Hachi Dainin Gaku 6 – Shoyoku IV

1. Shoyoku – Wenige Wünsche haben Kommentar zum 2. Abschnitt:

Der Buddha erläutert: Mönche und Nonnen, hier ist etwas, auf das ihr aufmerksam sein solltet. Eine Person mit vielen Sehnsüchten und Begierden leidet proportional stärker und zwar deswegen, weil er oder sie stärker persönlichen Zielen folgt oder andere Vorteile sucht.

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Die kühle, trockene Luft erfrischt und verhindert ein Wegdösen beim Zazen im Dojo. Dafür ist es sehr still, das sonst rauschende Wasser der Pauja ist auf den ersten Blick erstarrt. Doch drunter fließt es unsichtbar weiter, geht man näher heran, sind ab und zu sehr seltsame, interessante Geräusche aus dem Eis zu hören. Manchmal sehr unheimlich, manchmal zum Lachen lustig. Ein neue spannende Welt, die sich auftut.

Die Konturen der Landschaft sind rein und klar, nur weiss, schwarz und blau, und manchmal alles verschwommen und in Grautönen gehalten, und manchmal auch ein unheimliches oder freudiges Glitzern von Sonnenstrahlen an Orten, die überraschen.

Vieles, was im Sommer durch die üppige, grüne Pflanzenwelt überdeckt ist, zeigt sich jetzt und zeigt seine tiefe eigene Schönheit. Es lohnt sich, hinauszugehen. Manchmal bin ich in Gedanken, dann merke ich plötzlich, dass ich an einer Hecke stehe und in die Ferne schaue. Häufig, wenn auch nur kurz, gehe ich hinaus. einfach weil es hilft die Gedanken loszulassen und manchmal gehe ich länger hinaus, um Brennholz zu machen oder lange Spaziergänge zu machen.

Jeden Morgen und Abend gehe ich draussen pinkeln und lausche, schaue, spüre und halte Inne, jedes Mal anders, mal Regen, mal Schnee, mal eiskalt, Schneeflocken tanzen vor den Augen, während mein Pipi Formen in den Schnee zeichnet und dampft. Die Kälte vertreibt Müdigkeit und Träumereien. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und man sieht nach und nach erstaunliches. Eine Taschenlampe brauche ich nicht, es reicht zum Gehen. Scheint der Mond auf dem Schnee, herrscht eine wunderschöne Art von Helle eines Lichts, das selbst schon reflektiert wurde, es ist besonders und nur auf Schnee so einzigartig. Der Blick zu den Sternen am Firmament macht einen mal ganz gross, mal winzig klein im Angesicht der gewaltigen Unendlichkeit und Ewigkeit. Ehrfurcht und Freude begleiten einen beim Betrachten.

Das Entleeren der Blase brachte die ersehnte Erleichterung, freudig stapfe ich vorsichtig zum Dojo, bloß nicht ausrutschen, um in aller Ruhe Zazen zu beginnen. Welches Glück ich habe.

Letztens las ich in einem Zeitungsartikel darüber, warum die Menschen in früheren Zeiten, in unseren Breiten und in Nordeuropa sogar heute noch, nicht unter der Kälte, der Dunkelheit oder dem Winter litten und auch weniger krank wurden als wir.

Als erstes ist die Einstellung zur Kälte zu nennen, als zweites der Umgang mit ihr und als drittes eine Art Kältetraining.

Heute, wo wir es uns leisten können, heißt eine auftretende Kälte draußen für viele von uns, wir drehen automatisch die Heizung hoch, ziehen uns wärmer an und bleiben drinnen in der Wärme. Bloß nicht raus gehen. Die Kälte und die kalte Jahreszeit sind oft zu einer Art Unzeit oder gar Gegner geworden, die man überstehen muss.

In Skandinavien und hier in den Alpen dagegen erfreuen sich die Menschen am Winter. Auch in Japan hat man eine eigene Art mit der Kälte und dem Winter umzugehen, bis heute gibt es in japanischen Häuser kaum Zentralheizungen, sondern nur einzelne Orte die geheizt werden, beispielsweise die Klobrille oder der Esstisch, wo die Familie zusammen kommt.

Auch hier in der Zenklause ist nur die kleine Stube gut geheizt, sonst nichts. Ich erfreue mich an der intensiven, punktuellen Wärme des Kaminofens, der Dämrigkeit, weil die Kerzen flackern und alles in schönes Licht tauchen, der Ruhe, des mehr Schlafens.

Neben der besseren Einstellung zur Kälte und Dunkelheit hilft dir sicher auch das Zurückziehen ins Haus, wenn es dunkel wird, die Gemütlichkeit im Inneren und das Verlangsamen des Lebensrhythmus. Wenn du so weitermachst wie im Sommer, gehst du gegen das Natürliche. Du kannst von der Natur lernen, alles zieht sich zurück, v.a. die Pflanzen und die Tiere verlangsamen ihren Stoffwechsel. Sie fahren runter. Die Lebenskraft fährt einen Gang herunter, die indigenen Völker meditieren viel in dieser Zeit; meine Eltern berichteten, dass die Nachbarschaft in der Nachkriegszeit abends auf dem Lande in der guten, warmen Stube zusammen kam und alte Geschichten/Märchen erzählte.

Es ist erwiesen, wenn wir die Nacht durch künstliches Licht zum Tag machen oder in das Licht unserer Endgeräte schauen, um zu konsumieren, dass wir oft nur schlecht schlafen können.
In alter Zeit wusste man um die heilende Kraft der Kälte, wie zum Beispiel um die positive Wirkung des Eisbadens, dass man immer noch in Ost- und Nordeuropa pflegt und mehr und mehr auch bei uns wieder populär wird. Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kälte heilt und gesund macht und zwar psychisch und physisch. Natürlich macht man wieder einen Hype darüber und ein Geschäft, aber es hilft dir, aus deinem Gedankengefängnis herauszukommen, dich zu beleben, deine Lebenskraft zu aktivieren.

Ich habe dreißig Jahre lang damit kokettiert, dass ich “bekennender Warmduscher” bin und habe kaltes Wasser ausgelassen. Erst in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass Kneippbäder meinen müden Beinen und Füßen gut tun. Diesen Winter habe ich sogar angefangen, mich für 10-20 Sekunden in die eiskalte Pauja zu setzen. Tief und langsam ein- und ausatmend zähle ich langsam bis 10 oder 20, je nach Tagesform. Danach bin

ich erfrischt und aufgeheizt und sitze noch, in eine Decke gehüllt, viele Minuten draußen und genieße die Abendstimmung und das wohlige Körpergefühl. Ich weiss von Freunden, die täglich kalt duschen und darauf schwören.

Die Art und Weise des Lebens hier in den Bergen zwingt mich immer raus zu gehen, schon nur um das Brennholz rein zu holen oder Schnee zu schippen. Aber auch sonst gehe ich jeden Wintertag länger hinaus, sei es, um langsam zu joggen, durch den Schnee zu stapfen oder eine Schneeschuhwanderung zu machen. Im Winter reichen 30-60 Minuten täglich draußen sein, völlig aus. In Bern fahre ich 30 Minuten bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule und zurück. Das Draußen sein und die Bewegung, auch das ist alles wissenschaftlich längst erwiesen, halten dich gesund, weil du an deine Bestimmung und Lebenskraft anknüpft.

Das Bewegen ist in unserem DNS angelegt. Wir sind auf dieser Welt, um uns zu bewegen und v.a. zu laufen und zu gehen. Wir wurden durch den aufrechten Gang zur überlegenen Spezies dieses Planeten. Denn wir konnten laufen oder stehen und hatten die Hände frei, um andere Dinge zu tun. (Unser vermeintlich überlegenes Denkvermögen dagegen führt wahrscheinlich zu unserem Aussterben).

In ihrem Bestseller “Bewegung liegt in deiner DNA” beschreibt die Biomechanikerin Katy Bowmann wie man lernt, sich wieder natürlich zu bewegen und dadurch gesund zu werden.
Mehr noch als Ernährung zeigen alle wissenschaftlichen Studien, dass der Schlüssel zu einem vitalen Leben die Bewegung ist, in meinem Fall zu weniger Schmerzen und mehr Lebenskraft.

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Diese Lebenskraft macht, dass sich unsere Wunden (psychische und auch physische) meist von selbst heilen, dass Tiere teilweise weite Strecken zurücklegen, um an wichtige Mineralien zu kommen, dass sich das Gras wieder aufrichtet, wenn ich darüber gelaufen bin. Diese Lebenskraft macht, dass wir Menschen uns viel natürlich Bewegen wollen oder uns mit Kälte heilen wollen, dass es uns hinauszieht in die Berge oder Wildnis, das wir empathisch sind und soziale Wesen, dass wir kreativ sein möchten und nach einem spirituellen Sinn suchen.

Diese Lebenskraft macht, dass gerade eine dicke Hummel bei knapp über Null Grad an mir vorbei brummt, diese Primel blüht und am von der Sonne beschienenen Felsen hinter mir eine Grille leise zirpt.

Im Unterschied dazu ist Begierde, wenn wir auf ein Ziel ausgerichtet sind, das uns von unserem gegenwärtigen Ich weg bringt, hin zu einem außerhalb von uns und in der Zukunft liegenden Ziel bringt.
Die meisten Menschen beginnen Zazen oder sonst irgendeine spirituelle Praxis, um sich selbst voranzubringen. K. Uchiyma sagt: “Und weil die Begierde bei der Verfolgung dieses Zieles zu unserem Lebenszweck wird, entfernen wir uns beträchtlich von der Lebenswirklichkeit unseres wahren Selbst. Dies sagt auch Dogen Zenji im Shobogenzo Genjo-Koan: Die Leute, die sich um das Dharma bemühen, entfernen sich unweigerlich vom Umfeld des Dharmas.”

Meiner Ansicht nach, das größte Hindernis auf dem Weg, denn ich beobachte dieses große Missverständnis bei vielen Wegsuchenden und auch ich selbst war lange in dieser Falle. Ich dachte, wenn ich mich sehr um das Dharma bemühe, noch mehr mache als andere, noch aktiver praktizieren, Gutes tue, mich bemühe Bodhisattva zu sein, mich noch mehr engagiere, dann….Erst S. Okumura öffnete mir die Augen, als er mir in einer unserer ersten Begegnungen, wo ich beschrieb wie wenig Zeit ich hätte, weil ich ja noch dies und jenes Dharmische tuen müsste, dass dem nicht so sei, wörtlich: “Du hast alle Zeit der Welt, nicht nötig dich zu bemühen und zu hetzen.”

