Hachi Dainin Gaku 6 – Shoyoku IV
1. Shoyoku – Wenige Wünsche haben Kommentar zum 2. Abschnitt:
Der Buddha erläutert: Mönche und Nonnen, hier ist etwas, auf das ihr aufmerksam sein solltet. Eine Person mit vielen Sehnsüchten und Begierden leidet proportional stärker und zwar deswegen, weil er oder sie stärker persönlichen Zielen folgt oder andere Vorteile sucht.
Die kühle, trockene Luft erfrischt und verhindert ein Wegdösen beim Zazen im Dojo. Dafür ist es sehr still, das sonst rauschende Wasser der Pauja ist auf den ersten Blick erstarrt. Doch drunter fließt es unsichtbar weiter, geht man näher heran, sind ab und zu sehr seltsame, interessante Geräusche aus dem Eis zu hören. Manchmal sehr unheimlich, manchmal zum Lachen lustig. Ein neue spannende Welt, die sich auftut.
Die Konturen der Landschaft sind rein und klar, nur weiss, schwarz und blau, und manchmal alles verschwommen und in Grautönen gehalten, und manchmal auch ein unheimliches oder freudiges Glitzern von Sonnenstrahlen an Orten, die überraschen.
Vieles, was im Sommer durch die üppige, grüne Pflanzenwelt überdeckt ist, zeigt sich jetzt und zeigt seine tiefe eigene Schönheit. Es lohnt sich, hinauszugehen. Manchmal bin ich in Gedanken, dann merke ich plötzlich, dass ich an einer Hecke stehe und in die Ferne schaue. Häufig, wenn auch nur kurz, gehe ich hinaus. einfach weil es hilft die Gedanken loszulassen und manchmal gehe ich länger hinaus, um Brennholz zu machen oder lange Spaziergänge zu machen.
Jeden Morgen und Abend gehe ich draussen pinkeln und lausche, schaue, spüre und halte Inne, jedes Mal anders, mal Regen, mal Schnee, mal eiskalt, Schneeflocken tanzen vor den Augen, während mein Pipi Formen in den Schnee zeichnet und dampft. Die Kälte vertreibt Müdigkeit und Träumereien. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und man sieht nach und nach erstaunliches. Eine Taschenlampe brauche ich nicht, es reicht zum Gehen. Scheint der Mond auf dem Schnee, herrscht eine wunderschöne Art von Helle eines Lichts, das selbst schon reflektiert wurde, es ist besonders und nur auf Schnee so einzigartig. Der Blick zu den Sternen am Firmament macht einen mal ganz gross, mal winzig klein im Angesicht der gewaltigen Unendlichkeit und Ewigkeit. Ehrfurcht und Freude begleiten einen beim Betrachten.
Das Entleeren der Blase brachte die ersehnte Erleichterung, freudig stapfe ich vorsichtig zum Dojo, bloß nicht ausrutschen, um in aller Ruhe Zazen zu beginnen. Welches Glück ich habe.
Letztens las ich in einem Zeitungsartikel darüber, warum die Menschen in früheren Zeiten, in unseren Breiten und in Nordeuropa sogar heute noch, nicht unter der Kälte, der Dunkelheit oder dem Winter litten und auch weniger krank wurden als wir.
Als erstes ist die Einstellung zur Kälte zu nennen, als zweites der Umgang mit ihr und als drittes eine Art Kältetraining.
Heute, wo wir es uns leisten können, heißt eine auftretende Kälte draußen für viele von uns, wir drehen automatisch die Heizung hoch, ziehen uns wärmer an und bleiben drinnen in der Wärme. Bloß nicht raus gehen. Die Kälte und die kalte Jahreszeit sind oft zu einer Art Unzeit oder gar Gegner geworden, die man überstehen muss.
In Skandinavien und hier in den Alpen dagegen erfreuen sich die Menschen am Winter. Auch in Japan hat man eine eigene Art mit der Kälte und dem Winter umzugehen, bis heute gibt es in japanischen Häuser kaum Zentralheizungen, sondern nur einzelne Orte die geheizt werden, beispielsweise die Klobrille oder der Esstisch, wo die Familie zusammen kommt.
Auch hier in der Zenklause ist nur die kleine Stube gut geheizt, sonst nichts. Ich erfreue mich an der intensiven, punktuellen Wärme des Kaminofens, der Dämrigkeit, weil die Kerzen flackern und alles in schönes Licht tauchen, der Ruhe, des mehr Schlafens.
