Im Dezember 2021 nach dem Rohatsu wurde es mir zum ersten Mal klar, so geht es nicht mehr weiter. Aber was tun!? Diese essentielle Frage wurde in mir größer und mächtiger. Mein Lehrer Okumura Roshi, betont immer wieder, egal was du tust, wie du lebst: You must face the question! Das ist das einzige, vergiss das nicht. Shoken Winecoff der Abt von Ryumonji/Iowa riet mir. Lass es gären in dir, nimm es leicht, lebe und praktiziere einfach weiter, irgendwann ist die Lösung da.

Mein großes Koan war, wie im letzten Brief beschrieben, vereinfacht gesagt: Ohne Besitz sein, und sich auf Zazen konzentrieren bzw den Gelübden folgen, vs. viel Aufwand betreiben, um an Geld zu kommen und den Tempel Sanko-ji am Leben zu halten und zu pflegen und wenig bewirken oder praktizieren können

Im Krokussesshin 2023, also 1 3.4 Jahr später, wurde in mir alles ganz leicht und klar. Eine große Erleichterung durchströmte meinen Körper. Ich hatte die große Verantwortung loslassen können. Der Himmel und das Tal waren ganz weit.

Das große verschlossene und unüberwindbare Dharmator hatte sich geöffnet. Die „laterale Drift“, wie R. Pirsig sie in seinem Buch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten” beschrieben hatte, war wieder einmal erfolgreich.

Wie überwindet man im Zen riesige, unüberwindbar scheinende Mauern? Wie gelangt man aufs andere Ufer am reißenden Fluss?

Was tut man, wenn man ohne Seil an einer Felswand hängt und nicht vor und zurückkommt? Wenn ich die Erdbeere über mir pflücke, stürze ich ab. Unten im Talgrund wartet schon der Tiger. So die Frage in einem berühmten Zenkoan.

Die Lösung lautet: ganz einfach loslassen, um dann endlich am Talgrund auf dem Boden der Wirklichkeit aufzuschlagen. Erlösung.

Beispielhaft möchte ich anhand meines persönlichen Koans den möglichen Umgang mit einem Lebenskoan versuchen zu beschreiben.

Die Praxis des Zen beruht auf dem Prinzip der 100%tigen “wholehearted” Hingabe. Wir üben uns Moment für Moment ganz dem hinzugeben, was gerade ist.

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Das ist sehr einfach und leicht durchführbar bei konkreten und körperlichen Handlungen wie Kochen, Holz hacken oder Zazen. Schwieriger wird es, wenn sich grundlegende Lebenskoans auftuen, wie eben beschrieben, und sich uns entgegen stellen. Im Gegensatz zum Rinzai Zen befassen wir uns im Soto-Zen nicht ständig mit klassischen Koans, wie: Hat ein Hund Buddha Natur?, etc, sondern tauchen ein in die sogenannten Koans des Lebens, die sich jedem von uns immer wieder entgegenstellen.

Gut ist, wenn man das Koan von allen Seiten untersucht, welche Aspekte hat es? Wir nutzen dazu in erster Linie unser logisches Denken. Unsere ganze Lebenserfahrung und unsere spirituellen Erfahrungen unterstützen uns dabei. Dieser Prozess kann lange dauern und ist schmerzhaft, doch bietet er letztlich eine gute Grundlage. Alle anderen Herangehensweisen, die ich in den folgenden Sanko-ji Briefen versuche zu erläutern, laufen parallel, wie z.B. die Zazenpraxis, das Diskutieren mit der Sangha und Familie, etc..

Der von mir in der Überschrift benutzte Begriff “Analyse” könnte sehr leicht falsch verstanden werden, doch soll dieser Begriff deutlich machen, dass hier unsere analytischen Fähigkeiten im Vordergrund stehen. Das soll aber nicht dazu führen, dass wir wie in der folgenden buddhistischen Geschichte zuerst analysieren.

“Ein ernster, junger Mann kam zu Buddhas Versammlung, um herauszufinden, ob diese Welt nach dem Tod weiter existiert.” Er fand heraus, dass niemand ihm darauf eine Antwort geben wollte, weil diese Art von Fragen zu endlosen Diskussionen geführt hätten. Malunkyaputta beschloss deswegen, den Buddha persönlich zu befragen. Schließlich gelang ihm das und er beendete seine Frage mit der Drohung: “Wenn du mir darauf keine Antwort gibst, bin ich morgen weg.” Der Buddha antwortete: “Habe ich versprochen es zu diskutieren als du zu mir kamst?” “Nein,hast du nicht”. Der Buddha fuhr fort: “Diese Frage kommt von einer Person, die zuerst alles wissen will und danach beginnt zu praktizieren.” Alles ist eigentlich gut momentan, so könntest du jetzt gerade in Frieden sitzen. Du bist wie eine Person, die zufällig im Wald vom Giftpfeil eines Jägers getroffen wird und dann beginnt zu fragen: “Wer schoss auf mich? War dieser Pfeil für die Hirschjagd gedacht? Ist die Pfeilspitze aus Eisen oder Stein? War da Gift auf der Spitze?” “Bevor du alles weißt, stirbst du vielleicht. Das erste was du tun solltest ist, ihn herauszuziehen und dann zu diskutieren”

