Naikan – Ein Erfahrungsbericht

Von Philipp Bracher, Januar 18

Es gibt wenige Momente in meinem Leben, die mich so geprägt haben, wie die erste Naikan Woche. Wie so oft, wenn sich was verändert im Leben, stand auch hier am Anfang eine Krise. Ich lebte frisch getrennt von meiner Frau und war mitten im Chaos, um einen neuen Alltag zu gestalten. Und so kam es, dass mir Volker eines Morgens nach dem Zazen den Tipp gab, doch mal Naikan zu machen. Ohne gross zu überlegen, hatte ich mich recht spontan angemeldet.

Mit viel Respekt und vielen Fragen bin ich dann in die Berner Berge gefahren. Sieben Tage alleinsein? Sieben Tage schweigen? Sich sieben Tagen nur den folgenden drei Fragen widmen:

  • –  Was hat [Person] für mich getan?
  • –  Was habe ich für [Person] getan?
  • –  Welche Schwierigkeiten habe ich [Person] gemacht?

    Ich antizipierte schon, wie ich mich quälen würde. Die Furcht, dass mich dann immer Schuldgefühle plagen. Und so traf ich zum Abendessen mit den anderen Teilnehmern ein. Wir waren alle gespannt und unsicher. Die erste Aufgabe? Das Natel abgeben. Für sieben Tage. Nicht mehr erreichbar sein, ausser für Notfälle via Festnetztelefon. Alleine dieser Fakt ist in heutiger Zeit schon revolutionär. Und siehe da, schon war ich wieder näher bei mir. Ab jetzt gibt es keinen Input von aussen mehr.

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Und nun bezogen wir unseren Platz hinter dem Paravent. Fünf Personen in einem Raum, aber völlig abgetrennt. Und schon startete der Prozess. Sich für jeweils 90 Minuten auf eine Lebensabschnitt von vier Jahre konzentrieren und sich in Bezug auf eine Person, sich den drei Fragen widmen. Danach einfach die nächsten vier Jahre und immer so weiter. Wer bin ich eigentlich, wenn ich versuche, ungefiltert auf mich zu schauen? Geht das überhaupt? Und schon bald die erste Überraschung, es machte sich Dankbarkeit breit. Wenn für einmal auch banale Dinge, die für einen getan wurden, wahrgenommen werden. Es wurde für mich gekocht. Ich wurde geweckt, damit ich nicht zu spät in die Schule komme, … Es entstand eine Fülle, die ich als Kind gar nie registriert hatte. Nicht alle haben es gleich einfach im Raum. Aber wir alle hatten unsere Krisen im Leben. Haben andere und uns selbst enttäuscht. Man hört nicht alles, was die anderen kurz nach den 90 Minuten rapportieren, aber einiges. Ich fühlte mich gar nicht allein.

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Langsam werden die Geschichten weniger emotional. Sie sind noch da, aber haben nicht mehr den gleichen Einfluss auf mein Leben. Manchmal mache ich die Analogie, dass es wie Chiropraktik für die Seele sei. Druck, es knackt und dann kommt die Entspannung.

Seit diesem Naikan, habe ich weitere dreimal Naikan gemacht, auch wenn ich mir das nach dem ersten Mal noch nicht vorstellen konnte, kam nach zwei Jahren jeweils wieder der Wunsch, mich auf diese Art zurückzuziehen. Und jedes Mal war es eine neue Erfahrung und ich durfte wieder etwas Fallen lassen.

Seit ich das erste Mal Naikan gemacht habe, hege ich den Wunsch, dass andere dieselbe Erfahrung machen dürfen. Denn jedes Mal in der Schlussrunde, wo sich wieder alle gesehen haben und kurz ihre Erfahrungen teilten, war da grosse Dankbarkeit und Erleichterung.

Leider konnte ich noch nicht viele Menschen überzeugen. Aber vielleicht liest ja genau dieser Text jemand und fühlt sich ermuntert. Ich bin sicher, dass Du es nicht bereuen würdest 😉

Vom März 31 – April 7 gibt es im Sanko-ji eine Naikanwoche geleitet von Volker Gyoriki Herskamp. Und im Sommer gibt es die einmalige Chance, bei Akira Ishii-san an einer Naikan-Woche teilzunehmen.

Ich Danke den Naikanbegleiter:innen Ruedi, Susanne, Helga, Volker und Akira Ishii-san