Neben der besseren Einstellung zur Kälte und Dunkelheit hilft dir sicher auch das Zurückziehen ins Haus, wenn es dunkel wird, die Gemütlichkeit im Inneren und das Verlangsamen des Lebensrhythmus. Wenn du so weitermachst wie im Sommer, gehst du gegen das Natürliche. Du kannst von der Natur lernen, alles zieht sich zurück, v.a. die Pflanzen und die Tiere verlangsamen ihren Stoffwechsel. Sie fahren runter. Die Lebenskraft fährt einen Gang herunter, die indigenen Völker meditieren viel in dieser Zeit; meine Eltern berichteten, dass die Nachbarschaft in der Nachkriegszeit abends auf dem Lande in der guten, warmen Stube zusammen kam und alte Geschichten/Märchen erzählte.
Es ist erwiesen, wenn wir die Nacht durch künstliches Licht zum Tag machen oder in das Licht unserer Endgeräte schauen, um zu konsumieren, dass wir oft nur schlecht schlafen können.
In alter Zeit wusste man um die heilende Kraft der Kälte, wie zum Beispiel um die positive Wirkung des Eisbadens, dass man immer noch in Ost- und Nordeuropa pflegt und mehr und mehr auch bei uns wieder populär wird. Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kälte heilt und gesund macht und zwar psychisch und physisch. Natürlich macht man wieder einen Hype darüber und ein Geschäft, aber es hilft dir, aus deinem Gedankengefängnis herauszukommen, dich zu beleben, deine Lebenskraft zu aktivieren.
Ich habe dreißig Jahre lang damit kokettiert, dass ich “bekennender Warmduscher” bin und habe kaltes Wasser ausgelassen. Erst in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass Kneippbäder meinen müden Beinen und Füßen gut tun. Diesen Winter habe ich sogar angefangen, mich für 10-20 Sekunden in die eiskalte Pauja zu setzen. Tief und langsam ein- und ausatmend zähle ich langsam bis 10 oder 20, je nach Tagesform. Danach bin
ich erfrischt und aufgeheizt und sitze noch, in eine Decke gehüllt, viele Minuten draußen und genieße die Abendstimmung und das wohlige Körpergefühl. Ich weiss von Freunden, die täglich kalt duschen und darauf schwören.
Die Art und Weise des Lebens hier in den Bergen zwingt mich immer raus zu gehen, schon nur um das Brennholz rein zu holen oder Schnee zu schippen. Aber auch sonst gehe ich jeden Wintertag länger hinaus, sei es, um langsam zu joggen, durch den Schnee zu stapfen oder eine Schneeschuhwanderung zu machen. Im Winter reichen 30-60 Minuten täglich draußen sein, völlig aus. In Bern fahre ich 30 Minuten bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule und zurück. Das Draußen sein und die Bewegung, auch das ist alles wissenschaftlich längst erwiesen, halten dich gesund, weil du an deine Bestimmung und Lebenskraft anknüpft.
Das Bewegen ist in unserem DNS angelegt. Wir sind auf dieser Welt, um uns zu bewegen und v.a. zu laufen und zu gehen. Wir wurden durch den aufrechten Gang zur überlegenen Spezies dieses Planeten. Denn wir konnten laufen oder stehen und hatten die Hände frei, um andere Dinge zu tun. (Unser vermeintlich überlegenes Denkvermögen dagegen führt wahrscheinlich zu unserem Aussterben).
In ihrem Bestseller “Bewegung liegt in deiner DNA” beschreibt die Biomechanikerin Katy Bowmann wie man lernt, sich wieder natürlich zu bewegen und dadurch gesund zu werden.
Mehr noch als Ernährung zeigen alle wissenschaftlichen Studien, dass der Schlüssel zu einem vitalen Leben die Bewegung ist, in meinem Fall zu weniger Schmerzen und mehr Lebenskraft.
Diese Lebenskraft macht, dass sich unsere Wunden (psychische und auch physische) meist von selbst heilen, dass Tiere teilweise weite Strecken zurücklegen, um an wichtige Mineralien zu kommen, dass sich das Gras wieder aufrichtet, wenn ich darüber gelaufen bin. Diese Lebenskraft macht, dass wir Menschen uns viel natürlich Bewegen wollen oder uns mit Kälte heilen wollen, dass es uns hinauszieht in die Berge oder Wildnis, das wir empathisch sind und soziale Wesen, dass wir kreativ sein möchten und nach einem spirituellen Sinn suchen.
Diese Lebenskraft macht, dass gerade eine dicke Hummel bei knapp über Null Grad an mir vorbei brummt, diese Primel blüht und am von der Sonne beschienenen Felsen hinter mir eine Grille leise zirpt.
Im Unterschied dazu ist Begierde, wenn wir auf ein Ziel ausgerichtet sind, das uns von unserem gegenwärtigen Ich weg bringt, hin zu einem außerhalb von uns und in der Zukunft liegenden Ziel bringt.