In meinem Fall hatte das Koan die folgenden Aspekte, die ein Paradoxon ergaben und sich scheinbar diametral entgegen standen. Das Gefühl lässt sich so beschreiben. Unglaublich viele verschiedene Gedanken im Kopf, die einen quälen und verwirren, weil es keine Lösung zu geben scheint. Den Boden unter den Füssen verlieren:

  • ●  Mein Gelübde zum Wohle aller Wesen möglichst viele Zazen zu praktizieren bzw. es zu ermöglichen, dass möglichst viele Wesen Zazen praktizieren können.
  • ●  Der Tempel Sanko-ji mit als seinen Notwendigkeiten, als da sind:

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  • ○  Ein grosses Gebäude mit 350qm Wohnfläche, die beständig geputzt und gepflegt sein müssen. (Hausmeister und Putzdienst)
  • ○  1100 qm Permakultur pfelgen und hegen
  • ○  Jährlich 20-30 Ster Holz aufbereiten und für die Herstellungvon Wärme und heißem Wasser verwenden.
  • ○  Organisation und Durchführung von Sesshins undNaikanwochen
  • ○  Sanko-ji e.V. Verein Arbeiten erledigen, wie Steuer,Abrechnungen, newsletter, website, Sangha
  • ●  All dies verlangt einen hohen Körpereinsatz und Präsenz schon in derVergangenheit. Der Zenkonyama wurde von mir 2001 gerodet und angelegt, Sanko-jis Stallungen und Scheune von Hand 2013 abgerissen und von Grund auf neu als Tempel aufgebaut, die Permakultur 2015 angelegt, terrassiert und bepflanzt und unterhalten. Die Bäume fürs Brennholz werden von Hand gefällt, zerschnitten, getragen, gespalten, transportiert, abgeladen, verfeuert. Mein Körper wurde durch die viele körperliche Belastung durchaus stark, aber da keine Zeit für Ausgleichsmaßnahmen und Ruhe war, traten in den letzten Jahren immer mehr Schwächen und Verletzungen in den Vordergrund. Das Alter, 58 Jahre bin ich jetzt, tut sein Übriges. Verletzungen, Verspannungen, Schmerzen und mangelnde Belastbarkeit verschärften die Lage und erschwerten damit massiv die Zazenpraxis. Liefen also gegen mein Gelübde.
  • ●  Immer weniger Leute fanden nach Sanko-ji, die Auswirkungen der Coronapandemie und der Wechsel zum Sanshin-ji Stil sind wahrscheinlich ursächlich. Naikanwochen fanden fast nicht mehr statt, Sesshin sass ich oft alleine, die tägliche Praxis absolvierte ich auch alleine. Gefühle von Einsamkeit und Sinnlosigkeit wurden stärker. Zukunftsprognosen wurden eher düster.
  • ●  Sanko-ji hatte in der Folge nur noch sehr wenig Geldeinnahmen. Der hohe Geldbedarf für den Unterhalt Sanko-ji wurde am Ende zu 90% von mir geleistet.
  • ●  Um dies zu gewährleisten, musste ich einer sehr anstrengenden und Kräfte fordernden Lohnarbeit nachgehen, die ich zwar gut kann und die großen Sinn macht. Die Arbeit mit Systemsprengern ist ungemein spannend und gut bezahlt, aber hat mich nie so erfüllt wie die Zenpraxis. Die Arbeit mit solchen Jugendlichen erfordert höchste Präsenz, denn sie erfordern ständige Aufmerksamkeit. Provokationen sowie verbale und körperliche Gewalt sind alltäglich. Das Umfeld in dem diese Jugendlichen leben ist oft traurig und dramatisch. Die Arbeitstage ohne Pause und Rückzugsmöglichkeiten im Dauereinsatz oft erschöpfend, der Adrenalinpegel hoch, hinzu kam der Pendelweg, der pro Arbeitstag mindestens 2 Stunden betrug. All dies wirkte sich negativ auf meinen Körper und Geisteszustand aus, was wiederum sich negativ auf meine buddhistische Praxis auswirkte.

