Überlegungen zum zweiten Satz des Shoyoku
Dieser Satz wurde von Eihei Dogen dem ursprünglichen Text von Shakyamuni Buddha hinzugefügt.
“Nicht stark den Objekten seiner Wünsche (entstanden durch die fünf Sinne), die noch nicht erfüllt sind, nachjagen, ist, was man ‘Wenig Wünsche haben’ nennt.”
Wenn man das Wort „wild“ hört, denke ich, wie viele von Ihnen auch, zunächst unwillkürlich an Wildnis, wilde Tiere und Pflanzen und ihr Verhalten. An ein menschliches Verhalten also, das dem von wilden Tieren nahe kommt.
Schaut man beispielsweise einem männlichen und weiblichen Hund zu, die „rallig“ sind, dann trifft dieses Verhalten vielleicht auch auf Menschen zu. Beispielsweise wenn im Karneval oder auf dem Oktoberfest sich Männlein und Weiblein, aufgeputscht durch übermässigen Alkoholkonsum und Masseneuphorie, geil auf sich stürzen und es zu einem eher „tierischem Verhalten“ kommt.
Ich verstehe „Wild“ in diesem Zusammenhang also im Sinne von enthemmt, tierisch, maßlos, zügellos, eine der zwei Hauptbedeutungen von “wild”.
(Im Duden kann man die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „wild“ nachlesen:
- nicht domestiziert,nicht kultiviert – wild wachsende Pflanzen
- a) niedrige Kulturstufe – wilde Stämme…b) unzivilisiert, nicht gesittet – wilde Gesellen, Sitten
- a) urwüchsig, naturbelassen, im natürlichen Zustand belassen b) wuchernd – unkontrolliert wachsend c) nicht urbar gemacht -wildes Land
- unkontrolliert, unreglementiert , oft gesetzeswidrig, offiziell nicht gestattet
- a) heftig, stürmisch, unkontrolliert, ungezügelt, enthemmt – Flucht, Panik, entschlossen b) wütend, rasend, enthemmt, c) lebhaft, temperamentvoll – z.B. Kinder
- Das erträgliche Maß überschreitend, maßlos, wüst.)
Die zweite Hauptbedeutung von „wild“ geht in die Richtung von naturbelassen, nicht urbar gemacht, normal, natürlich, chaotisch.
So zeigen Tiere ein typisches Verhalten, wie folgendes Beispiel dokumentiert:

Der Zebra spürt, der Löwe ist hungrig und stoppt das Äsen. Wenn ein Löwe auftaucht, heißt das nicht, dass ein Zebra sofort in Alarmbereitschaft ist, sondern erst, wenn er spürt, dass der Löwe auf der Jagd ist, gerät er in Alarmbereitschaft. Wenn dann der Löwe seinen Angriff auf die Herde oder auf ein einzelnes Tier startet, dann flüchtet auch das Zebra in wilder Hatz durch die Savanne. Hat der Löwe sein Ziel erreicht und einen Zebra geschlagen, dann spürt das Zebra sofort, dass die Jagd vorbei ist und beginnt, mit seinen Artgenossen in Ruhe weiter zu äsen. Auch der Löwe stoppt seine Jagd, weil er genug hat. Er tötet nicht wahllos weiter. Ähnlich handeln indigene Völker. Die gemeinschaftliche Jagd ist vorbei, die Sippe ist versorgt. Ein vollkommenes, ursprüngliches, wildes und natürliches Verhalten.
Menschen, der heutigen Zeit, handeln meist anders. Obwohl der Homo sapiens über die Macht des Intellekt verfügt, scheint dies dazu zu führen, dass er immer mehr, noch mehr will, und viel mehr will, als er braucht. Er entwickelte trotz hoher Intelligenz einen Anhäufungswahn. Unsere ganze Gesellschaft ist darauf hinaus, immer mehr zu konsumieren, immer noch schönere Ferien zu machen und tollere Autos zu kaufen oder sich noch mehr zu optimieren (schöner, fitter, schlauer), etc. – Ich habe schon oft darüber gesprochen.
