Die Beziehung zu anderen beenden

(homepage Sanshin-ji, von Gyoriki übersetzt)

„Anfangs ist es ganz natürlich, dass wir verstehen wollen, was geschrieben steht oder was der Lehrer sagt“, erklärte Okumura Roshi, „aber nach einer gewissen Zeit verliert es an Bedeutung. Wenn wir mit einem richtungsweisenden Geist praktizieren, werden wir irgendwann erkennen, dass unsere Praxis aufgrund dieses Wunsches, etwas zu erreichen, anders ist als das, was Uchiyama Roshi beschreibt.“

Tatsächlich ist ein Sesshin ein Raum, in dem wir uns nur sehr eingeschränkt auf andere verlassen können. Er demonstrierte dies selbst, indem er während des Zazen wie alle anderen zur Wand blickte. Dies wich von der üblichen Anordnung ab, bei der der Tempelleiter und einige andere Übungsleiter in den Raum blickten und die Praktizierenden beim Sitzen im Auge behielten. Da keine Autoritäten zusahen, mussten sie sich selbst entscheiden, die Haltung beizubehalten, die Augen offen zu halten, tief zu atmen und die Hand des Denkens zu öffnen. Wenn sie stattdessen schlafen, tagträumen, mit Wahnvorstellungen spielen oder Geschichten über sich selbst schreiben wollten, gab es niemanden, der sie davon abhielt. Es gab keine Wir-und-Sie-Beziehung, keine Subjekt-und-Objekt-Beziehung zwischen den Menschen im Zendo. Jeder war allein. In gewisser Weise erinnert dieser Stil an das buddhistische Indien, wo sich die Praktizierenden nicht in einem Sodo zum Üben versammelten, sondern in ihren eigenen Hütten oder Einsiedeleien saßen. Auch Sawaki Roshis Schüler, darunter Uchiyama Roshi, führten ihre Sesshin-Praxis fort, wenn er nicht da war, um sie im Auge zu behalten. Uchiyama Roshi spürte, dass sich die Qualität der Praxis veränderte und sie den Kontakt zu ihrem inneren Streben verloren, wenn sie von jemandem oder etwas anderem abhängig waren, das sie zum Aufwachen zwang.

„Uchiyama Roshis Vorstellung von Sesshin bestand darin, sich wirklich auf sich selbst zu konzentrieren, nur der Wand, sich selbst und dem Buddha zuzuwenden, ohne Ablenkung oder Beziehung zu der Person, die hinter ihnen ging, oder dem Lehrer, der sie beobachtete“, erinnerte sich Okumura Roshi.

Niemand hilft uns beim Aufwachen, also müssen wir uns anstrengen und uns selbst gegenübertreten. Niemand zwingt uns aufzuwachen oder uns hinzusetzen. Im Alltag definieren wir, wer wir sind und was wir in Bezug auf unsere Beziehungen zu anderen tun sollen, doch während des Sesshin gibt es keine anderen, daher sind wir von dieser Beziehung zwischen uns selbst und anderen befreit. Wenn wir befreit sind, haben wir die Verantwortung, allein zu sein und aufzuwachen. Wenn der Lehrer mit dem Gesicht zur Wand steht und nicht alle anderen beobachtet, gibt er sein eigenes Zazen nicht auf, nur um andere anzuleiten. Er steht nicht in einer solchen Beziehung zu ihnen. Ebenso haben Praktizierende keine Angst davor, von anderen beobachtet zu werden, und sie stehen nicht in einer Beziehung zu Beobachtern. Alle Praktizierenden, vom Lehrer bis zum Anfänger, kümmern sich um ihre eigene Praxis. Uchiyama Roshis Anweisung an die Sesshin-Teilnehmer lautete, sich unabhängig von anderen ihrer eigenen Praxis zu widmen. Andere bewerten einen nicht, und man selbst bewertet andere nicht. Man übt einfach allein zusammen. Diese Herangehensweise an Sesshin ist eine direkte Manifestation von Sawaki Roshis Verständnis von Dogens Lehren über Jijuyu Zammai, die Gesamtheit des Universums. Sawaki Rochi erklärte es so: „Zazen ist das Selbst, das sich selbst durch sich selbst tut.“ Im Zazen gibt es keine Trennung zwischen Selbst und anderen oder Subjekt und Objekt. Okumura Roshi sagte, dies sei ein wesentlicher Punkt dieser Art von Sesshin sowie unserer Zazen-Praxis insgesamt.

„Laut Uchiyama Roshi ist unser Leben als Ganzes von der Geburt bis zum Tod dasselbe: Das Selbst tut das Selbst für das Selbst mit dem Selbst. Unser gesamtes Leben, von der Geburt bis zum Tod, ist gewissermaßen eine einzige Zazen-Periode.“

Das Sesshin, vom ersten Glockenschlag am ersten Tag bis zur letzten Glocke am letzten Tag, als eine zusammenhängende Zazen-Periode zu betrachten, ist unbedingt notwendig, um zu verstehen, warum unsere unmittelbaren Vorfahren so von dieser ungewöhnlichen Form begeistert waren – und warum die Entscheidung, den Behälter zu zerbrechen, so hinderlich ist. Uchiyama Roshi wies darauf hin, dass diese Art von Sesshin durch zwei Dinge ungewöhnlich ist: Erstens wird überhaupt nicht gesprochen, und zweitens steht der Lehrer der Wand gegenüber. Diese beiden Elemente sollten es den Teilnehmern ermöglichen, das zu erleben, was er „das Selbst, das nur das Selbst ist“ (jiko giri no jiko) nannte. Dies ist das Selbst, das wir erkennen, wenn wir aus dem Tagtraum des „Ich“ erwachen. Sesshin hilft uns, diesem Selbst zu begegnen, indem es unsere Interaktionen und Beziehungen zu anderen minimiert und uns mit unserer Praxis allein lässt. Mit dem Gesicht zur Wand stehen wir nur uns selbst gegenüber. Wir haben keine andere Wahl, als zu erkennen, dass uns niemand zur Praxis zwingt und niemand unsere Praxis für uns übernehmen kann. Wenn wir das im Sesshin erkennen, können wir auch erkennen, dass wir stets unser eigenes Leben leben, unsere eigenen Entscheidungen treffen, Verantwortung für uns selbst übernehmen und auf unseren eigenen Beinen gehen müssen. Dies ist ein Aspekt des Selbst, der nur das Selbst ist. Der andere Aspekt ist der des Selbst, der alles umfasst. Es gibt nichts, das vom universellen Selbst getrennt ist.