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  • ●  Ist die Zazenpraxis aufgrund körperlicher und geistiger Einschränkungen schwach, wirkt sich dies natürlich auch wieder auf den Alltag, die Familie, Sanhga, etc. aus. Eine Abwärtsspirale wird in Gang gesetzt. Nur die intensiven Sesshins und Naikanwoche halfen den Trend zumindest einmal im Monat zu unterbrechen.
  • ●  Sanko-ji – ein zenbuddhistischer Tempel, der in wunderbarer Lage liegt. Von mir extra nach bestem Können und Wissen für die Zazenpraxis angelegt wurde. Fast autark ist, dank Holz, Photovoltaik und Permakultur. Wenn sie im Zendo sitzen oder im Aufenthaltsraum Nähen oder Naikan üben, sind die Menschen glücklich. So viel Energie, Geld und Kreativität wurden hineingesteckt. Das Projekt macht soviel Sinn und ist wunderbar. Ich bin sehr gern dort. Aber zu jeden Preis?
  • ●  In Sanko-ji fanden in elf Jahren viele Menschen zur Praxis oder konnten ihre Praxis intensivieren. Viele Personen, die Missbrauch und Gewalt erlebt hatten, Traumas erlitten und tief unglücklich waren, wurden durch Naikan glücklich, geheilt und befreit von ihren Lasten. Einige konnten ein ganz neues Leben beginnen. Das Glück und die Dankbarkeit in den Gesichtern nach dem Naikan zu sehen oder in die hellen, klaren Augen eines Sesshinabsolventen zu schauen, sind für mich unvergessliche, wunderbare Momente.All diese vielen Aspekte sind Wahrheiten in meinem Traum und denen hatte ich mich in den letzten Jahr zu stellen und zu akzeptieren. Wie gesagt, im Zen läuft man nicht weg, sondern wird eins mit dem, was ist, in jedem Moment. Man weicht nicht aus, aber man hängt sich auch nicht an den Dingen auf. Man übt mit dem was ist, schont sich nicht, gibt alles. Wenn man mehr als dreissig Jahre praktiziert, kann man gar nicht anders, als sich so in die Dinge und Angelegenheiten rein zu schmeissen. Das ist nicht immer angenehm, manch einer vergleicht diese Praxis mit einer Steinmühle, in dem das Ego lautstark und gnadenlos zerrieben wird. Und doch, man kann nicht anders, weil man weiss, dass es so sein muss und zu großem Glück und Befreiung führt. Wichtig ist, dass man zur gleichen Zeit, aber auch die Fähigkeit aus diesem Schlamm, dieser Scheisse in der wir stecken, aufzutauchen und die Einheit und das Licht ebenso voll und ganz erleben. Wir reden von der Lotusblume, die aus dem Schlamm aufsteigt, um zu erblühen. Sie blüht inmitten der großen Dunkelheit. Die Zazenpraxis ist dieser Lotus.

    Gerade ist der Lotus Gyoriki wieder aufgetaucht und er wird nun versuchen, Sanko-ji zu verkaufen und einen bestmöglichen Nachfolger zu finden. Sanko (das friedliche Verweilen in den Bergen, also Zazen) und Naikan wird weiterziehen. Ein Teil von mir sieht die Entwicklung als Verlust. So viel gegeben, so ein wunderbarer kleiner Lotus-Tempel, so viel geleuchtet, so viel Freudvolles erlebt, das tut sehr weh. Doch im Sinne von: “Gewinn ist Illusion, Verlust ist Erleuchtung”, der Auspruch Kodo Sawakis, der über dem Esssaaleingang hängt und den ich 2014 kalligraphierte, nachdem ich begonnen hatte Sesshins im Antai-ji Stil zu sitzen, ist dieser Verlust eben

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Satori. So hält sich das Gefühl des Scheiterns sehr in Grenzen und viel größer ist das Gefühl von Freude, Freiheit und Weite.

Es hat große Freude gemacht aufzubauen und hier zu praktizieren. Sanko-Zen wird sich in die Schweiz verlagern, wenn das Elbenschwander Anwesen verkauft ist. Genauer ins Wallis, in eine kleine Scheune, auf einen abgeschiedenen Maiensäss oberhalb des Rhone-Haupttals. Zukünftig heißt es in noch mächtigeren Bergen zu verweilen, die Zazenhaltung so stabil und erhaben zu machen, wie das Matterhorn. Kein Strom, eine Quelle, ein Dach, ein paar Holzwände, Naturgeräusche….sehr einfach, fast keine Kosten…ideal. Wondrous dharma! You never know!