In den nächsten Wochen werde ich das Shobogenzo Kapitel Haichi Dainin Gaku aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen und in den Kontext des Lebens im 21 Jhdt.setzen. Ich benutzte dazu die neue, wundervoll editierte 10 bändige Shobogenzo-Ausgabe der Soto Shu, die 2023 massgeblich unter der Leitung von Shohaku Okumura Roshi ins Englische übersetzt und neu zusammengestellt wurde. Diesen Monat fange ich mit der Erläuterung der Eröffnungs-Bemerkungen Meister Dogens an. Ich stütze meine Erläuterungen auf das, was ich von den Lehrern meiner Linie gehört und gelesen habe, allen voran: Shohaku Okumura, Kosho Uchiyama und Kodo Sawaki. Ich bin kein Japanologe oder Gelehrter, deshalb macht es für mich keinen Sinn, die Kanji oder Ausdrücke, die Dogen verwandte, neu zu erklären oder interpretieren. Jeder kann diesen Text einzig aus seiner Praxis heraus verstehen und in Beziehung zu seinem karmischen Leben, das er gelebt hat, setzen. So gelingt es mir hoffentlich, das Dharma ein bisschen tiefer und auf jeden Fall etwas anders auszudrücken als jemals zuvor. Dies ist keine leichte Aufgabe, trotzdem ist es das, was jeder Lehrer des Zen verpflichtet ist zu tun. Ganz im Sinne von Meister Katagiris “ Du musst was sagen!”, ist jeder Dharmalehrer verpflichtet sein Bestes zu tun, das Dharma für den Interessierten zu erhellen.
Warum ist es keine leichte Aufgabe, das Dharma zu kommentieren und damit an die Öffentlichkeit zu gehen? Meiner Meinung nach sind die meisten Menschen heute nicht sehr clever, sie lassen sich von dem täuschen, was gerade hip ist und was gerade die vermeintlich Erfolgreichen, die Influencer oder Promis von sich geben. Kein Wunder, redet alle Welt von Fake-News und fällt auch noch darauf herein. Die “Cleveren” schreiben, wenn man diesen Begriff auf ihre smarte Art reduziert, Ruhm und Geld zu häufen, also das, was clicks generiert. Dieses wird dann wiederum von der verdummten Mehrheit mit einem “Gefällt mir” kommentiert. Interessanterweise haben sie gar nichts davon, wenn sie es, ohne ihr Hirn einzuschalten, “liken”. Der andere, der Influencer, verdient mit seinem täglichen Gelaber und Gehabe viel Geld, weil die Follower vollkommen blind (verblendet) ein großes Aufheben darum machen. Falls du dich angesprochen fühlst: Du verlierst dabei völlig aus den Augen, dass du dein eigenes Leben leben solltest. Die einzige Person, die dein Leben leben kann, bist nämlich du. Das ist für alle gleich. Die gesamte Menschheit aller Zeiten, insbesondere der Gegenwart und Zukunft, wohnt in dir. So drückt es die Lehre des Buddhas aus. Repräsentative Umfragen berichten dagegen unisono, dass viele Menschen “etwas” suchen und wissen doch nicht recht, wonach sie suchen. Sie berichten von innerem Unbehagen und Unruhe. Etwas fehlt anscheinend und wir alle brauchen Hilfe! Die Zeiten der Entscheidung sind offensichtlich angebrochen. Unser Umgang mit der Natur, mit anderen Menschen und damit auch mit uns selbst ist aus dem Ruder gelaufen. der Psychotherapeut A. Batthyany beschreibt das als: “Da ist eine Sinnlosigkeit, eine Entfremdung, eine Orientierungslosigkeit und der Eindruck in einem nicht enden wollenden Wettlauf gefangen zu sein, aus dem es kein Entrinnen – und bei dem es seltsamerweise zugleich auch kein eigentliches Ziel – zu geben scheint. Immer mehr Menschen klagen daher auch, dass unsere moderne Konsumgesellschaft zu einem recht harschen Umgang miteinander, mit uns selbst und mit der Natur geführt hat.” Wir haben uns eine Kultur geschaffen, in der schon im Kindergarten der Idealismus und die Freude am “sinnlosen” Spiel und Tun viel zu häufig den ökonomischen Grundprinzipien nachgibt. Die Folge: Mitten in unserem extraorbitanten Überfluss verkümmern wir, der Mangel an Sinn, an innerer Erfüllung, an echter Gemeinschaft, an Geborgenheit in sich selbst fehlt. Daraus resultieren bei feinfühligen Menschen Ängstlichkeit, Nervosität, Erschöpfung und vieles mehr. So langsam begreifen einige Menschen, dass langsam eine Zeit des inneren Wandels und Wiederaufbau beginnt. Denn die Krise offenbart uns blinde Flecken auf unserer Landkarte, unerfüllte Sehnsüchte nach einem geistig erfüllten Dasein werden wieder wach, so A. Batthyany. Und er fährt fort zu erläutern, dass uns Ressourcen sichtbar werden, die uns durch herausfordernde Zeiten tragen können, wie etwa die schützende Kraft des Miteinanders, das Heilsame einer ausgewogenen Balance, zw. Arbeit, Familie und Freizeit, das Stärkende, was daraus erwächst, uns aus unserem Trott zu befreien, die reifende Bereitschaft, Verantwortung anzunehmen, die wir für uns und andere haben. Die Krise wird zur Chance inneren Wachstums, doch der Wunsch nach Wandel reicht nicht aus. Wir brauchen Werkzeuge des inneren und äusseren Wandels, die uns helfen, innerlich zu wachsen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu verwirklichen. Unzählige Tools werden heutzutage auf dem Markt des “ persönlichen Change-Mangements” angeboten, viele davon werden von weisen Menschen überprüft, viele aber auch nur erfunden, um Geld auf diesem Markt des Wunsches nach Veränderung zu verdienen. Diese Scharlatane nutzen auch dies aus, um sich zu bereichern, sie kriegen den Hals nicht voll. Es ist also Vorsicht geboten und hier könnte es nützlich sein, sich auf einen uralten, verifizierten Buddhaweg zu begeben. Doch dieser braucht sehr viel Mut und ist manchmal sehr seltsam für einen modernen “homo oeconomicus”.
