Während ich an diesem Brief schreibe, sitze ich in den Walliser Bergen inmitten eines einzigen großen Rauschens der Bäche. Der viele Regen und die Schneeschmelze bewirken, dass das Rauschen diesen Frühsommer tiefer und lauter ist. Nur einzelne Vögel und Grillen schaffen es, dieses Rauschen zu übertönen.
Einzig? – Lauscht man genauer, dann hört man, dass das Rauschen ständig wechselt, immer anders ist, es nicht erfassen kann und man die zwei Bäche deutlich in den Tönen unterscheiden kann, die das Maiensäss La Raspille wie eine Insel umfließen. Denn wenig unterhalb vereinen sie sich zu einem einzigen großen Bach, der aber auch nicht erfassbar sein wird.
Die Dent Blanche im Süden trägt heute einen Wolkenhut. Unterhalb der noch weißen Kämme funkeln einzelne Schneefelder und weisse Häuser inmitten des frischen Grüns der Alpen und den schon freigelegten grauen Schutt Feldern in der Morgensonne.
Inmitten von all dem sitzend habe ich das Gefühl, dass das Verbundensein mit allem, das “nicht getrennt sein”, spürbarer und eindrücklicher ist, als an anderen Orten.
Das ist auch der Grund, warum ich schon von Kindesbeinen an die Natur, die Bäche und den Wald suchte. Instinktiv, mir ging es oft nicht so gut als Kind, suchte ich die Geborgenheit des Waldes. Inspiriert von Büchern wie Lederstrumpf, Jack Londons Büchern, Winnetou, etc., die ich immer hunderte Male auch als LP und Kasette hörte, pirschte ich, voll damit beschäftigt keine Geräusche zu machen, immer auf der Lauer Tiere zu beobachten durch den Wald, baute an Stellen Hütten wo mich niemand entdecken konnte, ja fasste sogar kleine Quellen ein. Hier war der Schmerz meiner Kindheit und die Einsamkeit erträglich und ich war bloß alleine inmitten des Seins. Dies war mir möglich, weil ich oft bei meinen Grosseltern in der Eifel sein durfte, während meine Mutter im Krankenhaus war. Meine Großeltern ließen mir diese Freiheit, auch wenn es wichtig war, absolut pünktlich zum Essen wieder da zu sein. Mein Großvater drückte auch ein Auge zu, als ich das streng verbotene Beil und anderes Werkzeug entwendete für meine Projekte im Wald. Für das bin ich Ihnen unendlich dankbar. Die Natur, der Wald und das aufmerksame wache Bewegen heilten und führten mich. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes die Wurzel, meinen Weg in schwierigen Zeiten zu gehen. Bis heute!
Die Sehnsucht nach Einheit, nach Verbunden sein, ist tief in uns verwurzelt. Sie ist einfacher in der schönen Natur zu erfahren, als an anderen Orten. Um sie zu erfahren, ist es besser alleine zu sein oder zumindest zu schweigen ist vonnöten. Genauso, alleine und schweigend, sitzt man in Zazen, auch wenn andere Personen und andere Geräusche da sind, stört das nicht.
Sobald wir jedoch beginnen zu kommunizieren und sei es nonverbal, verschwindet dieses kurze Einheitsgefühl unmittelbar, weil dadurch unser unterscheidender Geist eingreift. Sowohl in der Naikan Übung als auch im Soto-Zen Sesshin ist es deshalb wichtig, jede Kommunikation, die nicht lebensnotwendig ist, auszuschließen, d.h.: ernsthaft schweigen und den Blick senken ist sehr hilfreich.
Sowieso ist es uns Menschen unmöglich, diesen, nennen wir ihn hier – universellen Geist, zu erfassen. Da unser konditionierter Geist nur mit Hilfe von Konstrukten wie Raum und Zeit arbeiten kann. Wir Menschen haben beispielsweise Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschaffen, um uns zu orientieren. Selbst im Zen heißt es, sei ständig im Hier und Jetzt. Doch das Hier und Jetzt oder nennen wir es Moment ist so kurz, wie ein Lichtblitz und eh wir Menschen ihn wahrgenommen haben, ist er ja schon vorbei, so dass wir auf der Jagd nach ihm immer hinterher hinken. Durch verschiedene Praktiken können wir uns dem Hier und Jetzt nähern und dies ist sehr wertvoll und doch ist uns Menschen das wirkliche Hier und jetzt versagt. Dies müssen wir anerkennen und wissen.
Uchiyama Roshi berichtet jedoch, dass er etwa nach dreissig Jahren intensivster Zazenpraxis das Gefühl hatte, dass er sich langsam dieser Einheit annähern würde. Das lässt doch hoffen, oder !?
