Da sass einst ein nackter, ausgemergelter Mann am Bach und nähte im Punktstich aus elendigen Stoffresten ein Gewand, um sich künftig damit einzuhüllen ( Sein Name – Buddha Shakyamuni). Jahrhunderte später reiste mühselig ein Inder nach China und trug mit sich: Ein ebensolches Patchworkgewand und eine Schale (Sein Name – Bodhidharma). Wieder Jahrhunderte später sass ein Japaner in einem chinesischen Tempel in Zazen und weinte vor Glück, als sein Nachbar sich am morgen ein solches gefaltes Gewand auf den Kopf legte und das Kesasutra rezitierte. Und er gelobte dieses Kesa nach Japan zu bringen. (Sein Name – Dogen Zenji)
Wieder viele Jahrhunderte später sass ein ignoranter, verwirrter junger Deutscher im grössten Zendo Europas in Zazen und weinte ergriffen als seine gut 350 Mitsitzer das Kesasutra rezitierten. Und er beschloss spontan ein kleines Kesa (Rakusu) zu nähen, am Ende des Retreats Zuflucht zu nehmen und gelobte fortan jeden Tag Zazen zu praktizieren. Er hielt sein Gelübde ein, auch wenn dieses Nähen des Rakusu in sieben Tagen ihn an seine psychischen Grenzen brachten, denn niemals hatte er gedacht, dass er so ungeschickt sei („diese verdammte kleine Nadel und diese verdammt kleinen Stiche“) und soviel Widerstand gegen diese „Frauenarbeit“ in sich hatte. Kurz vor Morgengrauen der Ordination war es erst fertig, mindestens einen Tag später als die Anderen. Und nach der Ordination, die sein Leben veränderte, kaufte er Stoff um ein Okesa zu nähen. Zwei Jahre später, zur Mönchsordination, war es fertig und wieder kaufte er Stoff für ein Okesa…. und … und …. (Sein Name – Gyoriki)
Heute sitzt dieser täglich sitzende, inzwischen gealterte Dilettant im Schwarzwald in seiner Klause und offeriert einmal im Jahr ein Kesanähwochende, weil er hofft, dass möglichst vielen Menschen die unermesslichen Verdienste des Kesa Buddhas, ähnlich wie er selbst, erfahren.
Sicher kann man sagen, es sind nur Stoffreste. Dogen dagegen sagt: „Es ist Buddhas Körper und Buddhas Geist.“
Das erste, was Buddha nach seinem Erwachen tat, war sich in die Robe der Formlosigkeit (Muso-e) hüllen, die er sich aus gewaschenen Stoffresten vom Müll zusammennähte. Muso-e sind deshalb die Kanjis, die ich für die diesjährige Neujahrskalligraphie ausgesucht habe. (Jedes Aktiv-Mitglied bekommt diese stümperhafte Zeichnung geschenkt, die aber mit grosser Freude ausgeführt wurde.)
Jeder der Mönch/Nonne wird, bekommt das Okesa (7-bändig) von seinem Lehrer überreicht und hüllt sich fortan zum Zazen ins Kesa. Jeder der Zuflucht nimmt, bekommt das Rakusu (5 bändig) überreicht.
Muso-e erlaubt es uns die Leerheit aller Dinge zu sehen. Wenn wir den Weg des Buddhas gehen und alle emotionalen Bindungen aufgeben, dann tauschen wir nicht mit einer neuen Familie (Sangha) oder einem neuen Haus, sondern mit der Heimat des Nicht-Tuns (Nirvana).
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Ryokan kritisiert im untenstehenden Gedicht, dass viele der Mönche/Nonnen, Laien- Zen gab es damals fast nicht, aus sozial-emotionalen Gründen bzw. ökonomischen Gründen in die Sangha eintreten. Hier werden die o.g. sozialen und emotionalen
Defizite gelindert und ein warmes Plätzchen und eine warme Mahlzeit gibt es auch noch. Und man fühlt sich wichtig.
„Tag für Tag, verblasst der angestammte Weg. Buddhistische Meister verteidigen ihre eigenen Grundsätze, ihre Schüler hängen an des Meisters Doktrin. Meister und Schüler kleben zusammen wie Leim und Lack. Niemals Ändern, stur klammern sie sich an ihre Meinungen“
Ryokan
Dieses leider dem Buddhaweg unwürdige Phänomen gibt es bis heute. Die sogenannten Meister bedienen sich ihrer gläubigen Schüler. Ja, sie rühmen sich sogar mit Schülerzahlen und wirtschaftlicher Stärke und expandieren massiv, bis einige der willigsten Schülerinnen nicht mehr können (Depression, Burnout, etc. sind die Folge).
Die Schüler hingegen, die oft in einer Krise sind, sinnsuchend, jung oder naiv, einsam, bedürftig oder suchend sind, sonnen sich im Glanz des Tempels, der Grösse und Opferbereitschaft der Gemeinschaft und Unübertrefflichkeit des Meisters. Statt im Nirvana sind alle Beteiligten in einer Sekte gelandet, die oft keinen Widerspruch duldet.
Ryokan verzweifelte dar ob und verliess das Tempelsystem, um fortan unabhängig vom organisatorischen Systemen den Buddhaweg zu gehen. Kodo Sawaki wurde „heimatlos“ – ohne Tempelgemeinschaft. Alle alten Buddhas, Patriarchen und wahren Dharma- Nachfolger betonten immer wieder, dass einzig Zazen, losgelöst von unseren Gefühlen und Meinungen, unser Lehrer sein sollte.
Immer wenn wir ins Okesa gehüllt durch Zazen getan werden, sind wir eins mit Allem – dem Nirvana, dem Buddha, der Erleuchtung, dem Universum und allen Wesen. Das ist die Lehre, die Meister Dogen in Japan implementierte und deren Samen nun in Europa aufgehen soll. Kodo Sawaki, K. Uchiyma und S.Okumura stehen in der Tradition Dogens und deshalb ist ihnen zufolge das Sitzen mit Okesa der wahre Lehrer des Buddha-Dharmas – nichts anderes ist nötig. In dieser Tradition steht die Zenklause.
Das Kesa, so ist meine tiefe Erfahrung nach drei Jahrzehnten Zazen beschützt uns und trägt uns durch alle Illusionen hindurch.
Ewiges Glück – Sitzen umhüllt von der Leere!
(Für alle Interessierten: Dogen Zenji verfasste das Kesa Kudoku (Kapitel im Shobogenzo) und beschrieb hier Sinn, Kraft und Verdienste des Kesas)
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