Von Gyoriki Herskamp, April 26

(Kommentar zu Zenmeister Dogens Lehren über die ‚Acht Qualitäten einer grossen Person‘ von Gyoriki auf der Basis des Textes ‚The Roots of Goodness’ – Kommentar Kosho Uchiyama Roshi, übersetzt von Daitsu Tom Wright)

2. Wissen, dass man genug hat – Chisoku so

“Die zweite Erkenntnis eines großen Menschen ist zu wissen, wann man genug hat. Die Akzeptanz der bereits erhaltenen Dharmas (Dinge) zu begrenzen, bedeutet zu wissen, dass man genug hat.

Der Buddha sagte: „Mönche, wenn ihr euch von Schmerzen und Leiden befreien wollt, müsst ihr euch klar darüber sein, dass ihr genug habt.“ Genau dieses Dharma, zu wissen, wann man genug hat, führt zu größtem Reichtum, Glück und innerem Frieden.
Auch wenn man auf dem Boden schlafen muss, findet jemand, der weiß, wann er zufrieden sein muss, Trost und Geborgenheit. Im Gegenteil: Wer nicht weiß, was genug ist, wird nie ein Scherzkeks sein und immer unzufrieden bleiben, selbst wenn er in einer prächtigen Villa lebt. Wer trotz seines großen Reichtums nicht weiß, wann er zufrieden sein muss, ist in Wirklichkeit verarmt. Andererseits ist jemand, auch wenn er materiell arm ist, wirklich reich, wenn er weiß, was es bedeutet, genug zu haben. Wer nicht weiß, was es bedeutet, genug zu haben, wird immer von seinen fünf Sinnen hin und her getrieben und von denen bemitleidet, die die Bedeutung von „genug haben“ verstehen.

Das nennt man „wissen, dass man genug hat“.

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Alle Wesen/Phänomene unserer Welt sind im großen Netz des Lebens in wechselseitig bedingten Entstehen und Vergehen miteinander verbunden. Wenn eine Kuh Gras frisst, opfert sich das Gras; wenn wir sterben, stellen wir unseren Körper anderen zur Verfügung.

Es ist wie ein Rad des Lebens, das unablässig in Bewegung ist.
Es gibt eine kleine buddhistische Geschichte: “Einst bat der Drachenkönig den Buddha um Hilfe, denn der Garuda, der sich ausschließlich von Drachen ernährte, bedrohte die Drachen Spezies. Der Buddha gab ihm ein kleines Stück seines Kesas und ließ es den Drachenkönig in einzelne kleine Fäden zerlegen. Jeder dieser Okesafäden in Besitz eines Drachen beschützte ihn vor dem Garuda. “
Doch, da sich der Garuda nur von Drachen ernähren kann, würde er anstatt der Drachen sterben….
Diese Geschichte zeigt uns eines unserer menschlichen Grundprobleme auf: Können wir leben, ohne Leben zu nehmen?
Wir könnten auch sagen: Die Drachen geben ihr Leben, um den Garuda zu ernähren. Die Wiesenblumen geben ihr Leben, um die Kuh zu nähren. Die Kuh opfert ihr Leben den Menschen, um ihn zu nähren.

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Gyoriki ist nicht mehr allein und Stille heißt nun Kuhglocken – Batang, batang…pagong! Sechs Walliser Kampfkühe – Ehringer Rasse – zu Besuch.

Das Sterben ist etwas wie ein Opfern, damit andere Leben können. Wenn wir Menschen sterben und als Tote in der Natur liegen bleiben würden, würde unser Körper von ganz vielen Wesen als Nahrung dienen. Wir oder besser: die unzähligen Bestandteile unseres Körpers würden in den unendlichen Kreislauf des Lebens zurückkehren. Unser Tod schenkt oder ermöglicht anderen das Leben.

Shohaku Okumra benutzt gerne die Metapher einer Bergbesteigung, um das menschliche Leben zu beschreiben. Der Mensch wird am Fusse des Berges geboren, er isst und trinkt die dargebotene Nahrung anderer Lebewesen, um

diesen Berg besteigen zu können. Auf dem Gipfel des Lebens angekommen, oft im hohen Alter, stirbt der Mensch oder stürzt sich die Felswand hinunter in den Tod. Durch diesen Prozess übergeben wir unser Leben jemand anderem. In Tibet werden, so habe ich gehört, immer noch menschliche Körper in die Berge an spezielle Plätze transportiert, an denen die verschiedenen Geierarten warten, um sie zusammen mit vielen anderen Wesen restlos zu vertilgen und zu verwerten. Sehr direkt und lehrreich finde ich…, ganz anders als bei uns, wo der Mensch oft im Verborgenen stirbt und klinisch rein, in speziellen Krematorien verbrannt wird, da bleibt nicht viel übrig.

