Alleine sitzen

Im Folgenden möchte ich euch einen Teil eines Briefwechsel wiedergeben mit einem Mönch namens Kosho (Name geändert) aus Südamerika, mit dem ich das Glück hatte, ca. 5 Monate in Kotai-ji zu praktizieren. Da wir zeitweise die einzigen Westler waren, hat uns das zusammen geschweißt. Kosho war während des Ango (Nov-Feb) Shuso und hat die Hossenshiki Zeremonie auf japanisch gemacht, was schon eine für mich unvorstellbare Leistung war. Außerdem beinhaltet die Shusofunktion in einem Sermon Sodo verantwortlich zu sein – für wirklich alles, was unseren Klosteralltag ausmacht: Zeremonien aller Art, Samu, Arbeitseinteilungen, Konflikte…., der Shuso ist wirklich für alles verantwortlich – Tag und Nacht. Für einen jungen Mann mit Mitte zwanzig eine große Leistung, die einen zwangsläufig zum Leader macht und dies ist ja auch die Absicht, denn Shuso sein und Hossenshiki zu machen ist der erste Schritt zum Zenlehrer. Ich bin ihm sehr dankbar, er schaute sehr gut nach mir, war ich doch sein Dharmaonkel, denn er ist Schüler eines Dharmabruders von mir. Und ich unterstütze ihn so gut es ging, denn der Shuso wird immer verantwortlich gemacht und das nicht immer auf konstruktive Art. Er ist immer unter Druck und man fordert immer noch mehr von ihm. Er wird gefordert bis über die Grenzen hinaus.
Vor drei Jahren war er nach seinem Studium zum Mönch ordiniert worden, er lebt vom Nähen von Okesa und Roben. Sein Lehrer schickte ihn für ein Jahr nach Kotai-ji, seine Freundin verließ ihn nach ein paar Monaten und die

Frage nach dem Wohin? und Wie weiter?- ohne Geld und Job beschäftigen ihn. Also eine ganz normale Biographie eines Wegsuchenden aus meiner Dharmafamilie. Ich versuchte ihm der Unterstützer zu sein, den ich in diesem Stadium gerne gehabt hätte. Er schickte mir noch Tonaufnahmen von interessanten Zeremonien und ein paar Bilder vom Beginn eines Takuhatsu (Bettelgang) und von der Neujahrszeremonie, die ich in den Text einflechte.

(die Briefe von ihm sind mit google translator übersetzt worden) Lieber Dharma Onkel

Ich bin dabei, in die Berge zu ziehen, um in einem Tempel, den die Gemeinde vor kurzem erworben hat, mit der Praxis zu beginnen. Ich werde in Ihre Fußstapfen treten. Ich werde wahrscheinlich sehr einsam praktizieren, aber ich hoffe, dass ich jeden Monat fünf Tage lang Sesshin im Stil von Uchiyama Roshi abhalten kann. Gyoriki, Sie haben viel Erfahrung, für jeden Rat, den Sie mir geben können, bin ich sehr dankbar. Ich hoffe, wir können in Kontakt bleiben. In drei Wochen werde ich in den Bergen sein. Dass es besser ist, allein zu sitzen, teile ich Ihnen von Herzen mit.

Lieber Dharma Neffe

Alleine zu sitzen hat große Vor- und Nachteile. Ich habe am Anfang ein paar bedeutende Fehler gemacht. Ich denke, es ist gut, Okumura Roshi sagte mir dasselbe, solche Schritte mit allen Beteiligten gut zu besprechen. Familie, Freunde, Sangha usw., denn du wirst Phasen erleben, in denen du sehr einsam bist und es ist gut, diese Leute an Bord zu haben. Auch ist es gut, etwas Energie darauf zu verwenden, in deinem neuen Zuhause neue Freunde und Kontakte zu gewinnen. Voraussetzung ist natürlich, aber daran habe ich in deinem Fall keinen Zweifel, das Feuer des Zazen. Wenn du das hast, dann

ist sogar ein Rohatsu alleine einfach. Das erste Rohatsu allein war das Beste, was ich je gemacht habe.

