Ein Sesshin leben

Ein Text auf der Basis von Texten Kosho Uchiyamas

Als erstes ist ein Sesshin, besonders im Sanshin-ji Stil, ein Rahmen, in dem aus unseren während des Sitzens gemachten Erfahrungen Wahrheiten erkennen. Sie treten ganz deutlich in unser Leben und das nicht als Theorie. Das ist doch schon mal was in unserer virtuellen Welt.

Zum Beispiel wird die Zeit ungeheuer lang. Man sagt: “Die Tage in einem Sesshin sind so lang, wie sie uns in unserer Kindheit erschienen.”

In meinem täglichen Leben, v.a. wenn schlechtes Wetter, wie es jetzt ist, passiert es manchmal, dass ich mich im world wide web verliere. Ich studiere gerne die verschiedenen Wetterberichte, ich lese die aktuellen Schlagzeilen der Tageszeitungen, ich recherchiere ….Ehe man sich versieht, sind ein oder zwei Stunden vergangen. Da alles ständig abrufbar und nachlesbar ist, vergesse ich alles sofort wieder, das heißt ich ertappe mich dabei, wie ich sehr oft den Wetterbericht aufrufe, um wieder und wieder zu schauen, wie es wird – eine ziemlich lächerliche Sache …, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Also, wenn wir den ganzen Tag Zazen praktizieren, vergeht die Zeit oft gar nicht. Unsere Beine tun weh, wir langweilen uns schrecklich oder werden sehr unruhig und nervös. “Das einzige, was wir zu tun haben, ist, die Zeit als Wirklichkeit unseres Lebens durchzustehen” – ” Moment für Moment”, sagt Kocho Uchiyama.

Während eines Sesshins werden all unsere Handlungen durch eine Glocke geregelt. Zwei Schläge der Glocke und wir stehen alle auf und beginnen zu gehen. Während des Kinhins steigen Gedanken auf, wie satt wir das Sitzen in Zazen bereits haben und dann erkennen wir entmutigt, dass es immer noch der Morgen des zweiten Tages ist und noch nicht einmal die Hälfte des Sesshins vorbei ist. Ich bin mir sicher, dass jeder, der bereits an Sesshins teilgenommen hat, schon einmal diesen Gedanken hatte. Wie um alles in der Welt kommen wir durch die verbleibende Zeit? Was mach ich hier, ich könnte doch…? Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir über die Zeit hinaus gelangen oder wie mein verstorbener Lehrer Bovay sagte – “Sterben.” Wenn wir dieses Ding genannt Zeit nicht vergessen, wird es uns unmöglich sein, all die übrigen Stunden des Sesshins weiterzumachen.

Die Zeit ist eine menschliche Erfindung. Eine Minute und eine Stunde sind menschliche Standards, die eingerichtet wurden, um die fließende Schnelligkeit, die wir Zeit nennen, zu messen. Dass nur 5 Minuten vergangen sind oder dass es sich anfühlt, als seien fünf Minuten vergangen, ist darauf zurückzuführen, dass wir ein relatives Phänomen namens Zeit festgelegt und in unsere Standard-Wertvorstellungen eingebaut haben. wie z.B: “ Zeit ist Geld”, sie sollte gefälligst sinnvoll und effektiv genutzt werden. Denn Effektivität und Ökonomisierung sind wichtige Prinzipien der heutigen

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Gesellschaft. Aber wenn wir diesen Vergleichsstandard loslassen, gibt es keine Zeit als solch eine festgelegte Einheit.

Wenn wir über die Zeit hinaus gelangen und die Zeit vergessen, dann begegnen wir tatsächlich der frischen Wirklichkeit von “Hier und jetzt” in unserem Leben. Zeit existiert für uns, weil wir jeden Moment mit dem Nächsten vergleichen und in unserem Wahrnehmungs- und Aktivitätstrubel haben wir das Gefühl, dass die Zeit schnell vergeht. Wenn wir nicht mehr vergleichen und einfach nur noch das Selbst sind, das nichts als das selbst ist, können wir diese Geschwindigkeit, dieses Abgleichen überwinden, dass wir Zeit nennen. Wir machen weiter mit dem Sesshin und erinnern uns nicht mehr an die Zeit. Wir hören einfach nur drei Gongschläge und beginnen mit dem Zazen, bei zwei Gongschlägen mit den Kinhin. Wieder drei Gongschläge lassen uns wieder sitzen und nach weiteren zwei Schlägen geht es wieder zum Kinhin. Wir machen das Sesshin immer so weiter wie es ist und folgen den Signalen der Glocke.

Dass ein Sesshin so wie es ist voranschreitet, ist eine Übersetzung des Ausdrucks kaku no gotoku. Damit ist gemeint, dass das Sesshin unabhängig von unserer Zeitvorstellung weiterläuft.

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Niemand denkt mehr darüber nach, ob die Zeit lang oder kurz ist. Schließlich sind die fünf Tage vorbei und das Sesshin ist zu Ende, ohne dass wir darüber nachgedacht haben. Erst dann wird uns bewusst, dass wir beim Zazen vollkommen die Zeit vergessen haben. Genauer formuliert: Das Fünf Tage Sesshin ist von sich selbst aus vergangen, während wir uns dem Zazen gewidmet haben. Es sind nicht wir, die das tun, es tut einfach. Aber wie immer wir es auch ausdrücken, nichts ist wirklich passend. wir müssen ein Sesshin einfach persönlich erleben

Diese Art Erfahrung zeigt uns, was Zeit eigentlich ist und was vor der Zeit ist. Normalerweise halten wir es für gegeben, dass wir alle in der gleichen Zeit leben, aber während eines Sesshins können wir die Erfahrung machen, dass dem nicht so ist. Eigentlich ist es das Leben des Selbst, das die Zeit hervorbringt. Beim Zazen kreuzen wir die Beine, sitzen, ohne uns zu bewegen, und halten vollkommen still.