Außerdem kennt jeder von uns die Momente, diese Besonderen, wo wir dieser Einheit näherkommen können. Diese Momente sind wunderbar und kostbar und wir vergessen sie niemals. Aber Achtung vor der übertriebenen Bewertung dieser Momente. Denn es gilt die Prämisse, uns Menschen ist es versagt, dies wirklich zu erfahren. Dies auch wenn die Zenliteratur, die Texte der Religionen und Esoterik voll von Erleuchtung Berichten sind, die übrigens teilweise in extremen Zuständen oder im Drogenrausch gemacht wurden.
Wir reden im Zen von Kensho oder Satori, jeder Zazenpraktizierende kennt diese Zustände und Erfahrungen. Doch schade! Illusion! – nichts Anderes. Für den Anfänger mag diese Erfahrung frustrierend sein, aber Kodo Sawaki hörte nicht auf zu betonen: Zen is for nothing!
Das müssen wir ehrlicherweise festhalten und seriöse Zenlehrer sollten ihre Schüler darauf vorbereiten. Denn ich weiss aus eigener Erfahrung, wie wunderbar diese Phasen beispielsweise während eines Sesshin sind. Diese Zustände von Einheit, Stille, Frieden und tiefster Zufriedenheit helfen einem auch weiter auf dem Weg zu gehen und mit mehr Energie zu praktizieren, sie nähren das Feuer der Praxis. Doch ich weiss auch, wenn ich immerzu nach dem Wiedererleben dieser Momenten suche, beim nächsten Sesshin gerne wieder so eine Erleuchtung hätte, dass dann mein Leiden während des Sesshin umso größer würde und die Frustrationen sehr massiv würden und ich kenne viele die deswegen aufhörten Zazen zu praktizieren oder nur noch im Wellnessbereich, so lange es ihnen gut tut, sitzen.
Deshalb rate ich davon ab, diese Dinge zu suchen, es ist nichts anderes als in einem Drogenrausch sein und weit entfernt von wirklicher Erleuchtung.. Wir können diese Einheit mit allen Wesen nicht erfahren, Punkt, nur Buddha Shakyamuni war es vergönnt. Als er nach seiner langen Zazensitzung erwachte, rief er aus: “Zusammen mit dem ganzen Universum und allen Wesen bin ich erwacht!”
Und doch ist diese Einheit in uns selbst ewig da und das ist ganz sicher und unverrückbar wahr. Das ist die frohe und revolutionäre Botschaft des Buddhismus. Diese tiefe Verbundenheit mit allen Wesen ist ewig und immerwährend in uns und überall am Schaffen. Egal ob wir gerade in einer Depression oder Krise fest stecken oder diese vielen Stimmen in uns, uns zu gerade zerreißen drohen – es ist da – immer!
Dass dies so ist, daran müssen wir dann einfach glauben. Gerade habe ich selber die Erfahrung wieder mal gemacht, wie es ist, zu praktizieren, wenn es mir nicht so gut geht. In den letzten 7 Wochen hatte ich kaum Energie. Von einem Tag auf den anderen war ich körperlich reduziert und nicht mehr belastbar. Da alles mit leichtem Durchfall begann, dachte ich, eine Magen-/Darm-Grippe eingefangen zu haben. Nur das Nötigste konnte ich tun, alles kostete Kraft, ihr kennt das sicher! Der Durchfall verschwand, die Energie kam nicht wieder. Selbst Zazen war schwierig, denn die Gelenke taten außergewöhnlich weh und Muskeln waren so verspannt wie lange nicht. Da ich auch eine wichtige 10 tägige Weiterbildung geplant hatte, die ich erst im nächsten Jahre wieder hätte machen können, fuhr ich trotz Schwäche auf jene, ohne vorher zu einem Arzt zu gehen. Danach hatten wir eine Woche Ferien eingeplant, das ging auch vor, immerhin machte ich, auch durch das Drängen meiner Frau, einen Termin beim Arzt aus, direkt nach meiner Rückkehr. In den Ferien wurde es nicht besser, sondern eine Erkältung mit Fieber und noch größerer Schlappheit packte mich und wurde immer schlimmer. Gerade noch rechtzeitig schleppte ich mich zum Arzt, meine Blutwerte waren sehr schlecht, Borreliose wurden festgestellt und noch andere bakterielle Infekte. Trotz Antibiotika und entzündungshemmenden Medikamenten ging es mir nur sehr langsam besser.
