Wie ich schon in einem der letzten Briefe berichtete, antwortete mir der Abt von Kotai-ji Hokan Saito Roshi auf die Frage, was ich mit nach Europa bringen solle: Die Praxis von Körper und Geist!
Und tatsächlich ist es das, woran es auch nach meiner Erfahrung in Europa mangelt. Die Praxis von Körper und Geist, jeden Akt, jede Handlung mit ganzem Herzen tun, egal was. Ich selber kann da selbst viel lernen jeden Tag, und sehe es als eines meiner grössten Übungsfelder an. Gerade als ADHSler fällt mir diese Körper-Geist-Praxis sehr schwer und sehr oft gelingt es mir nicht, mich zu konzentrieren, im Alter wird es nicht leichter, da ich immer vergesslicher werde, ohje…;-). Außerdem fehlt mir, so glaube ich, in Sanko-ji das Korrektiv der Sangha. Wenn man zusammen Samu macht oder eine Zeremonie durchführt, muss man sich mehr konzentrieren, als wenn ich alleine bin. Aber es geht ja auch nicht darum, perfekt zu werden, sondern es geht darum, dies neben der Zazenpraxis als wichtigstes Übungsfeld anzunehmen, es geht immer wieder, wie Okumura Roshi sagt, um das: „Just do it!“.
Dogen schrieb das Tenzo Kyokun, um am Beispiel des Tenzos (Koch im Tempel) diese Herz-Körper-Geist-Praxis zu erläutern. K. Uchiyama kommentierte dies in „Anleitungen für den Koch“ in einfacher und deutlicher Sprache. Natürlich geht es bei dieser Herz-Körper-Geist-Praxis auch darum, unsere buddhistische Haltung gegenüber den Dingen auszudrücken. Die Wichtigkeit sollte also bekannt sein, umso erstaunlicher ist jedoch, was ich in Sanko-ji und anderen Übungsorten erlebe. Ich möchte hierbei, bitte nicht
missverstehen, nicht anklagen, sondern auf ein Defizit in unserer Praxiskultur hinweisen, deren Teil ich bin. Letztlich sind wir alle Lehrer der anderen, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht. Dennoch einige Beispiele:
Der Koch kocht, doch nach dem Kochen sieht die Küche chaotisch und schmutzig aus, viele Abfälle liegen herum. Ist nicht meine Aufgabe…?
Beim Fensterputzen sehen die Fenster nachher verschmiert aus. Ich versuchte ja mein Bestes…?
Das Samu wird früher beendet. Ich bin ja schon fertig…? Oder umgekehrt, es wird verlängert, ich muss noch fertig werden…?
Nach einer Stunde Holzhacken ist gerade mal ein Korb voll. Ich habe sehr achtsam gehackt?
Die Blumen auf dem Altar sind lieblos in der Vase. Mit Blumen habe ich es nicht so…?
Der Ino stockt häufig beim Eko Rezitieren? Ich hatte keine Zeit zum Üben?
Abwaschende holen einen Beistelltisch aus dem Aufenthaltsraum, um dort das abgewaschene Geschirr abzulegen. Nachher ist der Tisch voller irreparabler Wasserflecken, er muss abgeschliffen und neu geölt werden. Er wird zurückgestellt, ohne etwas zu dem angerichteten Schaden zu sagen. Wo gehobelt wird, fallen Späne?
Diese Beispiele sollen auf einen Mangel von Heart Body Mind Praxis aufzeigen und verdeutlichen, wie wichtig die Praxis ist. Jeden Tag passieren viele solche Unachtsamkeiten mit und das ist wichtig zu verstehen – Folgen für andere Wesen!
