Archiv 29. Juli 2020

Unversöhnlichkeit macht krank

 
Passend zum Naikan las ich in meinen Ferien in dem “Das Buch der Freude”, hier tauschen  sich die Friedensnoblepreisträger Desmond Tutu und Dalai Lama über “Freude” aus, das Kapitel “Vergebung – Sich von der Vergangenheit befreien”. (Das Buch kann ich insgesamt nur empfehlen, es macht Spass es zu  lesen und man darf auch noch von der Weisheit zwei grosser Männer profitieren, die gar nicht “gross” sein wollen.)

Man könnte  sagen “Naikan ist sich von der Vergangenheit befreien.” und dies geschieht durch den Akt der Vergebung. Die Vergebung ist der dritte Pfeiler des Naikan und die Befreiungstat, die uns letztendlich würdiger und freudiger weiterleben lässt.
Durch die Vergebung und möglicherweise auch Versöhnung können wir die Altlasten in den Beziehungen zu unseren wichtigsten Bezugspersonen fachgerecht entsorgen. Dies geschieht meist unwillkürlich innerhalb der Naikanwoche, in dem wir uns den drei Fragen offen und ehrlich stellen. Neben der Klarheit und der Akzeptanz  dessen was wirklich war (1. Pfeiler des Naikan), spielt natürlich auch der zweite Pfeiler Naikans, die Dankbarkeit, hierbei  eine wichtige Rolle. 

“ Im Gefängnis sitzen nicht unbedingt die schlimmsten Menschen ”

Durch Naikan können wir erkennen, dass die Tat und der Täter getrennt angeschaut werden sollten. In unserer westlichen Gesellschaft wird die böse Tat (Prügeln, Missbrauch) beispielsweise des Vaters oft gleichgesetzt mit die Person/ der Täter ist ein böser Mensch, ein schlechter Vater. Dem ist aber nicht so, kein Mensch ist durch und durch schlecht. Auf unserer Reise durch unsere persönlichen Vergangenheit mithilfe der drei Fragen erfahren wir, dass der Vater immer wieder etwas für uns getan hatte, dass er nicht immer prügelte, sondern beispielsweise nur im Suff. In dem Masse wie wir zwischen Tat und Täter einen Raum öffnen, können Hass und Wut und Scham entweichen. Natürlich nur, wenn wir dies wollen. Vergeben heisst nicht vergessen – die schreckliche Tat – er hatte uns regelmässig verprügelt – war geschehen, auch wenn sie lange her ist – dies ist eine Tatsache.

Im Buch der Freude sagt der Dalai Lama: “Wir müssen einen wichtigen Unterschied zwischen Tat und Täter machen. Bei der falschen Tat kann es notwendig sein, möglichst wirksame Gegenmassnahmen zu treffen, um sie zu beenden. Was den Täter betrifft, kann man sich jedoch dafür entscheiden, weder Wut noch Hass zu entwickeln. Darin besteht die Macht der Vergebung, die Menschlichkeit des Täters nicht aus den Augen verlieren, während man Unrecht mit Klarheit und Festigkeit entgegen tritt.”

Es heisst auch nicht, dass die Person nicht nach dem Strafgesetzbuch für ihre Taten verurteilt werden sollte. Sondern, kann ich der Person, die mir das Schlimme angetan hat vergeben? Kann ich erfahren, das dieser Mensch deswegen kein “Monster” ist. Kann ich erkennen, dass dieser Mensch vielleicht selber Opfer von Missbrauch, Gewalt war, dass er eine psychische Störung hatte oder einfach nur alkoholabhängig und dies ihn immer zu diesen Taten trieb. Kann ich erkennen, dass die Person nicht ‘sie selbst war’, als sie diese Taten tat?  Kann ich auf diesen Menschen zu gehen und ihm verzeihen und mich aussöhnen? Wenn ja, dann macht Vergebung unendlich stark. Ein neues Leben beginnt. Das unerträgliche Gefühl ohnmächtig und Opfer gewesen zu sein verschwindet.

“Vergebung ist die einzige Möglichkeit uns zu heilen und uns von der Vergangenheit zu befreien” Erzbischof Desmond Tutu

Bewundern wir nicht alle die Menschen, die ihren Peinigern, den Mördern  vergeben?  

Übrigens zeigten wissenschaftliche Studien das Unversöhnlichkeit krank macht und Vergebende tendenziell gesünder sind

 


Hishiryo Alter!

Das Shodoka von Yoka Daishis beginnt frei übersetzt:
Man Alter, checkst du es nicht!?… Unglaublich! Okay, hör zu: Willst du glücklich sein, dann hör endlich auf rumzuhirnen und tu nicht so als seist du was Besonderes! Checkst du nicht das Gesetz des Universums! Hishiryo Alter! Denken ohne zu denken, jenseits vom Denken! Checkst!

Unser gewöhnliches Art des Denken, ist Sich Sorgen, grüblen, Probleme mit Nachdenken lösen. Das ist nichts schlimmes, so ist der Mensch! Wir möchten uns vom Grundsatz her, Sorgen und grübeln! Wir wollen uns unsere Zukunft vorstellen, den Urlaub planen oder über unseren Job, Chef aufregen. Alles ok, normal, aber die Wirklchkeit haben wir verloren! Das Jetzt, den Augenblick! Es gibt nicht so viele, die wirklich aufhören wollen, Sorgen, Grübeln, das kann auch nett sein, denn ich bin immer schön Opfer. Opfer bekommen Mitleid und ein bisschen Selbstmitleid tut manchmal auch gut. Täter dagegen sind unter Umständen Schuld, und wollen wir gerne schuld sein…aber das ist ein anderes Thema über das ich auch schon hier geschrieben habe. Wenn wir also an dem Punkt, wo das leiden nicht mehr lustvoll ist, sondern wirklich tiefes Leiden, das uns in den Abgrund zu werfen droht, dann sollten wir wissen, es gibt eine Alternative.