Wie Okumura Roshi sagte: „Es gibt keine Interaktion mit anderen, aber dieses Selbst, das keine Interaktion mit anderen hat, umfasst alles in sich. Das eine ist das Selbst ohne Beziehung zu anderen, und das andere ist das Selbst, das alles umfasst.“

Während des Sesshin, wenn wir nicht in einer Welt agieren, die von unseren Beziehungen zu anderen bestimmt wird, kann unsere Selbstdefinition verschwinden. Ich bin kein Lehrer und du bist kein Schüler. Ich bin kein Senior und du bist kein junger Mensch. Ich bin kein Geistlicher und du bist kein Laie.Ich bin kein Amerikaner und du hast keine Nationalität. Es gibt kein Vergleichen, Kategorisieren und Trennen. Wenn wir keine Energie darauf verwenden müssen, den Schein zu wahren und die Fiktion von uns selbst aufrechtzuerhalten, selbst vor uns selbst, können wir in diesem Moment ruhen und einfach das Selbst sein, das nur das Selbst ist. Verschönerungen und Bilder sind nicht nötig. Wir leben unsere Praxis nicht dadurch, dass wir glauben, wir könnten unsere Oryoki-Schalen besser bewältigen als andere, sondern indem wir alle Vorstellungen von der Realität solcher Vergleiche fallen lassen.Genau das bedeutet es laut Okumura Roshi, über Subjekt und Objekt hinauszugehen. „Wenn wir einfach nur sitzen, ohne zu sprechen, ohne mit irgendetwas zu interagieren, spüren wir, wie wir uns vom Rest der Welt absondern und allein sind. Lehren die buddhistischen Lehren das? So zu leben? Nein. Wenn wir allein sitzen und wirklich für uns sind, ohne Trennung oder Interaktion mit anderen, entdecken wir in unserem Zazen, dass mit dem Verschwinden des Objekts auch das Subjekt verschwindet, weil das Subjekt in der Beziehung zu anderen erfasst wird. Mit dem Verschwinden des Objekts verschwindet auch das Subjekt.“ So ist das Selbst vollkommen allein, vollkommen vereint mit allen Wesen und funktioniert konventionell in der Gesellschaft.

Siehe auch Kapitel 4, „Alles, was dir begegnet, ist dein Leben“, in Uchiyama Roshis Buch „Wie du dein Leben kochst“.

Okumura Roshi über Selbstlosigkeit und Sesshin
 
Während des Sesshins verlässt sich jeder von uns auf andere, und andere Menschen unterstützen uns. Als Dharma-Lehrer verlasse ich mich auf die Anwesenheit anderer. Es ist sehr schwierig, allein Sesshin zu halten. Ich habe noch nie fünf Tage Sesshin allein gesessen. Ich habe es drei Tage lang gemacht, und glücklicherweise kam an einem dieser Tage jemand und setzte sich; das war eine große Erleichterung für mich. 14 Stunden am Tag allein zu sitzen ist sehr schwierig, egal wie viel Praxiserfahrung man hat. Wir sind wirklich auf andere angewiesen. Das heißt, wir können Sesshin nur halten, weil wir Unterstützung von anderen Menschen bekommen. Wenn wir diese Sangha jedoch als Einheit betrachten, dann gibt es keine Abhängigkeit, obwohl innerhalb der Abhängigkeit viele Wünsche bestehen. Das ist das Mitgefühl unserer Sangha. Dogen sagte: „Praxis nicht allein, praktiziere innerhalb der Sangha.“ Er empfahl nicht, ein Pratyekabuddha zu sein, ein Praktizierender, der allein in den tiefen Bergen lebt und praktiziert. Abhängigkeitslosigkeit, Abhängigkeitslosigkeit und Abhängigkeitslosigkeit sind stets miteinander verbunden.(Aus einem Vortrag vom 4. Mai 2025)
 
Das Selbst ohne Beziehung zu anderen erkennen  (Nicht-Abhängigkeit), was alles einschließt (Verbundenheit) von Tomon o’Connor

