Als ich ein Anfänger war und im Sommer im Zentempel La Gendronniere in Frankreich an den sog. Sommerlagern teilnahm, war es dieser Satz, den die uns einführenden Nonnen und Mönche benutzten, damit wir Anfänger härter arbeiteten. Sie beobachteten uns gut und gaben Anweisungen, bevor sie meist, um sehr wichtige Dinge zu erledigen, verschwanden. Ganz wichtig war zum Beispiel, Trinkwasser für uns Arbeitende für die vorgesehene Pause zu organisieren. Erst kurz vor der vorgesehenen Zeit erschienen sie ganz geschäftig wieder und erklärten uns ausführlich, warum dieser Wasserholprozess so lange gedauert hatte und auf was für Hindernisse sie dabei alles gestoßen waren. Nach der Pause mussten sie natürlich das Geholte wieder versorgen und das dauerte natürlich bis …. richtig – zum Ende des Samu!

Zentempel la Gendronniere

Diese berühmte Phrase, das erklärte ich schon im letzten Sanko-ji Brief, bezieht sich auf den großen Zenmeister Hyakujo, den Entwickler der ersten monastischen Regeln für Zenklöster. Wie ich ebenfalls schon erklärte, wurde manuelle Arbeit von da an als notwendig für das Klosterleben angesehen, page2image74715616 

vorher wurden die Mönche als Lehrende für die Menschen angesehen und die körperliche Arbeit entsprach nicht ihrer Position. Sie lebten allein vom Support der Laien.

Wir Neulinge hörten diese Unterweisung Hyakujos so oft, dass sie in uns nicht mehr den Geist erweckte, den der “Alte Patriarch” intendierte. Für uns wurden die Leitmönche zur privilegierten Klasse, während wir in der stechenden Sommersonne schufteten, hatten von ihnen nur einige wenige Schweißperlen auf der Stirn. Wir hofften irgendwann, durch brave Arbeit in diese privilegierte Position aufzusteigen.

Schauen wir uns diese Parole und die Geschichte, aus der diese Phrase entnommen wurde, deshalb genauer an: Hyakujo war schon über 90 Jahre alt und ging trotzdem jeden Nachmittag auf das Feld arbeiten. Die anderen Mönche machten sich Sorgen um die Gesundheit des Alten. Der Shusso versuchte, ihn zu überreden, mal einen Tag Pause zu machen. Doch Hyakujo

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blieb dabei, die harte Feldarbeit fortzusetzen. Andere Mönche hatten ebenfalls keine Chance, ihn davon abzuhalten.

Aus Sorge vor zu großer Erschöpfung, die leicht zum Tod des Abtes hätte führen können, berieten sich die Mönche und beschlossen die Werkzeuge des Alten zu verstecken. Am nächsten Tag ging Hyakujo wie alle zur Feldarbeit und wollte seine Werkzeuge holen, doch sie waren nicht am vorgeschriebenen Ort. Er suchte überall und schaute sogar auf dem Feld nach, weil er dachte, dass er sie vielleicht aus Unachtsamkeit dort vergessen hatte. Doch vergebens, letztlich ging er zurück in seinen Raum, um dort Zazen zu üben. Zum sich an das Samu anschliessenden Abendessen erschien er nicht. Die im Esssaal versammelten Mönche warteten eine zeitlang auf ihn, bevor der Shusso zum Abtzimmer ging, um den Meister an das Abendessen zu erinneren. Er fand ihn in Zazen sitzend vor und erwiderte auf die Erinnerung des Shusso – “ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen.”

Ein wahrer Meister oder Lehrer, so lehren wir und praktizieren es zumindest in Sanshin-ji, sieht keinen Unterschied zwischen sich selbst und seinen Schülern. Wenn die Praktizierenden für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, sollte keiner ausgenommen werden. Kodo Sawaki sagte einst: “Wenn wir nicht arbeiten, um unser Leben zu unterhalten, verstehen wir nicht die Bedeutung von wahrer, erwachter Lebensführung.”