Archiv 7. März 2020

Leerheit ohne Heiligkeit

Bodhidharma antwortete einmal auf die Frage: Was ist das wichtigste im Zen? Leerheit, ohne Heiligkeit!

Kodo Sawaki kommentierte dieses Prinzip mit: Es ist falsch, wenn es auch nur einen kleinen Partikel künstlich erschaffenen Dogmatismus in unserem Geist gibt. Es gibt grundsätzlich keinerlei willkürliche Sichtweisen. Ja, Leere ohne Heiligkeit, nicht nach Wahrheit suchen!

Insbesondere während eines Sesshin können wir lernen unsere persönlichen Sichtweisen anzuhalten.“ Sichtweise” heisst, wie wir die Dinge sehen und diese individuelle Art und Weise ist geprägt durch unseren vererbten und erworbenen karmischen Erfahrungsschatz. Wenn es uns aber gelingt unsere persönlichen Sichtweisen zu stoppen, dann sind die Dinge einfach nur noch wie sie sind.
Wenn wir die Dinge normalerweise anschauen, tut jeder von uns das auf eine andere Art und Weise. Doch das ist nicht richtig. Wenn wir sagen, ich suche nach der Wahrheit, ist die Wahrheit sehr unterschiedlich und basiert auf unseren Erfahrungen der Vergangenheit (Karma). Deswegen können wir auch nicht entscheiden, welche Sichtweise, welcher Person nun die Wahrheit sagt oder nicht. Also, sollten wir nicht nach der Wahrheit suchen, sondern stattdessen unsere persönliche Sichtweise anhalten. „Suchen” heisst in diesem Fall ein willkürliches, künstliches Dogma kreieren wollen, mithilfe unsere Gedanken und Erfahrungen eine Meinung bilden wollen. Das heutige Problem der Ideologie der Populisten beruht auf willkürlichen Dogmen, die sie in die Welt setzen. Deswegen sollten wir als Buddhisten öfter aufhören zu reden und diskutieren und uns stattdessen ruhig und still hinsetzen. Einfach sitzen ist letztlich das einzige was wir tun können. Das ist Sesshin! Und die einzige Möglichkeit die Welt zu ändern und unseren Gelübden gemäss, alle Wesen zu befreien.

 


Feld des Glücks bestellen

Hierzu ein kurzer Auszug aus dem Buch von Shohaku Okumura Roshis „Durch Gelübde leben“, Kap. 4. “Das Feld des Glücks bestellen: Der Kesa Vers“:

“Als Dogen Zenji (Begründer des Soto-Zen) nach China reiste und im Jahr 1223 im Tiantong-Kloster zu praktizieren begann, konnte er sehen wie die Mönche in der Mönchshalle ihr gefaltetes o-kesa (das ist die formelle Bezeichnung für das Kesa bzw. für das Mönchsgewand) ehrfurchtsvoll auf den Kopf legten und diese Verse jeden Tag nach dem Morgenzazen rezitierten. Er hatte von dieser Praxis im Agama-Sutra gelesen, aber es noch nie selbst gesehen. Als er das traditionelle Rezitieren dieses Verses erlebte und sah, wie die Mönche ihr o-kesa anlegten, war er tief beeindruckt. Er schrieb über diese Erfahrung im Kapitel Kesa Sudoku des Shobogenzo (Verdienste des Kesa): „Damals fühlte ich, dass ich nie zuvor etwas Würdevolles gesehen hatte. Mein Körper war voller Entzücken und Tränen der Freude fielen still herab und tränkten das Revers meiner Robe.“ Der junge Dogen gelobte, diese Praxis nach Japan zu bringen.”

Das Ergebnis ist, dass wir nun 800Jahre später jeden Morgen nach dem Zazen, das Kesa-Sutra rezitieren, wenn wir das Kesa anlegen.

Als ich 1995 infolge meiner Zufluchtnahme zum ersten Mal im Tempel „La Gendronniere“ praktizierte, erlebte ich Ähnliches, denn nach dem Morgenzazen begannen plötzlich 350 Nonnen/Mönche/Laien das Kesa Sutra dreimal in uralter Sprache zu rezitieren.

Dai sai geda puku (Wie grossartig das prachtvolle Gewand der Befreiung)

Muso fukuden e (Feld des Glücks weit jenseits von Leere und Form)

Hi bu nyorai Kyo (des Vollendeten Lehre tragend)

Kodo Shoshu jo (befreie ich, alle Wesen)

Diese tiefe, uralte, kräftige Gelöbnis ging tief in meinen Körper ein und verursachte mir, dem völlig Überraschten, eine Gänsehaut und einzelne Tränen flossen meine Wange hinunter. So ging es nicht nur mir, sondern in solcher Weise berichteten mir später viele Dharmafreunde von ihrem ersten Erlebnis des Rituals….

Am gleichen Tag entschied ich mich mit dem Nähen eines Rakusus zu beginnen, – eigentlich wollte ich mir eins zur Bodhisattva-Ordination (Jukai) schenken lassen, da ich nicht Nähen konnte/wollte („Wichtigeres zur tun!“). Trotz meiner absoluten Nichtbegabung für dieses Handwerk wusste ich intuitiv: „Das muss ich tun, da muss ich durch!“ und das Rakusu wurde infolge zweier Nachtschichten rechtzeitig fertig. Trotz meiner Wurstfinger und „unglaublicher“:-) Leiden kaufte ich mir anschliessend Stoff für ein o-kesa und begann das  vermeintlich „Unmögliche“ . Es wurde tatsächlich 1997 zu meiner Mönchsordination fertig. Und obwohl ich wirklich anderes zu Tun hatte, kaufte ich wieder Stoff und nähte weiter und weiter… und jeden Morgen über mehr als 20 Jahre rezitierte ich das Kesa-Sutra im Dojo Basel….

Ausserdem trage ich fast immer eine Rakusu bei mir,…………Warum?…………..