Wenn wir die obige Aussage zum ersten Mal lesen, reagieren wir vielleicht, dass es keinen Sinn ergibt, zu behaupten, wir könnten ohne Beziehung zu anderen und gleichzeitig miteinander verbunden sein. Um zu verstehen, wie dies geschehen kann, ist es hilfreich, einen Moment darüber nachzudenken, was wir mit dem Wort „Selbst“ meinen. Das Selbst, das ich allgemein erkenne, ist in erster Linie ein Reaktionsmechanismus, der in ständiger Beziehung zum jeweiligen Moment steht, sei es die Meinung anderer über mich, mein eng gefasstes Selbstbild, meine konzeptionellen Formulierungen oder die Anforderungen meiner physischen Umgebung. Was wir gemeinhin „Ich“ nennen, ist ein Bündel von Reflexionen und stets abhängig von etwas anderem für seine momentane Existenz. Kodo Sawaki Roshi hingegen spricht vom „Selbst, das nur das Selbst ist“ oder vom „Selbst, das das Selbst selbst macht“. Dieses „Selbst, das nur das Selbst ist“ ist unser fundamentales Selbst, das entsteht, wenn wir die Beziehungen auflösen, durch die wir üblicherweise ein „Selbst“ erschaffen. Das „Selbst, das das Selbst selbst macht“ ist dasselbe fundamentale Selbst, das sich selbst erschafft, ohne von irgendetwas anderem abhängig zu sein. Doch wie entsteht dadurch ein Selbst, das alles umfasst? Die Antwort ist, dass die Beziehungen unseres alltäglichen Selbst zu anderen Ballast erzeugen, der sich wie eine Mauer auftürmt und eine Verbindung mit der größeren Welt der Verbundenheit verhindert. Entfernt man diese Barrieren, erscheint das Selbst der gegenseitigen Abhängigkeit, das alles umfasst. Durch unsere Praxis des Shikantaza erkennen wir dieses vernetzte Selbst. Wir sitzen mit dem Gesicht zur Mauer, die uns nichts bietet, worauf wir uns verlassen können, und öffnen die Hand des Denkens, um unsere Abhängigkeit von mentalen Konstruktionen zu lösen. Während wir einfach nur sitzen, öffnen wir uns allmählich auf neue Weise für unsere Umgebung und spüren, wie die Membran des Denkens und der Abhängigkeit von anderen allmählich dünner wird, sodass wir uns als integraler Bestandteil des Ganzen und mit allem verbunden fühlen. Deshalb wird Shikantaza manchmal als der Ort bezeichnet, an dem wir uns zu Hause fühlen.

 
 

Rohatsu 2024

Rohatsu 2024

gong, gong, gong
sitzen, gehen, sitzen, gehen,..Glockentöne Geräusche, Gedanken, Gefühle und Licht im Fluss Schwerkraft, die Wirbelsäule richtet sich auf
Stille, Frieden im Geist
Entspannung in den Muskeln
Stabilität in der Instabilität
Unbeständigkeit in der Ewigkeit
Der Körper bewegt in der Unbeweglichkeit
Fein, subtil alles was bewegt
Geschehen lassen, atmen lassen
Normalzustand in Geist und Körper
Endlich Nicht tun
Es tut
gong – Vorbei!

Das immer wiederkehrende Datum des Rohatsu macht sicherlich auf der Nordhalbkugel, zumindest in den mittleren und höheren Breiten Sinn.

Die Dunkelheit, die Vegetationspause lassen die Menschen hier in allen Kulturkreisen gerne zur Ruhe kommen. In alter Zeit fasteten die Menschen vor Weihnachten – ein spiritueller Akt der Rückbesinnung.

Wie jeder weiss, der Rohatsu gesessen hat oder ein sonstiges langes Stille Retreat gemacht hat, sind die ersten drei Tage die schwierigen. Danach haben sich Geist und Körper an die Stille, die Ruhe, die Haltung gewöhnt. Man ist endlich im Normalzustand angekommen. Die Schmerzen und die Gedanken nehmen ab.

Man erkennt, wie es in den alten buddhistischen Schriften steht, dass es der Geist ist, der leidet, nicht der Körper. Viele sagen mir, ich kann nicht so lange sitzen, weil sie dieses oder jenes körperliche Problem haben.

Doch könnte dies nicht einfach ein Dogma sein, dem Unangenehmen aus dem Weg zu gehen? Buddhas Lehre lehrt die Praxis des Darüber- Hinausgehens. Buddha lehrt, dass wir durch Sesshin erkennen können, wie unser Geist funktioniert und wie wir das Leiden von Körper und Geist überwinden können.

Ein wenig Mut, ein wenig Vertrauen und Glaube in die Lehre Buddhas, ein wenig Selbstdisziplin, ein wenig Selbstführung und Vertrauen, ein wenig Verantwortung für sich selbst, ein wenig Selbstliebe und Flupp ist man auf der anderen Seite.

Aber die ersten drei Tage sind unbestritten wirklich schwierig! Doch was sind drei Tage?

Der Körper richtet sich bei mir auf, die Wirbelsäule streckt sich, das Becken gelangt ins Gleichgewicht. Der Geist beruhigt sich, die Gedanken werden weniger. Die Atmung wird sanfter und tiefer. Die Übung überträgt sich auf die Nacht, die Atmung wird bewusster, der Schlaf leichter. Manchmal hat man gar das Gefühl, nicht zu schlafen. Unterschiede verwischen – Wünsche nehmen ab.

Natürlich ist es schwierig, sich eine Woche Zeit zu nehmen, natürlich hat man Ängste und Sorgen vor einer solchen Herausforderung! Aber es ist nicht die Realität des Rohatsu. Hinterher fragt man sich jedes Mal, warum man sich vor dem Rohatsu wieder durch seine Gedanken und Emotionen stören liess.

Nächstes Jahr sicher nicht wieder.


Ein Sesshin leben

Ein Sesshin leben

Ein Text auf der Basis von Texten Kosho Uchiyamas

Als erstes ist ein Sesshin, besonders im Sanshin-ji Stil, ein Rahmen, in dem aus unseren während des Sitzens gemachten Erfahrungen Wahrheiten erkennen. Sie treten ganz deutlich in unser Leben und das nicht als Theorie. Das ist doch schon mal was in unserer virtuellen Welt.

Zum Beispiel wird die Zeit ungeheuer lang. Man sagt: “Die Tage in einem Sesshin sind so lang, wie sie uns in unserer Kindheit erschienen.”

In meinem täglichen Leben, v.a. wenn schlechtes Wetter, wie es jetzt ist, passiert es manchmal, dass ich mich im world wide web verliere. Ich studiere gerne die verschiedenen Wetterberichte, ich lese die aktuellen Schlagzeilen der Tageszeitungen, ich recherchiere ….Ehe man sich versieht, sind ein oder zwei Stunden vergangen. Da alles ständig abrufbar und nachlesbar ist, vergesse ich alles sofort wieder, das heißt ich ertappe mich dabei, wie ich sehr oft den Wetterbericht aufrufe, um wieder und wieder zu schauen, wie es wird – eine ziemlich lächerliche Sache …, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Also, wenn wir den ganzen Tag Zazen praktizieren, vergeht die Zeit oft gar nicht. Unsere Beine tun weh, wir langweilen uns schrecklich oder werden sehr unruhig und nervös. “Das einzige, was wir zu tun haben, ist, die Zeit als Wirklichkeit unseres Lebens durchzustehen” – ” Moment für Moment”, sagt Kocho Uchiyama.