Die aktuellen politischen Geschehnisse zeigen einmal mehr, dass die „starken“ Länder versuchen, die vermeintlich schwachen Staaten einzuschüchtern und sich einzuverleiben.
Erstens wahrscheinlich, weil sie es dank ihren militärischen Möglichkeiten können und zweitens ,weil sie denken, wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer starker Konkurrent. Sie teilen sich die Welt der Schwachen in Einflussgebiete auf, zögern nicht, diese Gebiete zu verteidigen und zu packen, denn der Starke schaut, dass die Anderen nicht zu groß werden.
Wir erleben offensichtlich wieder eine Zeit des Kolonialismus. Die großen, eigentlich unangreifbaren Staaten glauben, sie müssten sich verteidigen, und greifen die kleinen Staaten, Völkerrechte hin oder her, präventiv an, um sich Land, Ressourcen, Bodenschätze, Einflussnahme zu sichern.
Auch man selbst denkt und handelt so, in Spielen lernt man dieses strategische Verhalten schon als Kind und wendet es, wenn man als Erwachsener mit großen Ambitionen unterwegs ist, in seiner Geschäftswelt, Umgebung, ja sogar Familie an.
Doch wie Uchiyama in seinen Texten ausführt, sind dies nicht Wünsche, im eigentlichen Sinne, sondern es handelt sich um eine Form der Gier. Aus Angst in Zukunft leiden zu müssen, geboren, versuchen die Staaten, getrieben von der Habgier vorsorglich so viel zu bekommen wie möglich.
Diese Art des Denkens erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance und beschert uns gerade eine Menge politischer Probleme und großes Leiden in der Welt.
„Es sind nichts weiter als Bilder, die in den Köpfen der Menschen entstehen, in der Annahme, dass sie leiden werden, wenn sie nicht jetzt zuschlagen und sich nehmen, was sie können.“ K. Uchiyama
Auch uns Einzelnen treibt die Angst an, so viel wie möglich rechtzeitig zu bekommen und für eine unsere sichere fiktive Zukunft zu raffen, wie ich weiter unten in meinem Essay “Der Weg des Brennholzes – von der Praxis zum Wahn” versuche darzulegen.
Dieses Verhalten ist also menschlich und anerzogen. Jeder kennt es und wendet es an, da es absolut unbewusst passiert. Deshalb empfiehlt der Buddha ja auch, keine Wünsche zu haben, sondern weniger Wünsche zu haben. Denn nach seiner Erfahrung bewirkt die Askese das Gegenteil. Wie auch die moderne Hirnforschung zeigt, verfügen wir über keine Löschtaste und es ist deshalb unmöglich, solche Grundzüge eines jeden Menschen auszulöschen. Ja, im Gegenteil, jeder Versuch, etwas zu löschen ,verstärkt das Muster. Was wir aber gut können, sind die Auswirkungen unseres Handelns begrenzen, indem wir einerseits unser positives Verhalten, wie Großzügigkeit, Geben, Helfen, stärken (s.u); die Selbstkontrolle, wie es beispielsweise Eltern von Natur ausmachen, um ihre Kinder aufzuziehen, anwenden und Impulskontrolle üben, indem wir Innehalten, Zazen üben, Atmen u.v.m. Ein wahnsinnig spannendes Feld, was ich aus Sicht des Zen in diesen Texten versuchen möchte zu erörtern.
Auch einige pflanzenfressende Tiere zeigen auf den ersten Blick ein ähnliches Verhalten. So sammelt hier im Wallis der Tannenhäher so viel Arvensamen wie möglich und versteckt sie an allen möglichen Ort für den Winter. Er wird aber dabei von seinen Mittieren beobachtet und diese plündern die Lager des Tannenhähers. Trotzdem bleiben viele der Vorratslager unentdeckt, und aus den keimenden Samen entstehen neue Arvenbäumchen an den interessantesten Orten.
