Archiv 15. August 2024

Zazensaison in Sanko-an

Bei der Saisonnierung von Zazenpraxis orientiere ich mich v.a. am Beispiel des Buddhas. Er initiierte das Ango, den Zeitpunkt an dem seine Sangha zum Praktizieren zusammenkam, während der indischen Regenzeit. In der anderen Zeit wanderte er und seine Schüler in beeindruckender Weise durch Nordindien umher. Auch in Japan findet das Sommerango während der Hitze und des Regens statt und das Winterango während der Kälte. Dazwischen wanderten die Zenmönche zu Dogens Zeiten umher, um das Zazen zu lehren oder Seelsorge zu betreiben.

Nun wandere ich leider nur wenig umher, um das Zazen zu lehren, sondern bin sehr mit Samu beschäftigt. Dass Samu heute in vielen Tempeln einen wichtigen Teil der Praxis ausmacht, liegt daran, dass sich im 8. Jhdt. das Gesicht des Zen in China wandelte. China war und ist sehr durch den Konfuzianismus geprägt. Konfuzius propagierte aber die Anstrengung des Einzelnen für das Wohl des Volkes und geißelte das Betteln und den Müssiggang. In dieser Zeit wurden sogar ganze Säuberungswellen (je nach Kaiser und Herrscher Clique) gegen den Buddhismus durchgeführt, denen Tausende von Nonnen und Mönchen zum Opfer wurden. Ihnen wurde Müssiggang, Nichtsnutzigkeit und Ausnutzen des Volkes vorgeworfen. Das wandlungsfähige Zen, in China „Chan“, entkam diesen, weil die Klöster rechtzeitig auf harte Arbeit als Praxis und Selbstversorgung setzten. So

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erlebte das Chan in China einen regelrechten Boom und wurde zur bestimmenden buddhistischen Richtung in China.

Ähnliches könnte man von Japan sagen, auch hier erleben Bettelmönche aus ähnlichen Gründen, habe ich selber erlebt, nicht immer Wohlwollen. Gleiches gilt auch für Europa, das Betteln ist sehr negativ konnotiert, die Arbeit dagegen als etwas sehr Positives. Einmal praktizierte ich übrigens mit dem Zen Mönch Christoph Martin auf ganz traditionelle Art Takuhatsu (Betteln) in der Basler Innenstadt, wir erlebten viel Positives und hatten wunderbare Begegnungen mit Menschen, aber wurden auch offen angefeindet und lächerlich gemacht. Das erbettelte Geld hätte gut für einen Tag Essen und Trinken gereicht. Nach drei Stunden waren wir sehr müde. Ein unvergessliches Erlebnis, das ich sicher wiederholen möchte.

Es war Meister Hyakujo, der auch im 8 Jhdt. die ersten Klosterregeln des Zen formulierte, der den Spruch prägte: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen.“ In neuerer Zeit wurde der Tempel Antai-ji, nach dem Wegzug aus Kyoto, als Zazen- und Samu-Tempel bekannt, aber auch Sanko-ji versucht sich daran. Es sollte an die alte Tradition der chinesischen Tempel anschließen. Ein autonomer Tempel bietet nämlich sehr viele Vorteile:

• Allen voran die Unabhängigkeit von Spendern, wir wissen aus allen Teilen der Gesellschaft wie verführerisch es ist, wenn eine Institution grosse Mengen Spendengelder erhält. Oft entfernen sich die Institutionen seht schnell von ihren Prinzipien, um Spendengelder zu generieren. Weitgehende Autonomie mindert diese Verführung und Falle gewaltig. Ich habe schon oft darüber geschrieben, wen dieses Thema interessiert, den kann ich nur einmal mehr Lewis A. Coser’s Klassiker „Gierige Institutionen“ empfehlen, er wird staunen, wie gerade religiöse Institutionen funktionieren.

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• Die Body-Mind Praxis ist bei körperlichen Arbeiten wesentlich einfacher herzustellen als bei geistigen Arbeiten. Seit alters her wird sich deshalb in den Tempel und Klöstern auf das Samu konzentriert. Putzen, Zeremonien üben, Küchenarbeiten, etc…sind neben dem Zazen die wichtigste Praxisform. Ein Tempel, der noch Gärten oder Wald hat, die er bewirtschaftet, bietet wesentlich mehr Übungsfelder der Körper und Geist Praxis als andere Tempel. Über die gesundheitlichen Vorteile von körperlicher Bewegung möchte ich jetzt gar nicht reden. Seit alters her empfehlen die Zenlehrer die 100% Konzentration auf das, was es gerade tun gibt. Das aus vollem Herzen den Gang kehren, zu 100% seine Schale waschen, werden in den Vordergrund der Zenpraxis gestellt, um die Schülerinnen davon abzuhalten, sich intellektuell in ihren Meinungen und Konzepten zu verstricken und zu verlieren. Joshus berühmter Dialog mit einem Schüler, zeigt dies exemplarisch auf:

Kannst du mir den Weg weisen?
Hast du schon gefrühstückt?
Ja!
Dann geh und wasche deine Schale ab!

• In der heutigen Gesellschaft ist es wichtig, ein Gegenmodell zur vorherrschenden Konsumgesellschaft zu leben, das ja, wie wir wissen, allzu oft zu Unzufriedenheit, Ausbeutung der Ressourcen und Ungerechtigkeit führt. Ein mit und von der Natur leben, sprich ein ganzheitliches Leben führt zwangsläufig dazu, dass wir Menschen mit viel weniger zufrieden sind. Statt „Macht euch die Erde untertan!“ steht Buddhas Prämisse “ Ich bin erwacht zusammen mit allen Lebewesen!“ Neben der eigenen Zufriedenheit, tun wir so mehr Gutes für andere Lebewesen, einfach dadurch, dass wir sie respektieren und mit ihnen zusammen leben wollen, anstatt sie zu nutzen und wenn sie unnütz sind, auszurotten. Die Praxis der Permakultur geht sogar noch weiter, indem ein Permakultursystem erschaffen wird, initiieren wir ein ganzheitliches System das sich selbstständig erhält, begünstigt und entwickelt. Die Pflanzen- und Tiervielfalt nimmt bei sich steigender Produktivität zu, wie wir in Sanko-ji erleben können.

