Achtung – Praxis kann zum Wahn werden….
Ich liebe diese körperliche Arbeit draußen, ich liebe es, im Winter am heißen Ofen zu sitzen! Brennholz ist ein ökologischer Brennstoff, man kann es gut anfassen, es ist schwer und es ist etwas Fundamentales, denn jeder Mensch hat das Grundbedürfnis, warm zu haben und etwas zu kochen. Jeder Mensch benötigt also ein gewisses Maß an Energie und die Natur gibt das gerne, der Wald schenkt es her, das Wasser, die Sonne, der Wind, … wäre da nicht wieder der Mensch, der meint, mehr zu brauchen und für schlechte Zeiten vorzusorgen.
Einen wie ich – mich treibt das ganze Jahr die Gier um, wie komme ich an Brennholz, wo finde ich es, wo ist ein Baum umgestürzt, ein Ast abgebrochen. Dabei überschreite ich durchaus auch die Grenzen des Legalen, da ist ein Baum z.T auf ein anderes Grundstück gefallen und ich nehme ihn ganz oder der armdicke Ast, den ich gesetzlich erlaubt sammeln darf, hat die Armdicke eines Bodybuilders. Jeder kennt diese Form der moralischen Anpassung und sie ist nicht das Grundproblem. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es ist sogar eine wichtige Fähigkeit, die jedes Kind lernen sollte. Die heilige Pflicht zu Lügen, nennt es der Schriftsteller A. Muschg. Denn im wirklich Heiligen ist die Inkonsequenz enthalten. Wir sollten nicht nach starren Regeln handeln, wie auch das alltägliche Zenleben im Kloster zeigt. Alles ist streng geregelt und im nächsten Moment wird alles anders (.-)
Nun hatte ich damals in Sanko-ji die Aufgabe, für große Mengen Brennholz zu sorgen, brauchten wir doch 10-20 Ster Holz pro Jahr.( 1 Ster ist ein Raummeter und ist das Maß für ein Tagwerk, die Menge, die eine Arbeitskraft am Tag schaffen kann). Unser Wald gab zu wenig her, also waren sogenannte Schlagräume die Lösung, die man für wenig Geld ersteigern konnte. Kurz gesagt, man nimmt das, was die Forstunternehmen im Wald liegen lassen. So ersteigerte ich erstmal 1-2 Schlagräume, dann kam plötzlich das Angebot von unglaublich günstigen Schlagräumen in der Nähe und ich schlug zu und kaufte sie sehr günstig, dies geschah wieder und wieder. Holzmengen ungeahnten Ausmaßes mussten nun plötzlich von Hand aus dem Wald gezogen werden, gesägt, aufgeladen, transportiert, abgeladen, gespalten, kleingesägt, gestapelt, etc…
Da aber Buchenholz, das beste der Brennhölzer, nicht lange liegen darf, weil es sonst stockt, verpilzt, war zudem noch Eile geboten. Man schlägt das Holz im Herbst/Winter und wenn es warm wird kommen die Pilze, da sollte das Holz also in Sicherheit sein. So hieß es über Jahre, jede Minute Freizeit in den Wald zu gehen und zu raffen und zu retten, was möglich war.
Dies hatte Auswirkungen auf meinen Körper, er litt und tat oft nur noch weh, einschließlich irreparabler Schäden, und die Zazenpraxis litt auch. Jeder, der auf dem Land lebt, Land und Wald hat und bewirtschaftet, kennt diese Zeiten der Überarbeitung. Manchmal ist es nötig, doch was ist normales Mass? Aus der Praxis des Holzsamu war ich auf dem Weg des unsinnigen Holzraffens gelandet.
Diese harte Arbeit hatte natürlich auch Vorteile, denn ich konnte abends viel Essen, was ich sehr gerne tue und hatte so das Recht nach Feierabend auf „Foodkoma“, einen Begriff den mir meine Dharmaschwester Kido aus USA beibrachte, das wohlige Gefühl mit vollem Bauch auf einem Sofa zu liegen und nichts mehr machen zu können und müssen. Das liebte ich, und ich kannte es aus meiner Zeit als Leistungssportler.
