Von Gyoriki Herskamp, April 26
(Kommentar zu Zenmeister Dogens Lehren über die ‚Acht Eigenschaften einer grossen Person‘ von Gyoriki auf der Basis des Textes ‚The Roots of Goodness’ – Kommentar Kosho Uchiyama Roshi, übersetzt von Daitsu Tom Wright)
„Wer mit wenigen Wünschen handelt, ist stets in Frieden und hat wenig Sorgen oder Bedenken. Und in vielerlei Hinsicht verspürt ein solcher Mensch kein Bedürfnis nach mehr; er hat immer mehr als genug. Kurz gesagt: Wer wenige Wünsche hat, ist praktisch im Nirvana. Das nennt man wenige Wünsche haben.“
Kosho Uchiyama Roshi schreibt zu diesem letzten Abschnitt des Kapitels ‚Shoyoku – Wenig Wünsche haben‘: „Bitte bedenke, dass Sorgen und Bedenken, oder Qual und Leiden ist nicht etwas, das außerhalb von dir aufgrund irgendeines Vorfalls entstand. Sondern, all diese Emotionen sind darauf zurückzuführen, was du in deinem Leben oder Lebenseinstellung als wertvoll erachtest. Deswegen, wenn wir unsere Werte ändern, unsere Einstellungen zum Leben auswechseln, dann werden all die Sorgen und die Leiden verschwinden.“
Häufig ist es so, dass innere Verstimmungen und äußere Missstände als von uns nicht veränderbar betrachtet werden, als etwas von außen auf uns Erlegtes, als Bürde, als Ungerechtigkeit oder gar Gemeinheit bzw. Mobbing von anderen. Etwas, das uns angetan wird und wir nicht ändern können.
Dies ist oft nicht die korrekte oder hilfreiche Einstellung, auf Sorgen und Leiden zu reagieren.
In diesem Fall bin ich empört oder niedergeschlagen, weil die Regierung zulässt, dass die Benzinpreise steigen – Unverschämtheit!; der Chef sieht nicht wieviel ich arbeite – ich Arme; meine Arbeitskollegen arbeiten weniger als ich – Ungerechtigkeit; meine Eltern haben mich immer unterdrückt – Opfer. Aus Sicht der Lehre des Buddhas/ des Zen jedoch bin ich alleine für die Bewertung der äußeren Phänomene verantwortlich, die menschliche Grundeigenschaft, alles in gut und schlecht, nützlich und nicht nützlich, bedrohend und fördernd einzuteilen führt zum Leiden.
Passe ich meine Werte an Lebensumstände und meine Person an und lebe sie durch mein engagiertes Handeln, verschwinden nach und nach meine Sorgen und Leiden.

Interessanterweise habe ich im letzten Jahr die Weiterbildung in ACT – (Acceptance and Commitment Therapy) abgeschlossen – ein relativ neues Psychotherapie Verfahren, das zur 3. Welle der Verhaltenstherapie gezählt wird. Neben der sogenannten Akzeptanz der Lebensumstände u.a. Pfeilern des Verfahrens sind das selbstständige Herausfinden und – arbeiten der ureigenen, mir entsprechenden Werte und das Commitment, danach engagiert zu handeln, die Basis der Therapie, die zu einem nachgewiesenermaßen glücklicheren Leben führt. Ich finde meine eigenen Werte heraus, lerne sie kennen und lebe aktiv danach, führt zu Glück und Wohlbefinden. Ich engagiere mich beispielsweise für benachteiligte Personen in der Gesellschaft, helfe Ihnen und tue ihnen Gutes und empfinde mich infolgedessen in der Gesellschaft als selbstwirksam und wichtig. (s. dazu www.staerkestattmacht.ch)
Allerdings muss man da ganz klar Menschen ausnehmen, die unter starken Schmerzen leiden oder psychische, diagnostizierte Störungen haben.
