Hachi Dainin Gaku 5 – Shoyoku II
Hallo, bitte hierher schauen! Ist das nicht toll, wo ich in den Ferien bin? Meine Pizza sieht doch lecker aus, oder? Sehe ich nicht gut aus? Ich bin traurig, unterstützt mich doch! Ich bin doch so witzig, nicht !?
Die Sehnsucht, in Social Media jederzeit Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, „Likes“ zu generieren und Internet-Freundschaften weltweit zu pflegen, ist ein relativ neues Phänomen.
Viele gehen dabei so weit, wirklich alles und jedes zu veröffentlichen, und sich dabei in ihrem Wert über die vorhandene Zustimmung, Ablehnung und Aufmerksamkeit zu definieren.
Sie verfolgen den Wunsch, jederzeit und ständig Rückmeldungen von anderen zu bekommen, die sie meist persönlich nicht kennen. Bekommt man die Aufmerksamkeit von einem, der noch präsenter im Netz ist, als man selbst, fühlt man sich bestätigt und kommuniziert noch mehr.
Gleichzeitig kommentieren und bewerten viele Menschen alles, was andere posten. Diese Kommunikation scheint ohne Pause fortzufahren, ich stelle mir das ermüdend für bestimmte Hirnareale vor. Und ich frage mich, ob das letzthin zu dem Ziel führt, was diese Personen eigentlich ersehnen – Selbstwert.
Im Zen lernen wir, dass wir mit einem anderen Wesen nichts teilen können. Niemand ist in der Lage, so zu denken und zu fühlen wie du selbst. Sawakis Roshis berühmter Spruch: „Ich kann nicht mal einen Furz teilen!“, kommt mir da spontan in den Sinn.
Nur ich selber kann mich „selbsten“, d.h. mich selber selbst so kennen lernen, verstehen und annehmen, wie ich wirklich bin. So wie ich als grosses Glück und einzigartiges Ereignis vom Dharma und Universum kreiert in die Welt geboren wurde, um das zu verwirklichen, was mich selbst ausmacht. Es war der grosse Wunsch des Universums, dass ich geboren wurde, gemeinsam mit allen Lebewesen. Denn dies ist die andere Wahrheit des Zen: „Ich bin immer mit allen Lebewesen verbunden und nie getrennt.“
Es gibt allerdings Menschen, die dich besser verstehen können als andere. Das sind Freundinnen und Freunde. Die Anzahl spielt dabei keine Rolle, wenn dich nur eine einzige Person auf der Welt gut kennt und versteht, ist das ein grosses Geschenk. Das bedeutet „wenig Wünsche haben.“
Solche guten Freunde sind sehr viel Wert und brauchen Zeit und Pflege.
Wie können wir gute Freunde finden? Der „Kleine Prinz“ in St. Exuperys gleichnamigen Roman, sucht bei seiner „Weltreise“ genau auf diese Frage eine Antwort:
»Ich suche Freunde. Was bedeutet ›zähmen‹?«
»Das wird oft ganz vernachlässigt«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet ›sich vertraut miteinander machen‹.«
»Vertraut machen?«
»Natürlich«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hunderttausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt …«
Es ist eine Verblendung, wenn wir annehmen, dass zu einer grossen Menge Menschen per Internet eine Beziehung aufbauen, besser ist, als eine einzige gute Freundschaft zu pflegen.
Wir sollten uns auch nicht öffentlich entblößen. Es ist unklug und wahrscheinlich eher schädlich, fremden Menschen alles von sich preiszugeben. Selbst bei sehr guten FreundInnen macht eben die Qualität einer Freundschaft aus, wenn ich nicht alles von mir preisgebe. Ihnen gewisse Sachen nicht aufzuerlegen und sie damit zu belasten.
Ein Freund ist auch nur ein begrenztes menschliches Wesen, so wie wir selbst. Er hat eigene Meinungen und vertritt seine eigenen Lebenskonzepte. Durch diese im Leben erworbenen und bewährten Meinungen und Konzepte sehen wir die Welt. Im Zen reden wir von der bunten Brille, die jeder von uns trägt und jeder, wenn er durch seine eigene schöne, bunte Brille schaut, so die Welt anders wahrnimmt, betrachtet und handelt.
Wir sollten also behutsam vorgehen. Beispielsweise, wenn wir eine politische Meinung vertreten, sollten wir vorher behutsam prüfen, wie der andere denkt.
Wahre Freundschaft geht über Meinungen hinaus. Der Mensch ist an sich kein schlechter, auch wenn er Anderes denkt.
Er kann ein sehr guter Freund sein und macht Sachen, die wir nicht nachvollziehen können. so wie abends nach der Arbeit:
- mit dem Motorrad herumcruisen
- 20km joggen
- im Fernsehen Realtiy soaps schauen
- seine ganze Wohnung jeden Tag putzen
- in der Kneipe an der Ecke ein Bier trinken
- puzzlen
Wir müssen Menschen nicht verstehen bzw. es ist unmöglich, andere zu verstehen.