Außerdem war die Arbeit draußen im Wald für mich etwas Wunderbares, denn es gab einen Grund im Wald zu sein, ich durfte Feuer zu machen, grillieren, mich ausbelasten und die Technik des Holz Machens von Hand zu perfektionieren, ohne sich zu verletzen. Den Weg des Holzes gehen ist und war eine grosse Freude:
- das Sägen, so Sägen, ohne dass sich die Kettensäge verkeilt, gleichmäßige Stücke sägen, ökonomische Sägen, ohne sich in Gefahr zu bringen, eingeklemmt zu werden.
- Spalten mit dem Spalthammer, mit wenigen Schlägen, am besten nur mit einem. ein Rundholz spalten, dafür muss man das Holz lesen lernen: Wo genau hinschlagen?! Außerdem den Hammer technisch geschickt und mit wenig Kraft schwingen.
- Stämme rücken und Holz aufbiegen, ohne viel Kraftaufwand und mit guter Technik
Für mich ist das Brennholzmachen ein wirklicher Weg, der wohl hauptsächlich Männern vorbehalten ist. Doch bloße Stärke ist nicht das Kriterium. Ab und zu boten sich mir junge, starke Männer als Hilfe an. Gerade das Spalten großer Rundhölzer ist von Hand die größte Kunst. Ohne zu fragen, wie man es macht, schlugen sie oft auf das Holz ein und es geschah – richtig nichts. Nur wenige kamen auf die Idee, dass sie etwas falsch machten und fragten nach. Wenn ich merkte, dass die anderen müde wurden oder frustriert waren, frug ich sie, ob ich Ihnen einen Tipp geben solle. Oft willigen sie ein und einige wenige fanden Freude daran und begannen die Faszination zu verstehen und begaben sich auf den Weg. Meist aber hörten sie frustriert und erschöpft nach 1-2 Stunden auf und kamen nie wieder.
Man wird, wenn man das Brennholz selbst erwerbt, sehr dankbar für das, was die Natur gibt und es war ein wunderbarer Ausgleich zu dem stressigen Job der Begleitung von Systemsprengern, der einen psychisch an die Grenzen bringt.
Zu Beginn saß ich abends noch lange am Feuer, bereitete mir ein Essen darauf vor und genoss nur noch die Natur und war dankbar für mein Tagwerk. Doch irgendwann hatte ich keine Zeit mehr dafür, ich war im Wahn angekommen. Eines Tages hatte ich zusätzlich noch 40 Festmeter Eschenholz im Wald sehr günstig gekauft, was mindestens 80 Stere bedeutet.
Erst da wachte ich langsam aus meiner Gier auf und begann einmal zu zählen, wieviel Holz ich überhaupt schon hatte. Ich kam auf über 300 Ster Brennholz, die ich auf Vorrat angelegt hatte! Ohne die zukünftigen 80 Ster Esche! Eine unglaubliche Menge, die keinen Sinn macht.
Das Gute war, der Holzpreis war gerade sehr hoch und ich konnte das meiste Holz gut verkaufen. Doch wer von Hand Holz macht, weiss dass er nie den Gegenwert zu seiner Arbeit bekommt. 1 Ster – ein Tagwerk – 100€:-) Es gehört viel Leidenschaft und Freude dazu, dann wir das Holz machen zum Weg.
Bei mir wurde es zu meiner Variante, die Gier zu leben, gespeist aus der Angst, eine gute Gelegenheit auszulassen, bloß nicht frieren zu müssen, vorzusorgen. Die Gründe sind mannigfaltig und oft wird aus guten Gründen, Praxis und Freude etwas Gieriges und Ungutes. Unbewusst war ich da als Zenmönch hinein geschlittert.
Jeder hat so etwas ähnliches schon mal erlebt: beim Spielen, beim Sparen für die Rente, oder eines Hauses, etc. Einem Tier kann das nicht passieren, nur dem Mensch mit dem Denkorgan geschieht es. Warum das so ist und wie es funktioniert, erforschen gerade Psychologen und Hirnforscher.
Der Buddha empfiehlt – wenig Wünsche haben:-), macht Sinn oder?