Von Gyoriki Herskamp, Januar 23

Einer der besten Arten, den Jahreswechsel zu begehen. Nach den Coronajahren endlich wieder einmal möglich. Neben dem Zazen war auch Zeit zum Verdauen des Jahres, zum Jahresende Putz und für mich zum Kalligraphieren. Dieses Jahr die Kanji zu Ozaru – großer Himmel. Nur am jeweiligen Jahresende komme ich dazu und es macht mir Freude, auch wenn meine Fähigkeit dilettantisch ist. Da sich alle freuen, denen ich eine schenke, mache ich weiter.

Das Besondere an diesem Sesshin waren zum einen die Rekordtemperatur von 17 Grad, und die große Stille im Tal. Wenige Fahrzeuge waren an diesem Tag unterwegs, wirklich ungewöhnlich ruhig. Dankbar genossen wir diese Ruhe. Erst kurz vor 0 Uhr wurde es laut und die Raketen und Böller knallten.

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Stille, im Hintergrund nur die Geräusche der Natur, die heilen. Am nächsten Morgen dann die Neujahrszeremonie. Ungewöhnlich lang war die Liste von Schwerkranken und Verstorbenen, denen die Zeremonie gewidmet war . Wir werden nicht jünger und auch nicht gesünder. Unser Umfeld anscheinend auch nicht. Viele sterben in den ersten Jahren der Rente, sowie meine Nachbarin, die erst im Juli nach Madeira ausgewandert war oder sogar vorher, wie mein Freund mit 60 Jahren. Der Buddha sagte es immer wieder, wir werden geboren, dann altern,erkranken und sterben wir – die große Unbeständigkeit und Wahrheit. Doch hoffen wir alle, dass es uns nicht so geht oder später als anderen. In dieser Welt sterben Kinder vor ihren Eltern, das ist Realität. Unsere alten Zenvorfahren habe nicht geschuftet um Geld anzuhäufen für das Alter. Sie haben gelebt, von dem Moment an, an dem sie ihr Gelübde geleistet haben und praktizierten. Große Vorbilder! Glauben wir den Werbungen und Zeitungsartikel ist man nur glücklich, wenn man vorsorgt, Reichtümer anhäuft für “Später”. Wer das nicht macht, wird später büßen.

Wie der alte, wettergegerbte Mann, der fast zahnlos vor seinem alten Haus am Nachmittag, stoisch Holz hackt, zwischendurch innehält und in die laue Wintersonne blinzelt. Hätte er doch für eine Zentralheizung gespart und für den Zahnarzt und für die Insel im Süden. Neue Gummistiefel könnte er auch mal kaufen. Der Sohn macht es besser in der Stadt, fährt ein neues, schickes E-Auto. Kommt nur selten vorbei, denn er hat wenig Zeit, er will schließlich was werden.

Nach der Zeremonie zerschneiden die Rauchschwaden des Räucherwerks die Stille. Dann die ersten Worte des neuen Jahres! “Danke und ein gutes neues Jahr euch!” Manchmal muss man halt die Stille unterbrechen. Doch beim Schreiben denke ich schon sehnsüchtig an die Wand, die erdige Haltung, ihre Unerschütterlichkeit und Ruhe. Die Stimme des Tales – die Kleine Wiese (Flussname). Wie klingt sie genau? Niemand kann es fassen, auch Wissenschaftler nicht, denn ihr Klang ist immer anders – frisch und einzigartig. Glaubst du es nicht? Dann teste es.