“Die Tatsache ist, alle wie sie gerade sind, sind vollständig und komplett.” –
schreibt Kosho Uchiyama. Das hat etwas mit der Lebenskraft oder der kosmischen Kraft, die in jedem menschlichen Wesen und allen Dingen und Lebewesen wohnt, zu tun. Darüber habe ich im letzten Brief geschrieben, möchte dies aber noch etwas deutlicher ausführen, da ich die Erfahrung mache, das viele Menschen meinen, aufgrund von psychischen Diagnosen, traumatischen Erfahrungen u.v.m, in ihrem Leben benachteiligt zu sein, nicht richtig funktionieren können, keine “echten, normalen Menschen sind bzw. Menschen zweiter Klasse – Opfer ihres Schicksals. Und deswegen müssen sie sich schonen oder geschont werden und Unterstützung bekommen.
Dem ist aus zenbuddhistischer Sicht von vornherein nicht so. Im Gegenteil deutet dieses Grundprinzip darauf hin, was manchmal tief in uns verborgen dahin schlummert und uns jederzeit, auch wenn uns etwas Erschütterndes passiert ist, erweckt werden und helfen kann.
In einer gefährlichen Situation weiss der Mensch oft nicht, was er tun soll und deshalb funktioniert er intuitiv; er tut das, was er in dem Moment für das Beste hält. Nach einem solchen Schicksalsschlag neigen Menschen jedoch oft dazu, eine kritische Haltung seinen eigenen Reaktionen gegenüber einzunehmen. Oft beschuldigen sie sich mit Worten wie: Ich hätte verstehen müssen; ich bin schuld daran und deshalb bin ich schlecht. Nun haben wir das Buddhadharma verlassen.
Und auch aus Sicht psychologischer Forschung lassen sich viele Thesen nicht mehr halten. Es hält sich der Mythos fest in unseren Köpfen – auch im professionellen Bereich – , dass kindliches Fehlverhalten oder psychische Erkrankungen oft ihre Ursachen in traumatischen Kindheitserlebnissen haben. Die Forschung zeigt aber auf, dass dem, wie es in psychoanalytischen Absätzen oft dargestellt wird, nicht so ist.
“Der Mensch”, so schreibt beispielsweise der Psychiater Ben Furman, “ist keine Maschine, die in einer bestimmten Reihenfolge und Weise programmiert werden muss, um später tadellos funktionieren zu können. Der Mensch ist vielmehr ein flexibles und sich ständig entwickelndes Wesen, das Ziele erreichen und Neues lernen kann, solange sein Hirn funktioniert. Das Kind verschafft sich später Erlebnisse, die ihm möglicherweise in einem bestimmten Alter gefehlt haben.”
Leiden gehört zum Wachsen. Die Forschung zeigt klar auf, dass Kinder, die als Kind schwerste traumatische Erfahrungen machten, später oft die erfolgreicheren, sozialeren und mitfühlenderen Menschen sind. Sie haben aus der vermeintlichen Schwäche Stärken entwickelt, die andere ohne solche negativen Erlebnisse nicht machen konnten. Menschen sind auch schon frühkindlich in der Lage, Herausforderungen anzunehmen und eigenständig Lösungsstrategien zu entwickeln.
Ben Furman fährt fort: “Die Bevölkerung der westlichen Welt wächst auf in einer von Psychologie geprägten Kultur, indem man glaubt, dass sich die psychischen Probleme hauptsächlich von der Vergangenheit, genauer gesagt von der Kindheit herleiten lassen. Wir haben gelernt zu glauben, dass die ursprünglichen Gründe für unsere Probleme daran liegen, dass wir in der Kindheit etwas vermisst haben oder etwas Dramatisches erleben mussten Fachleute haben uns klargemacht, dass unsere ersten Lebensjahre für unser späteres Leben entscheidend sind.
Natürlich ist unumstritten, dass schwierige Kindheitserlebnisse Spuren in uns hinterlassen und dass die Umgebung, in der wir aufwachsen, unsere Entwicklung beeinflusst.
Ich möchte nun aus Gründen der Anschaulichkeit mal wieder aus meinem Leben ein bisschen erzählen, weil ich das am besten kenne. Vielleicht kann ich auch dazu beitragen, dass jemand seinen Lebensweg positver sieht und seine Stärken und Fähigkeiten besser definieren kann, die er durch seine „harte“ Geschichte entwickelt hat und zum Wohle anderer einsetzt.
(Um es vorauszuschicken, ich bin meinen Eltern, Grosseltern, meiner Familie, dem Land, indem ich jeweils lebe und lebte, allen Menschen, die in Krankenhäusern, Kindergärten und anderen sozialen Institutionen arbeiten, meinen Mentoren, WeggefährtInnen und FreundInnen u.v.m unendlich dankbar! Dies möchte ich als Grundsatz vorausschicken. Denn vielleicht ist diese Geschichte aus meinem Leben sonst missverständlich.)
Ich kam als sogenanntes „Frühchen“ 7 Wochen zu früh auf die Welt, am 10.04.1965. Wie es damals üblich war, blieb ich nach ein paar Tagen alleine im Krankenhaus zurück, wahrscheinlich im sogenannten Brutkasten. Meine Mutter durfte nur zu den eng begrenzten Besuchszeiten, trotz der massiven Untergewichtigkeit, zu mir kommen. Das waren damals…
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bio1.1.Die Tatsache ist, alle wie sie gerade sind, sind vollständig und komplett.9:26
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