Die tägliche Praxis erfordert Disziplin, also ist es meiner Erfahrung nach gut, sich an einen Zeitplan zu halten und ihn strikt einzuhalten. Es ist nicht einfach, eine tägliche Zazen-Praxis einzuführen. Ich denke, es ist gut, jeden Morgen und oft auch abends zu sitzen. Ich komme im normalen Alltag auf etwa zwei – drei Stunden pro Tag, aber Ausnahmen sind Normalität. Wiem Tempel, es kommt immer was dazwischen;-). Auch viele berühmte Dichter, Künstler und Philosophen führten einen strengen Tageszeitplan.

Okumura Roshi empfiehlt mindestens eine Stunde Spaziergang am Tag, für junge Leute sind meiner Meinung nach zwei besser. Ich habe mit dem Joggen angefangen und neben der Permakultur Arbeit liebe ich es auch, Pilze usw. zu sammeln. Durch den Wald zu pirschen ist eine gute Verbindung zur Natur und das ist mehr wert als Gold. Manchmal kann es gut sein, etwas Abwechslung zu haben, zum Beispiel einkaufen zu gehen, in ein Café zu gehen, Freunde zu besuchen oder eine lange Wanderung zu machen. Früher, zu Dogens Zeiten, hat man nur die zwei Angos (drei Monate) im Jahr gemacht und ist dann auf Reisen gegangen, von Tempel zu Tempel oder zur Familie und Freunden.

Lieber Onkel

Ich habe es sofort gelesen, als Sie mir Ihre Antwort geschickt haben. Es war gut, zu diesem Zeitpunkt Ihre Empfehlungen zu haben, die alle sehr genau waren. Ich werde jeden einzelnen berücksichtigen. In letzter Zeit denke ich viel über die Zazen-Praxis allein nach. Warum sagen Sie, dass es besser ist, allein zu sitzen? Die Wahrheit ist, dass ich das denke, aber ich würde gerne Ihre Meinung und Ihre Erfahrung erfahren. Ich habe Weggefährten, die praktisch nicht sitzen, wenn sie nicht begleitet werden, das ist hier sogar sehr üblich. Die Menschen lieben es, zu teilen, was mich dazu bringt, die Einsamkeit zu bevorzugen, was mir etwas fremd ist. Ich werde meine Praxis in den Bergen höchstwahrscheinlich mit einem einsamen Rohatsu-Sesshin beginnen. Ich habe nur Ideen in meinem Kopf, ich muss es erleben, um

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Ihnen zu sagen, wie es war.
Ich sage nicht, dass es der beste Weg ist, ich genieße auch Gesellschaft in der Praxis, aber ich denke, im Moment neige ich zu den Wäldern und Bergen. Deshalb werde ich bald abreisen. In drei Wochen. Sag mir, wie du dein Rohatsu machen wirst.

Lieber Kosho

Ich bewundere deine Entschlossenheit, in die Berge zu gehen und Shikantaza zu praktizieren. Es gibt wenige wie dich, die so überzeugt sind, das Zazen der Schlüssel zu einer besseren Welt ist und alles dafür geben, sowie auf Macht, Anerkennung und Geld verzichten. Aus deinen Erzählungen weiss ich, dass das Zen in Südamerika sehr viel Zulauf hat. Die Menschen glauben offensichtlich daran, dass die buddhistische Praxis die Welt zum Guten führen kann, etwas bewirken kann. Was sie ja auch tut, weil sie die Probleme des Leidens an der Wurzel packt. Offensichtlich ist der Acker in Südamerika gut vorbereitet für die Saat des Zen. In Europa ist der Acker vielleicht eher überdüngt und ausgelaugt. Vielleicht sind wir zu reich und selbstgefällig. Auch wenn alle Jammern und Klagen, wie schlecht alles sei oder werden könnte, ist es doch ein Jammern auf hohem Niveau. Es geht nie um die Existenz, es geht nur um die Sorge, den Wohlstand nicht zu verlieren, oder nur noch 1x statt 2x in Urlaub/Jahr zu fahren, u.ä.. Der Buddhismus ist zum Discounter geworden, man geht hin schaut, was kann ich für meine Leben, mein Wohlbefinden gerade brauchen und holt und benutzt es, bis es nicht mehr funktioniert, dann shoppt man aufs Neue ein:“ Ah, Selbstliebe lernen, super, oh das tut gut, denn ich bin ein Armer. Ich muss so viel arbeiten, damit ich meine 10000€/Monat aufbringe. Keiner sieht, wie viel ich schufte, ich bin kurz vor dem Burn-out. Da gehe ich doch zu einem Selbstliebe-Retreat in einem Wellnesshotel. Sobald die Lehre anstrengend wird oder unangenehm oder Verantwortung, vermeiden viele die Praxis.