Uchiyama fährt fort: Demgegenüber kann man es nicht Begierde nennen, wenn man weiss, dass eine Erhöhung des wirklichen Selbst nicht auf eine ausserhalb oder in der Zukunft liegende s Ziel aus ist, sondern nur bedeutet, hier und jetzt die Realität des Seins des Selbst zu verwirklichen

Denn eine solche Haltung richtet sich nicht auf ein außen stehendes Ziel, sondern ist eine Seins-Verwirklichung des Nur-Selbst.
Die Lebenskraft, mit der wir dagegen Zazen praktizieren, ist eine Kraft, die sich keinen Zielen verschreibt, sondern die Realität des Seins des Selbst zur Entfaltung und Verwirklichung bringt.

Viel Zeit geht heute bei vielen Menschen verloren mit allen möglichen Handlungen zur Selbstoptimierung. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch warum machen wir das? Ist es nicht so, weil wir denken, wir dürften keine Schwächen haben, sondern auf all diesen unendlich vielen Gebieten Leistungsstärke zeigen, um Anerkennung zu finden.

Super Food Essen, fitter, leistungsfähiger Körper, ansehnlicher Körper, effizientes Arbeiten, Brain-Gym, Kommunikationstraining, Weiterbildungen, um unser Portfolio zu erweitern, Anti-Stress -Training, um nur einige der populären Möglichkeiten der Selbstoptimierung zu nennen.

Das klingt gut und ist vielleicht auch sinnvoll. Aber ist es sinnvoll, wenn wir das nur aus Pflicht- und Leistungsbewusstsein tun? Dürfen wir keine Schwächen haben, müssen wir in allem gut sein?
Wäre es nicht besser, deine Schwächen als das zu akzeptieren, was sie sind: Schwächen. So sehr du dich auch anstrengst, du wirst nie gut sein in diesem Bereich.

Was wäre, wenn du dich auf deine Stärken konzentrierst. Hier sind immer 100% Leistung möglich. Deine Stärken sind Sachen und Fertigkeiten, die du gerne ausführst, die dir vielleicht sogar Spass machen. Du bist motiviert, Aufgaben in diesem Bereich zu übernehmen, lernst rasch, hast Spass, Verbesserungen zu entwickeln und auszuprobieren. Wenn ich mit Menschen arbeite, beginne ich immer damit, die Stärken herauszuarbeiten oder, wie man es auch nennt, Ressourcen festzustellen..

Denn das macht Freude, die Schwächen kann man getrost loslassen, denn diese Aufgaben machen keinen Spass, man schiebt sie vor sich her, weil man sich nicht motivieren kann und Fortschritte zu erreichen, muss man krampfen. Wenn du dich auf deine Stärken konzentrierst, hast du plötzlich viel mehr Zeit und kannst öfter mal rausgehen, dein Leben verlangsamen, deine Umgebung wahrnehmen. Du wirst deswegen zufriedener, auch weil du mehr Erfolgserlebnisse hast und weil, dass, was du tust, mehr Sinn macht und du hast wahrscheinlich mit der Zeit weniger Wünsche.

Letztlich agierst du dann auch ganz Nahe aus deiner ureigenen Lebenskraft heraus, deshalb heißt es ja auch immer im Zen: Just do! aus deiner Lebenskraft heraus.

 

Hachi Dainin Gaku 6 – Shoyoku III

Überlegungen zum zweiten Satz des Shoyoku

Dieser Satz wurde von Eihei Dogen dem ursprünglichen Text von Shakyamuni Buddha hinzugefügt.

“Nicht stark den Objekten seiner Wünsche (entstanden durch die fünf Sinne), die noch nicht erfüllt sind, nachjagen, ist, was man ‘Wenig Wünsche haben’ nennt.”

Wenn man das Wort „wild“ hört, denke ich, wie viele von Ihnen auch, zunächst unwillkürlich an Wildnis, wilde Tiere und Pflanzen und ihr Verhalten. An ein menschliches Verhalten also, das dem von wilden Tieren nahe kommt.

Schaut man beispielsweise einem männlichen und weiblichen Hund zu, die „rallig“ sind, dann trifft dieses Verhalten vielleicht auch auf Menschen zu. Beispielsweise wenn im Karneval oder auf dem Oktoberfest sich Männlein und Weiblein, aufgeputscht durch übermässigen Alkoholkonsum und Masseneuphorie, geil auf sich stürzen und es zu einem eher „tierischem Verhalten“ kommt.

Ich verstehe „Wild“ in diesem Zusammenhang also im Sinne von enthemmt, tierisch, maßlos, zügellos, eine der zwei Hauptbedeutungen von “wild”.

(Im Duden kann man die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „wild“ nachlesen:

  •  nicht domestiziert,nicht kultiviert – wild wachsende Pflanzen             
  • a) niedrige Kulturstufe – wilde Stämme…b) unzivilisiert, nicht gesittet – wilde Gesellen, Sitten
  • a) urwüchsig, naturbelassen, im natürlichen Zustand belassen b) wuchernd – unkontrolliert wachsend c) nicht urbar gemacht -wildes Land
  • unkontrolliert, unreglementiert , oft gesetzeswidrig, offiziell nicht gestattet
  • a) heftig, stürmisch, unkontrolliert, ungezügelt, enthemmt – Flucht, Panik, entschlossen b) wütend, rasend, enthemmt, c) lebhaft, temperamentvoll – z.B. Kinder
  •  Das erträgliche Maß überschreitend, maßlos, wüst.)

Die zweite Hauptbedeutung von „wild“ geht in die Richtung von naturbelassen, nicht urbar gemacht, normal, natürlich, chaotisch.

So zeigen Tiere ein typisches Verhalten, wie folgendes Beispiel dokumentiert:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Zebra spürt, der Löwe ist hungrig und stoppt das Äsen. Wenn ein Löwe auftaucht, heißt das nicht, dass ein Zebra sofort in Alarmbereitschaft ist, sondern erst, wenn er spürt, dass der Löwe auf der Jagd ist, gerät er in Alarmbereitschaft. Wenn dann der Löwe seinen Angriff auf die Herde oder auf ein einzelnes Tier startet, dann flüchtet auch das Zebra in wilder Hatz durch die Savanne. Hat der Löwe sein Ziel erreicht und einen Zebra geschlagen, dann spürt das Zebra sofort, dass die Jagd vorbei ist und beginnt, mit seinen Artgenossen in Ruhe weiter zu äsen. Auch der Löwe stoppt seine Jagd, weil er genug hat. Er tötet nicht wahllos weiter. Ähnlich handeln indigene Völker. Die gemeinschaftliche Jagd ist vorbei, die Sippe ist versorgt. Ein vollkommenes, ursprüngliches, wildes und natürliches Verhalten.

Menschen, der heutigen Zeit, handeln meist anders. Obwohl der Homo sapiens über die Macht des Intellekt verfügt, scheint dies dazu zu führen, dass er immer mehr, noch mehr will, und viel mehr will, als er braucht. Er entwickelte trotz hoher Intelligenz einen Anhäufungswahn. Unsere ganze Gesellschaft ist darauf hinaus, immer mehr zu konsumieren, immer noch schönere Ferien zu machen und tollere Autos zu kaufen oder sich noch mehr zu optimieren (schöner, fitter, schlauer), etc. – Ich habe schon oft darüber gesprochen.

Die aktuellen politischen Geschehnisse zeigen einmal mehr, dass die „starken“ Länder versuchen, die vermeintlich schwachen Staaten einzuschüchtern und sich einzuverleiben.

Erstens wahrscheinlich, weil sie es dank ihren militärischen Möglichkeiten können und zweitens ,weil sie denken, wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer starker Konkurrent. Sie teilen sich die Welt der Schwachen in Einflussgebiete auf, zögern nicht, diese Gebiete zu verteidigen und zu packen, denn der Starke schaut, dass die Anderen nicht zu groß werden.

Wir erleben offensichtlich wieder eine Zeit des Kolonialismus. Die großen, eigentlich unangreifbaren Staaten glauben, sie müssten sich verteidigen, und greifen die kleinen  Staaten, Völkerrechte hin oder her, präventiv an, um sich Land, Ressourcen, Bodenschätze, Einflussnahme zu sichern.

Auch man selbst denkt und handelt so, in Spielen lernt man dieses strategische Verhalten schon als Kind und wendet es, wenn man als Erwachsener mit großen Ambitionen unterwegs ist, in seiner Geschäftswelt, Umgebung, ja sogar Familie an.

Doch wie Uchiyama in seinen Texten ausführt, sind dies nicht Wünsche, im eigentlichen Sinne, sondern es handelt sich um eine Form der Gier. Aus Angst in Zukunft leiden zu müssen, geboren, versuchen die Staaten, getrieben von der Habgier vorsorglich so viel zu bekommen wie möglich.

Diese Art des Denkens erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance und beschert uns gerade eine Menge politischer Probleme und großes Leiden in der Welt.

Es sind nichts weiter als Bilder, die in den Köpfen der Menschen entstehen, in der Annahme, dass sie leiden werden, wenn sie nicht jetzt zuschlagen und sich nehmen, was sie können.“ K. Uchiyama

Auch uns Einzelnen treibt die Angst an, so viel wie möglich rechtzeitig zu bekommen und für eine unsere sichere fiktive Zukunft zu raffen, wie ich weiter unten in meinem Essay “Der Weg des Brennholzes – von der Praxis zum Wahn” versuche darzulegen.

Dieses Verhalten ist also menschlich und anerzogen. Jeder kennt es und wendet es an, da es absolut unbewusst passiert. Deshalb empfiehlt der Buddha ja auch, keine Wünsche zu haben, sondern weniger Wünsche zu haben. Denn nach seiner Erfahrung bewirkt die Askese das Gegenteil. Wie auch die moderne Hirnforschung zeigt, verfügen wir über keine Löschtaste und es ist deshalb unmöglich, solche Grundzüge eines jeden Menschen auszulöschen. Ja, im Gegenteil, jeder Versuch, etwas zu löschen ,verstärkt das Muster. Was wir aber gut können, sind die Auswirkungen unseres Handelns begrenzen, indem wir einerseits unser positives Verhalten, wie Großzügigkeit, Geben, Helfen, stärken (s.u); die Selbstkontrolle, wie es beispielsweise Eltern von Natur ausmachen, um ihre Kinder aufzuziehen, anwenden und Impulskontrolle üben, indem wir Innehalten, Zazen üben, Atmen u.v.m. Ein wahnsinnig spannendes Feld, was ich aus Sicht des Zen in diesen Texten versuchen möchte zu erörtern.