Während eines Sesshins werden all unsere Handlungen durch eine Glocke geregelt. Zwei Schläge der Glocke und wir stehen alle auf und beginnen zu gehen. Während des Kinhins steigen Gedanken auf, wie satt wir das Sitzen in Zazen bereits haben und dann erkennen wir entmutigt, dass es immer noch der Morgen des zweiten Tages ist und noch nicht einmal die Hälfte des Sesshins vorbei ist. Ich bin mir sicher, dass jeder, der bereits an Sesshins teilgenommen hat, schon einmal diesen Gedanken hatte. Wie um alles in der Welt kommen wir durch die verbleibende Zeit? Was mach ich hier, ich könnte doch…? Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir über die Zeit hinaus gelangen oder wie mein verstorbener Lehrer Bovay sagte – “Sterben.” Wenn wir dieses Ding genannt Zeit nicht vergessen, wird es uns unmöglich sein, all die übrigen Stunden des Sesshins weiterzumachen.

Die Zeit ist eine menschliche Erfindung. Eine Minute und eine Stunde sind menschliche Standards, die eingerichtet wurden, um die fließende Schnelligkeit, die wir Zeit nennen, zu messen. Dass nur 5 Minuten vergangen sind oder dass es sich anfühlt, als seien fünf Minuten vergangen, ist darauf zurückzuführen, dass wir ein relatives Phänomen namens Zeit festgelegt und in unsere Standard-Wertvorstellungen eingebaut haben. wie z.B: “ Zeit ist Geld”, sie sollte gefälligst sinnvoll und effektiv genutzt werden. Denn Effektivität und Ökonomisierung sind wichtige Prinzipien der heutigen

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Gesellschaft. Aber wenn wir diesen Vergleichsstandard loslassen, gibt es keine Zeit als solch eine festgelegte Einheit.

Wenn wir über die Zeit hinaus gelangen und die Zeit vergessen, dann begegnen wir tatsächlich der frischen Wirklichkeit von “Hier und jetzt” in unserem Leben. Zeit existiert für uns, weil wir jeden Moment mit dem Nächsten vergleichen und in unserem Wahrnehmungs- und Aktivitätstrubel haben wir das Gefühl, dass die Zeit schnell vergeht. Wenn wir nicht mehr vergleichen und einfach nur noch das Selbst sind, das nichts als das selbst ist, können wir diese Geschwindigkeit, dieses Abgleichen überwinden, dass wir Zeit nennen. Wir machen weiter mit dem Sesshin und erinnern uns nicht mehr an die Zeit. Wir hören einfach nur drei Gongschläge und beginnen mit dem Zazen, bei zwei Gongschlägen mit den Kinhin. Wieder drei Gongschläge lassen uns wieder sitzen und nach weiteren zwei Schlägen geht es wieder zum Kinhin. Wir machen das Sesshin immer so weiter wie es ist und folgen den Signalen der Glocke.

Dass ein Sesshin so wie es ist voranschreitet, ist eine Übersetzung des Ausdrucks kaku no gotoku. Damit ist gemeint, dass das Sesshin unabhängig von unserer Zeitvorstellung weiterläuft.

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Niemand denkt mehr darüber nach, ob die Zeit lang oder kurz ist. Schließlich sind die fünf Tage vorbei und das Sesshin ist zu Ende, ohne dass wir darüber nachgedacht haben. Erst dann wird uns bewusst, dass wir beim Zazen vollkommen die Zeit vergessen haben. Genauer formuliert: Das Fünf Tage Sesshin ist von sich selbst aus vergangen, während wir uns dem Zazen gewidmet haben. Es sind nicht wir, die das tun, es tut einfach. Aber wie immer wir es auch ausdrücken, nichts ist wirklich passend. wir müssen ein Sesshin einfach persönlich erleben

Diese Art Erfahrung zeigt uns, was Zeit eigentlich ist und was vor der Zeit ist. Normalerweise halten wir es für gegeben, dass wir alle in der gleichen Zeit leben, aber während eines Sesshins können wir die Erfahrung machen, dass dem nicht so ist. Eigentlich ist es das Leben des Selbst, das die Zeit hervorbringt. Beim Zazen kreuzen wir die Beine, sitzen, ohne uns zu bewegen, und halten vollkommen still.

