Der Schnee der Nacht überdeckt all die Blumen und Knospen des Frühlings. Ausser den hungrigen Vögeln an der Futterstation ist alles für kurze Zeit im Frost erstarrt. Auch ich unterbreche das geschäftige Frühlingswerkeln rund um die Klause und in der Permakultur und schreibe am warmen Ofen lieber den April Brief.

Eigentlich habe ich seit dem letzten Brief nichts Neues zur aktuellen gesellschaftlichen Situation zu sagen, ich probiere es aber anders aus zu drücken und bediene mich dabei ungeniert an den unzähligen Zitaten unserer Vorgänger. Heute bediene ich mich v.a. beim Buch «Ryokan interpreted» von Shohaku Okumura.

Auf dem Weg des Zen, des Naikan, des Buddhismus und vieler anderen spirituellen Weges richtet man seinen Focus auf sich selber und nicht danach was die anderen machen und tun.

Beispielsweise empfahl der Herr Shakyamuni die Praxis der vier Wege zum Aufbau einer unterstützenden und tragenden Beziehung. (Von Dogen auch Shishobo genannt. Kapitel «Bodaisatta Shishobo» im Shobogenzo)

Anderen Geben, wohlwollende Rede (Worte der Liebe für Andere), Vorteils- Taten (für Andere) und Gleichheits-Taten ( Handeln als wäre man der Andere)

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Alle oben genannten Praktiken helfen uns, unseren kriegerischen, gierigen, nach unserem Vorteil zielenden Geist zu verändern. Heute möchte ich gerne über die Praxis „Handeln als der Andere“ schreiben.

In einem der frühsten buddhistischen Schriften dem Dhammapada schreibt Shakyamuni Buddha:

Alle zittern vor der Rute der Strafe, alle fürchten den Tod, vergleicht man andere mit sich selbst, sollte man weder töten noch töten lassen.

Alle zittern vor der Rute der Strafe, denn alles Leben ist teuer, vergleicht man andere mit sich selbst, sollte man weder töten noch töten lassen.

Im späteren Samyutta Nikaya dichtet Shakyamuni:

Nachdem man mit dem Geist alle vier Ecken durchquert hat, findet man nirgends etwas Lieberes als sich selbst.

Ebenso liebt sich jeder am meisten; daher sollte jemand, der sich selbst liebt, anderen nicht schaden.

Shakyamuni sagt, dass wir uns alle selbst lieben und wir verstehen müssen, dass wir uns nicht von anderen unterscheiden. Deswegen sollte wir anderen nicht schaden. Dieses Erwachen zur Wirklichkeit, dass wir und andere gleich sind, ist der Ursprung des Gleichheits-Tun.

Wie wir alle wissen, sagte Jesus, man solle den anderen so Lieben wie sich selbst. Das ist exakt der gleiche Geist.
Um das zu können, muss man zunächst seine Selbstliebe verifizieren und dann sich in den anderen hineinversetzen bis hin zur Selbstaufgabe.

Shakyamuni setzte die Selbstliebe voraus, in meiner Arbeit mit Menschen merke ich, dass es einige Menschen gibt, die diese Selbstliebe erst entdecken müssen. Viele immer durch äussere Bewertung funktionierende Menschen, konnten diese bisher nicht entdecken und müssen diese erst Lernen, indem sie ihren Fokus nach Innen richten, z.B. durch Zazen oder Naikan.

Durch die drei Fragen des Naikan können wir Menschen Selbstliebe entdecken, erfahren dass wir geliebt wurden und werden und uns in andere reinversetzen lernen. Denn die drei
Fragen erzwingen einen

Perspektivwechsel. Wir schauen mit Hilfe der Augen eines Anderen auf uns selbst.

 

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