Auch einige pflanzenfressende Tiere zeigen auf den ersten Blick ein ähnliches Verhalten. So sammelt hier im Wallis der Tannenhäher so viel Arvensamen wie möglich und versteckt sie an allen möglichen Ort für den Winter. Er wird aber dabei von seinen Mittieren beobachtet und diese plündern die Lager des Tannenhähers. Trotzdem bleiben viele der Vorratslager unentdeckt, und aus den keimenden Samen entstehen neue Arvenbäumchen an den interessantesten Orten.

Das besondere an dieser Symbiose ist, dass nur der Tannenhäher in der Lage ist, die Arvenzapfen überhaupt zu knacken, um an die Samen heran zu kommen. Kein anderes Tier ist dazu in der Lage. Auf der einen Seite hat er so zur Zapfenzeit einen Überfluss an Nahrung und quasi ein Monopol. Auf der anderen Seite könnte die Arve sich ohne den Tannenhäher und sein Vorrat Verhalten sich nicht vermehren und ausbreiten. Und ganz zufällig profitieren ganz viele andere Tiere von dieser Notgemeinschaft.

Dass wir im Deutschen das Wort „wild“ im Sinne von „zügellos, maßlos” benutzen, ist sehr bezeichnend für unsere europäische Kultur.

Entstanden aus der Unwissenheit, das zweite Hauptgift nach der Gier in der Lehre Buddhas, von Menschen, die die wilden Gesetze der Natur nicht kennen.

Die Kombination von Unwissenheit und Gier führt dazu, dass wir die Natur als maßlos und zügellos erleben, dabei ist sie zur Wachstumszeit nur unglaublich großzügig für alle Mitpflanzen und -Tiere.

Angetrieben von der Angst, zu kurz zu kommen oder uns gar jemand etwas wegnimmt, schaffen wir in unserer Umgebung Ordnung, und töten alles um uns herum – Ungeziefer und Unkraut natürlich zuerst!

Mit „Macht euch die Erde Untertan!“ , einer göttlichen Aufforderung aus dem Alten Testament, die die Grundlage des Christentums und damit unserer Kultur des christlichen Abendlandes bildet, als Slogan, ist „Jeder“ auserwählt und hat das Recht sich zu bedienen und alles „ Gefährliche und Wilde“ in seine Schranken zu weisen.

Die Grundlage des heute dominierenden, selbstzerstörerischen Kapitalismus ist nach dem großen Max Weber somit das Christentum, insbesondere der Protestantismus, aus dem der Kapitalismus entstand. Über dieses interessante Phänomen werde ich aus Zeit Gründen aber erst später schreiben.

Dieser habgierige Geist führt zu den abstrusesten Tendenzen in unserer Gesellschaft, hier ein paar Beispiele:

Kinder: Sie sind laut, teuer, sie stören, das muss man einschränken und kontrollieren. Streiften und spielten wir in meiner Kindheit ungebunden und freudvoll bis zur Schlafenszeit durch die Nachbarschaft, so wird heute alles Tun des Kindes reglementiert. Spielzeiten auf den öden Spielplätzen, die Lautstärke muss sowieso angepasst werden, denn wir wollen keine wilden Kinder. Arbeitskollegen berichten von verwahrlosten Kindern, die im Winter nach Einbruch der Dunkelheit im Schnee spielend angetroffen wurden. Da muss man herschauen, aufpassen, etwas tun…, oder?

Naturschutz: So lustig! Neophyten und Neozoen müssen ausgemerzt werden, da sie die Natur gefährden. Naja, erstmal haben wir in Deutschland fast keine Wildnis mehr, sondern unsere Gier hat in den letzten Jahrhunderten dafür gesorgt, dass alles Wilde aus expansiven, wirtschaftlichen Gründen reguliert wurde. Die Wildnis reguliert sich selbst und eigentlich sind 99% der Pflanzen Einwanderer, die nach dem Ende der Eiszeit vor ca. 10000 in die neue Welt ausmachten, besiedelt und ein dynamisches, sich selbst regulierendes Ökosystem schufen. Die Wildnis ist aber gar nicht erwünscht, sollte ein Baum im Sturm einen Ast verlieren und ggf. einen Menschen verletzen, ist dies das Todesurteil für ihn. Er wird schlimmer behandelt wie ein Attentäter. Prophylaktisch wurden im Schwarzwald die Bäume rechts und links von allen Strassen in Streifen bis zu 50m entfernt, da sie ja umfallen könnten und Menschen behindern, verletzen, töten. Wahrscheinlich werden wir zukünftig Natur nur von Weitem zuschauen dürfen, weil sie so gefährlich für uns ist: Schmutz, Bakterien, Viren, wilde Tiere, Äste werfende Bäume,…

Alte Menschen: Ich kenne alte Menschen, die überwiegend protestantischen Glaubens sind, die darüber nachdenken, ob es nicht besser ist, sich aus dieser Welt zu verabschieden, da sie viele Ressourcen kosten, wenn sie lange leben und unrentabel sind. Sie sind unnütz geworden, und die Gesellschaft denkt laut darüber nach, wie man damit umgehen soll. Das nennt man übrigens „Euthanasie“ jemand entscheidet über unnützes Leben und beseitigt es.

Nicht Gott oder das Universum entscheidet darüber, sondern effektive Menschen und ihre Kosten/ Nutzen- Rechnung, entscheiden, was leben darf.

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass man immer weniger behinderte Menschen in der Öffentlichkeit sieht. Schwangeren Frauen wird empfohlen Gentests zu machen und ggf. abzutreiben, wenn sich eine Trisomie 21 oder ähnliche Gendefekts verifizieren. Denn behinderte Kinder können per se nur Unglück und Leid bringen, außerdem führen sie zu hohen Kosten-/ Zeitaufwand.Viele Paare entscheiden sich heute für eine künstliche Befruchtung und können so Geschlecht, Aussehen, etc mitbestimmen. 

Obdachlose werden verprügelt, angezündet, ….oft von Jugendlichen, so lese ich es zumindest in den Zeitungen.

Was für einen Geist lehren und verbreiten wir da? Alte Menschen mit ihrer ungeheuren Lebenserfahrung! Wir brauchen sie! Behinderte oder andersartige Menschen, wir brauchen sie! Ich habe schon öfters Kinder mit Trisomie 21 unterrichtet, wie fröhlich sie sind, wie mitfühlend sie sein können! Fragen sie mal Eltern von solchen Kindern, bieten sie Ihnen an, Ihnen zu helfen und diese Kinder zu entsorgen! Sie werden erleben, wie viel diese Kinder ihren Eltern geben und wie sehr diese Eltern ihre Kinder lieben. Jeder von uns kann obdachlos werden oder in Not geraten!

Das ungeschriebene Gesetz des Lebens ist: You never now! Jeder ist einzigartig und unentbehrlich in dieser Welt der wechselseitigen Abhängigkeit und des Miteinanders! Alles und Jenes ist Teil unserer großen, wunderbaren Welt.

Zazen lässt uns dieses „Selbst“ leben!

Gut hat der Mensch viele Seiten und viele Stimmen in sich und lebt diese und das sehen wir im Alltag. Viele Menschen schenken dem alkoholkranken Obdachlosen ein Lächeln und ein wenig Geld, stehen in der Bahn auf, wenn eine ältere Person herein kommt und bieten einen Sitzplatz an. Ist mir selbst schon passiert! Schön! Aber ich bin doch gar nicht alt!:-)! Da gibt es Menschen, die heimlich Tauben füttern, obwohl verboten. Auch hier in Sanko-an füttere ich die Vögel und habe daran große Freude. So viele Ehrenamtliche und Freiwillige gibt es in unserer Gesellschaft, die sich in ihrer spärlichen Freizeit für Kinder, Alte, Kranke, Arme, Behinderte und Naturschutz engagieren. Wie wunderbar! So viele Menschen, die unnützes Zazen praktizieren und so die Welt verändern!

Der Geist des Dainin ist nicht der Geist, der so viel rafft, wie er bekommen kann und zerstört, was ihm in die Quere kommt. Wir können so nicht handeln. Er macht uns unglücklich. Es ist der Geist, der versucht zu geben und wenn es auch nur ein kleines Bisschen ist. Es ist der natürliche, wilde Geist, der noch in traditionellen Gesellschaften vorherrscht, der Geist der Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Der Geist der Zurückhaltung und Reduzierung seiner Wünsche. Diese kleine Form der Selbstkontrolle ist der Geist einer großen Person!

Diesen Geist pflegen und sich nicht anstecken lassen vom Zeitgeist wird die Welt ändern.

 


Hachi Dainin Gaku 5 – Shoyoku II

Hallo, bitte hierher schauen! Ist das nicht toll, wo ich in den Ferien bin? Meine Pizza sieht doch lecker aus, oder? Sehe ich nicht gut aus? Ich bin traurig, unterstützt mich doch! Ich bin doch so witzig, nicht !?

Die Sehnsucht, in Social Media jederzeit Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, „Likes“ zu generieren und Internet-Freundschaften weltweit  zu pflegen, ist ein relativ neues Phänomen.

Viele gehen dabei so weit, wirklich alles und jedes zu veröffentlichen, und sich dabei in ihrem Wert über die vorhandene Zustimmung, Ablehnung und Aufmerksamkeit zu definieren.

Sie verfolgen den Wunsch, jederzeit und ständig Rückmeldungen von anderen zu bekommen, die sie meist persönlich nicht kennen. Bekommt man die Aufmerksamkeit von einem, der noch präsenter im Netz ist, als man selbst, fühlt man sich bestätigt und kommuniziert noch mehr.

Gleichzeitig kommentieren und bewerten viele Menschen alles, was andere posten. Diese Kommunikation scheint ohne Pause fortzufahren, ich stelle mir das ermüdend für bestimmte Hirnareale vor. Und ich frage mich, ob das letzthin zu dem Ziel führt, was diese Personen eigentlich ersehnen – Selbstwert.

Im Zen lernen wir, dass wir mit einem anderen Wesen nichts teilen können. Niemand ist in der Lage, so zu denken und zu fühlen wie du selbst. Sawakis Roshis berühmter Spruch: „Ich kann nicht mal einen Furz teilen!“, kommt mir da spontan in den Sinn. 

Nur ich selber kann mich „selbsten“, d.h. mich selber selbst so kennen lernen, verstehen und annehmen, wie ich wirklich bin. So wie ich als grosses Glück und einzigartiges Ereignis vom Dharma und Universum kreiert in die Welt geboren wurde, um das zu verwirklichen, was mich selbst ausmacht. Es war der grosse Wunsch des Universums, dass ich geboren wurde, gemeinsam mit allen Lebewesen. Denn dies ist die andere Wahrheit des Zen: „Ich bin immer mit allen Lebewesen verbunden und nie getrennt.“

 

Es gibt allerdings Menschen, die dich besser verstehen können als andere. Das sind Freundinnen und Freunde. Die Anzahl spielt dabei keine Rolle, wenn dich nur eine einzige Person auf der Welt gut kennt und versteht, ist das ein grosses Geschenk. Das bedeutet „wenig Wünsche haben.“

Solche guten Freunde sind sehr viel Wert und brauchen Zeit und Pflege. 