Wenn wir dies mit unserer alltäglichen, üblichen Lebensweise vergleichen, inder wir uns bewegen, wie immer wir möchten, finden wir das schmerzhaft. Wenn wir aber beim Zazen anfangen, darüber nachzudenken, wie schmerzhaft es ist und wie wir durchhalten und die Schmerzen ertragen, werden wir nie die fünf Tage ruhig sitzen können. Wir können dann vielleicht zwei Stunden Zazen praktizieren oder sogar vier oder fünf, wenn wir es nur mit unserer Fähigkeit tun durchzuhalten, die Schmerzen zu ertragen. Aber nur mit Durchhalten können wir nie ein fünf Tage Sesshin sitzen. nur Kraft und unsere egoistischen Ideen, über unsere Fähigkeit Schmerzen zu ertragen. können wir auch nie jeden Monat ein solches Sesshin absolvieren oder ein gar ein Zazen zentriertes Leben praktizieren. Und selbst wenn wir das können, wäre es total sinnlos. Wir würden nur unsere eigene Fähigkeit uns zu disziplinieren durchzuhalten mit der der anderen vergleichen und unsere Zazen würden lediglich zu einer Fortsetzung unserer Neigung, mit anderen in Wettbewerb zu treten. Die wichtigste Sache während eines Sesshins besteht darin, alle Gedanken darüber hinter uns zu lassen, wie schmerzhaft es ist oder wie wir mitten im Schmerz durchhalten und uns nur in Zazen versenken, so wie es ist. Nur dadurch, dass wir still sitzen und alles der Haltung überlassen, wird die Zeit von selbst vergehen. Nur wenn wir unsere Vorstellungen von Schmerz und Ausdauer hinter uns lassen, können wir ein Sesshin ohne Angst sitzen. Durch Sesshins erleben wir tatsächlich, was es bedeutet, dass der Boden so aus unseren Vorstellungen von Ausharren und Leiden herausfällt. Und das hat einen enormen Einfluss auf unser Alltagsleben. In unseren alltäglichen Angelegenheiten mögen uns viele Probleme und Missgeschicke begegnen, und normalerweise fangen wir an zu kämpfen, wenn wir damit konfrontiert werden. Dadurch bringen wir uns in noch schlimmere Bedingungen. Bei anderen Menschen sehen wir das genau. Wenn andere in unglückliche Umstände geraten sind, sagen wir als Beobachter oft, sie sollten “einfach aufhören, um sich zu schlagen” oder “sich einfach beruhigen”. Als Beobachter anderer können wir das ganz kühl sagen, aber wenn es sich um unsere eigenen Schwierigkeiten handelt, klappt es plötzlich überhaupt nicht mehr, uns zu beruhigen. Wie können wir dieses selbst – das nichts anderes kann als zu kämpfen – dazu bringen, damit aufzuhören und zur Ruhe zu kommen? Das geht erst, wenn der Boden aus unseren Vorstellungen von Leiden und Durchhalten herausbricht. Genau das erfahren wir beim Sesshin. Das Sesshin besteht aus der Fortsetzung der Praxis vor jeder Unterscheidung zwischen unserer eigenen Kraft und der Kraft anderer. Vor jeder Zeit, vor jedem Durchhalten.

Als ich 1990 mit der Zazenpraxis anfing, war ich in einer Sinnkrise. Ich hatte schon fast alles ausprobiert und erfuhr trotz der grossen Schwierigkeiten die

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mir das Sitzen als Bewegungsmensch und Zappelphilipp machte, zeitweise tiefen Frieden und Einheit.

Heute nach 34 Jahren suche ich nichts mehr. Alle meine Hoffnungen und Wünsche wurden zerschlagen, ich bin ernüchtert.

Täglich muss ich mich nur mit mir selbst auseinandersetzen und mich auf das konzentrieren, was geschieht. Immer wieder gab und gibt es schwierige Zeiten in meinem Leben. Der Zen-Buddhismus verspricht dir nichts. Er lädt dich einfach dazu ein, sich zu sammeln und mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen.

Shoken Winecoff schreibt: Mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, kann ein entmutigender Prozess sein. Das Leben verläuft nicht immer nach deinen Vorstellungen. Es erfordert Mut, sich der Wand des Alltags zu stellen. Die Frage ist, ob wir uns in jeder Situation, der wir begegnen, manifestieren können. Manchmal finden wir uns in schlammigem Wasser wieder. Die Lotusblume blüht jedoch in schlammigem Wasser.

Es gab einen buddhistischen Mönch namens Eihei Dogen, der vor etwa 800 Jahren lebte. Er übertrug den Soto-Zen-Buddhismus von China nach Japan. Unsere Wurzeln gehen auf ihn zurück. Er schrieb diesen Text, Dogen Zenjis Gelübde. Ich möchte ihn mit euch teilen.

Wir gehen gemeinsam miteinander, mit der großen Erde und mit allen Lebewesen.

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Die Praxis unserer Linie ist so wichtig

Unverzüglich, und kein bisschen müde vom Ango in Japan, begann am ersten Morgen nach seiner Rückkehr um 04.10 Uhr das erste Zazen 2024 in Sanko-ji. Die tägliche Praxis von Zazen, unsere Basis, sie ist so wichtig! Ach, könnten wir es doch immer spüren! Doch leider ist es, wie mit dem Blühen, Einfach tun, ohne zu spüren oder zu wissen, ob es sinnvoll ist.

Es ist wichtig, dass es weiter geht. Die Praxis unserer Linie ist so einzigartig, so wichtig.

Unsere Vorfahren, Kodo Sawaki, Uchiyma Roshi und nicht zuletzt Okumura Roshi, warfen alles, was nichts mit Shikantaza zu tun hatte, was durch die japanische Kultur und Geschichte geprägt war, was mit Geld verdienen und Positionierung zu tun hat, über Bord. Es blieb die Praxis ohne Spielzeug, nicht mal die Religion braucht es dazu!

Im Ango in Kotai-ji habe ich viel Spannendes und Wertvolles erfahren und praktiziert. Aber es war alles diametral entgegengesetzt, was die Praxis von Zazen lehrt. Kurz gesagt, ich werde da in nächster Zeit mehr zu schreiben, wird in Kotai-ji, wie in allen Sermon Sodos, ein starker, äußerer Rahmen gesetzt. Dieser äußere Rahmen, umgesetzt durch die Lehrer, dient dazu, dass sich der Adept in die richtige Richtung entwickelt und das tut er auch ohne Frage. Es gibt viele positive Effekte zu berichten.

Doch! In unserer Linie braucht es den äußeren Rahmen nicht, es braucht nur die richtige Zazen-Haltung, die wir selber erschaffen und die Stille, welche selbstredend dazugehört. Es braucht nur unseren Mut und Vertrauen, der aus

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unserem guten Karma resultiert. Den Rest übernimmt der Kosmos, es passiert einfach.

