Neujahrsgruss von Gyoriki aus Japan
Von Gyoriki Herskamp, 14. Jan. 24
Liebe Freundinnen und Freunde, Sanko-jis!
Ein gutes und erfülltes Jahr wünsche ich euch im Namen Sanko-jis. Der Neujahrsgruss ist etwas verspätet, aber erst jetzt bekam ich vom Abt Hokan Saito die Erlaubnis, einen Brief an euch zu schreiben.
Ich befinde mich, wie ihr wahrscheinlich wisst im Sermon-Sodo Kotai-ji und absolviere das halbjährliche Ango, das jeder, der anerkannter Soto-Shu Lehrer sein will, absolvieren muss.
Auch muss jeder Adept die Zuise-Zeremonie absolvieren. Hier ist er jeweils für eine Nacht der Abt in den zwei Haupttempel des Soto-Zen Eihei-ji und Soji-ji. Am Morgen darf man die Hauptzeremonien als sogenannter Doshi leiten. Ein sehr bewegendes Erlebnis in großer, wunderschöner und ehrwürdiger Kulisse. Alles Vndet am frühen Morgen in der Dunkelheit statt. Begleitet wird man von einem Gefolge bei Laternenlicht. In Eiheiji war es zu dem äußerst still, nur das
Tropfen des Taus von den Dächern und das Plätschern des Baches war zu hören. Es ist eiskalt und es ist, als wäre man draußen, da es z. T. keine Türen gibt. Auf den Altären nur das Kerzenlicht. Ich werde dies nie vergessen. Im Anschluss wird man vom Zenji empfangen. Dem “Papst “des Soto-Zen. Beide sagten mir, dass ich nun große Verantwortung als Lehrer habe, das Dharma korrekt zu unterweisen und den Anfängergeist zu bewahren, wichtig sei.
Ein Sermon-Sodo, das ist eine völlig fremde Welt, wie auf einem anderen Planeten. Bewusst werden hier, wie es die alten Patriarchen vorlebten, alle Gesetze des alltäglichen Lebens, der Gesellschaft, außer Kraft gesetzt. Den kleinen, unwichtigen alltäglichen Handlungen, wie Gesicht waschen, wird ein aufwendiges Ritual gewidmet. Im gewöhnlichen Leben wird E\zienz und Vorteilserzielung hohe Wertschätzung erteilt, doch hier wird der Nicht-Gewinn und das Nicht-Werten gelehrt. Jede Handlung wird mit 110% ausgeführt und das mit Körper und Geist, deswegen wird jede Handlung verkörperlicht und bis ins Unendliche kompliziert, so dass ein Gewöhnen fast unmöglich ist.
So soll jede Handlung frisch bleiben. Die unvermeidlichen Fehler werden gesehen und wenn nicht von anderen korrigiert, von einem selbst korrigiert und öLentlich bekannt. So lernt man Verantwortung übernehmen für jede der millionenfachen Alltagshandlungen. Man wird Täter, man kann sich nicht als Opfer herausreden. Warum ich? Und der hat es doch auch? Alle Gewohnheiten, die man so hatte, muss man zudem aufgeben. Alles neu und ungewohnt und unbequem. Die auftauchenden Emotionen werden im Zaum gehalten oder ausgetrocknet, wie es in einem Gedicht von Meister Daichi
heißt. Man soll wieder Herr seines Geistes und Denkens werden. Man redet von Emotionen und Gedanken als Sekrete des Geistes.
Durch das Loslassen der Gedanken und Emotionen und das Annehmen und Akzeptieren der Realität und die direkt anstehende nächste Handlung, die nicht wegen mir gestoppt wird, lernt man seine Gedanken und Emotionen loszulassen und beiseite zu stellen. Dies ist oft unglaublich anstrengend, aber oft auch sehr befreiend. Gerade das öLentliche Bekennen von Fehlern macht es nach kurzer Übung sehr leicht, aus dem Schuld/Scham Zyklus auszutreten. Vor allem, da einen immer vergeben wird, verbunden mit der AuLorderung, sich anzustrengen. All dies erfordert Disziplin, unermüdliches Bestreben und Konzentration, Achtsamkeit und Selbstlosigkeit. Es gibt fast keine Pausen und die Praxis beginnt um 3.55 und endet um 09.15 Uhr.