Wie können wir gute Freunde finden? Der „Kleine Prinz“ in St. Exuperys gleichnamigen Roman, sucht bei seiner „Weltreise“ genau auf diese Frage eine Antwort:

»Ich suche Freunde. Was bedeutet ›zähmen‹?«

»Das wird oft ganz vernachlässigt«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet ›sich vertraut miteinander machen‹.«

»Vertraut machen?«

»Natürlich«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hunderttausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt …«

 

Es ist eine Verblendung, wenn wir annehmen, dass zu einer grossen Menge Menschen per Internet eine Beziehung aufbauen, besser ist, als eine einzige gute Freundschaft zu pflegen. 

Wir sollten uns auch nicht öffentlich entblößen. Es ist unklug und wahrscheinlich eher schädlich, fremden Menschen alles von sich preiszugeben. Selbst bei sehr guten FreundInnen macht eben die Qualität einer Freundschaft aus, wenn ich nicht alles von mir preisgebe. Ihnen gewisse Sachen nicht aufzuerlegen und sie damit zu belasten.

Ein Freund ist auch nur ein begrenztes menschliches Wesen, so wie wir selbst. Er hat eigene Meinungen und vertritt seine eigenen Lebenskonzepte. Durch diese im Leben erworbenen und bewährten Meinungen und Konzepte sehen wir die Welt. Im Zen reden wir von der bunten Brille, die jeder von uns trägt und jeder, wenn er durch seine eigene schöne, bunte Brille schaut, so die Welt anders wahrnimmt, betrachtet und handelt.

Wir sollten also behutsam vorgehen. Beispielsweise, wenn wir eine politische Meinung vertreten, sollten wir vorher behutsam prüfen, wie der andere denkt. 

Wahre Freundschaft geht über Meinungen hinaus. Der Mensch ist an sich kein schlechter, auch wenn er Anderes denkt.

Er kann ein sehr guter Freund sein und macht Sachen, die wir nicht nachvollziehen können. so wie abends nach der Arbeit:

  • mit dem Motorrad herumcruisen
  • 20km joggen
  • im Fernsehen Realtiy soaps schauen
  • seine ganze Wohnung jeden Tag putzen
  • in der Kneipe an der Ecke ein Bier trinken
  • puzzlen

Wir müssen Menschen nicht verstehen bzw. es ist unmöglich, andere zu verstehen.

Irgendwo habe ich mal gelesen: „Als Mann ist es unmöglich eine Frau zu verstehen und umgekehrt.“ Es kann gut sein, dass dies so ist, trifft aber wahrscheinlich auf jede Beziehung zu.

Dies ist auch die Bedeutung von „Wenig Wünsche haben.“

Viele Menschen reicht es trotzdem nicht, sie habe grosse Sehnsüchte und Begierden. Gerade Kinder wollen beispielsweise in der Schule von ganz vielen anderen anerkennt werden und habe grosse Erwartungen an ihre FreundInnen und Freunde.

Das ist auch ok so, so lernen sie ganz natürlich herauszufinden:

  •  Wie finde ich Freunde?
  •  Was ist eigentlich ein Freund?,
  •  Wie pflege ich Freundschaften.

Dabei dürfen Kinder Fehler machen und damit herumspielen:

Dazu gehört die Drohung: „Du bist nicht mehr mein Freund, wenn du das nicht machst! Bis zur Übermittlung der Feststellung eines Freundes:“ Du bist nicht mehr mein bester Freund!“

Für das Kind ist dies ein kleiner Weltuntergang und es geht vollkommen in diesem Schmerz auf. Tränen fliessen vor Trauer, Gegenstände fliegen vor Wut!

Nach ein paar Tagen hat das Kind oft einen neuen besten Freund und den Alten vergessen.

Mit der Zeit lernt der Heranwachsende gute Freunde zu finden und Freundschaften zu pflegen. Eine lebenslange, essentielle Übung.

Doch offensichtlich nicht für alle Menschen. Ihnen reicht das nicht, sie wollen mehr Freunde haben als andere und ihnen ist es sehr wichtig, viele Freundschaften zu pflegen.

Sie haben dort einen hohen Anspruch und das ist ok. Viele hohe Ansprüche zu kreieren und daran festzuhalten, kann aber zu grossen Enttäuschungen führen.

Es geht nicht darum, keine Ansprüche zu haben, sondern nicht zu viel zu erwarten, sich oder andere nicht zu überfordern.

Hohe Ansprüche zu haben, ist ein zweischneidiges Schwert. Wir haben hohe Ansprüche an uns, um daran zu wachsen und erfolgreich zu sein. Hohe Ansprüche an andere haben, impliziert im besten Fall, dass auch sie wachsen und erfolgreich sein können. Das ist gut so!

Oft genug haben andere, zum Beispiel mein Chef, aber nur hohe Ansprüche an uns, damit sie ihre oder die Ziele der Firma verwirklichen können. Dies kann ungut sein.

Wir müssen also gut abwägen, wie wir auf die Ansprüche von außen reagieren. Diese hohen Erwartungen können also zu viel für uns sein bzw. unsere hohen Erwartungen an andere können die andere Person überfordern.

Deshalb empfiehlt man im Zen besser, gar wenig von sich und anderen zu erwarten, sondern aus dem Hier und Jetzt zu handeln und zu schauen, was geht jetzt – heute!

Zu hohen Ansprüchen zu folgen, führt meist nur zu Enttäuschung und Misserfolg Gefühlen.

Man wirft sich selbst oder anderen vor, dies und jenes nicht erreicht zu haben. Dies führt zu nicht förderlichen Gefühlen, sondern zu Ärger und Enttäuschung. Versuchen wir den hohen Ansprüchen anderer zu genügen, kann dies ebenfalls zu Leistungsdruck und Stress führen; mit den damit verbundenen Auswirkungen, wie Unwohlsein und Leistungsverschlechterung. 

Deswegen “weniger Wünsche an sich selbst haben“ bzw. weniger den Wünschen anderer zu entsprechen, kann hilfreich sein.

 Leitsprüche wie: 

  • „Eins nach dem anderen“ 
  • „Ich gebe einfach mein Bestes“ 
  • oder auf Kölsch:“ Et es noch immer joot jejange“ ,

      können da helfen, den Erwartungsdruck an die Wirklichkeit anzupassen.

Wenn die Dinge dann nicht so laufen, wie ich es erhofft hatte, kann ich das leichter akzeptieren. Die Enttäuschung ist nicht so hoch. Und ein Misserfolg heisst auch nicht, dass ich mein Ziel nicht erreichen kann. Manchmal muss man:

  • „Einen „langen Atmen“ haben“
  • „Verläuft der Weg nicht gerade, sondern auf Umwegen.“
  • oder wie es im chinesischen Buch der Kriegskunst heisst:  „Muss man eine Schlacht verlieren, um den Krieg zu gewinnen.“

Verläuft es hingegen besser als erwartet, können wir uns umso mehr freuen, da wir bestätigt bekommen, dass wir auf dem richtigen Weg im konstruktiven Prozess sind und fröhlich und voller Selbstvertrauen auf unserem Weg voranschreiten.

Manchmal ist „Weniger“ eben mehr!


Hachi Dainin Gaku 4 -Shoyoku I

1. Shoyoku –  Wenige Wünsche haben. 

Die erste Qualität des grossen Menschen ist – Wenige Wünsche haben. Nicht stark den Objekten seiner Wünsche (entstanden durch die fünf Sinne), die noch nicht erfüllt sind,  nachjagen, ist, was man ‘Wenig Wünsche haben’ nennt.

Der Buddha erläutert: Mönche und Nonnen, hier ist etwas, auf das ihr aufmerksam sein solltet. Eine Person mit vielen Sehnsüchten und Begierden leidet proportional stärker und zwar deswegen, weil er oder sie stärker persönlichen Zielen folgt oder andere Vorteile sucht. Wenn jemand das ‘Wenig Wünsche haben’ pflegt, dann wird es weniger Leiden und weniger Ärger/Probleme geben. Das selber ‘Wenige Wünsche haben’, sollte jeder gründlich studieren und praktizieren. Dies um so mehr, als dass nicht seinen Wünschen folgen, unzählige unzählbare Verdienste beinhalten. Eine Person mit wenig Begierden wird nie versuchen zu schmeicheln oder sich bei anderen einzuschmeicheln. Noch würde einer mit wenig Wünschen von den Begierden der fünf Sinne umhergezogen werden. Eine Person, deren Herz aus wenig Wünschen heraus handelt, ist immer in Frieden und hat weniger Ängste oder Bedenken. Und im Angesicht verschiedener Widrigkeiten fühlt eine solche Person keine Sehnsucht nach mehr oder anderes. So jemand hat immer mehr als genug. In einem Wort, einer mit wenig Wünschen, ist praktisch im Nirvana. Das ist, was wir ‘Wenig Wünsche haben’ nennen. 

Du bist so ein Idiot, warum tust Du etwas ablehnen, was dir gegeben wurde?

(Meister Dogen, übersetzt aus dem Englischen von Gyoriki)

Auf den ersten Blick ist alles ganz logisch und einfach zu verstehen, doch wenn man den Buddha sagen hört: “Das selber ‘Wenige Wünsche haben’, sollte jeder gründlich studieren und praktizieren.”, sollte man da doch vielleicht genauer hinschauen. So denke ich zumindest.

Inzwischen bin ich auf das neue Buch “The Roots of Goddness” von  Kosho Uchiyama Roshi gestossen, in dem er  die “ Eight Qualities of a Great Person” von Eihei Dogen Zenji kommentiert. Daitsu Tom Wright hat es ins Englisch übersetzt (Shambala Verlag 2025). Es trifft genau das, was ich auch ausdrücken wollte und ist noch viel fundierter. Also, bitte einfach dieses Buch lesen, wenn ihr mehr zum Thema “Dainin” wissen wollt.

Trotzdem habe ich mich entschlossen, mein ‘Daininprojekt’ weiterzuführen. Ich werde mich aber mehr darauf konzentrieren, diese Tugenden des grossen Menschen auf die Umsetzbarkeit in der heutigen Zeit hin anzuschauen und würde mich sehr auf dieses Buch als Grundlage meiner Ausführungen stützen.

“The Roots of Goddness” – Commentary by  Kosho Uchiyama Roshi  on the “ Eight Qualities of a Great Person” of Eihei Dogen Zenji. Daitsu Tom Wright hat es ins Englisch übersetzt (Shambala Verlag 2025). 