Entschuldige ich, ich bin abgeschweift; Ich denke nicht, „alleine sitzen“ ist besser, sondern das „Alleine praktizieren“ hat nach meiner Erfahrung und Praxis Geschichte Vor- und Nachteile. Ich bevorzuge die Praxis alleine, gehe aber auch auf Sesshins, wo recht viele Leute zusammenkommen.

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Eigentlich habe ich alles Wichtige schon im letzten Brief gesagt, jeder geht im Zen den Weg allein und es ist wichtig seine eigene Erfahrung zu machen. Wie Todo-san (Okumura) immer sagt: Just do it! Trotzdem habe ich mal meine Gedanken formuliert, die mir zu dem Thema kamen. Es wurden ein paar viele, weil dieses Thema auch mich beschäftigt. Du kannst aber gerne nach hinten switchen, dort habe ich das Rohatsu-Sesshin im Stile Sanko-jis vorgestellt.

Die Praxis alleine macht es oft einfacher, sich auf das Shikantaza zu konzentrieren. Denn wenn man alleine sitzt, sitzt man nicht wegen der anderen Anwesenden oder der Atmosphäre oder dem Lehrer. Man sitzt, weil man das Bedürfnis danach hat oder wegen des Gelübde. In jedem Fall wird die Sinnlosigkeit des Sitzens beim „Alleine praktizieren” deutlich, mehr als in einer Gruppe. Es gibt keine Ablenkung, es gibt keine Ermunterung, es gibt kein Kyosaku oder Ermahnung. Nur du selbst, der schnell lernen wird, sich dem Dharma übergeben zu müssen. Sich fallen lassen. Das wirst du hoffentlich im Rohatsu erleben, denn dies ist nötig, wenn du denkst, du bist es, der praktizierst, dann wird das alles ein langer Kampf. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum viele Praktizierende diese Herausforderung, ein Sesshin alleine zu praktizieren, nicht annehmen, sie können sich nicht dem Buddha ergeben, sich fallen lassen. Sie wollen die Kontrolle behalten, doch das führt nur zu Schmerzen. Eines der wichtigsten Prinzipien ist die Impermanence, alles ist ständig veränderlich, es gibt kein Fundament, erst recht nicht während eines Sesshins. Just flow, wie das Wasser in Dogens Sansuikyo Kapitel; es kann sogar bergauf fließen, indem es als warmer, winziger Wassertropfen nach oben steigt und die wunderbaren Wolken bildet. Es durchdringt alles, da es in der Luft ist, in der Erde, alles ist Wasser, selbst wir Menschen sind zu 90% H2O, wie wundervoll! Das Wasser ist natürlich die Metapher für das Buddha Dharma. Nur im JETZT manifestiert sich der Buddha in uns; JETZT, JETZT,….

Allerdings kann es beim alleine praktizieren zu einem Phänomen kommen, den Kodo Sawaki mit: „Der Schmerz nimmt zu“ beschrieb. Unser

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Urgroßvater zog sich, genau wie du jetzt, für drei Jahre in einen kleinen Tempel zurück, um nur Shikantaza ohne Ablenkung zu praktizieren. Doch durch die mangelnde Ablenkung durch andere, nehmen die Gedanken zu oder anders ausgedrückt bekommen eine größere Bedeutung. Das Loslassen wird schwieriger. In meinem Fall gibt es ab und an auch eine innere Instanz, die auftaucht und richtet: „Mehr Zazen! Du schweifst zu viel ab! “Du arbeitest zu langsam!”“ Das ist wahrscheinlich eine Typsache, aber diese innere Stimme kann zeitweise ziemlich quälen. Ebenso können Gefühle des Glücks sehr stark und groß werden, aber auch Ängste und Sorgen. So hat man den Eindruck, das Leiden oder der Schmerz in der Einsamkeit nimmt zu. In so einem Fall hilft ein Spaziergang, Zazen oder ein Gespräch mit Nachbarn oder Freunden. Wie du weißt, sind es nicht die Umstände des Alleinseins, die zu solchen Geisteszuständen führen, sondern es ist dein Geist, der dies kreiert. Es liegt an dir, diese wieder loszulassen. Also bitte auch die Zustände, von „ich bin so allein und ein Armer“ loslassen. Du hast das alleine sitzen gewählt, du bist verantwortlich… sei erwachsen. Zenpraxis kann erwachsen machen, ob alleine oder in der Gruppe.