Meine Situation zusammengefasst: Ich durfte mich nicht anstrengen, das Wetter war schlecht, Zazen ging maximal 30 Minuten, weil alles so weh tat, im Garten konnte und durfte ich nur das Nötigste machen. Denken war schwierig, selbst lesen ging nicht lange. Den Newsletter schreiben, vielleicht ist es einem aufgefallen, musste ich auf jetzt Juli verschieben, da ich nur in der Lage war, ein paar Texte zu übersetzen (s. Ende des Briefes), aber eigenes zu formulieren war nicht möglich. Gut kam die EM, als Fußballmuffel schaute ich viele Spiele, so schlimm ging es mir:-)
Besonders neu und deshalb ernüchternd war die Erfahrung, kaum Zazen machen zu können. Denn in früheren Krankheitsphasen konnte ich immer Zazen praktizieren und hatte immer das Gefühl, die Genesung würde dadurch beschleunigt werden. Oft saß ich dann sogar krank, mehr als gesund, da endlich während der Krankheit auch die Zeit dafür war. Diese neue Erfahrung des sehr erschwerten Sitzens machte mir Sorgen, natürlich wusste ich, dass dieser Punkt irgendwann im Alter kommt, doch jetzt schon? Gut wusste ich, dass mein Lehrer Okumura Roshi, durch Überbelastung und Verletzungen auch einst an einem Punkt kam, wo er in diese Sackgasse kam. Denn ähnlich wie bei mir, war ihm die intensive Zazenpraxis das Wertvollste gewesen. So wusste ich, es wird sich eine Lösung ergeben, denn alles ist vergänglich, auch die Krankheit geht vorbei und es entsteht Neues. Impermanence als buddhistisches Prinzip zu verstehen, kann also sehr hilfreich sein.
In dieser Situation half mir dann die Gewissheit oder der Glaube, dass dieser große universelle Geist immer vorhanden ist, auch wenn ich ihn unter solchen Umständen sehr selten spürte.
Die Bodhisattva Gelübde, ohne das Gelübde Zazen zu praktizieren und an andere Menschen weiterzugeben, ohne das wäre ich nicht da wo ich bin. Wenn mein Leben so schrecklich war, dass ich mich fühlte, als würde ich zertreten wie Unkraut. Immer wieder zertreten wie der Wegerich, der dann aufblüht, wenn man auf ihm herumtrampelt. Manche sagen sogar, je stärker
man auf ihn tritt, desto mächtiger wächst er. Diese Lebensenergie erhielt und nährte ich durch das Gelübde, das ich nie aufgab. oft zweifelte, aber nie gänzlich aufgab. Als ich verleumdet wurde, erniedrigt, gemobbt, vor psychischen Schmerzen nicht mehr tief atmen konnte, brannte die Flamme des Gelübdes doch weiter und immer stärker in mir. Und irgendwann kommt immer der Frühling.
Es hilft die Erkenntnis, dass Gedanken und Gefühle nur Absonderungen des Geistes sind, dass das, was ich erlebe, nicht die Wirklichkeit ist. Dass meine Gefühle und Gedanken nicht wahr sind.
Es hilft die Gedanken loszulassen, wie während Zazen, um für Momente aus dem Leiden auszusteigen.
Geduld, die große Geduld nininku, wie hilfreich war sie mir nun, wie oft hatte ich als ADHSler unter mangelnder Geduld gelitten, in Sesshins, während des Angos. Wie gut war, dass ich sie entwickeln musste. Nun konnte ich von ihr profitieren.
Es hilft anzuerkennen, dass es so ist wie es ist und die Möglichkeit einzugestehen, dass es nie mehr so wird wie vorher, dass ich nicht mehr so viel Zazen machen kann, dass ich die Arbeiten nicht mehr erledigen kann, dass ich nicht derselbe sein werde, dass ich immer krank sein könnte und sogar daran sterben.
Die Wirklichkeit anzuerkennen, indem ich den Griff des Denkens lockere. Es zu erlauben, durch das Dharma neu geschaffen zu werden.
Die Krankheit und Situation als Chance zu sehen. Ich erinnerte mich, dass ich schon zweimal in meinem Leben, in wichtigen Momenten des Lebens krank wurde und so gezwungen wurde, mich all den inkludierten Prozessen zu stellen und mich neu zu erfinden. So wollte ich nie Lehrer werden, doch ich war jung brauchte das Geld und einen sicheren Job. Doch die Hürde war das Referendariat, verstaubte Pädagogik, schlimme Lehrerkollegien an unerträglichen Institutionen, dazu abgehobene, weit entfernt jeder Realität bewertende Seminarleiter prasselnden auf mich ein und liessen mich im System Schule hart landen. Nach 3 Monaten wusste ich nicht mehr weiter und wollte diesen Weg des Lehrers aufgeben. In den Osterferien holte mich eine schwere Erkältung ein und zwang mich 3 Wochen, einsam in den Weiten des Hohen Venns lebend, auseinander zu setzen mit der Frage. Lehrer oder nicht! Ich fand die Lösung und absolvierte die restlichen 1,75 Jahre mit viel Leichtigkeit und Spass, weil ich erkannte, dass man mit diesem System spielen kann, damit umzugehen lernen, es nicht so ernst nehmen sollte wie mit allen Dingen.