Hachi dainin gaku 3

Eröffnungsbemerkungen von Meister Dogen

“All die verschiedenen Buddhas sind außergewöhnliche Menschen.
Es gibt acht Realisierungen oder Qualitäten, deren sich diese außergewöhnlichen Menschen gewahr werden und deswegen werden sie als die acht Qualitäten eines großen Menschen bezeichnet. Sich dieser Dharmas bewusst zu werden, wird zur Ursache für (das Betreten von) Nirvana. Am Abend, als er ins Nirvana eintrat, war dies die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers, Shakyamuni Buddha.

Wenn wir nicht ständig tiefer in den Buddhadharma eintauchen, eine Schaufel nach der anderen, werden wir aus Brauch oder Gewohnheit nur noch dümmer oder seniler. Wie auch immer, das Ausgraben einer Schaufel ist keine leichte Aufgabe.” Dogen Zenji

Kommentar von Gyoriki: Gerade für Eltern und Pädagogen sollte das Ziel sein, den Kindern einen Sinn im Leben zu vermitteln und ihnen zu ermöglichen, ein wahrer Erwachsener zu werden.
Stattdessen tun sie meist das Gegenteil, sie leben ihren Kindern, das Leben eines Gakis vor, eines hungrigen Geists. Was tut ein Gaki, der sich mitten in der Hölle des menschlichen Lebens befindet? In der Hölle sieht man die Gakis mit zwei Metern langen Löffeln sitzen und kann beobachten, wie sie versuchen, die kostbarsten und leckersten Speisen in sich hinein zu schaufeln. Sie schreien dabei vor Hunger, weil es ihnen mit den langen Löffeln einfach nicht gelingen mag, etwas Nahrung zuzuführen. Schaut man dagegen zur gleichen Zeit in den Himmel, so sieht man dort die Engel vor den gleichen herrlichen Speisen und ebenfalls mit 2m langen Löffeln ausgerüstet sitzen und kann dabei beobachten, wie sie sich voller Genuss gegenseitig füttern.

Letzteres wäre also sinnvoll den Kindern beizubringen und vieles anderes mehr. Ihnen beibringen, dass es ein grosses Geschenk ist, als Mensch geboren zu werden. Das es ein Privileg ist, in einem der reichsten Länder der Erde zu leben. Dass das Leben von der Natur vom Kosmos geschenkt wird, die Sonne, die Erde, alle Tiere und Pflanzen und Lebewesen, dazu beitragen, dass das Leben überhaupt möglich ist. Dass sich Pflanzen und Tiere für uns opfern, damit wir Nahrung zu uns nehmen können.

Was wir aber tun ist, ihnen zum Geburtstag mit vielen Geschenken zu gratulieren, statt das geschenkte Geschenk des Lebens zu würdigen. Wir gratulieren Ihnen zu guten Noten, zum Schulabschluss, zur Hochzeit, zur Beförderung, zur höheren Gehaltsstufe, ohne zu wissen, ob das alles Ihnen oder anderen auch wirklich gut tun wird.

Letztens auf einem Fest: Ein siebenjähriges Kind möchte von einem anderen Kind 2 CHF Ausleihgebühr für ein Spielauto. Die Reaktion der Eltern darauf: “Ist er nicht herzig, der X. ist immer so fasziniert von Geld, er hat letztens schon Zinsen für geliehenes Geld verlangt, und wenn er etwas gebaut hat, dann verlangt er Eintritt von uns, wenn wir es sehen wollen. “Hehehe, ist es nicht herzig!” So auch bei diesem Fest, die eingeladenen Kinder malen etwas zusammen, dann wollen sie uns erklären, was sie da gemalt haben. Dafür sollen wir Eintritt zahlen. Die Mutter verteilt uns Spielgeld, damit wir Eintritt zahlen können.

Die Grundidee war ja nicht schlecht, die Kinder, die sich wenig kennen, malten und machten etwas Kreatives gemeinsam. Aber was letztlich daraus wurde, ist: Wir machen etwas gemeinsam, um Geld zu verdienen.

Wir wundern uns, dass Kinder heute das Material nicht würdigen, die Spielsachen kaputt machen, immer mehr Dinge fordern, anstatt sorgsam und dankbar zu sein.

Als Mensch haben wir die grosse Chance, mehr als alle Lebewesen diese wunderbare Welt zu schützen und positiv zu verändern. Stattdessen lehren wir den Kindern, sie zu zerstören, sie nicht wert zu schätzen, sie zu nutzen.

Der Dichter Du Fu schrieb im 8 Jhdt:

Das Reich ist zerstört, aber die Flüsse und Berge leben weiter.

Der japanische Dichter Sakai drehte die Zeilen zu einem zeitgemässen Satz um: Die Flüsse und Berge sind zerstört, der Staat lebt weiter.

Man sagt, dass es auf der Erde zwischen 10 und 30 Millionen Arten von Organismen gibt und schätzt, dass die Hälfte schon verschwunden und ausgerottet wurde.

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„Alles ist vergänglich!“ lehrt der Buddhismus, das Prinzip der Impermanence ist einer der unumstösslichen buddhistischen Pfeiler. In der Tat! Und somit besteht genau deswegen Anlass, sich behutsam fortzubewegen und möglichst wenig Schaden an zu richten.

B. Wilcox schrieb dazu: „Der Tod ist das eine, aber das Ende der Geburten ist etwas ganz anderes.“

G.Snyder schrieb: “Unser derzeitiges Problem – und unser Kampf – ist der mit uns selbst. Es wäre anmassend zu glauben, Mutter Erde sei auf unsere Gebete und heilende Kräfte angewiesen.
Die Menschen selbst sind in Gefahr und das nicht nur Sinne eines Überlebens der Zivilisation, sondern grundlegender, auf der Ebene von Herz und Seele. Wir verstehen unsere eigene Natur nicht,und sind uns nicht im Klaren darüber, was es heisst Mensch zu sein.”

Das, was jede Schnecke, jede Blume, jeder Vogel, jeder Einzeller weiss, haben wir verloren. Im Haichi Dainin gaku meditiert Meister Dogen darüber, was es heisst, Mensch zu sein.

K. Sawaki redete oft vom Normalzustand in Zazen und von der kosmischen Ordnung, die wir durch die Zenpraxis kennenlernen, verstehen und befolgen können.

Doch diese Begriffe stehen nicht für ein neues humanistisches Konzept, im Gegenteil. ‚Normal werden‘ ist im Sinne von ‘wahrer Mensch sein’, die ‘Natürlichkeit des Menschen’, von ‘Buddha Natur’, der ‘Natur’, ja eigentlich sogar ‘der Wildnis’ zu verstehen.

So gut wie alle Menschen heute leben in der Stadt, sind kultiviert und zivilisiert und, wenn man bei wenigen genauer hinschaut, sind Wohlstandsverwahrloste und Lebensuntüchtige.

G.Snyder schreibt: “Wir können jedoch wieder zurück in die Wälder streunen. Man verlässt die sichere, langweilige Komfortwohnung, um sich auf etwas einzulassen, sich in eine archetypische Wildnis zu begeben, die gefährlich und bedrohlich ist, voller Bestien und feindseliger Fremder. Diese Art der Begegnung mit dem Anderen – sowohl dem Inneren wie dem Äusseren – setzt voraus, dass man Komfort und Sicherheit aufgibt, Kälte und Hunger akzeptiert und bereit ist, alles mögliche zu verzehren. Möglicherweise sieht man sein Haus nie wieder. Einsamkeit ist unser Brot. Deine Knochen mögen eines Tages im Schlamm eines Flussufers hervorkommen. Das alles garantiert Freiheit, Entwicklung und Erlösung. Ungebunden. Erlöst. Verrückt für eine Weile. Es bricht Tabus, fördert die Grenzüberschreitung, lehrt Demut. Das Herausgehen – das Fasten – für sich allein singen – das Sprechen über die Grenzen der Spezies hinweg, beten – Dank sagen – und zurückkommen.”

Nicht anders ist ein Rohatsu machen, es verlangt, den anderen wie sich selbst anzunehmen und die Trennungslinie zu überwinden – nicht eins werden, nicht die Vermischung der Dinge, sondern Gleichheit und Unterschied sorgsam zu bewahren. Das kann bedeuten, dass man den

Anderen, sein Haus, seine Umgebung so wahrnimmt, wie zum ersten Mal. Anfängergeist nennt man das im Zen.
Wenn wir durch ein Rohatsu in der unendlichen Zazenhaltung eingepresst sind, dass wir das Gefühl haben, ohne Ausweg in Schmerz und Dasein gefangen zu sein, beginnt die wahre Praxis.

Das ist, was wir unseren Kindern statt Konsum beibringen sollten. Wir sollten ihnen die Normalität der Wildnis nahebringen, die kosmische Ordnung lehren, in der Dankbarkeit, Genug haben, Gemeinwohl, die Tugend und das Glück der maximalen Anstrengungung für etwas Sinnvolles und Lebendiges lehren. “Lerne! Lerne mehr! Streng dich an!”, ist nicht das, was ich meinte, weil sie nicht wissen, warum sie es tun sollen, sie wissen nicht, was der Sinn dafür ist. Sie lernen nur, wenn ich das tue, werde ich gelobt und kriege Süßes. Wir leben ihnen den Aktionismus vor, das schneller und schneller und mehr. Wir leben Ihnen das Leben in absurden digitalen Welten vor. Wir leben Ihnen vor, dass man um das alles auszuhalten und angenehmer zu machen Medikamente und Drogen zur Verfügung stehen. Diese nicht mehr natürliche Lebensweise, dieses abgekoppelt sein von der kosmischen Ordnung führt

Dazu, dass, je nach Schätzung, 10-15% der Kinder eine ADHS/ASS Diagnose haben, psychische Erkrankungen und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen erreichen jedes Jahr einen neuen Höchststand, Gewaltbereitschaft, Vandalismus und Kriminalität immer höhere Quoten. Die Kinder und Jugendlichen haben ihre ureigene Natur noch nicht gefunden, lass uns ihnen helfen.

Warum hast du mich geboren für das?, schrie ich als Jugendlicher einmal meine Mutter an. Vielleicht habt ihr, die dies liest, dies auch einmal getan oder zumindest gedacht. Viele Eltern haben es von ihren Kindern gehört, hoffe ich zumindest, denn dann besteht noch Hoffnung. Denn diese Kinder haben recht: Bin ich geboren worden, um in diesem egoistischen, selbstzerstörerischen System mitzuwirken.