Was, so werdet ihr vielleicht fragen, hat dies mit meinem Leben zu tun? Oder was kann ich daraus lernen oder was kann diese Lehre in Europa bewirken? Diese Frage stellen sich wohl alle und ich auch. Ich glaube einiges. Vielleicht habt ihr selber schon Ideen, wenn ihr dies gelesen habt, wie ihr die Zenlehre Meister Dogens und die vielen Patriarchen vor ihm bis zu Buddha umsetzen könnt. Vielleicht ahnt ihr auch schon, dass dies eben nur auf der Basis der Praxis von Zazen geschehen kann. Was wir hier tausendfach jeden Tag üben, ist die Umsetzung des Zazengeistes in die alltägliche Handlung. Vorbeiziehen lassen, Konzepte, Emotionen, Gedanken, Meinungen aufgeben, weil gerade nicht Realität. Die Realität meines Lebens ist gerade jenseits meiner Konzepte. Gerade ist da der Laptop der Bildschirm. …. Müdigkeit, die Schmerzen meines zu alten Körpers, die Finger, die über die Tasten jagen. Was auch immer gerade ist, die Wirklichkeit annehmen und zwar mit Körper und Geist. Ist nicht unser Alltag oft vergeistigt, Vndet er nicht nur im Kopf statt? Im Kloster verkörpern wir die alltäglichen Handlungen. Jede Tat mit Körper und Geist ausführen. Das klingt ganz einfach, ist es aber nicht, da die meisten von uns dies nicht mehr gewöhnt sind. Wir versuchen uns den Tag einfach zu gestalten, alles zu vereinfachen, am besten sollen Maschinen
übernehmen. Oft machen wir die Dinge nebenbei und schlampig. Auf meine Frage, was ich denn nach Europa bringen sollte, war die Antwort des Abts Hokan Saito: “Die alltägliche Praxis von Körper und Geist.”
Es ist die Übertragung des Zazengeist in die alltägliche Handlung. Zazen ehrlich zu praktizieren, heißt wirklich erwachsen zu werden, wie Meister Dogen sagt. Nicht nur im Zazen genau hinschauen, wann ich denke, träume, schlafe,… auch sonst in jeder Handlung anerkennen, dass ich Fehler mache, weil nicht geübt oder träume, anerkennen, dass ich schlampig den Boden wische, weil ich keinen Bock habe, und meine Kräfte schonen will. Das ist auch das „sich selber kennen lernen“ wie von Meister Dogen im Genjo Koan gefordert und es bedeutet aber auch, sich selbst zu vergessen, weil ich ganz in der Handlung im Sutra Singen mit 110% Stimme aufgehe. Es heisst auch nichts zurückhalten lernen, also nur 80% Stimme
einsetzen, damit ich nicht heiser werde oder nur 80% Energie beim Boden wischen, damit ich in der Pause nicht müde bin. Einfach 100% Justdo it, wie Okumura Roshi immer wieder sagt. Dann wird mein Handeln und Sein zum ganzen Universum, mein Leben wird universell. Kein Unterschied heisst, ich bin das Universum. Jeder von uns kann nur sein einzigartiges universelles Leben leben. Doch wer Zazen praktiziert, weiss und tut es auch. Ich glaube auch, dass wir im Westen zu viel Verantwortung abgegeben haben, der Staat ist beispielsweise schuld, sagen wir, der Arbeitgeber, die Umstände, ich kann nichts dafür, weil … Unsere Hauptaufgabe ist geworden, Gründe zu suchen, warum wir nicht verantwortlich sind, warum die anderen schuld sind. Wir leben immer mehr das Leben eines Opfers. Wir machen uns und lassen uns zum Opfer machen. Zen zu praktizieren heißt ein Täter-Leben zu leben. Würdig und erhoben Hauptes von Tat zu Tat zu schreiten. Wenn man richtig handelt, stärkt das, wenn man zu seinen Fehlern steht, macht das noch stärker. Ich glaube, die westliche Kultur begeht einen großen Fehler, indem sie die Menschen, vor allem die Kinder zu sehr beschützt, zu sehr der Möglichkeit beraubt, Verantwortung zu übernehmen. Immer ist die Schule, oder jemand schuld, die Eltern oder das Kind haben eine Diagnose. Verantwortung den Kindern geben, sie einfordern, Fehler machen lassen und sie verbessern etc. Macht sie stark. Die Zenpraxis kann einen wichtigen Beitrag zum wirklichen Erwachsenwerden leisten. Starke Menschen haben