In einer Gruppe ist es vielleicht einfacher zu sitzen, aber auch in einer Gruppe kann man sich einsam fühlen, vielleicht kennst du das. Du bist auf eine Art immer alleine und gleichzeitig doch mit allem verbunden. Ob Lehrer oder Schüler, immer bist du es alleine, der praktiziert. Außerdem gibt es in größeren Gruppen oft soziale Phänomene, die in die Zazenpraxis hineinreichen. Man reibt sich aneinander oder umgekehrt, man genießt die Gruppe oder die Anwesenheit bestimmter Personen, man hat Verantwortung in einem Sesshin und kann zeigen was man drauf hat, man kann auch im Zen Karriere machen, etc.. Alles Dinge, die einen abhalten oder es erschweren, sich ausschließlich auf die Praxis von Shikantaza zu konzentrieren. Das war der Grund, warum ich in die Berge des Schwarzwalds ging. Ich leitete 20 Jahre ein großes Zentrum in Basel mit täglicher Zazenpraxis.

Wir organisierten Sesshins für bis zu 90 Personen, immer hatte ich dort eine Verantwortung, Tanto, Ino, Tenzo, Organisator,…. Ich konnte das alles gut, es

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lag mir, ich war erfolgreich, aber Erfolg bringt auch Neider und wahrscheinlich wurde ich auch arrogant oder ignorant. Ich merkte in meinem ganzen Aktionismus nicht, wie sich der Wind drehte. Ich merkte nicht, wie andere die Gefäße, die ich schuf, für ihre eigenen Ideen und Ziele nutzen. Ich bin vom Typ eher naiv und wahrscheinlich aufgrund meiner Aufmerksamkeitsschwäche eingeschränkt, was soziale oder zwischenmenschliche Signale angeht. Ich merkte nicht, wie ich in die Falle von Erfolg und Karriere ging. Ich war sogar erfolgreich im Job und im Zen. Ich merkte nicht, wie ich genauso aktionistisch wurde wie der Rest der Gesellschaft – schneller, höher, besser, weiter…

Dazu gab es nach dem Tod meines Ordinationslehrers 2009 große politische Umwälzungen, Machtkämpfe, Mobbing, Konflikte… in der Sangha.

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Der Erfolg machte Zenlehrer der AZI neidisch und sie begannen, mich mal offen, mal versteckt zu intrigieren und Gerüchte in die Welt zu setzen, leider fielen die Gerüchte auf einen Nährboden. Die Handlungen dieser Personen waren aus ihrer Sicht nicht einmal verwerflich. Niemand weiss, was richtig und falsch ist. Und niemand weiss, wofür es letztlich gut ist. Ohne ihr eingreifen, wäre ich heute nicht hier. Deshalb gibt es nie schlechte Lehrer, selbst wenn einer ein Arschloch ist. Du weißt nie, wofür er gut ist.

Auf der einen Seite stärkten meine Präsenz und große Verantwortung meine Praxis, denn ich musste mich entwickeln und sehr aufmerksam sein. Außerdem brauchte man mich bzw. ich musste jeden Morgen ins Dojo oder auf Sesshin. Oft leitete ich sieben Zazen Termine die Woche, ging auf Sesshins, suchte europaweit Zenlehrer auf. Ich schuf einen Rahmen, in dem ich viel praktizieren konnte. Auf der anderen Seite schwächte das Alles meine Praxis, da zu viele Phänomene, Aktivitäten, Intrigen und Probleme ständig zu lösen waren und ich während des Zazen oft abgelenkt war .