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Als ich ein Kind war, hatte ich das Glück, etwas ungewöhnlicher aufzuwachsen als andere Kinder. Meine Eltern waren aus der Kriegskindergeneration, ihre Religion, wie bei den Meisten in den 50er/60er Jahren, der Wohlstand. Ganz besonders für meinen Vater, der als Allein-Bauernhof Erbe nicht aufs Gymnasium gehen durfte, weil ein Bauer einen Handwerksberuf braucht, so meinte zumindest sein Vater. Er lernte Schlosser bei Krupp und schuftete sich nach der Arbeit in Abendschulen zum Ingenieur. Das alles tat er natürlich für uns, für eine bessere Zukunft. Wir waren zunächst sehr arm, weil das wenige Geld in Weiterbildung investiert wurde. Wir sahen ihn selten, denn Karriere ging vor. (Zum Hohn ging der grosse Bauernhof irgendwann bankrott).

Und da war meine Mutter, die einen Auswärtigen geheiratet hatte, um endlich aus der Armut und Eintönigkeit des Dorflebens herauszukommen. Doch erstens blieben wir zunächst arm, zum zweiten war sie einsam in der Stadt, sah ihren Mann nicht und war bei schlechter psychischer und physischer Gesundheit. Und dann war ich noch da. Zunächst sehr brav und angepasst, zumindest nach aussen, aber mehr und mehr wild. Zuhause war es nicht lustig, draussen in der Natur schon, auch wenn diese Natur ziemlich übel dran war. Der Stadtteil, in dem ich lebte, hiess „Rote Erde“. Wie schön, denkt man vielleicht, doch der Boden bestand aus in Jahrzehnten zuvor abgelagerten roten Schlacke der Schwerindustrie. Die Eltern warnten uns, in der umgebenden Natur spielen zu gehen, wahrscheinlich zu Recht. Der Bach und die Gebüsche, in die wir ausbüxten, stanken fürchterlich nach irgendetwas Chemischen und Fauligem. Doch zog es einige von uns magisch an. Hier waren wir frei und fühlten uns ganz. Als Snack stibitzen wir das alte Brot, das die Menschen für die Vögel auf die Mauer legten.

Mit sechs zogen wir in eine grössere Wohnung in einen etwas besseren Stadtteil, aber immer noch Arbeiterviertel. Die Gesundheit meiner Mutter verschlechterte sich, mein Vater machte Karriere. Mehr und mehr durfte ich jetzt zu meinen Grosseltern aufs Land, die sich liebevoll um mich kümmerten. Hier waren die Bäche sauber und der Wald ganz nah. Natürlich war aber auch das nicht, denn die Belgier und Franzosen hatten den Wald als Reparationszahlung nach Kriegsende abgeholzt, doch für mich war er das Paradies, mein Traumland. Je älter ich wurde, desto weiter zog ich meine Kreise um das grosselterliche Dorf. Da ich nicht hier zur Schule ging und nur für ein paar Wochen da war, war ich meistens alleine.

Unser Auto wurde mit der Zeit besser, die Kleidung auch, die Nahrungsmittel teurer, die Wohnungseinrichtung nobler, die Ferien exklusiver, meine Freunde und ich wilder, auch in der Stadt suchten wir die wilden Orte auf: aufgelassene Industriehallen, die durch den Wildwuchs immer mystischer wurden, ein alter Steinbruch, der eine illegale Müllhalde war. Man musste aufpassen, denn neben den rivalisierenden Kinderbanden, der verschiedenen Strassen, – wir bekämpften uns nach zivilisierten Regeln, zumeist mit Blasrohren und getrockneten Erbsen, gab es eine Gang aus dem Gebiet am Rande des Stadtteils, das man Obdachlosensiedlung nannte. Es war sehr trostlos in einem Industriegebiet gelegen. Diese Kinder waren anders, sie gingen nicht in unsere Schule, sie waren immer zu viert oder fünft unterwegs und wer nicht aufpasste und ihnen in die Fänge geriet, wurde gnadenlos gequält und verprügelt. Deshalb schauten wir, dass wir immer mindestens zu zweit unterwegs waren und wenn sie in Sicht waren, gab es nur Flucht. Ich war oft alleine unterwegs, da ich viel Freiheit hatte und großen Bewegungsdrang. Einmal beim Spielen am Molchteich geriet ich in ihre Fänge, ein traumatisierendes Erlebnis.

Für uns, geprägt durch die Bücher von Winnetou und Lederstrumpf, war klar, die stadtnahe Wildnis war Freund und Feind zugleich, deshalb bewaffneten wir uns und pirschten unglaublich wachsam durch die ruderale Wildnis, bauten geheime Verstecke und Wege. Im Gegensatz war der Wald bei meinen Grosseltern weniger gefährlich, aber auch hier pirschte ich, wie im Buch Lederstrumpf gelesen, “fast” geräuschlos durch den Wald, baute eine hütte, zu der ich eine Quelle umleitete und versuchte mit selbstgebautem Pfeil und Bogen zu jagen, doch zum Glück gelang mir die Jagd nie. Das scharfe Beil als Grundwerkzeug und alte gebrauchte Nägel, klaute ich meinem Grossvater, der mir dies streng verboten hatte, aber ich bin sicher er wusste, was ich trieb, denn er sagte nie etwas, ausser die immer wiederkehrende Ermahnung. Ich denke, er sagte dies, um meine Grossmutter zu beruhigen, die sich immer sorgte.
Mein Grossvater war mithin die wichtigste Person in meinem Leben, er war lieb und sanft zu mir, er konnte mir nicht böse sein. Ich bewunderte ihn, er war Postbote und ab und an durfte ich mit auf seine Tour durchs Dorf. Er war eigentlich gelernter Holzschnitzer, wurde aber im Krieg von einer Handgranate sehr schwer verletzt, sodass er nicht mehr schnitzen konnte. Seine Lebensgeschichte ist für mich eine Heldengeschichte und beeindruckt mich bis heute. Ich erzähle sie ein andermal.
Bis zum 10ten Lebensjahr ging es gut weiter, ich war wohl, trotz der schwierigen häuslichen Situation. Meine Mutter wurde immer gebrechlicher, sie hatte eine Krankheit, wo in den Extremitäten die Arterien vor allem die Kapillare absterben, so dass ganz langsam die Blutversorgung aufhörte, was zur Folge hatte, dass die Extremitäten Enden absterben (“abfaulten”). Das alles war wohl unglaublich schmerzhaft, wie sie mir später sagte. Doch von dem wusste ich wenig, meine Eltern versuchten, mich da rauszuhalten. Wie ich später erfuhr, wurde sie morphiumsüchtig, das wiederum schlug sich auf ihre labile Psyche und sie wurde psychotisch. Für mich war sie einfach manchmal sehr seltsam und anstrengend und wenn mein Vater da war, stritten sie hauptsächlich. Ich schämte mich mehr und mehr für meine anstrengende Eltern und flüchtete nach Draussen. Trotzdem taten sie, dass weiss ich heute sehr gut, was sie konnten, damit es mir gut ging und dafür bin ich Ihnen unendlich dankbar. Und ich tat im Gegenzug wenig, um sie zu entlasten, ich war damit beschäftigt, meine Bedürfnisse zu befriedigen (Spielen, Wildnis).
Mit dem 10ten Lebensjahr änderte sich nun alles. Ich war nicht dumm und obwohl ich wegen meines Bewegungsdrangs auch in der Schule, die Diagnose “Zappelphilipp”, heute ADHS, bekam, wurde beschlossen mich aufs Gymnasium zuschicken. Dies gegen meinen Willen, denn die meisten anderen bildungsfernen Familien beließen es maximal auf einen Realschulbesuch. So gingen meine Freunde auf Haupt- und Realschule und ich aufs Gymnasium, denn ich sollte es ja besser haben. Nun war es so, dass in unserer Stadt ganz klar aufgeteilt war, wo arm und reich wohnten und da wo die Reichen wohnten, gab es die Gymnasien. Das heißt, ich musste mit dem Bus 50 Minuten ins Reichenviertel zum Gymnasium fahren.
Alles hier war für mich ein Schock, das Gymnasium war, ein humanistisches Gymnasium, dass sehr viel Wert auf seine guten Ruf hielt. Hier wurde Bildung noch hochgehalten. Die wenigen bildungsfernen Kinder, die hier zur Schule gingen, ich war der einzige meines Jahrgangs, aus dem Stadtteil, aus dem ich kam, unterschieden sich schon durch die Kleidung. Wir waren nicht mehr arm zuhause, aber trotzdem wurden Hosen und Pullover mit ledernen Aufnähern geflickt, die Kleidung zu gross gekauft oder als “Hochwasserhose/-pullover” getragen, bis man sie nicht mehr an kriegte, eigentlich sehr löblich und mit einer hohen Ökobilanz.

Das sah natürlich bei den Kindern der Besserverdienenden, wir nannten sie Reiche, anders aus. Samstagabend fuhren wir übrigens meistens, eines der wenigen Rituale, die wir hatten, auf einen Ausflug mit dem Auto. Wenn es dunkel wurde, fuhren wir langsam durch die Reichenviertel und schauten in die schön beleuchteten Häuser und träumten davon, auch einmal so zu wohnen. Wir spielten dann das Spiel, welches Haus wir kaufen würden, wenn wir im Lotto gewinnen würden. Und Lotto spielte mein Vater natürlich fleissig.

Jeder konnte also sehen, wer wir waren. Schlimmer war aber die Arroganz einiger Lehrpersonen. Wir waren bildungsfern und viel Wissen, die auf einem Gymnasium der damaligen Zeit vorausgesetzt wurden, brachten wir einfach nicht mit und konnten uns auch nicht aneignen. Am schlimmsten war es für mich in Deutsch, wo die klassische Literatur und ihre Autoren quasi vorausgesetzt wurden und wir bloßgestellt wurden, wenn man nicht wusste, dass dies Schiller oder Goethe geschrieben hatte und das Fach Musik, in das es mir nie gelang einzusteigen, weil die anderen, spielten fast alle eine Instrument, dies alles schon wussten.

Meine Noten waren schlecht, Lernen tat ich nicht, Hausaufgaben machte ich nicht, meine Eltern konnten mir oft auch nicht helfen. Mehr und mehr Migräne lähmte mich, ich wurde fülliger, weil ich meinen Frust durch Schokoladen Essen dämpfte. Ich wurde der Klassenclown, frech, in der gr. Pause schlich ich in den nahen Supermarkt und klaute dort Süssigkeiten, die ich dann grosszügig verteilte. Wenn ich gegen 14 Uhr todmüde nach Hause kam, stopfte ich mir Schokolade rein und lag erstmal depressiv herum. Meine Welt war zusammengebrochen und ich wusste nicht mehr weiter. In der 7. Klasse blieb ich sitzen, es wurde noch schlimmer. Nach und nach verlor ich den Kontakt zu meinen alten Freunden aus der Grundschulzeit. Neue gab es wenig und sie waren ja alle 50 Minuten Busfahrt entfernt. Ich las viel Jugendbücher, in denen es ja meist um das Ausbrechen ging, um ein Segelflugzeug zu bauen, um Abenteuer in der Clique und um Indianer. In dieser Welt lebte ich, und ausbrechen und Einheit fand ich nur, wenn ich wieder bei meinen Großeltern leben durfte. Meine Eltern berieten, ob sie mich ins Internat bringen sollten; zu Hausaufgaben und Lernen, versuchte man mich mit Prügel und Nachhilfe zu bringen. Nichts half, ich verweigerte mich….