Das besondere an dieser Symbiose ist, dass nur der Tannenhäher in der Lage ist, die Arvenzapfen überhaupt zu knacken, um an die Samen heran zu kommen. Kein anderes Tier ist dazu in der Lage. Auf der einen Seite hat er so zur Zapfenzeit einen Überfluss an Nahrung und quasi ein Monopol. Auf der anderen Seite könnte die Arve sich ohne den Tannenhäher und sein Vorrat Verhalten sich nicht vermehren und ausbreiten. Und ganz zufällig profitieren ganz viele andere Tiere von dieser Notgemeinschaft.
Dass wir im Deutschen das Wort „wild“ im Sinne von „zügellos, maßlos” benutzen, ist sehr bezeichnend für unsere europäische Kultur.
Entstanden aus der Unwissenheit, das zweite Hauptgift nach der Gier in der Lehre Buddhas, von Menschen, die die wilden Gesetze der Natur nicht kennen.
Die Kombination von Unwissenheit und Gier führt dazu, dass wir die Natur als maßlos und zügellos erleben, dabei ist sie zur Wachstumszeit nur unglaublich großzügig für alle Mitpflanzen und -Tiere.
Angetrieben von der Angst, zu kurz zu kommen oder uns gar jemand etwas wegnimmt, schaffen wir in unserer Umgebung Ordnung, und töten alles um uns herum – Ungeziefer und Unkraut natürlich zuerst!
Mit „Macht euch die Erde Untertan!“ , einer göttlichen Aufforderung aus dem Alten Testament, die die Grundlage des Christentums und damit unserer Kultur des christlichen Abendlandes bildet, als Slogan, ist „Jeder“ auserwählt und hat das Recht sich zu bedienen und alles „ Gefährliche und Wilde“ in seine Schranken zu weisen.
Die Grundlage des heute dominierenden, selbstzerstörerischen Kapitalismus ist nach dem großen Max Weber somit das Christentum, insbesondere der Protestantismus, aus dem der Kapitalismus entstand. Über dieses interessante Phänomen werde ich aus Zeit Gründen aber erst später schreiben.
Dieser habgierige Geist führt zu den abstrusesten Tendenzen in unserer Gesellschaft, hier ein paar Beispiele:
Kinder: Sie sind laut, teuer, sie stören, das muss man einschränken und kontrollieren. Streiften und spielten wir in meiner Kindheit ungebunden und freudvoll bis zur Schlafenszeit durch die Nachbarschaft, so wird heute alles Tun des Kindes reglementiert. Spielzeiten auf den öden Spielplätzen, die Lautstärke muss sowieso angepasst werden, denn wir wollen keine wilden Kinder. Arbeitskollegen berichten von verwahrlosten Kindern, die im Winter nach Einbruch der Dunkelheit im Schnee spielend angetroffen wurden. Da muss man herschauen, aufpassen, etwas tun…, oder?
Naturschutz: So lustig! Neophyten und Neozoen müssen ausgemerzt werden, da sie die Natur gefährden. Naja, erstmal haben wir in Deutschland fast keine Wildnis mehr, sondern unsere Gier hat in den letzten Jahrhunderten dafür gesorgt, dass alles Wilde aus expansiven, wirtschaftlichen Gründen reguliert wurde. Die Wildnis reguliert sich selbst und eigentlich sind 99% der Pflanzen Einwanderer, die nach dem Ende der Eiszeit vor ca. 10000 in die neue Welt ausmachten, besiedelt und ein dynamisches, sich selbst regulierendes Ökosystem schufen. Die Wildnis ist aber gar nicht erwünscht, sollte ein Baum im Sturm einen Ast verlieren und ggf. einen Menschen verletzen, ist dies das Todesurteil für ihn. Er wird schlimmer behandelt wie ein Attentäter. Prophylaktisch wurden im Schwarzwald die Bäume rechts und links von allen Strassen in Streifen bis zu 50m entfernt, da sie ja umfallen könnten und Menschen behindern, verletzen, töten. Wahrscheinlich werden wir zukünftig Natur nur von Weitem zuschauen dürfen, weil sie so gefährlich für uns ist: Schmutz, Bakterien, Viren, wilde Tiere, Äste werfende Bäume,…
Alte Menschen: Ich kenne alte Menschen, die überwiegend protestantischen Glaubens sind, die darüber nachdenken, ob es nicht besser ist, sich aus dieser Welt zu verabschieden, da sie viele Ressourcen kosten, wenn sie lange leben und unrentabel sind. Sie sind unnütz geworden, und die Gesellschaft denkt laut darüber nach, wie man damit umgehen soll. Das nennt man übrigens „Euthanasie“ jemand entscheidet über unnützes Leben und beseitigt es.