Wer einmal sehr starke Schmerzen hatte, wie zum Beispiel infolge eines Migräneanfalls oder einmal einen stark vereiterten Zahn hatte, weiss wovon ich rede. Die Schmerzen sind so stark, dass wir nicht anders als Dösen oder Schlafen können. Da hilft dann auch kein Zazen oder Beten. Der Schmerz ist einfach der Schmerz und wir sind nicht mehr in der Lage, groß zu handeln.
Ähnliches passiert laut Uchiyama Roshi im Angesicht des Todes, Trauer und Angst werden einfach da sein, etwas ganz Natürliches, das wir nicht ändern können. Da ich die Ehre hatte, zwei- oder dreimal beim Sterbeprozess zugegen zu sein, ist meine Erfahrung, dass sich viele Menschen erst im unmittelbaren Prozess des Sterbens entspannen oder loslassen können. Aus welchem Grund das auch immer ist, so hat die Natur dieses Hinübergleiten gestaltet. Zunächst ist Trauer, Leiden oder Angst einfach Teil des Ganzen, es sei denn ich lasse mir die entsprechenden Betäubungsmittel verabreichen, was jedermanns gutes Recht ist. Irgendwann findet aber unbewusst, natürlich und automatisch der Prozess des Loslassens statt.

Uchiyama erklärt in seinem Kommentar auch ganz klar, dass davon auch keine Zazenpraktizierende ausgenommen sind, die gehofft hatten,dass sie sich durch Zazen auf den Tod vorbereiten können. Eine langsame, intensive Zazenpraxis bewahrt einen nicht vor dem notwendigen Leiden angesichts des Todes. Dies hatte ich schon im Falle des Todes von Shunryu Suzuki Roshi, als auch Katagiri Roshi gelesen, die angesichts ihrer Krebserkrankung und ihrer freien Entscheidung so weit es geht auf Betäubungsmittel zu verzichten, zeitweise unglaublich litten und so ihren SchülerInnen ein wertvolles, unvergleichliches Beispiel gaben.
Ich selbst durfte dies bei meinem, eigenen Lehrer Missen Meiho Bovay erleben, der an unheilbaren Knochenkrebs verstarb. Die Wirbel seiner Wirbelsäule zerbarsten durch den Krebs, die Schmerzen unvorstellbar und über alle Maßen hinaus, sein Leben war nur mit starken Morphinen einigermaßen aushaltbar. Seine starke, langjährige Zazenpraxis bewahrte ihn nicht vor diesem Leiden und frühen Tod (mit 64 Jahren); er war nicht mehr in der Lage sich in irgendeiner Form ‘zenmeisterlich’ zu verhalten, sondern ganz und gar einfach nur ein normaler Mensch.
Eine große Unterweisung für mich, die in mir viele Verblendungen zerstörte: Im Angesicht des Todes sind wir alle gleich und nackt.
Ähnliches gilt laut Uchiyama Roshi für ungewöhnliche Verhaltensweisen im Angesicht von lebensbedrohender Gefahr ( Raketenangriff im Krieg, Gewaltandrohung von Kriminellen oder Naturgefahren (Lawinen, Fluten, Erdbeben, etc.). Wer hier meint, heldenhaft sein zu müssen, statt sich in Sicherheit zu bringen oder zu schützen, muss sich darüber im Klaren sein, dass dieses Verhalten nichts mit dem Dharma zu tun hat.
Ein Beispiel aus meinem Lebensbereich: Ein psychisch kranker Jugendlicher bedrohte mich in seiner Not während des Corona-Lockdowns zweimal mit dem Messer. Die Psychischen Kliniken waren in dieser Zeit überfüllt und nahmen nur Jugendliche mit akuter Suizidgefahr auf. Eine Selbsteinweisung des Jugendlichen wurde aus ebendiesen Gründen abgelehnt. Es bestand weiterhin die Beschulungspflicht für unsere Institution. Nun stand dieser Jugendliche in seiner großen Wut und Not mit dem Messer vor mir und wollte mich abstechen, wie er sagte. Er habe nichts mehr zu verlieren. Ich blieb trotz größter Angst äußerlich ruhig, ging rückwärts, versuchte vorschriftsmäßig zu deeskalieren. wie ich das gelernt hatte, bis andere zu Hilfe kamen und ihn festhielten und beruhigten. Dabei provozierte und bedrohte er mich weiter: Er werde mich finden, er werde mir auflauern und mich abstechen, etc..
