Sich befähigen lassen, es zu tun
Wer schon mal im Nationalpark Wattenmeer unterwegs war, der weiss, dass der besondere Reiz im Waten durch den Schlick liegt. In diesem Schlick lebt allerlei Getier und es fühlt sich für den ein oder anderen eklig an den nackten Füßen an. Für andere ist es eine wunderbare Fussmassage. Doch es lohnt sich in dieser einsamen Weite zu wandern, dort wo vor Minuten noch Meer war. Nirgendwo auf der Welt soll es so viele Organismen geben, wie in diesen Zonen, wo Land und Meer, dank der Bewegungen unseres Mondes, ständig wechseln. Es sind die Mangrovensümpfe in den Tropen und bei uns ist es das Watt. In dieser Welt aus Sand, Wasser und fauligen Schlamm ist alles ständig in Bewegung. Oft dauert es nur Minuten, dann setzt schon die Flut wieder ein und bringt das Meerwasser zurück. Alle Lebensformen vermischen sich in diesem Land- und Wassergemisch. Wo bin ich auf dem Land oder im Meer, keine klare Aussage ist möglich. Es ist ein einmaliges Erlebnis und deshalb geniessen wir es. Und trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht verlaufen und uns das zurückkommende Wasser nicht den Weg zum Festland abschneidet. Wir müssen lernen, auf die richtige Art und Weise durch das Watt zu laufen.
Nehmen wir nun an, dein Lebensweg führt dich zu einem Wattenmeer, das du durchqueren sollst. Macht dir das Schlickwandern großen Spass, bestens, was aber, wenn es dich ekelt und du es hasst, durch Schlamm zu waten. Klar ist, es hilft uns gar nicht, wenn wir es hassen, durch den Schlamm zu waten. Entweder wechseln wir den Weg, was meistens nicht
möglich ist, oder wir lernen einfach das Waten durch den tiefen Schlamm. Du musst dabei sehr gut auf dich aufpassen, dass du den richtigen Weg findest und auf die richtige Art und Weise durch das Watt läufst, ohne dein Ziel zu verlieren und nicht vom Wasser eingeschlossen zu werden.
Klar ist auch, nur du kannst dieses Watt durchqueren, denn dieses Watt ist dein Lebenskoan. Das Watt ist sehr schmutzig, Ignoranz, Schuld und Sünde sind Kräfte die an uns nagen können. Wenn du nicht aufpasst, verlierst du dich im Watt oder wirst vom Wasser eingeschlossen. Immer wieder kann es auch tiefe, unüberwindbare Meeresarme geben, Priele genannt, die dich zwingen einen andern Weg zu nehmen. Trotz all dem brauchst du es nicht zu hassen, aber auch nicht zu lieben.
Wenn wir Zazen praktizieren, insbesondere wenn wir viel Zazen praktizieren und über einige Monate oder gar viele Jahre hinweg, dann wird Zazen uns leiten. Jedes Mal, wenn du dich zentrierst, und dich mit deinem Körper zwischen Himmel und Erde aufspannst. Wird etwas auf dieser Linie zwischen tiefstem Beckenpunkt und Scheitelpunkt, dir das Gefühl geben. “Hier bin ich richtig” oder” Ich habe mich verloren” Ich bin total verwirrt “Nur noch ein bisschen hier, dann stimmts…” Wie kann das sein?
Zazen ist laut Meister Dogen die einzige Möglichkeit, uns von unserem karmischen Bewusstsein Abstand zu nehmen und uns durch das kosmische Bewusstsein leiten zu lassen. Und doch können wir uns nie von unserem Karma lösen. Im Gegenteil, wir müssen unseren Karma ausleben. In meinem Fall ist es, dass ich es liebe, den Körper ins Zentrum meiner Aktivitäten zu stellen. Ich liebe es zu laufen, Holz zu machen, ein Holzhaus zu bauen oder eine Permakultur anzulegen, Berge zu überqueren, im Wasser zu schwimmen und natürlich Zazen zu üben. Diese Art, meinen Körper zu leben, hat mich durch meine schwierige Kindheit und Jugend gelotst. Einige meiner Freunde und Familienmitglieder haben ihren Körper und Geist mit Drogen betäubt, um so ihren großen Schmerz zu lindern und wurden krank oder starben. Und ich? Ich fing mit 14 Jahren an, einfach zu laufen, ein bisschen so wie Forrest Gump im Film. Ich lief von einem Tag auf den anderen, soviel ich konnte, mit 17 Jahren lief ich schon einen Marathon. Vom faulen Pummelchen wurde ich
zum Spargeltarzan. Das Laufen heilte meinen Körper und Geist. Es lenkte mich durch diese Zeit des Leids und machte mich selbstbewusst und glücklich. Und es machte mich unabhängig von Familie und Freunden. Ich musste es tun und war dabei ganz alleine. Vom Laufen kam ich zum Zazen und da wieder dasselbe, niemand wollte, dass ich Zazen übe, Mönch wurde, Sesshins tat. Für mein Umfeld war dies befremdlich. Gerade auf Sesshins litt mein Sportlerkörper besonders, meine grosse Energie während des Zazens machte es nicht einfacher. Wie oft starb ich auf dem Kissen? Trotzdem nahm ich die Herausforderung an und gründete ein Dojo, später sogar einen Tempel, um Zazen den Menschen zu ermöglichen. Niemand wollte es von mir, ich allein führte es durch und nahm die Verantwortung auf mich. Wenn ich als Mönch auf grosse Schwierigkeiten traf, hatte ich keine Möglichkeit da raus zu kommen. Obwohl ich diese Entscheidung alleine traf und niemand diese Entscheidung treffen konnte, hatte ich immer das Gefühl, dass diese Entscheidung nicht meine eigene war.
Shohaku Okumura schrieb einmal: “Diese Entscheidung entstand nicht durch meine Willenskraft. Alle Wesen kamen zu mir und befähigten mich, es zu tun. Ich denke, alle diese Taten, sogar das morgendliche Aufstehen, um Zazen zu sitzen, kommt von: Alle Wesen werden zu mir und befähigen mich, es zu praktizieren. “Meine Willenskraft ist ein kleiner Teil davon, sonst hätte ich es nicht für mehr als 40 Jahre tun können.”
Ich denke, meine Dharma Mission ist es, mittels dieses Körpers einen Tempel zu errichten, Sesshins zu organisieren und die Natur im Sinne des Dharmas zu gestalten. Den Menschen zu zeigen, wie wunderbar es ist, mittels des Körpers sich mit der Natur/Dhamra zu vereinen. Ich kann Möglichkeiten und Plätze schaffen, wo sich das Dharma gut verwirklichen kann. Mein Körper arbeitet oft richtig hart, trotz seines Alters und seines Karmas. Dies ist eine meiner Möglichkeiten, mein Karma zum Wohle des Dharmas zu nutzen. Ich nutze mein Karma, um durch das Watt zu gehen. Ich kann meine karmischen Anlagen nicht ausschalten, selbst zum Wohle des Dharmas nicht. Jeder muss das Watt mit Hilfe seines Karmas durchqueren. und es gilt “Just do it”.
Und das im Sinne von: “Alle Wesen kommen in mich und befähigen mich, es zu tun, was auch immer!”
Und so ist es auch gekommen, dass ich für ein halbes Jahr nach Japan in einen Tempel gehe und ein vollständiger, unabhängiger Dharmalehrer werde. Danach mal schauen, zu was ich befähigt werde.
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