Nicht Gott oder das Universum entscheidet darüber, sondern effektive Menschen und ihre Kosten/ Nutzen- Rechnung, entscheiden, was leben darf.
Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass man immer weniger behinderte Menschen in der Öffentlichkeit sieht. Schwangeren Frauen wird empfohlen Gentests zu machen und ggf. abzutreiben, wenn sich eine Trisomie 21 oder ähnliche Gendefekts verifizieren. Denn behinderte Kinder können per se nur Unglück und Leid bringen, außerdem führen sie zu hohen Kosten-/ Zeitaufwand.Viele Paare entscheiden sich heute für eine künstliche Befruchtung und können so Geschlecht, Aussehen, etc mitbestimmen.
Obdachlose werden verprügelt, angezündet, ….oft von Jugendlichen, so lese ich es zumindest in den Zeitungen.
Was für einen Geist lehren und verbreiten wir da? Alte Menschen mit ihrer ungeheuren Lebenserfahrung! Wir brauchen sie! Behinderte oder andersartige Menschen, wir brauchen sie! Ich habe schon öfters Kinder mit Trisomie 21 unterrichtet, wie fröhlich sie sind, wie mitfühlend sie sein können! Fragen sie mal Eltern von solchen Kindern, bieten sie Ihnen an, Ihnen zu helfen und diese Kinder zu entsorgen! Sie werden erleben, wie viel diese Kinder ihren Eltern geben und wie sehr diese Eltern ihre Kinder lieben. Jeder von uns kann obdachlos werden oder in Not geraten!
Das ungeschriebene Gesetz des Lebens ist: You never now! Jeder ist einzigartig und unentbehrlich in dieser Welt der wechselseitigen Abhängigkeit und des Miteinanders! Alles und Jenes ist Teil unserer großen, wunderbaren Welt.
Zazen lässt uns dieses „Selbst“ leben!
Gut hat der Mensch viele Seiten und viele Stimmen in sich und lebt diese und das sehen wir im Alltag. Viele Menschen schenken dem alkoholkranken Obdachlosen ein Lächeln und ein wenig Geld, stehen in der Bahn auf, wenn eine ältere Person herein kommt und bieten einen Sitzplatz an. Ist mir selbst schon passiert! Schön! Aber ich bin doch gar nicht alt!:-)! Da gibt es Menschen, die heimlich Tauben füttern, obwohl verboten. Auch hier in Sanko-an füttere ich die Vögel und habe daran große Freude. So viele Ehrenamtliche und Freiwillige gibt es in unserer Gesellschaft, die sich in ihrer spärlichen Freizeit für Kinder, Alte, Kranke, Arme, Behinderte und Naturschutz engagieren. Wie wunderbar! So viele Menschen, die unnützes Zazen praktizieren und so die Welt verändern!
Der Geist des Dainin ist nicht der Geist, der so viel rafft, wie er bekommen kann und zerstört, was ihm in die Quere kommt. Wir können so nicht handeln. Er macht uns unglücklich. Es ist der Geist, der versucht zu geben und wenn es auch nur ein kleines Bisschen ist. Es ist der natürliche, wilde Geist, der noch in traditionellen Gesellschaften vorherrscht, der Geist der Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Der Geist der Zurückhaltung und Reduzierung seiner Wünsche. Diese kleine Form der Selbstkontrolle ist der Geist einer großen Person!
Diesen Geist pflegen und sich nicht anstecken lassen vom Zeitgeist wird die Welt ändern.
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