“Warum hast du mich in diese Scheisswelt geboren?!”, frug ich meine Mutter wütend. Tief in mir spürte ich, dass dies nicht die “wahre” Welt war in der ich lebte, doch war mein Selbstbewusstsein nur so gross, Widerstand zu leisten, einen Gegenentwurf hatte ich nicht. Der Sinn fehlte!

Niemand konnte ihn mir zu diesem Zeitpunkt geben. Ich ahnte nur etwas. Auch weil ich inzwischen einen anderen ganz wichtigen Menschen kennengelernt hatte. Einen Pfarrer mit Namen H.Woopen, der bei uns am Gymnasium Religionslehrer war und die wöchentliche Schulmesse las.

In der Schulmesse, die in dieser Zeit noch für alle katholischen Kinder verpflichtend war, predigte er über seine Erfahrungen als Bergsteiger in den Alpen, von seinen Schwierigkeiten unter extremen und existentiellen Bedingungen. Er redete über Natur- und Gotteserfahrung! Das war etwas, was mich interessierte! Faszinierend für mich, so dass ich an seinen Lippen hin und mich auf jede Schulmesse freute. Auch im Unterricht verhielt er sich anders, er übte keinerlei Autorität aus und hielt aus, wenn wir Jungs ihn in der Klasse ignorierten und blödelten. Stattdessen lächelte er uns milde und mitfühlend an, auch wenn mal eine ganze Stunde kein Unterricht stattfand. Später erfuhr ich, dass er der einzige war, der sich bei Lehrerkonferenzen, die mein undiszipliniertes Verhalten zum Thema hatten, für mich einsetzte. Ahnte er etwas über mein “Grundsatzleiden”?

Diese Person schaffte es, dass ich freiwillig mit Eltern und Grosseltern auch Samstag oder Sonntag in die Messe ging. Da war etwas Grosses, Tröstliches und Unfassbares.

Was ist unser Lebensziel, was ist unser Lebenssinn, dass ist die Aufgabe eines Erwachsenen, sich das klar zu machen. Wie Okumura Roshi immer sagt: You must face the question? Thats all!
Für uns buddhistisch inspirierten Menschen und den Weg Übenden ist unser Ziel in den 3 Boddhisattva Gelübden formuliert. Wir übergeben uns dem Buddhaweg, geloben und praktizieren.

“Leben durch Gelübde”, so heißt das Buch von S. Okumura. Wenn wir sie rezitieren, erheben wir uns über das begrenzte Leben. Trotzdem werden wir immer gewöhnliche Menschen bleiben und Teil dieser Gesellschaft und dennoch kann die Menschheit durch die buddhist. Praxis, neue Ziele und Motivationen bekommen und selber zum Normalzustand, zur eigenen Wildheit zurückkehren.


Haichi Dainin Gaku 2

Eröffnungsbemerkungen von Meister Dogen

“ All die verschiedenen Buddhas sind außergewöhnliche Menschen.
Es gibt acht Realisierungen oder Qualitäten, deren sich diese außergewöhnlichen Menschen gewahr werden und deswegen werden sie als die acht Qualitäten eines großen Menschen bezeichnet. Sich dieser Dharmas bewusst zu werden, wird zur Ursache für (das Betreten von) Nirvana. Am Abend, als er ins Nirvana eintrat, war dies die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers, Shakyamuni Buddha.

Wenn wir nicht ständig tiefer in den Buddhadharma eintauchen, eine Schaufel nach der anderen, werden wir aus Brauch oder Gewohnheit nur noch dümmer oder seniler. Wie auch immer, das Ausgraben einer Schaufel ist keine leichte Aufgabe.” Dogen

Wir leben in einem Zeitalter, in dem Wohlstand der höchste Wert ist! Dies kann logischerweise nicht ewig weitergehen. Denn die Ressourcen sind beschränkt, die Menschen zahlreich. Verteilungskämpfe werden sich verstärken.

Kosho Uchiyma Roshi sagte: “Ein Zeitalter, wo “Ich will das jetzt!” der höchste Wert ist, ist aus Sicht der wahren Menschlichkeit, prähistorisch.”

Ich denke wir wissen alle, was Uchiyma meint, doch, wie neueste Forschungen der Steinzeit belegen, wäre eine prähistorisches Menschenbild für unsere Welt lange nicht so fatal, wie unser industrie-gesellschaftliches und kapitalistisches Bild der Ausbeutung und des Imperialismus.
In dem Buch mit dem Titel “Anfänge”, fassen David Graeber, der bedeutendste Anthropologe unserer Zeit, und David Wengrow, einer der führenden Archäologen, den aktuellen Stand der Forschung zusammen und entfalten in ihrer großen Menschheitsgeschichte, wie sich die Anfänge unserer Zivilisation mit der Zukunft der Menschheit neu denken und verbinden lässt. Im Gegensatz zum stereotypen Klischee des Steinzeitmenschen waren diese prähistorischen Gesellschaften meist basisdemokratisch und gleichberechtigt aufgebaut, sie kamen ohne Staatsmacht und “Führer” aus und versuchten ressourcenorientiert im Einklang mit der Natur zu leben, obwohl diese Ressourcen gar nicht bedroht wurden. Nun sind die Ressourcen bedroht und wir wollen nur eins “Wohlstand”.

Der wichtigste Punkt ist, dass unsere Kultur weltweit den “Wohlstand” als den höchsten Wert auserkoren hat. Wohlstand ist der neue “Gott”. Die verschiedenen existierenden gesellschaftlichen Konzepte, wie Kapitalismus, Demokratie, Sozialismus, Kommunismus, Liberalismus, Fridays for Future, Wokeness, etc. werden daran nichts ändern, wenn sie nicht einsehen, dass sie die Idee des Wohlstands loslassen müssen.

Schauen wir uns um, dann sehen wir überall gut gekleidete Menschen, die gestylt sind, die sich mit Superfood ernähren und mithilfe von Sport und Meditation fit und gesund halten. Neben dem Wohlstand ist Wohlbefinden noch eine weitere “Götze” unserer Zeit.

Auch die meisten Kritiker unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel die Klimaaktivisten, orientieren sich dennoch an diesen Werten. Doch dies ist paradox.

Wie können wir dieses Paradoxon lösen?

Albert Einstein sagte einmal:

“Man kann die Probleme des Menschen nicht mit dem Denken lösen, mit denen sie geschaffen wurden.”

Seit hunderten von Jahren orientieren wir uns, dank der alten westlichen Traditionen, an der Prämisse: Es muss nützlich für den Menschen sein, denn er ist das höchste Wesen! Ist das so?
Im Buddhismus nennt man diese Welt, die Welt der hungrigen Geister. Und Buddha zeigte den Weg heraus aus dieser Welt und schuf das Bild des grossen und wahren oder aussergewöhnlichen Menschen, der dies schafft.

Die Welt des Dainin, des wahren Erwachsenen, sollte jetzt beginnen. Wir brauchen wieder eine Periode wahrer Menschlichkeit, eine Welt in der sich die Menschen nicht um das streiten und kämpfen, was Ihnen von den Reichen und Mächtigen zum Frass/Konsum vorgeworfen wird. Die, die nichts abkriegen, jammern herum und klagen, weil sie das Opfer sind und würden doch so gerne, um das streiten und kämpfen, was die Stärkeren ihnen weggenommen haben und streben danach, möglichst bald Täter zu werden. Es ist nie genug!

Was ist ein aussergewöhnlicher Mensch?

In unserer Kultur ist das meistens ein Mensch mit besonderen Talenten oder hoher Intelligenz.
Die gängigen Idole und Vorbilder unserer Zeit haben zum grossen Teil ihre Berechtigung. Ein Musiker, der wunderschöne Musik kreiert, die den Menschen etwas gibt, ist unbestritten etwas Schönes und Heilsames. Ein Schauspieler, ein herausragender Sportler, ein grosser Denker oder Wissenschaftler kann sehr inspirierend sein.

In den Medien werden ständig solche aussergewöhnlichen Menschen um ihre Meinung, um ihren Rat gefragt. Die sogenannten Experten geben ihre Expertise ab und das kann hilfreich sein. Wenn Künstler oder Sportler beispielsweise zu politischen Themen befragt werden, ist das allerdings schon ein bisschen seltsam.

Diese Wissenschaftler, mit aussergewöhnlicher Intelligenz gesegnet, haben mit ihren Fähigkeiten zu grossen Erkenntnissen geführt, die von Menschen mit ungewöhnlicher Tatkraft umgesetzt wurden. Wir machen Fortschritte unbestritten!

Doch was den einzelnen Menschen bestimmt, ist: “Jetzt verdiene ich 1000€, wow, jetzt verdiene ich 5000 €; jetzt bin ich Angestellter, oh, jetzt bin ich auch Chef, ich habe dieses Hobby, ich Reise dorthin und kann mir das leisten, ich bin achtsam, deswegen.., ich bin gut, ich bin berühmt, ich bin wichtig und mächtig, ich spende und bin Wohltäter.

Doch diese Art von Werten ist nicht gut durchdacht. Denn egal wie weit ich auf der Karriereleiter gestiegen bin, es sind immer gleich viele Sprossen vor mir. Genauso ist es mit dem Geld, es ist nie genug.

Folgt man jedoch der Lehre und Praxis des Buddha, gibt es kein mehr kriegen oder höher steigen und mächtiger werden – im Gegenteil.
Der Kern Buddha Shakyamunis Lehre war von Anfang an, das Heranwachsen und Handeln als wirklich aussergewöhnlicher Mensch, als “echter Erwachsener”. Und wie kommt man dahin?

Dazu müssen wir Jiko – das grosse Selbst kennenlernen. Meister Dogen sagte im Genjokoan den berühmten Satz: “Den Buddhaweg studieren und praktizieren ist Jiko – das eine grosse Selbst studieren und praktizieren.” Man wächst einfach zu einem wahren Menschen, der Jiko – “Einselbst” verwirklicht hat.