Inmitten eines Sesshin im Sanshinji Stil: Wie sehr sehnt man sich dann im Verlauf des immerwährenden Zazens, dass einer uns hilft, dass der Lehrer etwas Erbauliches sagt, dass wir Kyosaku bekommen, der uns aus dem unangenehmen Zustand herausholt, wir über ein Koan brüten dürfen, eine Zeremonie angesetzt wird, die uns frei Atmen lässt? Wir würden gerne nach jedem Strohhalm greifen, bloß, um uns von dieser Unerbittlichkeit, diesem Schmerz, dieser Gnadenlosigkeit, dieser Leere und Impermanence, die sich auftut, abgelenkt zu werden. Unser Ego möchte das nicht. Das ist normal und richtig. Das Ego tut, was es tun muss. Es liebt uns! Wie könnte es, so etwas, was es nicht fassen kann, zu lassen? Und wir, wir sitzen einfach und mit Hilfe der Stille und Unbeweglichkeit gehen wir dadurch. So ein Zustand dauert nicht ewig. !n Kotai-ji habe ich ein halbes Jahr anders praktiziert und es fällt mir jetzt umso schwerer wieder zu dieser Praxis for nothing zurückzukehren.

Nur unsere Linie mit Okumura Roshi, als großes Vorbild, geht diesen Weg so kompromisslos und unabhängig von Quantität und finanziellen Interessen. Es ist schwer, so zu praktizieren, weil es gegen unsere profanen menschlichen Bedürfnisse geht. Es ist gegen alles, was wir so kennen, was andere tun! Um so mehr verdient es Respekt und Unterstützung. Bitte helft!


Jahreswechselsesshin

 

Von Gyoriki Herskamp, Januar 23

Einer der besten Arten, den Jahreswechsel zu begehen. Nach den Coronajahren endlich wieder einmal möglich. Neben dem Zazen war auch Zeit zum Verdauen des Jahres, zum Jahresende Putz und für mich zum Kalligraphieren. Dieses Jahr die Kanji zu Ozaru – großer Himmel. Nur am jeweiligen Jahresende komme ich dazu und es macht mir Freude, auch wenn meine Fähigkeit dilettantisch ist. Da sich alle freuen, denen ich eine schenke, mache ich weiter.

Das Besondere an diesem Sesshin waren zum einen die Rekordtemperatur von 17 Grad, und die große Stille im Tal. Wenige Fahrzeuge waren an diesem Tag unterwegs, wirklich ungewöhnlich ruhig. Dankbar genossen wir diese Ruhe. Erst kurz vor 0 Uhr wurde es laut und die Raketen und Böller knallten.

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Stille, im Hintergrund nur die Geräusche der Natur, die heilen. Am nächsten Morgen dann die Neujahrszeremonie. Ungewöhnlich lang war die Liste von Schwerkranken und Verstorbenen, denen die Zeremonie gewidmet war . Wir werden nicht jünger und auch nicht gesünder. Unser Umfeld anscheinend auch nicht. Viele sterben in den ersten Jahren der Rente, sowie meine Nachbarin, die erst im Juli nach Madeira ausgewandert war oder sogar vorher, wie mein Freund mit 60 Jahren. Der Buddha sagte es immer wieder, wir werden geboren, dann altern,erkranken und sterben wir – die große Unbeständigkeit und Wahrheit. Doch hoffen wir alle, dass es uns nicht so geht oder später als anderen. In dieser Welt sterben Kinder vor ihren Eltern, das ist Realität. Unsere alten Zenvorfahren habe nicht geschuftet um Geld anzuhäufen für das Alter. Sie haben gelebt, von dem Moment an, an dem sie ihr Gelübde geleistet haben und praktizierten. Große Vorbilder! Glauben wir den Werbungen und Zeitungsartikel ist man nur glücklich, wenn man vorsorgt, Reichtümer anhäuft für “Später”. Wer das nicht macht, wird später büßen.

Wie der alte, wettergegerbte Mann, der fast zahnlos vor seinem alten Haus am Nachmittag, stoisch Holz hackt, zwischendurch innehält und in die laue Wintersonne blinzelt. Hätte er doch für eine Zentralheizung gespart und für den Zahnarzt und für die Insel im Süden. Neue Gummistiefel könnte er auch mal kaufen. Der Sohn macht es besser in der Stadt, fährt ein neues, schickes E-Auto. Kommt nur selten vorbei, denn er hat wenig Zeit, er will schließlich was werden.

Nach der Zeremonie zerschneiden die Rauchschwaden des Räucherwerks die Stille. Dann die ersten Worte des neuen Jahres! “Danke und ein gutes neues Jahr euch!” Manchmal muss man halt die Stille unterbrechen. Doch beim Schreiben denke ich schon sehnsüchtig an die Wand, die erdige Haltung, ihre Unerschütterlichkeit und Ruhe. Die Stimme des Tales – die Kleine Wiese (Flussname). Wie klingt sie genau? Niemand kann es fassen, auch Wissenschaftler nicht, denn ihr Klang ist immer anders – frisch und einzigartig. Glaubst du es nicht? Dann teste es.


Stille Einkehr, heitere Einfachheit

Viele denken: 14 Stunden/Tag sitzen, das ist extrem! Besser ich geh zu denen, da hab ich ein Einzelzimmer, da kann ich mich austauschen, mich erholen. Die haben Buffet, da ist ein grosser Meister! Ich leide und mache doch schon so viel für Familie und die Welt und nun soll ich freiwillig nachmehr leiden! Ah und ausserdem hab ich Knie!”