Wenn du wissen willst, wie solche spirituellen oder sozialen Systeme funktionieren, empfehle ich das Buch „Gierige Institutionen“ von Lewis A. Coser – ein soziologisches Standardwerk. Ungemein interessant und leicht verständlich. Danach weißt du, wie es läuft;-) leider erst danach. oder es gibt den Film “Guru” über Bhagwan Sangha, sehr interessant…

Deswegen, seit alters her, haben sich die alten Patriarchen in die Berge zurückgezogen, um ungestört zu praktizieren, teilweise auch aus Angst vor Anschlägen. Auch Dogen Zenji zog sich deswegen in die Berge zurück, aber auch um unabhängig und frei und dem Dharma treu zu bleiben. Immer wieder betont er in seinen Schriften, wie wichtig es ist, eher arm als reich zu sein, nicht nach Anerkennung oder Macht zu streben. Wie Kodo Sawaki sagt: „Gewinn ist Illusion und Verlieren Erleuchtung.“ Das Grundprinzip des Soto Zen im Sinne Dogens war und ist: “Halte dich von Profit und Anerkennung fern.”

Dogen Zenji gründete mehrere Tempel, um Shikantaza den wenigen Getreuen zu lehren. Mehr als 7-8 Schüler hatte er nach Okumura Roshi auch nicht. Als ich Sanko-ji konzipierte, dachte ich, ein Ort für 12 Personen wäre ideal für die Praxis, wie die 12 Apostel;-). Ich ließ aus Altholz einen Tisch bauen für 12 Personen. Naja einer verriet Jesus, einer leugnete ihn…vielleicht besser unter 10 Personen:-). Ich denke immer noch, dass eine kleine Gruppe, die zusammen den Weg praktiziert, die beste Lösung ist. Aber es kommen kaum noch Menschen, um mit mir zu praktizieren. Einzig an Sesshins sind wir drei-fünf Personen.

Die Geschichte des Soto Zen zeigt, dass es nach Dogens Tod zu Konflikten und Spaltungen unter den wenigen Schülern kam. Jeder hatte wohl trotz allem sehr eigene Vorstellungen und Erfahrungen durch Zazen gemacht und lebte in einer eigenen Welt.

Die eigentliche Frage muss also sein, warum willst du in die Berge und alleine praktizieren?! Okumura Roshi sagt immer: „You must always face the question!“ Ehrlich hinschauen, sich nicht selbst verarschen, das ist mir doch einige Male passiert;-)

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Ryokan ging in die Berge, weil er sich in den damaligen Klöstern und in deren Praxis nicht wiederfand. In seinen Gedichten kritisierte er die Praxis in den Klöstern, die auf weltliche Dinge ausgerichtet waren. Er fühlte, er würde dort das Dharma verraten, er war als bescheidene, ehrliche Person, nicht kompatibel mit dem Klosterleben seiner Zeit. Stattdessen führte er lieber ein Leben in absoluter Armut und war v.a. für die Kinder ein großer Bodhisattva.

Auch mir sind die mir bekannten Soto Zen Tempel in Europa ein Greuel. Auch ich bin mit dem Klosterleben nicht kompatibel. Vielleicht ist eine übertriebene Vorstellung vom richtigen Dharma der Grund von Ryokan gewesen und vielleicht auch bei mir. Okumura Roshi betont immer wieder es gibt keine gute und schlechte Zenpraxis! Er findet es aber auch wichtig, dass einige den Weg Dogens gehen, damit er nicht ausstirbt.

Im Soto-Zen, wenn Keizan das Zen nicht für Laien und breite Bevölkerungsschichten geöffnet hätte, Zeremonien und Rituale für das Volk, wäre das Soto-Zen wahrscheinlich schnell ausgestorben. Denn Dogens Zen ist sowas von elitär und ausschließend und nur für wenige gemacht, dass es mich oft inspiriert und ankotzt zugleich. Wie du weißt, führt das wie in Kotai-ji dazu, dass Zazen nicht im Vordergrund steht, sondern die Tempelgemeinde mit ihren Ritualen und Zeremonien. Immerhin supportet die Gemeinde den Tempel und die Mönche und Nonnen. Wer kann schon so praktizieren wie Dogen?

Erinnern wir uns auch an Buddhas Koan nach seiner Erweckung – „Keiner kann das, was ich erfuhr, verstehen, deswegen bringt es nichts, dass Dharma zu lehren!“ Doch die Götter überzeugten ihn aus Mitgefühl, es trotzdem zu tun. Und Buddha brachte das Dharma Rad ins Rollen. Es gibt ein tolles Buch von Katagiri Roshi– „You have to say something!“-was sich mit diesem Thema beschäftigt. Es kann keiner das Dharma verstehen, du selbst kannst es auch nicht in Worte fassen, aber du musst es trotzdem lehren, wenn du ein echter Bodhisattva sein willst.