Wenn wir dies mit unserer alltäglichen, üblichen Lebensweise vergleichen, inder wir uns bewegen, wie immer wir möchten, finden wir das schmerzhaft. Wenn wir aber beim Zazen anfangen, darüber nachzudenken, wie schmerzhaft es ist und wie wir durchhalten und die Schmerzen ertragen, werden wir nie die fünf Tage ruhig sitzen können. Wir können dann vielleicht zwei Stunden Zazen praktizieren oder sogar vier oder fünf, wenn wir es nur mit unserer Fähigkeit tun durchzuhalten, die Schmerzen zu ertragen. Aber nur mit Durchhalten können wir nie ein fünf Tage Sesshin sitzen. nur Kraft und unsere egoistischen Ideen, über unsere Fähigkeit Schmerzen zu ertragen. können wir auch nie jeden Monat ein solches Sesshin absolvieren oder ein gar ein Zazen zentriertes Leben praktizieren. Und selbst wenn wir das können, wäre es total sinnlos. Wir würden nur unsere eigene Fähigkeit uns zu disziplinieren durchzuhalten mit der der anderen vergleichen und unsere Zazen würden lediglich zu einer Fortsetzung unserer Neigung, mit anderen in Wettbewerb zu treten. Die wichtigste Sache während eines Sesshins besteht darin, alle Gedanken darüber hinter uns zu lassen, wie schmerzhaft es ist oder wie wir mitten im Schmerz durchhalten und uns nur in Zazen versenken, so wie es ist. Nur dadurch, dass wir still sitzen und alles der Haltung überlassen, wird die Zeit von selbst vergehen. Nur wenn wir unsere Vorstellungen von Schmerz und Ausdauer hinter uns lassen, können wir ein Sesshin ohne Angst sitzen. Durch Sesshins erleben wir tatsächlich, was es bedeutet, dass der Boden so aus unseren Vorstellungen von Ausharren und Leiden herausfällt. Und das hat einen enormen Einfluss auf unser Alltagsleben. In unseren alltäglichen Angelegenheiten mögen uns viele Probleme und Missgeschicke begegnen, und normalerweise fangen wir an zu kämpfen, wenn wir damit konfrontiert werden. Dadurch bringen wir uns in noch schlimmere Bedingungen. Bei anderen Menschen sehen wir das genau. Wenn andere in unglückliche Umstände geraten sind, sagen wir als Beobachter oft, sie sollten “einfach aufhören, um sich zu schlagen” oder “sich einfach beruhigen”. Als Beobachter anderer können wir das ganz kühl sagen, aber wenn es sich um unsere eigenen Schwierigkeiten handelt, klappt es plötzlich überhaupt nicht mehr, uns zu beruhigen. Wie können wir dieses selbst – das nichts anderes kann als zu kämpfen – dazu bringen, damit aufzuhören und zur Ruhe zu kommen? Das geht erst, wenn der Boden aus unseren Vorstellungen von Leiden und Durchhalten herausbricht. Genau das erfahren wir beim Sesshin. Das Sesshin besteht aus der Fortsetzung der Praxis vor jeder Unterscheidung zwischen unserer eigenen Kraft und der Kraft anderer. Vor jeder Zeit, vor jedem Durchhalten.

Als ich 1990 mit der Zazenpraxis anfing, war ich in einer Sinnkrise. Ich hatte schon fast alles ausprobiert und erfuhr trotz der grossen Schwierigkeiten die

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mir das Sitzen als Bewegungsmensch und Zappelphilipp machte, zeitweise tiefen Frieden und Einheit.

Heute nach 34 Jahren suche ich nichts mehr. Alle meine Hoffnungen und Wünsche wurden zerschlagen, ich bin ernüchtert.

Täglich muss ich mich nur mit mir selbst auseinandersetzen und mich auf das konzentrieren, was geschieht. Immer wieder gab und gibt es schwierige Zeiten in meinem Leben. Der Zen-Buddhismus verspricht dir nichts. Er lädt dich einfach dazu ein, sich zu sammeln und mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen.

Shoken Winecoff schreibt: Mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, kann ein entmutigender Prozess sein. Das Leben verläuft nicht immer nach deinen Vorstellungen. Es erfordert Mut, sich der Wand des Alltags zu stellen. Die Frage ist, ob wir uns in jeder Situation, der wir begegnen, manifestieren können. Manchmal finden wir uns in schlammigem Wasser wieder. Die Lotusblume blüht jedoch in schlammigem Wasser.

Es gab einen buddhistischen Mönch namens Eihei Dogen, der vor etwa 800 Jahren lebte. Er übertrug den Soto-Zen-Buddhismus von China nach Japan. Unsere Wurzeln gehen auf ihn zurück. Er schrieb diesen Text, Dogen Zenjis Gelübde. Ich möchte ihn mit euch teilen.

Wir gehen gemeinsam miteinander, mit der großen Erde und mit allen Lebewesen.

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