Sind wir etwas Besseres deswegen, weil wir simpel unserer überlieferten Praxis unserer Lehrer folgen. Sicher nicht! …. doch gibt es viele Menschen, die aus körperlichen oder geistigen Gründen nicht zu so einer Praxis in der Lage sind. Insofern können wir uns besonders glücklich schätzen, auf das Dharma gestossen zu sein und es sogar praktizieren zu können. Dafür sollten wir dankbar sein, aber sicher nicht stolz oder gar arrogant. Sondern “Normal”! Unsere Praxis ist es ja, sie immer während in Frage zu stellen, da wäre kein Platz für besser oder höher. Auf der anderen Seite befinden wir unsere Praxis nach Überprüfung für völlig korrekt, dann werden Lob und Tadel anderer ohne Bedeutung sein. Wir dürfen unseren Geist folglich nicht nach Aussen richten, müssen uns nicht fragen, was denken sie über uns? Und brauchen nicht nach Gewinn und Anerkennung streben.

“Nun kommt kein Schwein, keine Sau ruft mich an”…. soll man in Sanko-ji diese uralte Praxis aufweichen, soll man sich anpassen an den Wandel der Gesellschaft, den Bedürfnissen des modernen Menschen?` …Der moderne Mensch an sich, wie ich ihn erlebe, ist sehr beschäftigt wieder in Kontakt mit seinen Gefühlen zu kommen und auf sich und seinen Körper zu hören. Die ist sicher gut. Doch er hat grosse Sorge um seine Zukunft bei gleichzeitiger maximaler Bedürfnisbefriedigung plus Personal Fitting. (Das bietet Zazen genau nicht!) Damit ist er vollends beschäftigt. Das eigene Erleben drängt in Vordergrund und so auch Ängste, die vielleicht nichts anderes sind als die Sorge, dass ich “meine” Bedürfnisse nicht befriedigen kann. Gefühle als Ratgeber?! Gibt es in unserer Gesellschaft ein Recht auf Reisen, auf Party, gute Gefühle, die perfekte Nahrung… . Fragt man nach, warum möchtest du in die Ferien nach Griechenland fliegen, bekommt man die Antwort, weil ich es will, brauche, ich muss hier weg, ich habs verdient! Die meisten Menschen wissen nicht einmal, warum sie handeln. Ich hab Bock auf Party…so reden Kinder. Wie redet und handelt der spirituelle Erwachsene? Wissen wir nicht aus der Resilienzforschung, dass gerade das Meistern schwierigere Aufgaben hier und jetzt uns stark und glücklich machen!?

In einem Zengedicht heisst auch:

“Wer das “Hier” flieht, um das “Anderswo” zu finden, der brütet ohne Unterlass “morgen” aus. Anderswo existiert nicht”

“Stille Einkehr, heitere Einfachheit” heisst es im Shodoka. Kodo Sawaki schreibt dazu:

“Kein Geräusch erreicht die Person, die in rechter Haltung sitzt, bei der die Knie auf den Boden gedrückt sind. Die Menschen sind ständig am Machen. Sie benehmen sich, als würden von allen Seiten Feuerwerkskörper abgeschossen, als wüssten sie nicht wohin mit sich… “Ich habe keine Zeit… ich bin sehr beschäftigt… ich bin ausgelastet” ihr Kopf ist voller Widersprüche und sie nehmen sich nie die Zeit, das in Ordnung zu bringen. Je komplizierter die Welt wird, desto wichtiger wird es, sie zu vereinfachen, zu vereinen und ihre grundlegende Einheit wiederzuentdecken. …

…Ich sitze friedlich und sorglos in meiner bescheidenen Bleibe. Stille Einkehr und heitere Einfachheit. Sawaki isst, um Zazen zu machen, er schert sich das Haupt und trägt die okesa, um seinem Zazen mehr Kraft zu geben. Das ist alles. Er praktiziert Zazen und bringt andere dazu Zazen zu üben. Er besitzt nur einfache, unverzichtbare Dinge. der Rest ist nur Geschwätz, selbst wenn man ein Jahr oder Jahrhunderte drüber redet.”

Ja, aber …wird da mancher sagen, ich muss doch die Welt retten, Co2-Ausstoss, Menschenrechte, Trump-USA, Corona und v.a. Mitgefühl praktizieren, ich … und der hat gesagt und jener jenes, dass…!….ihr Kopf ist voller Widersprüche…was ist wirklich wichtig, ganz tief wichtig, essentiell in unserem Leben? Wer nimmt sich die Zeit dazu dies wirklich festzustellen?

Dogen sagt im Fukanzazengi: “Halte alle Bewegungen des bewussten Denkens an, stoppe die Funktion deiner Intelligenz, lass den Gedanken fallen. ein Buddha zu werden.”

Soll man also sich den Gegebenheiten der Gesellschaft, des Menschen anpassen…hier in Sanko-ji finden wir, dass wir hier das grosse Glück haben Zen und Naikan in seiner klassischen Form zu praktizieren weiter zu geben. Natürlich machen wir finanziellen Verlust, natürlich können wir nicht viele Jahre so weiter machen. Wir brauchen uns weder dem ökonomischen Druck und den Winden der Gesellschaft (Kodo Sawaki würde “Fürze” sagen, hahaha) beugen. Noch müssen wir nicht um euer Money betteln! So wie das Kesa wollen wir die Shikantazapraxis solange praktizieren und weitergeben bis wieder mehr Menschen in dieser Welt erscheinen, die das “verborgene Juwel” in Ihnen erkennen. Mein Wunsch wäre, dass mindestens eine Person Sanko-ji weiterführt. Niemand weiss dies aber….wir machen weiter so lange es geht…mit voller Energie und im tiefen Wissen….” Man braucht nur eine Sache im Kopf behalten: In der Stille jede Aufregung meidend, müssen wir unsere einzigartige und schlichte Mission erfüllen. Ich sitze friedlich und sorglos in meiner bescheidenen Bleibe. Stille Einkehr, heitere Gelassenheit.” Kodo Sawaki

Hahaha…das ist lustiger, besser, spannender und sinnvoller als du jemals denken könntest. Und das Staunen:”Das bin Ich!? und wie unbedeutend bin ich?! hört nie auf!

In diesem Sinne gutes Staunen auf eurem Weg!