Die meisten Menschen beginnen Zazen oder sonst irgendeine spirituelle Praxis, um sich selbst voranzubringen. K. Uchiyma sagt: “Und weil die Begierde bei der Verfolgung dieses Zieles zu unserem Lebenszweck wird, entfernen wir uns beträchtlich von der Lebenswirklichkeit unseres wahren Selbst. Dies sagt auch Dogen Zenji im Shobogenzo Genjo-Koan: Die Leute, die sich um das Dharma bemühen, entfernen sich unweigerlich vom Umfeld des Dharmas.”
Meiner Ansicht nach, das größte Hindernis auf dem Weg, denn ich beobachte dieses große Missverständnis bei vielen Wegsuchenden und auch ich selbst war lange in dieser Falle. Ich dachte, wenn ich mich sehr um das Dharma bemühe, noch mehr mache als andere, noch aktiver praktizieren, Gutes tue, mich bemühe Bodhisattva zu sein, mich noch mehr engagiere, dann….Erst S. Okumura öffnete mir die Augen, als er mir in einer unserer ersten Begegnungen, wo ich beschrieb wie wenig Zeit ich hätte, weil ich ja noch dies und jenes Dharmische tuen müsste, dass dem nicht so sei, wörtlich: “Du hast alle Zeit der Welt, nicht nötig dich zu bemühen und zu hetzen.”
Uchiyama fährt fort: Demgegenüber kann man es nicht Begierde nennen, wenn man weiss, dass eine Erhöhung des wirklichen Selbst nicht auf eine ausserhalb oder in der Zukunft liegende s Ziel aus ist, sondern nur bedeutet, hier und jetzt die Realität des Seins des Selbst zu verwirklichen
Denn eine solche Haltung richtet sich nicht auf ein außen stehendes Ziel, sondern ist eine Seins-Verwirklichung des Nur-Selbst.
Die Lebenskraft, mit der wir dagegen Zazen praktizieren, ist eine Kraft, die sich keinen Zielen verschreibt, sondern die Realität des Seins des Selbst zur Entfaltung und Verwirklichung bringt.
Viel Zeit geht heute bei vielen Menschen verloren mit allen möglichen Handlungen zur Selbstoptimierung. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch warum machen wir das? Ist es nicht so, weil wir denken, wir dürften keine Schwächen haben, sondern auf all diesen unendlich vielen Gebieten Leistungsstärke zeigen, um Anerkennung zu finden.
Super Food Essen, fitter, leistungsfähiger Körper, ansehnlicher Körper, effizientes Arbeiten, Brain-Gym, Kommunikationstraining, Weiterbildungen, um unser Portfolio zu erweitern, Anti-Stress -Training, um nur einige der populären Möglichkeiten der Selbstoptimierung zu nennen.
Das klingt gut und ist vielleicht auch sinnvoll. Aber ist es sinnvoll, wenn wir das nur aus Pflicht- und Leistungsbewusstsein tun? Dürfen wir keine Schwächen haben, müssen wir in allem gut sein?
Wäre es nicht besser, deine Schwächen als das zu akzeptieren, was sie sind: Schwächen. So sehr du dich auch anstrengst, du wirst nie gut sein in diesem Bereich.
Was wäre, wenn du dich auf deine Stärken konzentrierst. Hier sind immer 100% Leistung möglich. Deine Stärken sind Sachen und Fertigkeiten, die du gerne ausführst, die dir vielleicht sogar Spass machen. Du bist motiviert, Aufgaben in diesem Bereich zu übernehmen, lernst rasch, hast Spass, Verbesserungen zu entwickeln und auszuprobieren. Wenn ich mit Menschen arbeite, beginne ich immer damit, die Stärken herauszuarbeiten oder, wie man es auch nennt, Ressourcen festzustellen..
Denn das macht Freude, die Schwächen kann man getrost loslassen, denn diese Aufgaben machen keinen Spass, man schiebt sie vor sich her, weil man sich nicht motivieren kann und Fortschritte zu erreichen, muss man krampfen. Wenn du dich auf deine Stärken konzentrierst, hast du plötzlich viel mehr Zeit und kannst öfter mal rausgehen, dein Leben verlangsamen, deine Umgebung wahrnehmen. Du wirst deswegen zufriedener, auch weil du mehr Erfolgserlebnisse hast und weil, dass, was du tust, mehr Sinn macht und du hast wahrscheinlich mit der Zeit weniger Wünsche.
Letztlich agierst du dann auch ganz Nahe aus deiner ureigenen Lebenskraft heraus, deshalb heißt es ja auch immer im Zen: Just do! aus deiner Lebenskraft heraus.