Wie sollen v.a. junge Menschen sonst von einem ganzheitlichen Lebensstil überzeugt werden, wenn sie sehr selten die Möglichkeit haben, ihn auszuprobieren?

Kabat-Zinn der weltweit bekannte Entwickler des MBSR schreibt: „Deshalb brauchen wir jetzt eine planetarische Achtsamkeit, um unser eigenes Wohlergehen zu sichern und das aller zukünftigen Generationen. Achtsamkeit in Bezug auf unsere Beziehung zur Erde und ein kameradschaftlicher Umgang mit ihr, all ihren Bewohnern und ihren Geo- und Bio-Kreisläufen sind absolut notwendig für das künftige Wohlergehen des Planeten. Es ist ein

Moment, des“alle Mann an Deck auf dem Raumschiff Erde“ wie Buckminster Fuller zu sagen pflegte.“

In Tempeln alter Zentradition wie Antai-ji oder Sanko-ji sind wir Vorreiter dessen, doch bist du an Deck? Warum nehmen wir unser Einssein zu allen Lebewesen nicht ernst? Warum drücken wir uns vor unserer Verantwortung als Mensch? Jeder muss hier selbst in den Spiegel schauen.


Freude auf dem Weg

Freude auf dem Weg

Missen Meiho Bovay war ein begeisterter Radfahrer und wir machten an den Freitagen zwischen den Sommerangos im Tempel La Gendronniere gerne lange Rennradausfahrten. Wir hatten beide das Gefühl, dass nach einem Sesshin dieses Körper/Geist Erlebnis besonders intensiv war. Die Farben, die Gerüche, der Fahrtwind…alles intensiver und schöner. Er betonte sehr, dass dies auch ein wichtiger Aspekt und eine schöne Erfahrung der Praxis sei und er bedauerte vor seinem Tod sehr, dass er dem, wegen seiner vielen Verpflichtungen als Präsident der AZI und Zenlehrer, nicht öfter nachgehen konnte. Er riet mir als Schüler, dem mehr Raum zu geben. Dies versuche ich neuerdings, denn viel Raum für solch schöne Dinge blieb auch mir nicht in den letzten Jahren, neben Berufstätigkeit und Zenpraxis. Doch nun, wo ich es tue, genieße ich jede Minute dieses Geschenks und erhole mich langsam von den Strapazen der letzten Jahre.

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Selbst Meister Dogen schwärmte in Gedichten über intensive Naturerfahrungen außerhalb des Tempels, doch er ging gleichzeitig in diesen wunderschönen Gedichten teilweise hart mit sich ins Gericht und bereute, dass er immer noch auf solche nichtigen, sinnlichen Glückserfahrungen hereinfiel. Im Alter, er starb mit 52 Jahren, wurde er dann milder zu sich selbst. Ich bin mit 59 Jahren eher bei meinem Ordinationsmeister, ohne die wichtigen Aspekte der Praxis, Gyoji und die Leerheit der Geistererscheinungen anzuerkennen, im Gegenteil. Doch die Zeiten haben sich geändert, Dogen lebte Jahr ein Jahr aus inmitten der Natur in Abgeschiedenheit. Er bewegte sich ausschließlich, auch über lange Strecken, wandernd fort. Heute leben die meisten von uns in einer lärmigen Stadt, sind der digitalen Welt und den Medien ausgesetzt, bewegen sich oft

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zu wenig und brauchen die Heilung der Natur und durch Bewegung mehr als früher.

Im Grundsatz hat Meister Dogen natürlich vollständig recht, das Leben eines Zenmönches sollte sich auf die drei Schätze Buddha, Dharma und Sangha und auf die Verwirklichung der Wirklichkeit in jedem Moment an jedem Ort und natürlich dem „Gutes Tun“ konzentrieren. Aber die Freude und das Spielen auf dem Weg sind nicht unerhebliche Faktoren:-), auch lange auf dem Weg zu bleiben. Die meisten Zenpraktizierenden hören spätestens nach 10 Jahre auf, weitere nach 20 Jahren…, kaum jemand erreicht die von Uchiyama Roshi geforderten mindestens 30 Jahre Praxis. Neben denen, die nie in eine tiefe Praxis einsteigen, gibt es auch einige verbitterte, angefressene Nonnen und Mönche auf dem Weg, die vielleicht allzu sehr auf Askese setzen. Insbesondere in Kotai-ji habe ich nebenbei auch gelernt, dass ein Tag ohne Lachen ein vertaner Tag ist und trotz der Fülle der Pflichten und anstrengenden, langen Tagen, gab es viele Momente der ausgelassenen Freude und des Lachens. Mir bereiten deswegen Nonnen und Mönche egal welcher Religion Bedauern, die allzu aufopferungsvoll praktizieren und darauf zu warten scheinen, dass es jemand wertschätzt, was sie alles auf sich nehmen und leisten. Doch alle, die Zuflucht zu Buddha, Dharma, Sangha nehmen, sind auf dem Weg und sind Buddhas, dies sollte jeder Praktizierende tief verinnerlichen. Mögen alle Praktizierende die höchste Zuflucht nehmen.