Irgendwo habe ich mal gelesen: „Als Mann ist es unmöglich eine Frau zu verstehen und umgekehrt.“ Es kann gut sein, dass dies so ist, trifft aber wahrscheinlich auf jede Beziehung zu.
Dies ist auch die Bedeutung von „Wenig Wünsche haben.“
Viele Menschen reicht es trotzdem nicht, sie habe grosse Sehnsüchte und Begierden. Gerade Kinder wollen beispielsweise in der Schule von ganz vielen anderen anerkennt werden und habe grosse Erwartungen an ihre FreundInnen und Freunde.
Das ist auch ok so, so lernen sie ganz natürlich herauszufinden:
- Wie finde ich Freunde?
- Was ist eigentlich ein Freund?,
- Wie pflege ich Freundschaften.
Dabei dürfen Kinder Fehler machen und damit herumspielen:
Dazu gehört die Drohung: „Du bist nicht mehr mein Freund, wenn du das nicht machst! Bis zur Übermittlung der Feststellung eines Freundes:“ Du bist nicht mehr mein bester Freund!“
Für das Kind ist dies ein kleiner Weltuntergang und es geht vollkommen in diesem Schmerz auf. Tränen fliessen vor Trauer, Gegenstände fliegen vor Wut!
Nach ein paar Tagen hat das Kind oft einen neuen besten Freund und den Alten vergessen.
Mit der Zeit lernt der Heranwachsende gute Freunde zu finden und Freundschaften zu pflegen. Eine lebenslange, essentielle Übung.
Doch offensichtlich nicht für alle Menschen. Ihnen reicht das nicht, sie wollen mehr Freunde haben als andere und ihnen ist es sehr wichtig, viele Freundschaften zu pflegen.
Sie haben dort einen hohen Anspruch und das ist ok. Viele hohe Ansprüche zu kreieren und daran festzuhalten, kann aber zu grossen Enttäuschungen führen.
Es geht nicht darum, keine Ansprüche zu haben, sondern nicht zu viel zu erwarten, sich oder andere nicht zu überfordern.
Hohe Ansprüche zu haben, ist ein zweischneidiges Schwert. Wir haben hohe Ansprüche an uns, um daran zu wachsen und erfolgreich zu sein. Hohe Ansprüche an andere haben, impliziert im besten Fall, dass auch sie wachsen und erfolgreich sein können. Das ist gut so!
Oft genug haben andere, zum Beispiel mein Chef, aber nur hohe Ansprüche an uns, damit sie ihre oder die Ziele der Firma verwirklichen können. Dies kann ungut sein.
Wir müssen also gut abwägen, wie wir auf die Ansprüche von außen reagieren. Diese hohen Erwartungen können also zu viel für uns sein bzw. unsere hohen Erwartungen an andere können die andere Person überfordern.
Deshalb empfiehlt man im Zen besser, gar wenig von sich und anderen zu erwarten, sondern aus dem Hier und Jetzt zu handeln und zu schauen, was geht jetzt – heute!
Zu hohen Ansprüchen zu folgen, führt meist nur zu Enttäuschung und Misserfolg Gefühlen.
Man wirft sich selbst oder anderen vor, dies und jenes nicht erreicht zu haben. Dies führt zu nicht förderlichen Gefühlen, sondern zu Ärger und Enttäuschung. Versuchen wir den hohen Ansprüchen anderer zu genügen, kann dies ebenfalls zu Leistungsdruck und Stress führen; mit den damit verbundenen Auswirkungen, wie Unwohlsein und Leistungsverschlechterung.
Deswegen “weniger Wünsche an sich selbst haben“ bzw. weniger den Wünschen anderer zu entsprechen, kann hilfreich sein.
Leitsprüche wie:
- „Eins nach dem anderen“
- „Ich gebe einfach mein Bestes“
- oder auf Kölsch:“ Et es noch immer joot jejange“ ,
können da helfen, den Erwartungsdruck an die Wirklichkeit anzupassen.
Wenn die Dinge dann nicht so laufen, wie ich es erhofft hatte, kann ich das leichter akzeptieren. Die Enttäuschung ist nicht so hoch. Und ein Misserfolg heisst auch nicht, dass ich mein Ziel nicht erreichen kann. Manchmal muss man:
- „Einen „langen Atmen“ haben“
- „Verläuft der Weg nicht gerade, sondern auf Umwegen.“
- oder wie es im chinesischen Buch der Kriegskunst heisst: „Muss man eine Schlacht verlieren, um den Krieg zu gewinnen.“
Verläuft es hingegen besser als erwartet, können wir uns umso mehr freuen, da wir bestätigt bekommen, dass wir auf dem richtigen Weg im konstruktiven Prozess sind und fröhlich und voller Selbstvertrauen auf unserem Weg voranschreiten.
Manchmal ist „Weniger“ eben mehr!

