Eröffnungsbemerkungen von Meister Dogen

“ All die verschiedenen Buddhas sind außergewöhnliche Menschen.
Es gibt acht Realisierungen oder Qualitäten, deren sich diese außergewöhnlichen Menschen gewahr werden und deswegen werden sie als die acht Qualitäten eines großen Menschen bezeichnet. Sich dieser Dharmas bewusst zu werden, wird zur Ursache für (das Betreten von) Nirvana. Am Abend, als er ins Nirvana eintrat, war dies die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers, Shakyamuni Buddha.

Wenn wir nicht ständig tiefer in den Buddhadharma eintauchen, eine Schaufel nach der anderen, werden wir aus Brauch oder Gewohnheit nur noch dümmer oder seniler. Wie auch immer, das Ausgraben einer Schaufel ist keine leichte Aufgabe.” Dogen

Wir leben in einem Zeitalter, in dem Wohlstand der höchste Wert ist! Dies kann logischerweise nicht ewig weitergehen. Denn die Ressourcen sind beschränkt, die Menschen zahlreich. Verteilungskämpfe werden sich verstärken.

Kosho Uchiyma Roshi sagte: “Ein Zeitalter, wo “Ich will das jetzt!” der höchste Wert ist, ist aus Sicht der wahren Menschlichkeit, prähistorisch.”

Ich denke wir wissen alle, was Uchiyma meint, doch, wie neueste Forschungen der Steinzeit belegen, wäre eine prähistorisches Menschenbild für unsere Welt lange nicht so fatal, wie unser industrie-gesellschaftliches und kapitalistisches Bild der Ausbeutung und des Imperialismus.
In dem Buch mit dem Titel “Anfänge”, fassen David Graeber, der bedeutendste Anthropologe unserer Zeit, und David Wengrow, einer der führenden Archäologen, den aktuellen Stand der Forschung zusammen und entfalten in ihrer großen Menschheitsgeschichte, wie sich die Anfänge unserer Zivilisation mit der Zukunft der Menschheit neu denken und verbinden lässt. Im Gegensatz zum stereotypen Klischee des Steinzeitmenschen waren diese prähistorischen Gesellschaften meist basisdemokratisch und gleichberechtigt aufgebaut, sie kamen ohne Staatsmacht und “Führer” aus und versuchten ressourcenorientiert im Einklang mit der Natur zu leben, obwohl diese Ressourcen gar nicht bedroht wurden. Nun sind die Ressourcen bedroht und wir wollen nur eins “Wohlstand”.

Der wichtigste Punkt ist, dass unsere Kultur weltweit den “Wohlstand” als den höchsten Wert auserkoren hat. Wohlstand ist der neue “Gott”. Die verschiedenen existierenden gesellschaftlichen Konzepte, wie Kapitalismus, Demokratie, Sozialismus, Kommunismus, Liberalismus, Fridays for Future, Wokeness, etc. werden daran nichts ändern, wenn sie nicht einsehen, dass sie die Idee des Wohlstands loslassen müssen.

Schauen wir uns um, dann sehen wir überall gut gekleidete Menschen, die gestylt sind, die sich mit Superfood ernähren und mithilfe von Sport und Meditation fit und gesund halten. Neben dem Wohlstand ist Wohlbefinden noch eine weitere “Götze” unserer Zeit.

Auch die meisten Kritiker unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel die Klimaaktivisten, orientieren sich dennoch an diesen Werten. Doch dies ist paradox.

Wie können wir dieses Paradoxon lösen?

Albert Einstein sagte einmal:

“Man kann die Probleme des Menschen nicht mit dem Denken lösen, mit denen sie geschaffen wurden.”

Seit hunderten von Jahren orientieren wir uns, dank der alten westlichen Traditionen, an der Prämisse: Es muss nützlich für den Menschen sein, denn er ist das höchste Wesen! Ist das so?
Im Buddhismus nennt man diese Welt, die Welt der hungrigen Geister. Und Buddha zeigte den Weg heraus aus dieser Welt und schuf das Bild des grossen und wahren oder aussergewöhnlichen Menschen, der dies schafft.