Ein lebensbedrohliches Ereignis, das jeden Menschen zutiefst erschüttert. Zwar nässte ich mich nicht ein oder ähnliches, aber ich hatte tagelang Mühe mich zu beruhigen, weiter zu arbeiten, dieses Erlebnis zu verarbeiten und bis heute, wenn ich diese Zeilen schreibe, wühlt mich dieses Ereignis emotional und psychosomatisch auf und ich fühle mich so, als hätte ich emotional versagt. Zu diesem Prozess gehörte auch, dass ich mich zeitweise dafür verurteilte, mich nicht samurai-haft oder zen-meisterlich verhalten zu haben. Ich hätte diesem doch körperlich und mental unterlegenen Jugendlichen das Messer abnehmen sollen und wäre so ein Mann mit ‚Eiern‘ geworden, den die anderen delinquenten Jugendlichen künftig als Anführer ansehen könnten.
In diesem Moment Angst zu haben und aufgebracht zu sein ist also vollkommen normal und alles andere wäre widernatürlich. Es kann eine große Verblendung von Zazenpraktizierenden sein, dass sie Glauben vor solchen urmenschlichen Leiden gefeit zu sein. Obacht – Zazen is for nothing!

Daß ich aber, während ich diese Zeilen schreibe und mich an diese Situation erinnere, in mir ähnliche Emotionen ausgelöst werden wie damals, zeigt lediglich auf, wie unser menschliches Gehirn funktioniert. Das bloße Denken oder Vorstellen eines Erlebnisses löst Emotionen aus, als wäre es real, obwohl es in keinster Weise etwas mit Wirklichkeit zu tun hat. Ich wurde beim notwendigen Erinnern an diese Situation, denn ich wollte ja dies so genau wie möglich beschreiben, von meinen Gedanken in den Griff genommen und da ich als Zazenübender gewohnt bin, alle Gedanken, die auftauchen, loszulassen, kann ich das jetzt tun.
Uchiyama Roshi betont in diesem Zusammenhang, dass es entscheidend ist, aus eine wahren religiösen Leben hinaus lebend, unser ganzes Leben ohne illusorisches bzw. verblendetes Leiden zu leben.
Und er verweist auf die Eingangssätze Dogens (s.o):“Und in vielerlei Hinsicht verspürt ein solcher Mensch kein Bedürfnis nach mehr; er hat immer mehr als genug. Kurz gesagt: Wer wenige Wünsche hat, ist praktisch im Nirvana. Das nennt man wenige Wünsche haben.“
Nirvana wird im Zen als der Zustand definiert, in dem weder Geburt noch Tod eine Bedeutung haben oder wie Sawaki Roshi und andere Zenlehrer es immer wieder beschrieben, sein Leben im eigenen Sarg liegend anzuschauen.
Uchiyma Roshi empfiehlt denjenigen, die jetzt nicht losgehen möchten, einen Sarg einzukaufen, ihn nach Hause zu bringen und ins Wohnzimmer zu stellen, um darin zu liegen, stattdessen einfach ein Kissen zu holen und Zazen zu praktizieren.
„In Kürze: Zazen machen ist auf sein Leben schauen, während man im eigenen Sarg liegt. Oder über die Frage reflektieren: „Wo wäre ich jetzt, wenn mich meine Eltern abgetrieben hätten?“
Zu guter Letzt des Kapitels definiert Uchiyama Roshi einen Dainin als einen Menschen, der sein Leben aufräumt und putzt, ohne rumzujammern. Ein wahrer Erwachsener ist also der, der nicht rumjammert und folglich die Fähigkeit hat ‚wenig Wünsche‘ zu haben.
Wir sind deswegen laut Dogen Zenji alle aufgefordert, das ‚wenig Wünsche haben‘ zu praktizieren, und dies zu leben, um dann ein Vorbild für alle Kinder und alle gierigen Geschöpfe sein zu können.