Oft wurde dieser Satz, etwas unglücklich übersetzt oder interpretiert. Manchmal liest man so etwas wie. “Den Buddhaweg studieren, ist sich selbst zu studieren.” Viele interpretieren dieses “ sich selbst studieren” dann in die Richtung von: Ich muss mich mit mir befassen. Ich muss mich mit mir selbst aussereinandersetzen. Ich muss mich, wie in einer Psychotherapie, bearbeiten und kennenlernen. Doch Dogen meint tatsächlich “Jiko” zu studieren und zu praktizieren – das eine, allumfassende Selbst.
Denn du kannst nie etwas anderes werden als dieses selbst so wie du bist. Es gibt nichts ausserhalb zu erreichen.

Wenn wir dann irgendwann sagen können, unsere Gesellschaft ist gereift, ist zu einer erwachsenen Gesellschaft von geworden, dann können wir zum ersten Mal sagen, das wirklich Fortschritte gemacht wurden.


Haichi Dainin Gaku 1

In den nächsten Wochen werde ich das Shobogenzo Kapitel Haichi Dainin Gaku aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen und in den Kontext des Lebens im 21 Jhdt.setzen. Ich benutzte dazu die neue, wundervoll editierte 10 bändige Shobogenzo-Ausgabe der Soto Shu, die 2023 massgeblich unter der Leitung von Shohaku Okumura Roshi ins Englische übersetzt und neu zusammengestellt wurde. Diesen Monat fange ich mit der Erläuterung der Eröffnungs-Bemerkungen Meister Dogens an. Ich stütze meine Erläuterungen auf das, was ich von den Lehrern meiner Linie gehört und gelesen habe, allen voran: Shohaku Okumura, Kosho Uchiyama und Kodo Sawaki. Ich bin kein Japanologe oder Gelehrter, deshalb macht es für mich keinen Sinn, die Kanji oder Ausdrücke, die Dogen verwandte, neu zu erklären oder interpretieren. Jeder kann diesen Text einzig aus seiner Praxis heraus verstehen und in Beziehung zu seinem karmischen Leben, das er gelebt hat, setzen. So gelingt es mir hoffentlich, das Dharma ein bisschen tiefer und auf jeden Fall etwas anders auszudrücken als jemals zuvor. Dies ist keine leichte Aufgabe, trotzdem ist es das, was jeder Lehrer des Zen verpflichtet ist zu tun. Ganz im Sinne von Meister Katagiris “ Du musst was sagen!”, ist jeder Dharmalehrer verpflichtet sein Bestes zu tun, das Dharma für den Interessierten zu erhellen.

Warum ist es keine leichte Aufgabe, das Dharma zu kommentieren und damit an die Öffentlichkeit zu gehen? Meiner Meinung nach sind die meisten Menschen heute nicht sehr clever, sie lassen sich von dem täuschen, was gerade hip ist und was gerade die vermeintlich Erfolgreichen, die Influencer oder Promis von sich geben. Kein Wunder, redet alle Welt von Fake-News und fällt auch noch darauf herein. Die “Cleveren” schreiben, wenn man diesen Begriff auf ihre smarte Art reduziert, Ruhm und Geld zu häufen, also das, was clicks generiert. Dieses wird dann wiederum von der verdummten Mehrheit mit einem “Gefällt mir” kommentiert. Interessanterweise haben sie gar nichts davon, wenn sie es, ohne ihr Hirn einzuschalten, “liken”. Der andere, der Influencer, verdient mit seinem täglichen Gelaber und Gehabe viel Geld, weil die Follower vollkommen blind (verblendet) ein großes Aufheben darum machen. Falls du dich angesprochen fühlst: Du verlierst dabei völlig aus den Augen, dass du dein eigenes Leben leben solltest. Die einzige Person, die dein Leben leben kann, bist nämlich du. Das ist für alle gleich. Die gesamte Menschheit aller Zeiten, insbesondere der Gegenwart und Zukunft, wohnt in dir. So drückt es die Lehre des Buddhas aus. Repräsentative Umfragen berichten dagegen unisono, dass viele Menschen “etwas” suchen und wissen doch nicht recht, wonach sie suchen. Sie berichten von innerem Unbehagen und Unruhe. Etwas fehlt anscheinend und wir alle brauchen Hilfe! Die Zeiten der Entscheidung sind offensichtlich angebrochen. Unser Umgang mit der Natur, mit anderen Menschen und damit auch mit uns selbst ist aus dem Ruder gelaufen. der Psychotherapeut A. Batthyany beschreibt das als: “Da ist eine Sinnlosigkeit, eine Entfremdung, eine Orientierungslosigkeit und der Eindruck in einem nicht enden wollenden Wettlauf gefangen zu sein, aus dem es kein Entrinnen – und bei dem es seltsamerweise zugleich auch kein eigentliches Ziel – zu geben scheint. Immer mehr Menschen klagen daher auch, dass unsere moderne Konsumgesellschaft zu einem recht harschen Umgang miteinander, mit uns selbst und mit der Natur geführt hat.” Wir haben uns eine Kultur geschaffen, in der schon im Kindergarten der Idealismus und die Freude am “sinnlosen” Spiel und Tun viel zu häufig den ökonomischen Grundprinzipien nachgibt. Die Folge: Mitten in unserem extraorbitanten Überfluss verkümmern wir, der Mangel an Sinn, an innerer Erfüllung, an echter Gemeinschaft, an Geborgenheit in sich selbst fehlt. Daraus resultieren bei feinfühligen Menschen Ängstlichkeit, Nervosität, Erschöpfung und vieles mehr. So langsam begreifen einige Menschen, dass langsam eine Zeit des inneren Wandels und Wiederaufbau beginnt. Denn die Krise offenbart uns blinde Flecken auf unserer Landkarte, unerfüllte Sehnsüchte nach einem geistig erfüllten Dasein werden wieder wach, so A. Batthyany. Und er fährt fort zu erläutern, dass uns Ressourcen sichtbar werden, die uns durch herausfordernde Zeiten tragen können, wie etwa die schützende Kraft des Miteinanders, das Heilsame einer ausgewogenen Balance, zw. Arbeit, Familie und Freizeit, das Stärkende, was daraus erwächst, uns aus unserem Trott zu befreien, die reifende Bereitschaft, Verantwortung anzunehmen, die wir für uns und andere haben. Die Krise wird zur Chance inneren Wachstums, doch der Wunsch nach Wandel reicht nicht aus. Wir brauchen Werkzeuge des inneren und äusseren Wandels, die uns helfen, innerlich zu wachsen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu verwirklichen. Unzählige Tools werden heutzutage auf dem Markt des “ persönlichen Change-Mangements” angeboten, viele davon werden von weisen Menschen überprüft, viele aber auch nur erfunden, um Geld auf diesem Markt des Wunsches nach Veränderung zu verdienen. Diese Scharlatane nutzen auch dies aus, um sich zu bereichern, sie kriegen den Hals nicht voll. Es ist also Vorsicht geboten und hier könnte es nützlich sein, sich auf einen uralten, verifizierten Buddhaweg zu begeben. Doch dieser braucht sehr viel Mut und ist manchmal sehr seltsam für einen modernen “homo oeconomicus”.

Zwar beschreibt Kodo Sawaki Roshi, das von Dogen erläuterte Zazen als yusui – sehr tiefgreifend, subtil und tiefgründig. Aber was ist denn genau an Zazen so subtil oder tiefgreifend und tiefgründig? Warum ist es so wichtig für die Gesellschaft, dass jeder sein eigenes Leben in Verbindung mit allen Wesen lebt? Das kann ich nur sehr schlecht in Worte fassen. Wie soll ich dies jungen Praktizierenden gut erklären, damit sie verstehen, wie wichtig für sie und diese Menschenwelt die Zazenpraxis ist? Wie kann man ohne Talent und ohne Ruhm- und Geld-Sucht ein Influencer werden, der wirklich den verblendeten Menschen etwas Tieferes und Hilfreiches wie Zazen vermittelt? Soll ich mit Hilfe der sozialen Medien mit all ihren Gadgets das Dharma verkünden? Beispielsweise mit Hilfe von kurzen Tiktok Videos die junge Zuhörerschaft ansprechen? Erreiche ich dann diejenigen, die dumm und wie in Trance stundenlang Infos und Bilder mit dämlichen Botschaften konsumieren, ohne je ins nachdenken zu kommen, wirklich? Kann man die überhaupt erreichen, ins Nachdenken über die doch so wichtige Frage: Was ist denn mein Leben? bringen, oder ist das einfach “Perlen vor die Säue werfen”? Auf der anderen Seite, wenn ich mich mit viel Aufwand und Einsatz in sozialen Netzwerken für das Buddhadharma engagiere, laufe ich dann nicht Gefahr, bekannt zu werden, Kommentare beantworten zu müssen, aufgefordert zu werden, mehr zu produzieren, mit “Gefällt mir” hundertfach bombardiert zu werden? Hält es mich dann nicht davon ab, tiefgründig über das Dharma nachzudenken, oder gar weniger Zazen zu praktizieren? Verfalle ich nicht sogar dem Ruhm? Vor genau so etwas warnen die alten Patriarchen und warnt auch Buddha Shakyamuni in seinem letzten Vermächtnis, dem “Hachi Dainin gaku”. Und auf der anderen Seite werden zunehmend Menschen echte und weise Hilfestellungen benötigen.

Warum sollte man das “Hachi dainin gaku” als eines der wichtigsten Texte des Shobogenzo lesen und studieren? Am Ende des Originaltextes des Hachi Dainin gakus gibt es einen Kommentar von Dogens Schüler Ejo, der lautet: „Dies waren unseres großen Lehrers Shakyamuni Buddhas letzte Lehren sowie das letzte Vermächtnis meines Lehrers Dogens“. Am Anfang dieses Epilogs schrieb Dogen an dem Abend, als er selbst ins Nirvana eintrat: “Dies war die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers Shakyamuni Buddha.” Es war Dogens letzte Unterweisung. In der Regel formuliert man im Angesicht des Todes etwas sehr Wichtiges und nicht belangloses, oder? Eröffnungsbemerkungen All die verschiedenen Buddhas sind außergewöhnliche Menschen. Es gibt acht Realisierungen oder Qualitäten, deren sich diese außergewöhnlichen Menschen gewahr werden und deswegen werden sie als die acht Qualitäten eines großen Menschen bezeichnet. Sich dieser Dharmas bewusst zu werden, wird zur Ursache für (das Betreten von) Nirvana. Am Abend, als er ins Nirvana eintrat, war dies die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers, Shakyamuni Buddha. Wenn wir nicht ständig tiefer in den Buddhadharma eintauchen, eine Schaufel nach der anderen, werden wir aus Brauch oder Gewohnheit nur noch dümmer oder seniler. Wie auch immer, das Ausgraben einer Schaufel ist keine leichte Aufgabe.