Die Welt des Dainin, des wahren Erwachsenen, sollte jetzt beginnen. Wir brauchen wieder eine Periode wahrer Menschlichkeit, eine Welt in der sich die Menschen nicht um das streiten und kämpfen, was Ihnen von den Reichen und Mächtigen zum Frass/Konsum vorgeworfen wird. Die, die nichts abkriegen, jammern herum und klagen, weil sie das Opfer sind und würden doch so gerne, um das streiten und kämpfen, was die Stärkeren ihnen weggenommen haben und streben danach, möglichst bald Täter zu werden. Es ist nie genug!

Was ist ein aussergewöhnlicher Mensch?

In unserer Kultur ist das meistens ein Mensch mit besonderen Talenten oder hoher Intelligenz.
Die gängigen Idole und Vorbilder unserer Zeit haben zum grossen Teil ihre Berechtigung. Ein Musiker, der wunderschöne Musik kreiert, die den Menschen etwas gibt, ist unbestritten etwas Schönes und Heilsames. Ein Schauspieler, ein herausragender Sportler, ein grosser Denker oder Wissenschaftler kann sehr inspirierend sein.

In den Medien werden ständig solche aussergewöhnlichen Menschen um ihre Meinung, um ihren Rat gefragt. Die sogenannten Experten geben ihre Expertise ab und das kann hilfreich sein. Wenn Künstler oder Sportler beispielsweise zu politischen Themen befragt werden, ist das allerdings schon ein bisschen seltsam.

Diese Wissenschaftler, mit aussergewöhnlicher Intelligenz gesegnet, haben mit ihren Fähigkeiten zu grossen Erkenntnissen geführt, die von Menschen mit ungewöhnlicher Tatkraft umgesetzt wurden. Wir machen Fortschritte unbestritten!

Doch was den einzelnen Menschen bestimmt, ist: “Jetzt verdiene ich 1000€, wow, jetzt verdiene ich 5000 €; jetzt bin ich Angestellter, oh, jetzt bin ich auch Chef, ich habe dieses Hobby, ich Reise dorthin und kann mir das leisten, ich bin achtsam, deswegen.., ich bin gut, ich bin berühmt, ich bin wichtig und mächtig, ich spende und bin Wohltäter.

Doch diese Art von Werten ist nicht gut durchdacht. Denn egal wie weit ich auf der Karriereleiter gestiegen bin, es sind immer gleich viele Sprossen vor mir. Genauso ist es mit dem Geld, es ist nie genug.

Folgt man jedoch der Lehre und Praxis des Buddha, gibt es kein mehr kriegen oder höher steigen und mächtiger werden – im Gegenteil.
Der Kern Buddha Shakyamunis Lehre war von Anfang an, das Heranwachsen und Handeln als wirklich aussergewöhnlicher Mensch, als “echter Erwachsener”. Und wie kommt man dahin?

Dazu müssen wir Jiko – das grosse Selbst kennenlernen. Meister Dogen sagte im Genjokoan den berühmten Satz: “Den Buddhaweg studieren und praktizieren ist Jiko – das eine grosse Selbst studieren und praktizieren.” Man wächst einfach zu einem wahren Menschen, der Jiko – “Einselbst” verwirklicht hat.

Oft wurde dieser Satz, etwas unglücklich übersetzt oder interpretiert. Manchmal liest man so etwas wie. “Den Buddhaweg studieren, ist sich selbst zu studieren.” Viele interpretieren dieses “ sich selbst studieren” dann in die Richtung von: Ich muss mich mit mir befassen. Ich muss mich mit mir selbst aussereinandersetzen. Ich muss mich, wie in einer Psychotherapie, bearbeiten und kennenlernen. Doch Dogen meint tatsächlich “Jiko” zu studieren und zu praktizieren – das eine, allumfassende Selbst.
Denn du kannst nie etwas anderes werden als dieses selbst so wie du bist. Es gibt nichts ausserhalb zu erreichen.

Wenn wir dann irgendwann sagen können, unsere Gesellschaft ist gereift, ist zu einer erwachsenen Gesellschaft von geworden, dann können wir zum ersten Mal sagen, das wirklich Fortschritte gemacht wurden.