Es gibt wenige wie dich, die so überzeugt sind, dass Zazen der Schlüssel zu mehr Zufriedenheit in der Welt ist und alles dafür geben, auf Macht, Anerkennung und Geld zu verzichten.

Auf der anderen Seite kann man komisch werden, wenn man zu viel alleine ist – ich zum Beispiel;-). Der Kontakt und das Auseinandersetzen mit anderen sind ein wichtiges Korrektiv, dass die eigene Praxis nicht egoistisch oder seltsam wird. Es gibt Vorwürfe von anderen Zenmönchen, die ich gehört habe, die sagen, wenn man zuviel Shikantaza macht, wird der Geist dumpf. Man sagt, man sollte nicht zuviel in Ku bleiben, immer wieder zu shiki zurückkehren. Nach meiner Erfahrung geschieht das automatisch. Es gibt in der Welt von Shikantaza keine fixen Zustände, auch wenn wir uns das oft wünschen. Alles geht vorbei, die unangenehmen, wie die Angenehmen. Leute die das sagen, haben wahrscheinlich keine intensive und kontinuierliche Zazenpraxis.

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Okumura Roshi hatte in der Zeit, als er in einer Krise ein paar Jahre alleine praktizierte, das Studium von Dogen Texten in seine Praxis eingeführt. Es half ihm, auf Kurs zu bleiben. Weitere wichtige Pfeiler der Zen Praxis nach Dogen Zenji sind die Bodhisattva Gelübde, Okumura fördert die Formulierung eines eigenen Hotsuganmon (Gelübde) und die Reue, wenn ich Fehler mache. Außerdem, damit die Praxis nicht kalt und apersonal wird, legt er sehr Wert auf Sanshin, die drei Geistesarten, den freudigen Geist, den elterlichen Geist und den großen, unbegrenzten Geist oder Großeltern Geist. Der Unterschied zur Praxis in Antai-ji, der ja auch im weitesten Sinne zu unserer Linie gehört und wo ich 2009 war, liegt genau hierin. Auch dort sitzen sie viel, aber in Antai-ji war der Umgangston rau und rechthaberisch, viele junge, westliche Männer, die wussten wie es geht oder wie sie sich Zenpraxis vorstellen, dominierten mit ihrer Kraft die Stillen und Neuen und v.a. die Frauen. Sie schrien herum, legitimiert mit dem Recht, dass sie ein paar Tage länger dort waren als andere. Mitgefühl, Selbstreflexion, Reue und die drei Geiste fehlten. Nach drei Tagen war ich wieder weg, nach dem Tod meines Meisters und den Machtkämpfen suchte ich die Abgeschiedenheit und wahre Praxis in Antai-ji und kam vom Regen in die Traufe, alles schlimmer als in Europa und der Abt Muho war überfordert damit. Wir können froh sein, dass unsere Heimat Sanshin-ji ist und Okumura Roshi unser Lehrer. Er verkörpert das, was er lehrt, wie kein Zweiter, den ich kenne, und ich habe sehr lange nach einem neuen Lehrer gesucht.

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Wenn jemand nur in der Gruppe praktizieren kann, dann hat er nach Kodo Sawaki nicht wirklich eine erwachsene Praxis sondern praktiziert wegen der anderen. Er steckt im Gruppenwahn fest und kommt aus anderen Gründen zum Sesshin, wegen hübschen Frauen, Gesellschaft, gutes Essen, großer Lehrer … Kodo Sawaki sagt, aber auch viele Holzstücke geben ein größeres Feuer. An diesem letzten Satz habe ich ein bisschen Zweifel. Während eines Sesshins oder nach einem Sesshin stellt sich ein euphorisches Gefühl ein, von Gemeinschaft und dem Gefühl, etwas Großes und richtiges zu tun. Für mich gehört das zum Phänomen „Gruppenwahn“, wenn man mit dieser Energie zurück nach Hause kommt, kann man einiges nicht so Gutes in seiner Familie oder an seinem Arbeitsplatz anrichten. Das habe ich oft bei anderen und mir erlebt. Denn man handelt aus dem Gefühl der Überlegenheit heraus und nicht auf Augenhöhe. Ich denke nicht, dass viele Hölzer ein größeres Feuer geben, aber es ist gut, wenn viele Menschen während des Zazen zu Buddha werden. Denn es gilt „eine Minute Zazen, eine Minute Buddha!“. Deswegen ist es nur logisch, dass die Sesshins unserer Linie, die auf Kodo Sawaki zurückgeht, sich ausschließlich auf die Praxis von Shikantaza konzentriert. Wenn das angenehme soziale Ambiente die Menschen dazu bringt Zazen zu praktizieren, dann ist das gut. Viele Lehrer setzen darauf und tue alles dafür, um Menschen zu fischen. Reb Tenzin Anderson Roshi befragte ich offen dazu und er sagte offen, dass es sein Bodhisattvapflicht als Zenlehrer sei, die Menschen mit allen Mitteln zu fischen, um sie auf den Weg zu bringen und zu halten. Er tat alles dafür, dass die Menschen sich wohlfühlen auf den Sesshins, von ihm gesehen und wertgeschätzt wurden und war sehr erfolgreich damit. Und ich muss betonen, ich halte Anderson Roshi für einen der wichtigen Zenlehrer unserer Zeit. Andere Lehrer, hier nenne ich lieber keine Namen ….fischen ihre Schüler für Geld, Anerkennung und Macht. Es kommt zu Missbrauch, da gibt es viele Beispiele, auch unter dem Deckmantel des Zen….HashtagGURU…