Wie gesagt, es ist auch nicht schlecht vorauszuplanen, wir müssen das ja, aber unheilsam wird es, wenn wir uns aufregen und wir nicht mehr mit dem -uns aufregen- aufhören können. Wenn wir dies zulange zu lassen, werden wir oft sogar physisch krank oder gar depressiv.

Durch Zazen können wir immer wieder ins “Jetzt” kommen, in die Wirklichkeit, durch Naikan können wir die Dinge ehrlicher sehen.
Aber das ist schwierig, ich kenne niemanden dem es immer gelingt, aber ein paar, die es oft schaffen.

Wie ich an dieser Stelle schon oft gesagt habe, im Zen geht es um “intensives” Leben, Full Power live! Buddhismus ist einfach Handeln, gegründet auf die Wirklichkeit des Seins und nicht auf ein egozentrisch gefärbtes Gedankensystem, genannt “Denken” – seien wir ehrlich, eigentlich dürfte man dies gar nicht Denken nennen.

Die in unserer Tradition übliche morgendliche Zazenpraxis, hilft uns auszusteigen und in die Wirklichkeit zu tauchen. Tun wir das nicht haben wir keine Chance zu verstehen, das unsere Praxis darin besteht, wie ich auf den wütenden Chef, das provozierende Kind reagiere oder wie ich die Himbeere pflücke.

Je nach dem in was für einer Lebenssituation stecken, reicht aber diese tägliche Praxis von Zazen nicht aus, um die Identifikation mit unserem “Denken” zu unterbrechen. Gleich nach dem Zazen auf der Arbeit oder in der Familie fängt “es” uns wieder ein.

So zieht sich der Wegübende seit Alters her ein paar mal im Jahr in Sesshins zurück, meist für 3-10 Tage, um sein ich, mit Kodo Sawaki ausgedrückt, in der Steinmühle zermahlen zu lassen. Als einer, der sich tagtäglich mit “Hüten des Feuers” beschäftigt und der im Winter, einige Öfen gleichzeitig zu versorgen hat, gefällt mir das Bild des Kaminofens mehr anstatt der Steinmühle.

Es empfiehlt sich im Winter den Ofen nie ausgehen zu lassen, wenn man zur Arbeit geht, denn aus verschiedenen Gründen kann es sehr lange dauern ihn wieder in ein stark wärmespendendes Monstrum zu verwandeln. Man reduziert dazu die Luftzufuhr, legt feuchtes Holz auf oder einen sehr dicken Scheit, oder Eiche, die eher glüht. Die Luftzufuhr muss sehr genau eingestellt werden, dass es nur in der richtigen Art und Weise glimmt. Das tägliche Zazen ist für mich das kurze Anfeuern, bevor ich nachlege, um es dann wieder einen Tag glimmen zu lassen.
Doch wenn ich diesen Prozess zulange wiederhole, dann entsteht mit der Zeit immer mehr Asche und es wird immer schwieriger, die Glut aufrecht zu erhalten. Deshalb ist es wichtig ab und zu den Ofen ordentlich durchzupusten und eine zeitlang richtig intensiv laufen zu lassen, mit dem richtigen Holz , z.B. mit Espe verschwinden sogar die Schlacken im Ofenrohr.

Ein Sesshin ist ein Feuer, in dem unser Ego ordentlich verbrennt. “Es muss brennen!”, sagen die alten Meister. Das Dojo, ein Sesshin, ist also kein Ort/Anlass an dem wir uns entspannen, ausruhen und dösen, sondern in dem unsere Illusionen verbrannt werden. Und das ist durchaus schmerzhaft. Wir müssen das Feuer dazu schüren, Sauerstoff zu führen, Asche/Schlacken (Muster) loswerden. Keiner der “Alten” hat jemals behauptet es sei nicht unangenehm, sein Ego in die Schranken zu weisen und Kontrolle über sein Denken herzustellen.

Den Ofen ordentlich schüren – das ist das Geheimnis Buddhas Lehre – Zazen:
Streckt eure Rückenmuskel! Zieht den Hintern nach oben! Drückt den Himmel mit eurem Kopf hoch! Eingeweide zurück, Brust raus!
Das ist normal! Lasst die Schultern fallen!
Wenn du so mit geschorenem Kopf und dem Okesa sitzt, kann keine neue Illusion eintreten! (Kodo Sawaki)

Die Haltung eines Buddhas einnehmen, das Kesa, das alle Dharmas umfasst, tragen, nur das hat schon eine grosse Wirkung, jeder der schon mal ein Sesshin gemacht hat, weiss das und ist trotz aller Irritationen, Schmerzen, in alle Ewigkeit tief berührt.

Nun können wir aber nicht die ganze Zeit im Sesshin sitzen, so bald wir damit aufhören, werden sich Risse in unserer Praxis auftuen und eine Flut menschlicher Leidenschaften können wieder auf uns einprasseln. Es sei denn, wir praktizieren das Zen in jeder unserer Handlungen, und das ist sehr schwierig, deshalb brauchen wir immer wieder die Morgenpraxis und ein Sesshin, um den Buddha in uns am Glimmen zu halten oder am Leuchten. Denn das ist auch buddhist. Prinzip, wir alle und alles ist Buddha, wir sind nur verblendet und diese Verblendung können durchbrechen.