holz machen zum Weg.

Bei mir wurde es zu meiner Variante, die Gier zu leben, gespeist aus der Angst, eine gute Gelegenheit auszulassen, bloß nicht frieren zu müssen, vorzusorgen. Die Gründe sind mannigfaltig und oft wird aus guten Gründen, Praxis und Freude etwas Gieriges und Ungutes. Unbewusst war ich da als Zenmönch hinein geschlittert. 

Jeder hat so etwas ähnliches schon mal erlebt: beim Spielen, beim Sparen für die Rente, oder eines Hauses, etc. Einem Tier kann das nicht passieren, nur dem Mensch mit dem Denkorgan geschieht es. Warum das so ist und wie es funktioniert, erforschen gerade Psychologen und Hirnforscher.

Der Buddha empfiehlt – wenig Wünsche haben:-), macht Sinn oder?