Zwar beschreibt Kodo Sawaki Roshi, das von Dogen erläuterte Zazen als yusui – sehr tiefgreifend, subtil und tiefgründig. Aber was ist denn genau an Zazen so subtil oder tiefgreifend und tiefgründig? Warum ist es so wichtig für die Gesellschaft, dass jeder sein eigenes Leben in Verbindung mit allen Wesen lebt? Das kann ich nur sehr schlecht in Worte fassen. Wie soll ich dies jungen Praktizierenden gut erklären, damit sie verstehen, wie wichtig für sie und diese Menschenwelt die Zazenpraxis ist? Wie kann man ohne Talent und ohne Ruhm- und Geld-Sucht ein Influencer werden, der wirklich den verblendeten Menschen etwas Tieferes und Hilfreiches wie Zazen vermittelt? Soll ich mit Hilfe der sozialen Medien mit all ihren Gadgets das Dharma verkünden? Beispielsweise mit Hilfe von kurzen Tiktok Videos die junge Zuhörerschaft ansprechen? Erreiche ich dann diejenigen, die dumm und wie in Trance stundenlang Infos und Bilder mit dämlichen Botschaften konsumieren, ohne je ins nachdenken zu kommen, wirklich? Kann man die überhaupt erreichen, ins Nachdenken über die doch so wichtige Frage: Was ist denn mein Leben? bringen, oder ist das einfach “Perlen vor die Säue werfen”? Auf der anderen Seite, wenn ich mich mit viel Aufwand und Einsatz in sozialen Netzwerken für das Buddhadharma engagiere, laufe ich dann nicht Gefahr, bekannt zu werden, Kommentare beantworten zu müssen, aufgefordert zu werden, mehr zu produzieren, mit “Gefällt mir” hundertfach bombardiert zu werden? Hält es mich dann nicht davon ab, tiefgründig über das Dharma nachzudenken, oder gar weniger Zazen zu praktizieren? Verfalle ich nicht sogar dem Ruhm? Vor genau so etwas warnen die alten Patriarchen und warnt auch Buddha Shakyamuni in seinem letzten Vermächtnis, dem “Hachi Dainin gaku”. Und auf der anderen Seite werden zunehmend Menschen echte und weise Hilfestellungen benötigen.
Warum sollte man das “Hachi dainin gaku” als eines der wichtigsten Texte des Shobogenzo lesen und studieren? Am Ende des Originaltextes des Hachi Dainin gakus gibt es einen Kommentar von Dogens Schüler Ejo, der lautet: „Dies waren unseres großen Lehrers Shakyamuni Buddhas letzte Lehren sowie das letzte Vermächtnis meines Lehrers Dogens“. Am Anfang dieses Epilogs schrieb Dogen an dem Abend, als er selbst ins Nirvana eintrat: “Dies war die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers Shakyamuni Buddha.” Es war Dogens letzte Unterweisung. In der Regel formuliert man im Angesicht des Todes etwas sehr Wichtiges und nicht belangloses, oder? Eröffnungsbemerkungen All die verschiedenen Buddhas sind außergewöhnliche Menschen. Es gibt acht Realisierungen oder Qualitäten, deren sich diese außergewöhnlichen Menschen gewahr werden und deswegen werden sie als die acht Qualitäten eines großen Menschen bezeichnet. Sich dieser Dharmas bewusst zu werden, wird zur Ursache für (das Betreten von) Nirvana. Am Abend, als er ins Nirvana eintrat, war dies die letzte Lehre und das Testament unseres ersten Lehrers, Shakyamuni Buddha. Wenn wir nicht ständig tiefer in den Buddhadharma eintauchen, eine Schaufel nach der anderen, werden wir aus Brauch oder Gewohnheit nur noch dümmer oder seniler. Wie auch immer, das Ausgraben einer Schaufel ist keine leichte Aufgabe.