Arbeitslosigkeit und Hunger nach Sinn

Aufsatz von Prof. Viktor Frankl

Ich kenne den Hunger. Im Ersten Weltkrieg bin ich zu Bauern um Brot betteln gegangen, und im Zweiten Weltkrieg hab’ ich eine Zeitlang
in einem Konzentrationslager von achthundertfünfzig Kalorien pro Tag gelebt und vierzig Kilogramm gewogen.

Aber auch in der Zwischenkriegszeit habe ich hungernde Menschen kennengelernt, und zwar im Zusammenhang mit einer von der Wiener

Arbeiterkammer gestarteten Aktion »Jugend in Not«,in deren Rahmen ich den Auftrag hatte, junge Arbeitslose psychologisch zu betreuen.

Und es ist jetzt fünfzig Jahre her, dass ich über meine diesbezüglichen Erfahrungen in der Sozialärztlichen Rundschau den Aufsatz veröffentlicht habe. Und zwar konnte ich nachweisen, dass die Depression der jungen Leute darauf zurückzuführen war, dass sie sich sagten: Ich bin arbeitslos, folglich bin ich nutzlos, folglich ist mein Leben sinnlos! Es handelte sich also im Grunde um ein Sinnlosigkeitsgefühl, das die Depression ausgelöst hatte! Und das konnte dadurch nachgewiesen werden, dass in dem Augenblick, in dem es mir gelungen war, diese jungen Leute in irgendeine Jugend- organisation oder in eine öffentliche Bücherei oder in eine Volkshochschule einzuschleusen, wo sie eine unbezahlte, ehrenamtliche Funktion übernehmen konnten, die sie auch persönlich ansprach, im selben Augenblick die Depression verschwunden war – obzwar ihnen der Magen nach wie vor geknurrt hat, und zwar buchstäblich, denn seinerzeit musste ein Arbeitsloser buchstäblich hungern; aber ich werde nie vergessen, wie mir so mancher von diesen jungen Arbeitslosen entgegen geschrien hat: Was wir wollen, was wir brauchen, ist ja nicht nur das Geld, von dem wir leben können, sondern in erster Linie etwas, für das wir leben könnten- etwas, das unserem Leben einen Sinn gibt!

Es gibt also nicht nur einen Hunger nach Brot, sondern sehr wohl auch einen Hunger nach Sinn! Und das wird auch im Wohlfahrtsstaat von heute zu wenig berücksichtigt. Auch im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit. Das sogenannte soziale Sicherheitsnetz, möchte ich sagen, ist zu weitmaschig: Die seelische Not der Arbeitslosen, sein Sinnlosigkeitsgefühl, fällt durch!

KOMMENTAR von Elisabeth Lukas: Nach wie vor sind Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger gewaltige Themen eines Großteils unserer Welt. Der restliche Weltteil hat andere Sorgen, vielleicht nicht weniger grässliche. Aber eine seelische Not verbindet uns alle miteinander, nämlich der Hunger nach Sinn. Dabei gäbe es sinnvolle Aufgaben im Überfluss, zum Beispiel in der sozialen Umverteilung der Güter, ….