Würde mich freuen mal wieder mit euch Körper an Körper, Geist an Geist zu praktizieren. “Den Vorgaben der staatlichen Covid 19 Regelungen wird hier bestmöglich gefolgt”

 


Mit gekreuzten Beinen sitzen

Ein Zitat von Kosho Uchiyama Roshi zum Mysterium Zazenhaltung:
„Eines Tages kam ein Westler zu mir und fragte mich: Ich möchte gerne Zazen praktizieren, aber ich kann nicht mit gekreuzten Beinen sitzen. Was denken sie über auf dem Stuhl sitzen während Zazen?
Es ist nicht so gut. Im Halblotus oder Volllotus sitzen ist etwas komplett anderes als auf dem Stuhl sitzen. Wenn sie wirklich richtig sitzen, werden sie den Unterschied merken. Es scheint ähnlich zu sein, aber der mentale Zustand ist anders. Wenn sie mit gekreuzten Beinen sitzen, wird der Körper gerade und der Geist wird auch geradeaus, direkt, unkompliziert, einfach (straightforward).
Im allgemeinen, weil Westler lange Beine haben, können die, die in ihren 20ger Jahren beginnen, oft einfacher sitzen als Japaner; die in den 30er Jahren scheinen oft Schmerzen zu haben, und es sind nur wenige die in ihren 40er mit dem Sitzen beginnen können. Es ist fast unmöglich für Menschen in den 50er Jahren. Wenn Personen aber trotz des Alters sitzen wollen, empfehle ich das Stuhlsitzen als die 2. beste Methode. Der entscheidende Punkt ist, dass sie auch hier die Wirbelsäule so strecken, dass sie sich fühlen als würden sie den Unterleib auf ihren Schoß platzieren. Und dennoch ist das dann eine ganz andere Haltung als die echte Zazenhaltung. Warum wird Körper und Geist „straigthforward“? Ich kann es nicht mit Worten erklären.“


Sesshin = Loslassen

Was sind die Alternativen zu Loslassen während des Zazens? – Kämpfen, Aushalten, Wegträumen/Dösen,….Das Erleben der Freude und Leichtigkeit von Zazen, wie von Meister Dogen beschrieben, insbesondere in einem Sesshin, geht nur über das virtuose Anwenden des Loslassen. Schmerzen körperlicher oder seelischer Art sind doch, so eine Sichtweise, oft Folge von Verspannungen psychischer und/oder muskulärer Art. Wie sollte ein Rohatsu mit 14 Stunden Sitzen/Tag zu Zazen in Leichtigkeit und Freude führen, ohne Loslassen? (abgesehen von der richtigen Zazenhaltung natürlich, s. Fussnoten 1-6):-) Wie sollte vieles andere Leid dieser Welt zu Freude führen?

Eine persönliche Anmerkung mit Beispiel: Persönlich finde ich das Loslassen während eines Sesshin nach fast dreissig Jahren Übung als recht einfach. Das 7Tage Sitzen à 14 Stunden, wie bei einem Rohatsu à la Antaiji führen einen wie von selbst dort hin. Freude und Leichtigkeit werden zur Basis. Doch im Alltag finde ich es immer noch schwierig jederzeit loszulassen, besonders bei körperlichen Schmerzen. Durch eine verkrümmte Wirbelsäule und diverser Schleudertraumen in der HWS kann es bei mir durch Überbelastung/Fehlbelastung oder kleinere Unfälle immer wieder zu sehr starken Verspannungen im rechten Rückenbereich kommen, die wenn ich sie nicht Loslassen kann, zu starken Verspannungskopfschmerzen mit Atemproblemen im schlimmsten Falle gar zu Migräne führen können. Natürlich habe ich in den letzten Jahren meine Dehnübungen entwickelt und es gelingt mir in 99% der Fälle selbst innerste, einst tief verborgene Muskeln zu entspannen; doch fand die Überbelastung auf mehreren Ebenen statt, z.B: Wandern, Holzspalten und noch ein kleiner Ausrutscher beim Wandern, dann können die Verspannungen komplex und unübersichtlich werden und mich zu tagelangem ständigen Loslassübungen führen. In sehr seltenen Fällen (1-2x pro Jahr) hilft aber immer noch gar nix, ausser eine Schmerztablette nehmen,…ergo weiter Loslassen;-)
Doch durch unendliches Loslassen kann ich auch im Alltag ständig aktiv Verspannungen loslassen bzw. die Muskeln der Wirbelsäule aus der Fehlhaltung durch aktives Gegensteuern bei gleichzeitigem Entspannen herausführen. In einem Sesshin führt dieses Loslassen/ aktive Korrektur durch jahrelange Übung zu ununterbrochenen Üben auch im Schlaf, also nonstop….es wird zur heilenden Gewohnheit. Im Arbeitsalltag, kann ein längerer Unterbruch der „aktiven, unbewussten“ Übung allerdings zu immer wieder kehrenden Rückschritten bzw. Stillständen führen, so dass sich der ganze Prozess über Tage hinziehen kann. Das klingt mühsam, doch wie wunderbar ist doch das Gefühl der Selbstkontrolle, ich kann meine Krankheit selber heilen und bin dadurch körperlich auch immer noch recht fit und belastbar. Ein Gefühl grosser Dankbarkeit und Freiheit sind Folge dieses unablässigen Übens körperlichen Entspannens und Autokorrektur. Über die Benefits des Loslassen auf den verschieden geistigen Ebenen mag ich jetzt gar nicht erst eingehen.
Also…, deswegen finde ich die Fussnoten 9 auch ungemein wichtig, versucht er doch diesem wichtigen, schwierigen Thema auf den Grund zu gehen und es uns Nahe zu bringen. Zazen/Sesshin ist keine Askese!

Ein wunderbaren Herbst des Loslassen euch!

Herzlich und Gassho
Gyoriki