Solche Ansätze sind ganz andere als Okumura Roshis. Er fischt null, er wundert sich sogar, dass einer ihn als Lehrer möchte. In unserer Sangha verzichten wir auf das Fischen von Menschen, wir setzen auf erwachsene Praxis. Wie es in den Büchern von Sawaki, Uchiyama und Okumura Roshi

mannigfaltig beschrieben ist, braucht es nur die intensive Praxis von Shikantaza. Wenn wir im Rohatsu im Zazen sitzen braucht es nichts anderes, denn die Zazenhaltung, die Stille, das Schweigen, die mangelnde Ablenkung tuen es von ganz allein oder anders ausgedrückt. Das Dharma übernimmt oder das Selbst selbstet das Selbst. Wir gehen durch alle physischen und psychischen Zustände, werden müde, haben Schmerzen, Unruhe, Langeweile. Alles nur Zustände unseres Geistes die sich manifestieren und wieder vergehen Wenn wir voller Vertrauen sitzen, geht alles vorbei. Nichts bleibt, auch die Erleuchtung nicht;-). Der Schmutz im Wasserglas setzt sich oder „Eko hensho“, wie es auf unseren Rakusus steht, die wir in Kotai-ji nähten und von Hokan Saito Roshi kalligrafiert wurden und überreicht bekamen.

„Wir zünden das Licht im Inneren an und beginnen von selbst zu leuchten.” Dabei ist es unerheblich, ob wir es bemerken oder nicht. Denn es ist immer beides und darüber hinaus, die gewöhnliche Welt, die wir sind und die Welt des Buddha, die wir sind. Praktizieren wir alleine oder ist der Rahmen so, dass wir maximal ungestört sitzen können, können wir das erfahren. In meinem Zendo hängt übrigens eine Kalligrafie von Taisen Deshimaru mit dem Titel“Der gewöhnliche Geist ist der Weg“

Die Sangha gehört zu den drei Schätzen und wir sollten die Sangha als einen Schatz sehen und zum großen Schatz machen, aber nicht zu jedem Preis. Doch auf der anderen Seite kann die Praxis zusammen, wie Milch und Honig zu werden, eine ganz wichtige Sache sein. Dogens Eihei Shinghi handelt wie du weisst ausschließlich davon. In Kotai-ji habe ich viel gelernt darüber und gestaunt ob dieser Kraft! Nach vier Monaten hatte ich wirklich oft das Gefühl „wir viele“ sind nur noch „wir eins“. Ich vermisse dieses Gefühl sehr.

Hier in Sanko-ji, ich hänge dir den Zeitplan des Rohatsu an, praktizieren wir im Sanshin-ji Stil. Okumura Roshi hat den Zeitplan von Uchiyama Roshi übernommen und der von Sawaki Roshi. Ich habe ihn mit Zustimmung von Okumura an die Bedingungen in Sanko-ji angepasst. Was ist anders? Da wir nur wenige sind, verzichten wir auf einen Tenzo. Wir kochen vor, drei verschiedene Gerichte. Morgens Reis und Gemüse, Mittags Porridge und abends Kürbissuppe.