Interessant ist hierbei v.a. wie gehe ich damit um, wenn ich so handle, wenn ich offensichtlich Fehler mache. Was heißt es, Verantwortung zu übernehmen? Mein Ordination Lehrer Missen Bovay war ein sehr strenger Lehrer, wenn es um diese Sache ging. Wenn man bei einer Verantwortung einen Fehler machte, dann hörte er nicht auf nachzufragen, wie konnte dies passieren? Als Shusso war ich einmal für das bekannte Sesshin in Urnäsch mit mehr als 100 Teilnehmern im Winter verantwortlich, zu den Aufgaben des Shusso gehörte die Temperaturregelung im Zendo. Ich wusste, er hatte das Zendo im Winter gerne gut gelüftet und kühl. Folgerichtig drehte ich am Abend nach dem Zazen die Heizung ganz ab. Am nächsten Morgen kam ich als erstes ins Zendo, es war sehr warm, jemand hatte die Heizung wieder angedreht. Ich drehte alles wieder ab und machte alle Fenster auf. Die ersten strömten schon warm angezogen, als Schutz vor der Kälte ins Zendo. Während des Zazen fiel eine Person wegen des Wärmestaus in Ohnmacht vom Kissen. Nach dem Zazen wurde ich von ihm für diesen Fehler verantwortlich gemacht, ich bereute von Herzen, und war froh, dass sich diese schon alte Person schnell wieder erholte. Nach längerer Zeit und bohrenden Fragen akzeptierte mein Lehrer schließlich meine sehr
authentische Entschuldigung. Ich ließ eine Ansage machen, die den Teilnehmenden klar machen sollte, was es für Folgen haben kann, wenn sie eigenmächtig handelten und die Heizung aufdrehten. Bei einem anderen Fehler, den ich in einer Pressemitteilung gemacht hatte, erinnerte er gerne unablässig über 8 Jahre vor mehreren Personen an diesen Fehler, bis zu seinem Tod. Zeigte ich nicht genug Reue? Wahrscheinlich …
Wir dürfen nie vergessen, dass wir mit jeder Handlung Verantwortung für ihre Folgen übernehmen. Auch wenn wir es mit guten Absichten tun, dürfen wir das Ergebnis nicht außer Acht lassen. Als Nonne/Mönch bin ich verantwortlich. Wir dürfen Fehler machen, wir werden Fehler machen, das ist normal…, aber wir sollen lernen, zu unseren Fehlern zu stehen, ohne ein Drama zu machen. Handlung, Fehler, Reue, Handlung, …. einfach eine unablässige Linie von Handlungsmomenten auf unserem Weg.
Besonders herausfordernd ist die, eine Handlung bis zum Schluss mit 100% Konzentration zu Ende zu bringen. Missen Bovay legte darauf immer sehr viel Wert. Wenn wir Schüler beispielsweise ein großes Sesshin wie Urnäsch oder gar ein Sommerlager durchführten, so brauchte das viel Energie und unablässiges Bemühen. War die Zazenpraxis mit der Abschlusszeremonie beendet, hatten viele das Gefühl, es ist vorbei, man entspannte sich. Doch eine der größten Aufgaben lag noch vor uns: das Aufräumen, das Putzen, das Packen, das Transportieren und wieder ausladen. Immer wieder ermahnte er uns, „Zen ist volle Konzentration bis zum Schluss“, doch plötzlich verschwanden Helfer, durch Unkonzentriertheiten passierten Fehler mit Folgen, …. Kurz, hier lag die eigentliche Bewährungsprobe und trennte sich die Spreu vom Weizen bei den Praktizierenden.
In einer digitalen Arbeitswelt, wo man nur noch selten aufstehen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, wird der Körper unwichtiger. Erst wenn er nicht mehr so will wie wir wollen, merken wir schmerzhaft, dass da ja noch ein anderer Teil von mir ist. Besser wäre, wir würden ihn immer als gleichberechtigten Teil ansehen und uns um ihn kümmern. Ich gehe noch einen Schritt weiter, wahrscheinlich wäre es besser, wir würden uns um unseren Herz-Körper-Geist kümmern. Da ist für den Anfang ein ganz einfach Motto nützlich: „Was mir wirklich gut tut, tut auch anderen gut.“
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