Dōgen’s Chinesische Gedichte (78)
Das Sammeln von Gräsern
übersetzt und kommentiert von Shohaku Okumura aus dem Japanischen und von mir ins Deutsche.
Jetzt sammeln sich Hunderte von Gräsern tatsächlich für den Sommer. Von der ganzen Erde gepflückt, [wären] es zehn Millionen Halme.
Eine Blume mit fünf Blütenblättern öffnet sich am Himmel und im Schlamm. Ohne Zweifel wird sie auf natürliche Weise Früchte tragen.
In der Interpretation von Dōgen sind eine Blume und die fünf Blütenblätter dasselbe. Eine Pflaumenblüte öffnet sich als fünf Blütenblätter. Das ist dasselbe wie eine Hand und fünf Finger. Er verwendet eine Blume und die fünf Blütenblätter als Symbol für das voneinander abhängige Entstehen. Aus einer Perspektive ist es einfach eine Blume, aber aus einer anderen Perspektive sind es fünf Blütenblätter. Das gesamte Netzwerk der gegenseitigen Abhängigkeit ist ein einziges Netz von Indra, aber es hat unzählige Wesen als seine Teile.
Alle Pflaumenblüten sind Teile eines Zweiges, und unzählige Zweige sind Teile des alten Pflaumenbaums. Wenn dieser eine Pflaumenbaum blüht, wird die ganze Welt zum Frühling. Alle Wesen in der ganzen Welt, einschließlich einer Blume mit fünf Blütenblättern, sind Teil des Frühlings der ganzen Welt als Einheit. Sie sind nicht “stolz”, das heißt, sie sind nicht egozentrisch.
Dōgen betrachtet eine Sangha als ein Miniaturmodell des gesamten Netzwerks des voneinander abhängigen Entstehens. Die Mitglieder dieser Sangha, die zusammen praktizieren, sind wie die fünf Blütenblätter einer Blume. Die Praktizierenden und ihre Praxis und Funktionen sind alle voneinander abhängig und unterstützen sich gegenseitig. Das Praktizieren in Frieden und Harmonie ist die Dharma-Blüte und die natürliche Frucht der Sangha, die das spirituelle Wachstum jedes einzelnen Mitglieds und der Gemeinschaft als Ganzes fördert. In diesem Vers drückt Dōgen die
letztendliche Bedeutung der gemeinschaftlichen Praxis als Ausdruck des interdependenten Entstehens aus, in dem jedes Mitglied als Bodhisattva wächst. Die gemeinschaftliche Praxis drückt sich seit alters her im Zusammenkommen aller Nonnen und Mönche zum Ango aus. Buddha Shakyamuni lud alle Ordinierten während der indischen Regenzeit zur 90 tägigen Praxisperiode ein. Diese essentielle Praxis wird bis heute von den Lehrern des Zen .weitergegeben
So schrieb Dogen im Jahr 1245, während der ersten Sommerübungsperiode in Daibutsuji (大仏寺, später umbenannt in Eiheiji), das Shōbōgenzō Die Klausur (安居, Ango), in der er die Bedeutung der Sommerübungsperiode mit den Worten hervorhebt:
“In allen drei Ländern gibt es keinen einzigen Menschen unter den Nachkommen der Buddhas und der Vorfahren, der diese jemals nicht ausgeführt hat; die anderen Pfade haben sie nie gelernt. Da sie die ursprüngliche Absicht der “einen großen Sache” der Buddhas und Vorfahren sind, ist das, was sie verkünden, vom Morgen ihrer Erlangung des Weges bis zum Abend ihres nirvāṇa, nichts anderes als der wesentliche Punkt des Retreats…. Diejenigen, die niemals in ihrem Leben die neunzigtägige Sommerklausur praktizieren, sollten nicht Schüler des Buddha oder Mitglieder des Bhiksu-Samgha genannt werden.”
In diesem langen Faszikel beschreibt Dōgen die Zeremonien und Rituale zu Beginn und am Ende der Sommerübungszeit. Ich nehme an, er schreibt so detailliert, weil es in Kōshōji nicht möglich war, eine so formale Praxis durchzuführen, wie sie in den chinesischen Klosterregeln (清規, Shingi) beschrieben wird, aber er möchte die traditionelle Praxis im neuen Kloster dennoch etablieren. Später in diesem Faszikel ermutigt Dōgen die Menschen:
Menschen, Devas und Drachen sollen, wenn auch nur für einen Zeitraum von neunzig Tagen, Bhiksu oder Bhiksuni werden und die Klausur einhalten; dies wäre an sich schon ein Sehen des Buddha. Einer Versammlung der Buddhas und Ahnen beizutreten und die neunzigtägige Klausur zu halten, ist, den Buddha gesehen zu haben.
Dōgen ermutigte auch Laien, sich an der Praxisperiode zu beteiligen. So weit übersetzt und kommentiert mein Lehrer Shohaku Okumura
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