Wer schon einmal in Kathmandu oder Indien war, kann diesen Prozess der Leichenverbrennung noch archaischer und lehrreicher für uns Menschen miterleben. Im Hindu-Tempel Pashupatinath in Kathmandu meditieren viele Menschen in der Morgen- oder Abenddämmerung und schauen den mehr oder weniger gut brennenden Leichen Feuern am Bagmatifluss zu. Ich habe dieses Erlebnis als sehr lehrreich verinnerlicht.

Wie können wir als Buddhist im Einklang mit dem Dharma leben und das Leben anderer nehmen, um uns zu ernähren? Jedes Lebewesen muss essen und jedes Lebewesen hat seine ureigenen Methoden entwickelt, um zu überleben und den Fortbestand seiner Spezies zu gewährleisten.
Was ist notwendig für mich zu nehmen und was nicht? Das ist die tiefe Frage des menschlichen Lebens, die sich jedes Kind Buddhas persönlich tief stellen sollte. Eine sehr schwierige und unbequeme Frage, wenn man in einem Land lebt, wo der Konsum die Religion ersetzt hat. Wo fast jeder sich das für wenig Geld in einem Supermarkt kaufen kann, wo er gerade Lust darauf hat. Das Angebot ist überwältigend, die Bedürfnisse werden von ganzen Industrien versucht auf “Unendlich” hin zu steuern. Wenn ich mit meinen Enkeln in den Supermarkt gehe, ist das jüngste noch ganz erschlagen von dem farbenprächtigen Überangebot und wird ganz still, die älteren Zwei aber sind ganz nervös und gierig und damit beschäftigt mir zu erklären, dass sie dieses ganz dringend brauchen und jenes noch viel mehr! In den anwesenden Erwachsenen, also auch in mir, läuft der gleiche Prozess, einfach sehr still, in meinem Kopf ab. Was ist gerade notwendig? Ich hätte mehr Geld als das Notwendige? Wann habe ich genug, wann bin ich zufrieden? Das ist die tiefe Frage, die jeder Dainin, jeder große Erwachsene im Sinne Buddhas und damit jedes Kind Buddhas tief und immer wieder klären sollte. Ich glaube, dass geht es hier.

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Wir leben inmitten der wechselseitigen Abhängigkeit auf diesem Planeten. Alle Lebewesen werden von allen Lebewesen unterstützt.
Jeder sollte von uns herausfinden, was er zu tun hat und was er nicht tun sollte? Manches ist notwendig, anderes nicht. Das gilt für alle Gebote, nicht nur für das Gebot, des, nicht Leben nehmen. Deshalb sind die Gebote ein wichtiger Leitfaden und die Qualitäten eines großen Menschen, ein wichtiges Hilfsmittel.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben jedoch diese Fähigkeit verloren, vollkommen erschöpft, kommen sie und suchen Rat: Sie erzählen mir, was sie alles müssen, was alles von ihnen verlangt wird, das sie bald nicht mehr können. In der Tat, wir alle müssen heute so unglaublich viel oder meinen das zu müssen und deshalb leiden wir. Auch ich!
Wenn wir uns aber Zeit nehmen, dies einmal in Ruhe anzuschauen, dann ist das ein oder andere nicht unbedingt nötig, sondern nur einer der vielen Wünsche und Bedürfnisse, denen wir Menschen in dieser Überflussgesellschaft ausgesetzt sind. Was nicht notwendig ist, muss jeder selber entscheiden. Einige Arbeitskollegen müssen im Winter unbedingt in Thailand Ferien machen, das muss ich gar nicht zum Beispiel. Zu wissen, wann genug ist und mit möglichst wenig zufrieden sein, ist wohl sicher der Schlüssel, meint zumindest der Buddha.

Um zu wissen, wann man genug hat, kann man am besten ein Sesshin machen. Nach zwei bis drei Tagen Zazen merken eigentlich alle: Das Handy vermisst man nicht, Nachrichten braucht man nicht. Der Konsumdurst bleibt aus. Eine Schale Essen pro Mahlzeit, Tee, Kaffee und Wasser; ein Bett zum Schlafen; bequeme einfache Kleidung, ein Zafu zum Sitzen, ein Dach über dem Kopf, nicht zuviel Wärme oder Kälte, eine ruhige Umgebung in der Natur sind: Genug!

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Doch irgendwann sollen/müssen wir wieder zurück in die mondäne Welt, denn hier lebt der Bodhisattva, der gelobt hat, alle Menschen zu retten.

Und dort ist es für jeden von uns nicht einfach. Die Verführungen und Ansprüche und Notwendigkeiten unserer Gesellschaft werden immer mannigfaltiger und es wird immer schwieriger, sich dem zu entziehen. Kann ich noch ohne Handy leben – ich glaube nicht. Hier in den Bergen bietet mir das Smartphone den Internetzugang, für ganz viele Leistungen, wie Bankkonto, Krankenkasse, etc. brauche ich wegen der zwei Faktoren Authentifizierung das Handy.

Gewisse Dinge sind notwendig, andere nicht! Wann habe ich genug? Das ist eines jeden Lebenskoan? Face the question!

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